Olympia

Mihambo fliegt spät zu Gold Der Sieg über die eigenen Zentimeter-Zweifel

Malaika Mihambo ist Europameisterin, Weltmeisterin und nun auch Olympiasiegerin. So logisch wie dieses Triple klingt, ist es längst nicht. Denn die 27-Jährige durchlebt eine quälende Saison mit gescheitertem Trainerwechsel und neuem Anlauf. In Tokio beweist sie es sich auch selbst.

Um zu erahnen, wie eng Freude und Leid an diesem Dienstag im Olympiastadion von Tokio beieinander lagen, reichte ein Blick auf den Absprungbalken beim Weitsprung. Der Bereich, den die Springerinnen mit dem Schuh berühren durften, ehe der Versuch für ungültig erklärt wird, misst 20 Zentimeter. Eben jene 20 Zentimeter Abstand lagen im Finale der Frauen zwischen der Olympiasiegerin und der Achtplatzierten Jazmin Sawyers aus Großbritannien. So knapp war eine olympische Entscheidung in dieser Disziplin noch nie. Es war aber kein Zufall, dass Malaika Mihambo ganz am Ende des Wettkampfes der weiteste Versuch in die Sprunggrube von Tokio gelang. Mit einem Sieben-Meter-Satz im sechsten Versuch kürte sich die 27-Jährige zur Olympiasiegerin.

"Ich habe bis zum Schluss daran geglaubt", sagte die Frau, die bereits amtierende Europa- sowie Weltmeisterin ist, einige Zeit nach ihrem goldenen Sekundenflug. Mihambo hat sich in den vergangenen Jahren die psychische Stärke angeeignet, noch einmal zurückschlagen zu können, wenn der Konkurrenz erst die körperliche und damit einhergehend auch die mentale Kraft abhandenkommt. Nach den zurückliegenden Monaten war allerdings nicht absehbar, ob sie diese spezielle Qualität bei den Olympischen Spielen würde zeigen können. Mihambo war aus dem Tritt geraten.

Medaille vor dem letzten Sprung schon sicher

In den Momenten, die sie zu einem der größten deutschen Sportstars aufsteigen lassen, zählte das alles nichts mehr. Mihambo stand zum letzten Mal am Anlauf zum Weitsprung und es gab ihr, wie sie nachher einräumte, ein Gefühl der Ruhe, dass ihr eine Bronzemedaille sicher war. Seit ihrem zweiten Sprung hatte sie auf Medaillenkurs gelegen, 6,95 Meter hätten den dritten Platz bedeutet. Die Konkurrentinnen hinter ihr hatten den Wettbewerb bereits beendet, von hinten drohte keine Gefahr mehr.

Unabhängig von ihrem letzten Versuch würde sie Tokio nicht als Geschlagene verlassen, wenngleich nicht als strahlende Siegerin. Nach einem Jahr der Verunsicherung waren für die Springerin, die die deutsche Öffentlichkeit und sich selbst ans Gewinnen gewöhnt hatte, Olympische Spiele ohne Edelmetall denkbar geworden. "Es war etwas holprig", hatte Mihambo vor dem Abflug nach Tokio eingeräumt. In ihrer besten Saison, die sie mit dem WM-Titel gekrönt hatte, war sie 2019 dauerhaft über die Sieben-Meter-Marke geflogen, die bei den Frauen eine magische Grenze darstellt. Bis auf 7,30 Meter war sie gekommen, der Konkurrenz damit meilenweit enteilt.

Endlich wieder diese sieben Meter

Im Jahr 2021 war ihr das nicht mehr gelungen. Nach dem WM-Gold verließ ihr langjähriger Trainer Ralf Weber "aus persönlichen Gründen" das erfolgreiche Gespann, eine angedachte Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Superstar Carl Lewis kam Corona-bedingt bislang nicht zustande. Mihambo wirkte verunsichert, der Anlauf funktionierte nicht mehr. Wenn das Vertrauen in die Schrittlängen vor dem Absprung nicht mehr vorhanden ist, kommen Weitspringer wie Tennis-Spieler ins Straucheln, denen der erste Aufschlag nicht mehr gelingen will. "Ich hatte Selbstzweifel", gab sie im Bauch des Olympiastadions zu, als die Goldmedaille um ihren Hals baumelte.

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Die im Weitsprung magischen sieben Meter erreichte sie in der laufenden Saison nicht unter regulären Bedingungen - 7,02 Meter in Stockholm gab es mithilfe zu starken Windes -, das Feld der Konkurrentinnen schob sich zusammen. Im olympischen Finale verdichtete sich alles, Mihambos 6,95 Meter vor dem letzten Sprung waren zwei Zentimeter schlechter als die Weiten von Brittney Reese (USA) und Ese Brume (Nigeria), aber auch nur vier Zentimeter besser als die Leistung der Vierten Ivana Spanovic (Kroatien). Eine Fingernagelbreite trennte Mihambo vom Olympiasieg, nur knapp mehr von der Medaillenlosigkeit.

Daran änderte sich nach ihrem Sprung nichts, aber jetzt führte sie den Kampf um drei Zentimeter an. In den finalen Wochen vor dem olympischen Wettkampf hatte Mihambo die Zweifel überwunden und gleichzeitig einen Weg gefunden, um mit der Erwartungshaltung umzugehen. "Ich bin eine gute Sportlerin und ich mag mich als Mensch. Ich muss nicht Gold gewinnen, um glücklich zu sein", sagte die 27-Jährige. "Das zu realisieren, hat mir die Lockerheit heute hier in diesem Finale gegeben." Im finalen Durchgang wirkte Mihambo befreit. Der Anlauf funktionierte wieder nicht perfekt, letztlich sprang die Deutsche 19 Zentimeter zu früh ab, aber es war so viel Energie in ihrem Körper, dass sie 7,19 Meter weit flog und damit exakt 7,00 Meter gemessen wurden. "Ich glaube, das war eines der spannendsten Weitsprungfinals überhaupt", sagte Mihambo später - und lächelte.

Quelle: ntv.de

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