Es war nur ein Spiel, das man per se in der NFL nicht überbewerten sollte. Doch beeindruckend war der Sieg der Seattle Seahawks im Auftaktspiel der neuen Saison allemal. Sie besiegten die New England Patriots wie schon im Februar im Super Bowl, auch wenn es dieses Mal nicht ganz so deutlich wurde. Doch das hatte Gründe.
Einer der größten Stars von damals, Safety Nick Emmanwori, spielte verletzungsbedingt nicht. Kein Problem für den Titelverteidiger, der Devon Witherspoon in den Slot stellte, der dann wie üblich starke Coverage und auch den gelegentlichen, gut getimten Blitz lieferte. Eine Lücke riss diese Versetzung aber keineswegs. Denn sowohl Nehemiah Pritchett, der nur einen einzigen NFL-Start vor zwei Jahren vorzuweisen hatte, als auch Josh Jobe sprangen außen in die Bresche. Und beide fingen Interceptions gegen Drake Maye, der im Vorjahr noch hochgehandelter MVP-Kandidat war.
Die Defense als Ganzes stand erneut wie eine eins, weshalb es bezeichnend war, dass das einzige echte Big Play New Englands der Deep Ball auf A.J. Brown im zweiten Viertel war, wobei der Pass zu kurz geworfen wurde, sodass Jobe in den zuvor stoppenden Receiver für eine Pass Interference hineinrannte. Und das Ganze passierte sogar nur auf einen Flea Flicker, also einen Trickspielzug. Auf herkömmliche Weise nämlich sah New England offensiv so gut wie kein Land.
Patriots laufen gegen die Wand
Die Patriots liefen regelmäßig in frühen Downs in eine Wand und waren damit komplett wirkungslos und brachten es auf ineffektive -0,16 EPA/Play sowie -0,23 in frühen Downs. Ihre Success Rate lag bei 29 Prozent beziehungsweise sogar nur 26,9 in 1st und 2nd Downs. Allesamt sind dies unterirdische Werte, besonders wenn man 31 Mal im Spiel läuft.
Und durch die Luft ließen die Seahawks ebenfalls kaum etwas zu, fingen sogar drei Interceptions in den letzten drei Angriffsserien - allesamt im vierten Viertel. Das mag auch an überwiegend dummen Entscheidungen von Maye gelegen haben, doch brachte man ihn davor mit starker Coverage und Druck immer wieder an den Rande der Verzweiflung. Er selbst bekundete im Anschluss, dass er gegen Ende zu oft die Geduld verloren habe.
Doch all das war wenig überraschend. Die Seahawks gewannen schließlich vor allem dank ihrer erdrückenden und absolut dominanten Defense erst vor wenigen Monaten ihren zweiten Super Bowl. Das Besondere an diesem Auftakterfolg der neuen Saison war vielmehr, was sie offensiv gemacht haben.
Sie verloren bereits im ersten Drive Quarterback Sam Darnold, der einer der Gründe dafür war, dass Seattle im Vorjahr den Turnaround geschafft hat. Er musste mit einer Hüftverletzung raus und kam nicht zurück. Laut Head Coach Mike Macdonald hat man aber den Worst Case verhindert. "Zum jetzigen Zeitpunkt können wir eine Fraktur ausschließen. Es stehen aber noch mehr Tests an", sagte Macdonald.
Lock springt in die Bresche
Gegen die Patriots jedoch fiel er aus und wurde durch Drew Lock ersetzt, der im Vorjahr ganze drei Pässe in der gesamten Saison geworfen hat. In diesem Spiel brauchte er einen Moment, um den Rost abzuschütteln. Er hatte Glück, dass er vor der Pause keine Interception zu Christian Gonzalez warf. Doch gegen Ende des dritten Viertels blühte er auf. Er traf schnelle Entscheidungen, warf auch gegen Blitze schnelle, präzise Pässe und erweckte die Hausherren mit seinem Deep Ball auf Cooper Kupp aus ihrem Winterschlaf, wenn man so will.
Besagter Drive führte zwar nur zu einem Field Goal aufgrund einer Strafe, doch danach hatte er seinen Rhythmus gefunden. Mit einem kurzen Pass über die Mitte auf Jaxon Smith-Njigba, der daraus einen 45-Yard-Touchdown machte, gelang der Ausgleich. Und mit einem weiteren starken Drive mit guten Entscheidungen und präzisen Pässen führte Lock sein Team dann auch noch zum Field Goal, das am Ende reichte.
Die Seahawks waren bei weitem nicht in Bestbesetzung oder Bestform. Und dennoch behielten sie die Ruhe, machten allesamt ihre Jobs und warteten geduldig auf ihre Chancen, die dann die Top-Receiver JSN und Kupp eiskalt nutzten. Sie zeigten ihre Kadertiefe, obwohl sie über den Sommer ein paar Leistungsträgern verloren und vor allem eine bemerkenswerte Nervenstärke.
Es ist noch sehr früh in der Saison. Es war kein hoher Sieg, doch es war ein Ausrufezeichen. Ein Signal an die Konkurrenz, dass mit den Seahawks in jedem Fall wieder zu rechnen ist. Während der als Topfavorit gehandelte NFC-West-Rivale derzeit in Australien weilt, hat der amtierende Champion schon mal sein Revier markiert. Der Amerikaner sagt an dieser Stelle gerne: "Never underestimate the Heart of a Champion." Bei diesen Seahawks aber muss man auch den Kopf im Auge behalten.


