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Wer hat Recht bei Disco Elysium?Kommunistische Videospiel-Revolution überrollt "geplündertes" Entwicklerstudio

08.07.2026, 17:01 Uhr WhatsApp-Image-2025-01-14-at-07-23-43Von Tobias Hauser
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Harry Du Bois und Kim Kitsuragi, die beiden Hauptfiguren von "Disco Elysium".

Das aufregendste Rollenspiel der 2010er-Jahre kommt von einem kleinen Künstlerkollektiv aus Estland. Mit dem Erfolg beginnt auch das Drama: Die kreativen Köpfe werden rausgeworfen, unzählige Gerichtsstreits beginnen und ausgerechnet das kommunistisch eingefärbte "Disco Elysium" fällt den Mechanismen des Kapitalismus zum Opfer.

Die Geschichte von "Disco Elysium" ist eigentlich eine echte Märchengeschichte. Eines dieser Märchen mit düsteren Anfängen und einem Ende, das einem das Herz erwärmen könnte - wäre da nicht der Epilog, der alles wieder auf den Kopf stellt. Sie beginnt bei dem estnischen Künstler Robert Kurvitz, der mit 15 Jahren die Welt "Elysium" erschuf, in der das Rollenspiel viele Jahre später spielen würde.

Ursprünglich entwarf er sie für ein Pen-&-Paper Rollenspiel seiner Freundesgruppe, die er mal als "fünf bis zehn Schulabbrecher, irgendwie Anarchisten" beschrieb. Das war etwa zur Jahrtausendwende. Jahre später schrieb er ein Buch, das in der Welt spielte, die er über viele Jahre hinweg in seinem Kopf ausgearbeitet hatte. Es erhielt positive Kritiken, verkaufte sich aber schlecht, was Kurvitz eigenen Aussagen zufolge in einen "tiefen Alkoholismus" trieb.

Rund zwei Jahre später fand er sich mit einer Gruppe Künstler zusammen, um einen neuen Versuch zu starten, ein Publikum für "Elysium" zu finden: ein Videospiel. In einem besetzten Haus in der estischen Hauptstadt Tallinn machte sich die Gruppe ans Werk. Das Dach war undicht, der Strom fiel manchmal aus und die finanziellen und persönlichen Opfer des Teams, das erzählten sie rückblickend häufig, waren enorm. Doch als das Spiel dann 2019 erschien, eroberte es die Herzen der Kritiker und Spieler im Sturm. Erwachsen, zutiefst politisch, unfassbar witzig und wunderschön war "Disco Elysium". Und vor allem ein Herzensprodukt und kein Gerüst, das möglichst viele Marktlogiken auf einmal beherzigen wollte. Mit über einer Million Worte Text ist es ein kompromisslos komplexes literarisches Werk.

Das könnte das Ende der Geschichte sein, und der Start einer neuen. Mit dem enormen Erfolg, der das Spiel zu "Estlands bedeutendstem kulturellen Export seit Jahren" ("New York Times") macht, hatte "Disco Elysium 2" deutlich erfolgversprechendere Aussichten als der erste Teil. Doch dann fiel das Gerüst um Kurvitz sehr schnell auseinander. Wie genau alles zugrunde ging, ist von außen schwer zu beurteilen. Mehrere Gerichtsverfahren laufen und widersprüchliche Vorwürfe stehen im Raum.

Klar ist: Im Rahmen der Finanzierung für ihr Debütspiel waren Kurvitz und sein Team gezwungen, auch untypischere Geschäftspartner ins Boot zu holen. Man habe "einen Finanzkriminellen" eingestellt und immer mehr Anteile des Entwicklerstudios mit dem Namen ZA/UM verkauft, sagte Dora Klindzic, die nach der Veröffentlichung von "Disco Elysium“ zwei Jahre lang im Studio arbeitete, der "New York Times". "Als das Spiel dann tatsächlich auf den Markt kam, häuften sich all die schlechten Entscheidungen".

Kurvitz und sein Weggefährte und Art Director Aleksander Rostov mussten das Studio 2021 verlassen. Sie behaupteten in einer Erklärung, zwei Investoren hätten illegal die Kontrolle über ZA/UM übernommen und sie anschließend entlassen, weil sie Fragen gestellt hätten. "Das Unternehmen, das wir aufgebaut haben, wurde geplündert", schrieben sie. "Geld, das dem Studio und allen Anteilseignern gehörte", sei stattdessen "zum Vorteil eines Einzelnen verwendet" worden. Laut eigener Aussage hatten sie Unterlagen über die Finanzen des Studios angefordert, und seien deswegen entlassen worden.

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Der Vorwurf: Der Mehrheitsaktionär von ZA/UM habe seine Anteile an eine Briefkastenfirma der beiden Investoren verkauft. Das Geld, das diese Firma für den Erwerb der Mehrheitsbeteiligung verwendete, soll jedoch auf betrügerische Weise beschafft worden sein. Die Briefkastenfirma kaufte demnach vier Skizzen für ein Pfund und verkaufte sie anschließend für 4,8 Millionen Euro wieder zurück an ZA/UM - genau die Summe, für die das Studio dann den Besitzer wechselte.

Stießen die kreativen Köpfe hinter "Disco Elysium" also auf eine Verschwörung im eigenen Studio? Die Investoren erklärten damals, Kurvitz und Co seien unter anderem wegen "mangelnder Arbeitsleistung", toxischem Management und dem Versuch, das geistige Eigentum des Studios illegal zu verkaufen, entlassen worden. Die komplexe Geschichte der Trennung von ZA/UM und Kurvitz' Team ist zu verschachtelt und widersprüchlich für nur einen Artikel. Der Youtube-Kanal "People Make Games" arbeitet die Saga in einer rund viereinhalbstündigen Dokumentation auf.

So oder so: Der ganzen Sache wohnt eine Ironie inne, die schwer zu leugnen ist. Die kreativen Köpfe eines Spiels, das Themen wie Klasse, Arbeiterbewegung, Kommunismus und die zerstörerische Macht des Kapitals in den Mittelpunkt stellt, verlieren im echten Leben mutmaßlich genau deswegen die Kontrolle über das eigene künstlerische Produkt. Es ist ein passendes Ende für das zynisch-dystopische Spiel. Eigentlich das einzig Passende. Doch ist es wirklich das Ende?

Die Antwort ist wie so oft "Jein". Auch wenn "Disco Elysium 2" wegen des beginnenden Rechtsstreits erstmal auf Eis gelegt wurde, führte der Erfolg des ersten Teils zu einer ganzen Welle an geistigen Nachfolgern, die sich zum größten Teil teils noch in frühen Entwicklungsstadien befinden. Es sind Spiele, die viele der Eigenschaften nachahmen wollen, die "Disco Elysium" so besonders gemacht haben: Eine psychedelisch angehauchte Übernatürlichkeit, die immer gerade so mit den Fingerspitzen ertastbar ist. Ein Spieldesign, das ohne Kämpfe auskommt und in dem Dialoge die zentrale Mechanik sind. Die Möglichkeit, Erfolg auch durch Scheitern zu erreichen. Wahnwitzige und skurrile Dialogoptionen, politische oder zumindest philosophische Ansätze und eine Prise Humor.

Sehr viele der Studios, die sich an sogenannten "Disco-Likes" probieren, wurden gegründet von Splitterparteien der ausgebooteten ZA/UM-Angestellten. Robert Kurvitz, Erfinder der Welt "Elysium", gründete mit zwei der zentralen Köpfe hinter "Disco Elysium" das Studio Red Info. Noch befindet sich Kurvitz eigenen Angaben nach dabei, eine Welt zu entwickeln, in der sein neues Spiel leben soll. Doch auch andere ehemalige Angestellte von ZA/UM haben Studios gegründet und arbeiten an "Disco-Likes".

Doch was macht ZA/UM, das originale Entwicklerstudio hinter "Disco Elysium"? Tatsächlich erschien Ende Mai mit "Zero Parades: For Dead Spies" das erste Spiel seit Kurvitz' Kündigung. Die Einflüsse sind nicht von der Hand zu weisen. "Zero Parades" versucht einen ähnlichen Ton zu treffen wie schon "Disco Elysium", behandelt ebenfalls politische Themen und spielt in einer Welt, die stimmungsmäßig definitiv "Elysium" nachempfunden ist. Doch "Zero Parades" ist mitnichten ein schlechtes Spiel. Der Tenor der Kritiker ist: Das neue Spiel von ZA/UM kommt nicht unbedingt an "Disco Elysium" und ist doch ein großartiges Spiel, das einiges besser macht als der spirituelle Vorgänger.

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"Zero Parades: For Dead Spies" erinnert vom Stil an "Disco Elysium" - und sammelte jede Menge positive Kritiken. (Foto: ZA/UM)

Doch nicht jeder ist "Zero Parades" so wohlgesonnen. Ein intelligentes und politisch klar positioniertes Spiel wie "Disco Elysium" zieht Fans an, die diesen Werten entsprechen. Während das Spiel sich flächendeckend über Anhänger aller politischen Strömungen witzig macht und Neoliberalisten und Faschisten genauso ihr Fett wegbekommen wie Kommunisten und Zentristen, ist doch klar: Viele der zentralen Köpfe hinter "Disco Elysium" sind Sozialisten. Und das spiegelt sich auch in ihrer Erzählung wider.

Kurvitz' Version der Geschehnisse, der Vorwurf des "geplünderten Entwicklerstudios", leuchtet seinen Anhängern ein - und führt zu Protesten. Deswegen sieht sich "Zero Parades" einem wütenden Backlash aus der sozialistisch-kommunistisch geprägten Fangemeinde ausgesetzt. Viele boykottieren das Spiel trotz der positiven Reviews, andere holen es sich auf illegalem Wege, um den finanziellen Profit für die Verantwortlichen hinter der mutmaßlich illegalen Übernahme des Studios zu minimieren. Groben Schätzungen zufolge verkaufte sich "Zero Parades" auf der größten PC-Plattform Steam bisher rund 60.000 bis 80.000 Mal. "Disco Elysium" steht Schätzungen zufolge inzwischen plattform- und konsolenübergreifend bei über 5 Millionen Verkäufen.

Quelle: ntv.de

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