Die National Football League ist ein sehr schnelllebiges Geschäft, in der sich der Status Quo für jeden einzelnen Spieler fast schon stündlich grundlegend verschieben kann. Brandon Coleman ist dafür ein Paradebeispiel.
Coleman nämlich ging mit einer großen Herausforderung in die Vorbereitung auf die neue Saison: Er stand im Konkurrenzkampf um die Position des Left Guard bei den Washington Commanders. Doch seit dem vergangenen Wochenende hat sich die Situation für ihn scheinbar grundlegend verändert. Superstar-Left-Tackle Laremy Tunsil hat sich im Training den Trizeps gerissen und muss operiert werden. Wann er zurückkehrt? Völlig offen, ein komplettes Saison-Aus steht sogar im Raum.
Laut Nicki Jhabvala von The Athletic ist der Plan der Commanders nun, Coleman wieder Left Tackle spielen zu lassen, was er schon als Rookie getan hat. Für Coleman an sich kein Problem, wie er bereits Wochen vor diesem Vorfall gegenüber RTL/ntv Sport erklärt hat: "Wo auch immer die mich brauchen, kann ich spielen." Er hatte nur eine Bitte: "Hoffentlich kann ich mich auf eine Position festlegen, wo ich dann auch bleiben kann."
Coleman: Schneller Absturz nach nur einem Jahr
Der im US-Bundesstaat Virginia geborene und in Berlin-Zehlendorf aufgewachsene Sohn einer deutschen Mutter und eines US-Soldaten kam 2024 als Drittrundenpick von der TCU in die NFL zu den Washington Commanders und war als Offensive Tackle eingeplant. Genau genommen spielte er Left Tackle, also die wichtigste Position in der Offensive Line im Football. Die "Blind Side" eines jeden (rechtshändigen) Quarterbacks also.
Und auch wenn seine Rookie-Saison, in der er 19 der 20 möglichen Spiele (inklusive Playoffs) bestritten hat (15 Starts), individuell betrachtet durchwachsen lief, erreichte er mit einem neu formierten Team und dem Offensive Rookie of the Year, Quarterback Jayden Daniels, sogar das NFC Championship Game, also das Halbfinale der National Football Conference. Die Commanders waren nur ein Spiel vom Super Bowl entfernt.
Doch weil das Team Raum für Verbesserungen auch bei Coleman sah, fädelten sie im Frühjahr 2025 einen spektakulären Trade für Superstar-Tackle Laremy Tunsil ein, der Coleman naturgemäß verdrängte. Coleman jedoch fiel nicht komplett durch den Rost, sondern schulte um zum Guard, was er schon auf dem College immer wieder gespielt hatte. Er verletzte sich jedoch am Knie und verpasste ein paar Wochen, was dazu führte, dass sein Kontrahent Chris Paul ihm in seiner Abwesenheit den Rang ablief.
Die neuen Trikots und Helme der NFL-Saison 2026
"Es hat nur ein paar Wochen gedauert, bis ich wieder fit war, um zu spielen. Aber, es ist dann mit der NFL so, wer einen guten Job macht, behält den auch", kommentierte Coleman die damalige Situation in dieser Offseason gegenüber RTL/ntv Sport. "Außer man hat jetzt so Riesenverträge. Da ist der Job normalerweise immer sicher. Aber er ist halt selten, dass es so einen Spieler gibt", fügte er an.
Tunsil hat einen dieser Riesenverträge
Einen solchen Riesenvertrag hat indes Tunsil, der seinen Vertrag in der Hauptstadt erst im Frühjahr um zwei Jahre und satte 60,2 Millionen Dollar verlängert hat. Er ist damit sogar der erste Tackle der NFL-Geschichte, der im Schnitt mehr als 30 Millionen Dollar im Jahr verdient. Entsprechend wird er seinen Job zurückbekommen, wann auch immer er zurückkehrt. Doch bis dahin hat Coleman nun die Chance, sich zu beweisen.
Vom Timing her hätte dies für Coleman indes gar nicht besser laufen können. Er geht in sein drittes Jahr in der NFL und anschließend dürfte er gemäß der Regularien erstmals einen neuen Kontrakt unterschreiben - Rookie-Verträge gehen grundlegend vier Jahre. Will er also schnell langfristige Sicherheit erwirken, hat er nun die Gelegenheit, Eigenwerbung zu betreiben.
Zudem ist er selbstkritisch genug, um zu wissen, worauf es jetzt vor allem ankommt: "Einfach gesund bleiben und den Job behalten. Denn in den letzten zwei Jahren waren eben Verletzungen immer da. Das ist normal so, aber es geht darum, meinen Körper so zu verstärken, dass diese Verletzungen mich nicht so aus dem Spiel bringen, sodass ich dann auch einfach da durch spielen kann, egal was passiert, und mir die diese Consistency aufbaue."
Für die Commanders wird Coleman nun zu einer Schlüsselrolle für die neue Saison, denn ohne Tunsil droht das ganze Konstrukt ins Wanken zu geraten. Die Commanders wollen nach durchwachsener zweiter Saison unter Head Coach Dan Quinn wieder angreifen und tun dies unter anderem mit einer neuen offensiven Philosophie, die unter dem neuen Offensive Coordinator David Blough auch mehr Wert als zuletzt auf das Laufspiel legt. Glaubt man den Scouting-Bewertungen von Pro Football Focus, dann lagen gerade bei Coleman in den ersten zwei Jahren die Stärken vor allem im Run Blocking, gerade was die Vorsaison betrifft.
Man hat einiges vor mit Coleman
Generell jedoch halten die Coaches viel von Coleman. Als Center Nick Allegretti jüngst einige Einheiten im Training verletzungsbedingt verpasste, entschied man, Julian Good-Jones als Ersatzmann einzusetzen und nicht etwa Coleman, der das auch spielen könnte. Er sollte sich ganz auf Left Guard konzentrieren. Dass nun die schnelle Versetzung zurück auf Tackle kam, anstatt etwa den letztjährigen Rookie Josh Conerly von der rechten Seite rüber zu ziehen - oder eben Veteran Andrew Wylie -, spricht nun eine noch deutlichere Sprache: man hat einiges vor mit Coleman.
Nun muss er das in ihn gesetzte Vertrauen nur noch bestätigen. Spätestens dann stünde er vor einer großen Zukunft im Haifischbecken NFL.


