Footballsimulation im Test

"Madden 27" macht vieles richtig, frustet aber auch gehörig

imageVon Marcus Blumberg
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Caleb Williams ist auf dem Cover von "Madden NFL 27".
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19.08.2026 | 17:09 Uhr
Mit "Madden NFL 27" versucht EA Sports eine möglichst realistische Footballsimulation auf den Markt zu bringen. In diesem Jahr legen die Entwickler besonders viel wert auf das authentische Feeling eines Spieltags. Ein anderer Modus jedoch liefert sehr viel Frustpotenzial.

Wie in jedem Jahr versucht EA Sports auch zu dieser Football-Saison wieder mit seinen Titeln "College Football 27" und "Madden NFL 27" den Markt für Sportsimulationen zu dominieren. Das Videospiel soll dabei so nah am echten Spiel sein wie möglich. "If it's in the Game, it's in the Game", lautet seit Jahrzehnten das Motto. Und auch in diesem Jahr macht man wieder Schritte in die richtige Richtung. Ein paar zurück sind jedoch auch dabei.

Der Fokus dieser Review liegt ganz klar auf "Madden", doch haben wir "College Football" zumindest angespielt, auch um einen gewissen Vergleich in Sachen Präsentation, Gameplay und Gesamtgefühl zu haben. Was sofort auffällt, ist, dass man sich in diesem Jahr bei beiden Titeln sehr viel Mühe gegeben hat, die Spieltagserfahrung mitzunehmen. Nahezu jedes College-Team hat ein gewisses Ritual, mit dem es ein Spiel beginnt. Und das gilt auch für die NFL: Ein Spiel der Minnesota Vikings etwa beginnt immer damit, dass jemand das WIkinger-Horn auf der Tribüne bläst. Bei den New England Patriots läutet jemand die Glocke auf dem Leuchtturm und dergleichen. All das hat seinen Weg ins Spiel gefunden.

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Auch setzen beide Titel auf mehrere Kommentatoren-Duos, die der Wichtigkeit des jeweiligen Spiels entsprechen. Im College-Bereich sticht der Abgang vom Top-College-Experten Kirk Herbstreit heraus, der durch Joel Klatt ersetzt wird. Hauptkommentator für die großen Spiele bleibt aber ESPNs Chris Fowler. Bei Madden wiederum hat man sich für die Sunday-Night-Spiele wie im echten Leben Mike Tirico von ESPN gesichert, der von Experte Greg Olsen unterstützt wird.

Primetime mit besonderem Etwas

Generell legt man in diesem Jahr wert auf spezielle Präsentationen für die Primetime-Spiele. Die Scorebugs, auf denen der Spielstand angezeigt wird, sind denen der Sender Prime Video (Donnerstag), NBC (Sonntag) und ESPN (Montag) zumindest mal nachempfunden. Die übrigen Spiele am Sonntagnachmittag bekommen eine Standard-Madden-Grafik. Und man legt Wert darauf, dass die Spiele zu "authentischen" Zeiten anfangen. Das heißt so viel wie: Wenn ein Spiel zur Mittagszeit beginnt, dann steht die Sonne anders als etwa am Nachmittag. Und die Entwickler haben dynamisches Wetter integriert - es kann trocken beginnen und plötzlich anfangen zu regnen oder schneien, je kälter es im Laufe einer Saison eben wird.

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Primetime-Spiele haben ihre eigenen Scorebugs in Madden 27.

Das Wetter wiederum wirkt sich dann auch aufs Spiel aus - Wind beeinflusst Pässe und Kicks, Regen und Schnee machen den Boden rutschiger. Das mag sich wie eine Kleinigkeit anhören, ist jedoch im Footballsport immer wieder ein Faktor, gerade im Winter. Gespielt werden kann indes in nahezu allen authentischen Stadien der NFL - in den USA und außerhalb. Die Allianz Arena, die in diesem Jahr deutlich realistischer aussieht als im Vorjahr, ist genauso vertreten wie das Berliner Olympiastadion. Wembley, Tottenham, sogar die Stadien in Melbourne und Dublin sind dabei. Einzig Stade de France und Maracana, die beide in diesem Jahr ihre NFL-Premieren feiern, sind nicht im Spiel - nicht ausgeschlossen, dass sie später per Update nachgereicht werden.

Kurzum: Das Spiel an sich sieht sehr gut aus. Auf einer Next-Gen-Konsole - für diesen Test ist es die Playstation 5 - ist das aber auch zu erwarten. Doch die genannten Details ergeben zumindest schon mal Pluspunkte.

Doch wie spielt sich das Spiel jetzt eigentlich? Man kann es zwar auch im Arcade-Modus spielen, doch wer authentischen Football will, der wählt natürlich "Simulation". Und hier wird die Geschichte dann etwas kleinteiliger. Der Football-Nerd wird lobend anerkennen, dass sich die Entwickler in diesem Jahr besonders viel Mühe gegeben haben, die Spielzüge noch realistischer zu gestalten. Es gibt gerade im College-Spiel sehr viele Plays mit Shifts - mehrere Spieler bewegen sich vor dem Snap und positionieren sich neu - und jeder Menge Pre-Snap-Motion, die auch bei Madden sehr häufig zum Einsatz kommt.

"Madden 27" löst ein lange bestehendes Manko

Zudem ist es fast schon unabdingbar, dass man vor jedem Offensiv-Snap an der Line stehend Anpassungen vornimmt, was vor allem die Protection betrifft. Der Gegner blitzt gerne mal und wenn man darauf nicht eingestellt ist, endet ein Spielzug mitunter sehr schnell. Wenn man diese Hürde mal überwunden hat, dann wird man feststellen, dass das Passspiel nicht mehr einfach nur aus dem Drücken einer der Receiver-Tasten besteht. Der Quarterback sollte idealerweise einen stabilen Stand haben und muss zwingend in die Richtung der Receiver schauen. Und auch ein Receiver muss bereit sein für den Pass. Das klingt selbstverständlich, war es lange Zeit bei "Madden" aber nicht. Bemerkenswert ist auch, dass manche Coaches verschiedene Play Sheets für Spielzüge unterschiedlicher Spielphilosophien (beispielsweise West Coast oder Air Raid) zur Verfügung haben, die je nach Situation im Spiel besser geeignet sind.

Auffällig jedoch war beim Testen, dass Receiver viel zu oft Pässe fallen lassen. Sei es, weil sie leicht berührt wurden oder einfach ohne einen Gegner in Sicht. Wer so oft Pässe fallen lässt, spielt nicht lange in der NFL. Da wird man mit Updates dran arbeiten müssen. Ebenso fiel auf, dass manch ein Spieler kaum zu stoppen ist. Derrick Henry von den Baltimore Ravens kann gerne mal Gegner überrennen und ist kaum zu halten, wenn er mal in Gang kommt. Das ist zwar größtenteils auch in der echten NFL so, aber "Madden" hat es mit ihm ein wenig übertrieben.

Apropos nicht zu stoppen: "Madden" hat nun auch den Tush Push, also den berüchtigte Quarterback-Sneak der Philadelphia Eagles, im Spiel neu aufgesetzt. Dieser erfolgt nun per Meter - ähnlich wie bei Kicks. Man muss das richtige Timing finden, um im grünen Bereich den Spielzug zu starten und zum Erfolg zu kommen. Automatisch ist das Play aber nicht. Und: Manch ein Team nutzt dafür wie in echt seinen Tight End statt den QB.

Was die einzelnen Modi angeht, setzt "Madden" hier auf Bewährtes. Es gibt das aus allen EA-Sports-Titeln bekannte Ultimate Team, Franchise, Superstar und Online Head-2-Head.

UT spielt sich wie immer mit regelmäßigen Content-Updates, Sonderprogrammen und Legenden-Karten. Man muss allerdings schon ein Fan des Modus sein, um ihn wirklich zu genießen. Superstar wiederum ist wohl der beste Weg, wenn man gerne in den Tisch beißt, den Controller fliegen sieht oder generell Frustration mag.

Superstar nimmt es mit Realität nicht so eng

Der Modus gibt dem Spieler die Chance, eine NFL-Karriere von Beginn an durchzuspielen. Nicht ganz von Beginn an, da man anders als in der Vergangenheit nicht mehr den High-School- und College-Part absolviert, sondern im Grunde erst mit dem NFL Draft startet. Man kann dafür die wichtigsten Combine-Übungen wie 40-Yard Dash, Bankdrücken und Weitsprung selber spielen, doch das ist im Grunde nur ein einziges Button-Smashing, wie man es aus Mario Party und dergleichen kennt. Nicht zu empfehlen!

Zuvor schon stand man vor der Wahl, ob man ein Day-1, -2- oder -3-Pick sein will, also in welcher Runde man gedraftet wird. Wie sich herausstellt, hält sich die CPU daran aber nur bedingt. Beim Versuch, einen Day-1-Pick zu spielen, landete ich mit meinem Quarterback in Runde 2 bei den Pittsburgh Steelers. Und die entließen mich dann gleich nach der Preseason wieder. Sie entließen einen Zweitrundenpick nach der Preseason! Wer macht sowas? Die gute Nachricht: Es ging dann direkt weiter bei den Indianapolis Colts, doch auch bei denen war die Experience nur bedingt realitätsnah und glaubwürdig.

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Steelers-Coach Mike McCarthy macht auch vor Zweitrundenpicks keinen Halt.

Dadurch, dass man im Menü immer schon vor seinem Einsatz und vor dem Training sieht, ob und wann man in ein Spiel eingreift, fällt der Überraschungseffekt während des Spiels von der zu Bank kommen überschaubar aus. Und dann ist man gerade zum Start der Karriere auch im Spiel so eingeschränkt, dass man nur zwischen drei Spielzügen wählen und dann an der Line nicht die besagten Anpassungen vornehmen kann. Sacks ohne Ende sind die Folge! Ebenso ist das Problem mit den fallengelassenen Pässen hier nochmal um ein vielfaches schlimmer als im normalen Gameplay. Hier kommen dann die besagten fliegenden Controller ins Spiel.

Diesbezüglich hilft auch nicht, dass bei den Mitspielern, die man in diesem Modus nicht selbst steuert, das I in KI eher zweitrangig zu sein scheint. Intelligent sind die nämlich auf keinen Fall. Running Backs laufen gezielt in die Meute, anstatt die Lücke zu suchen, Receiver laufen gerne mal falsche Routes, wenn sie mal nicht den Ball fallen lassen. Und spät im Spiel kommt auch niemand auf die Idee, mit Ball ins Aus zu gehen, um die Zeit bei einer Aufholjagd zu stoppen. Es ist, als würde Mike McCarthy hier jedes Team trainieren, und nicht nur die Steelers. Wer noch einen Bonuspunkt sucht: Es gibt im Superstar-Modus einen Kreis von "Influencern" für den Spieler. Anfangs besteht dieser nur aus der Agentin, später kommen mehr Leute dazu. Aber: Der eigene Offensive Coordinator meines Quarterbacks sah es erst dann als notwendig an, sich bei mir vorzustellen, als ich tatsächlich mal starten durfte. Wahnsinn!

Franchise-Modus wird zum Traum für Football-Nerds

Die Perle von "Madden 27" ist jedoch der Franchise-Modus, der in diesem Jahr sicherlich einen Schritt nach vorn gemacht hat. Das größte Problem von Sportspielen ist eigentlich immer die Langzeitmotivation. Warum soll ich weiterspielen, wenn ich eine Saison hinter mir hab? In diesem Jahr tat EA sehr viel dafür, Franchise näher an die echte NFL heranzubringen. Spieler hangeln sich anhand von einzelnen Tasks durch die jeweilige Woche vom Training Camp bis zum Super Bowl und die anschließende Offseason.

Dabei legte man nun besonderen Wert auf den Management-Part des Spiels. Man kann - oder muss - nun tatsächlich mit Spielern verhandeln. Es geht hin und her im Chat und Entwickler EA hat wirklich alles in Verträge eingebaut, was heutzutage möglich ist: Signing Bonus, garantiertes Gehalt, Void-Jahre, selbst eine No-Trade-Klausel ist möglich. Und man kann die Verträge von Spielern in der Offseason restrukturieren, um mehr Cap Space zu erlangen. Es gibt 5th-Year Options für frühere Erstrundenpicks und der Draft, die Free Agency sowie die Undrafted-Free-Agency-Periode nach dem Draft sind allesamt "Live Events", in denen auch Zeitdruck ein Faktor ist.

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Free Agency ist in Madden 27 ein zentraler Teil der Offseason im Franchise-Modus.

Es gelingt den Entwicklern hiermit, diesen Teil der Offseason lebhafter und interessanter zu gestalten. Die Spiele an sich stehen zwar im Vordergrund, aber das Drumherum sollte man nun auch nicht mehr einfach überspringen, wenn man sein Team langfristig konkurrenzfähig halten will. Vielleicht ist genau das der Part, der zu einer besseren Langzeitmotivation gefehlt hat.

Einziges Manko in diesem Modus: Das Scouten von Draft-Talenten bleibt schnödes Geklicke, Man sieht die Spieler nicht, nicht mal beim Combine oder Pro Day, deren Resultate aber jeweils verfügbar sind. Doch wer authentische Vertragsverhandlungen und -strukturen mag, wird sich hier abgeholt fühlen.

EA Sports tritt jedes Jahr an, um nunmehr zwei realistische Footballspiele auf die Konsolen zu bringen. Zwei, die sich stilistisch und vom Gameplay her klar unterscheiden, wie sich eben College Football und die NFL klar unterscheiden. Doch beide Titel liefern in diesem Jahr ein Erlebnis, das so nah wie nie zuvor an das echte Spiel heranrückt. Bis auf die angesprochenen Mankos, die sich womöglich mit späteren Updates beheben lassen, wirken die Spiele authentisch. Und durch die Präsentation wird ein besonderes Erlebnis geschaffen, was vor allem in den Primetime-Spielen für eine Atmosphäre sorgt, die einfach Lust darauf macht, das Spiel zu spielen.

Betonen muss man allerdings, dass diese Spiele vielleicht nicht wirklich für Gelegenheitsspieler gemacht sind. Mindestens ein grundlegendes und eher fortgeschrittenes Verständnis von Football sind eigentlich unabdingbar, wenn man Madden 27 (oder College Football 27) wirklich genießen will. Aber das ist auch der Anspruch von EA Sports.

Verwendete Quelle: ntv.de