Am Sonntag ist Berlin wieder die Lauf-Hauptstadt der Welt. Die deutsche Metropole wird zur Bühne für die Stars der Marathonszene, daneben durchleben mehr als 56.000 Starter ihren ganz eigenen Kampf über die 42,195 Kilometer. Die wichtigsten Fragen rund um den Berlin-Marathon 2026.
Wieso fehlt der Weltrekordler?
Eigentlich sollte der Berlin-Marathon 2026 die große Bühne für Starläufer Sabastian Sawe sein. Wie schon im vergangenen Jahr - nur diesmal mit Giganten-Rekord. Der Kenianer, der als erster Mensch in einem Marathon-Wettkampf unter zwei Stunden gelaufen ist, sollte auch in Berlin eine neue Bestzeit anvisieren. Doch es kommt anders. Der 31-Jährige fällt mit einer Verletzung am Schienbein aus - und damit auch die Hatz nach einem weiteren Weltrekord.

Der Berliner Renndirektor Mark Milde war nach der Absage "sehr enttäuscht", wie er bei ntv Sport bekennt. "Er war in sehr guter Form und hätte vielleicht den Rekord noch ein wenig weiter drücken können." Sawe wird trotzdem in Berlin aufschlagen und das Event verfolgen. Im kommenden Jahr soll es dann den nächsten Sawe-Angriff geben.
Wer ist jetzt Favorit auf den Sieg bei den Männern?
Der Spannung im Kampf um den Titel im Männerrennen tut die Absage womöglich sogar gut. RTL-Kommentator René Hiepen ordnet den Ausfall so ein: "Es wird also kein Rennen: Sawe gegen die Uhr um den Weltrekord, sondern: Wer wird der neue Champion in Berlin?"
Hier gibt es nun eine ganze Gruppe von Läufern, die um den Sieg rangeln werden. Renndirektor Milde sieht mehrere Favoriten. Zum einen der Äthiopier Selemon Barega, 10.000-Meter-Olympiaseger von Tokio, oder dessen Landsmann Guye Adola, der in diesem Jahr schon den Marathon in Rotterdam (in 2:03:54 Stunden) gewonnen hat. Auch Gabriel Geay aus Tansania, der schon mal 2:03:00 gerannt ist, rechnet sich Siegchancen aus. Gemechu Dida (Äthiopien) räumte 2025 schon in Berlin beim Rennen über die Halbmarathon-Distanz ab. Ihn hat Milde ebenfalls auf der Rechnung.
Auch ohne Sawe ist womöglich sogar der Berliner Streckenrekord drin, glaubt der Renndirektor. Dieser stammt immer noch von der Lauf-Legende Eliud Kipchoge, der 2022 auf den Straßen Berlins in 2:01:09 Stunden zum damaligen Weltrekord lief. "2:01:09 sind weiterhin sehr stark, aber es gibt da Fortschritte im Marathon, so dass ich denke, dass wir da nah rankommen werden", prophezeit Milde. Dafür müssen allerdings die Bedingungen passen. Was das heißt? "Trocken. Nicht zu warm. Kein Wind", erläutert Experte Hiepen.
Assefa spielt die Hauptrolle bei den Frauen - fällt der Weltrekord?
Die Weltrekord-Jagd verlagert sich ohne Sawe zu den Frauen. Tigist Assefa formulierte selbst dieses ambitionierte Ziel. Die Strecke in Berlin liegt ihr. 2022 und 2023 gewann sie das Frauen-Rennen. Und vor drei Jahren stellte sie in der deutschen Hauptstadt sogar den Weltrekord auf in 2:11:53 Stunden - eine Fabelzeit. Die Äthiopierin blieb damit mehr als zwei Minuten unter der vorigen Bestmarke.
Ein Jahr später schnappte ihr aber Ruth Chepngetich den Weltrekord wieder weg, lief in Chicago erstmals unter 2:10:00. Wenig später wurde der Kenianerin wegen Dopingvergehens gesperrt. Der Rekord aber steht weiterhin.

Wieder Berlin-Magie? Assefa will Weltrekord zurück
Assefas offizielles Ziel ist es, sich die Bestmarke über die 42,195 Kilometer in Berlin zurückzuholen. Damit ihr das gelingt, muss einiges zusammenkommen. Pacemaker, Wetter, Tagesform. Renndirektor Milde geht stark davon aus, dass sie mindestens ihre persönliche Bestzeit attackieren kann. "Da bin ich mir ziemlich sicher. Tigist hat sich in den letzten drei Jahren auf jeden Fall weiterentwickelt. Allerdings ist der aktuelle Weltrekord sehr stark. Da muss dann alles zusammenpassen. Aber ich bin durchaus hoffnungsvoll. "
Wenn alles normal läuft, kann ihr auch keine der Gegnerinnen den Berlin-Sieg streitig machen. Titelverteidigerin Rosemary Wanjiru peilt eine Zeit von 2:15 Stunden an. "Eine starke Zeit, aber dann doch eine Kategorie langsamer als Assefa", so Milde.
Auch laut Hiepen ist der "derzeit besten weibliche Marathonläuferin" ein neuer Weltrekord unter 2:10 Stunden "absolut zuzutrauen". Der 29-Jährigen winkt ein langer Solo-Ritt. "Ich glaube , dass sie von Beginn ein einsames Rennen mit ihren Pacemakern laufen wird, gegen die Uhr. Nach Tempotabelle. Sie wird es versuchen. Es wird brutal hart."
Pfeiffer mit mutiger Ansage: Wackelt der deutsche Rekord?
Auch bei den deutschen Frauen gibt es eine klare Rekord-Ansage. Esther Pfeiffer, die ihren ersten Marathon als Profisportlerin läuft, hat sich zum klaren Ziel gesetzt, den deutschen Rekord zu brechen. Dieser liegt bei 2:19:19, aufgestellt von Irina Mikitenko im Jahr 2008.

Die Pfeiffers jagen deutschen Marathon-Rekord
"Ich habe mir ein hohes Ziel gesetzt, es ist mein erster Profimarathon", sagt Pfeiffer am RTL-Mikro. Gerade deswegen bleibe etwas Ungewissheit. "Ich weiß ich nicht genau, wie es bei Kilometer 30 aussehen wird. Ich habe das ganze Jahr und in letzter Zeit so hart gearbeitet. Meine Unterdistanzen habe ich so verbessert, dass sie besser sind als die der aktuellen deutschen Rekordhalterin."
Für ihren Rekordversuch hat Pfeiffer ganz besondere Unterstützung. Ihr Mann, Marathonprofi Hendrik Pfeiffer (viertschnellste deutsche Zeit), wird sie in Berlin pacen, also das Tempo vorgeben. Zusammen sind sie das wohl schnellste Läuferpaar Deutschlands. "Das gibt mir eine ganz schöne Sicherheit. Cool, dass wir es gemeinsam machen können", sagt Esther Pfeiffer zur Begleitung des Ehemannes. Für den Rekord muss sie unter 3:18 Minuten pro Kilometer laufen.
Kurios: Große Teile der Vorbereitung fanden auf dem Laufband statt - im "Geisterhaus" (weil in einer großen, leerstehenden Wohnung) in Köln. "Wir haben beide im Training alles gegeben, was geht und so gut trainiert wie noch nie", sagt Hendrik Pfeiffer und blickt optimistisch auf den Wettkampf.
Der 29-Jährigen ist alles zuzutrauen, meint Kommentator Hiepen. Der Grund: "Sie ist mutig und verdammt schnell. Ich hoffe, sie erwischt einen guten Tag. Denn den wird sie brauchen für einen deutschen Rekord. Ich bin definitiv Team Pfeiffer und wünsche es ihr.
Auch der Marathon-Leiter ist beeindruckt. "Esther hat sich dem Thema erster ernsthafter Marathon sehr professionell angegangen. Was ich von ihr persönlich gehört habe und auf den sozialen Medien verfolgen konnte, zeigt, dass sie in toller Verfassung ist", sagt Milde. Allerdings bleibe ein Marathon ein Marathon. "Da zählt schon auch die Erfahrung. Aber bei manchen hilft auch ein forsches Auftreten. Es wird eng werden, aber ich kann mir vorstellen, dass sie es tatsächlich schafft."
Welche deutschen Männer sind am Start?
Die schnellsten deutschen Marathonläufer sind diesmal nicht am Start. Erst vor wenigen Wochen fand die Leichtathletik-EM in Birmingham statt, wo Europameister Amanal Petros triumphierte.
"Ich denke Haftom Welday aus Hamburg und auch Aaron Bienenfeld sind in starker Form. Sebastian Hendel, der auch schon vor zwei Jahren stärkster Deutscher war, wird sicherlich vorne mitgehen", ordnet Hiepen das deutsche Feld ein.

Wie sich Sabastian Sawe zum Marathon-Weltrekord läuft
Eine gute Zeit um die 2:06 Stunden oder knapp darunter hält er für realistisch. Möglicherweise hängen sich die schnellsten deutschen Männer an eine japanische Gruppe von Eliteläufern, die sich angekündigt hat.
Wo ist der Lauf zu sehen?
RTL und RTL+ zeigen den Berlin-Marathon am Sonntag ab 8 Uhr live im TV und im Stream. Es moderiert Laura Papendick zusammen mit Expertin Sabrina Mockenhaupt, Kommentator des Rennens ist René Hiepen.
Warum ist Berlin so eine besondere und schnelle Strecke?
Der Berlin-Marathon ist einer der sieben Major Marathons auf der Welt, neben London, Tokio, Chicago, Boston, Sydney sowie New York und damit einer der prestigeträchtigsten Lauf-Wettbewerbe überhaupt. Insgesamt 13 Weltrekorde wurden in Berlin schon aufgestellt. Das hat Gründe.
Der Kurs ist extrem flach und damit bestens geeignet, persönliche Bestmarken oder gar Weltrekorde zu knacken. Auf keiner anderen Strecke fiel so oft die Weltrekord-Marke. Berlin hat den berechtigten Ruf der "schnellsten Strecke der Welt".
Darüber hinaus herrscht im Herzen Berlins immer extrem gute Stimmung, an quasi keinem Punkt des Rennens ist man als Läufer ohne Unterstützung. In der Vergangenheit spielte das Wetter (im Gegensatz zu 2025) oft mit, auch die Kurven sind "geschmeidig und geschwungen", wie es Renndirektor Milde nennt.
Gibt es Neuerungen für 2026?
Der Berlin-Marathon reagiert auf die klimatischen Veränderungen. Die Startzeit wurde in diesem Jahr erstmals um 30 Minuten vorgezogen, berichtet Renndirektor Milde. Im vergangenen Jahr stiegen die Temperaturen im Laufe des Rennens auf schwüle 25 Grad. Eine Hitzeschlacht, die keinen Läufer freut.
"Die Strecke wurde zudem leicht verändert und einiges an Änderungen im Hintergrund haben stattgefunden, die den Berlin-Marathon am Ende noch runder erscheinen lassen werden - zum Beispiel der Zugang ins Startgebiet", verspricht Milde.

