Wirtschaft

Keine Jobgarantie Alstom erwartet lange Bombardier-Sanierung

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Rund 9000 Mitarbeiter wird der neu entstandene Zugbauer in Deutschland beschäftigen.

(Foto: imago images/photothek)

Mit der Fusion zwischen dem französischen Konzern Alstom und der in Berlin sitzenden Bahnsparte Bombardiers ist der zweitgrößte Zugbauer der Welt entstanden. Einschnitte bei den vielen Angestellten in Deutschland sind nicht geplant, die Sanierung Bombardiers wird aber einige Jahre dauern.

Der französische Bahntechnik-Hersteller Alstom hat die Zugsparte von Bombardier übernommen und will nun dem chinesischen Weltmarktführer CRRC die Stirn bieten. Für Alstom und die Branche sei der milliardenschwere Zusammenschluss ein "einzigartiger Augenblick", teilte Konzernchef Henri Poupart-Lafarge in Saint-Ouen bei Paris mit.

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Die neue Alstom-Gruppe hat einen Umsatz von rund 15,7 Milliarden Euro, ein Auftragsbuch im Wert von 71,1 Milliarden Euro und beschäftigt in 70 Ländern rund 75.000 Menschen. Nach Branchenangaben ist der neue Konzern mit starken Standbeinen in Europa und Nordamerika die weltweite Nummer zwei. Für die seit Längerem vorbereitete Übernahme wurden 5,5 Milliarden Euro fällig.

Deutschland ist laut Poupart-Lafarge ein wichtiger Markt: "Mit 9000 Mitarbeitern in Deutschland und Entwicklungszentren mit Spitzentechnik können wir allen Mobilitätsanbietern zugeschnittene Lösungen anbieten, die in Deutschland vereinbart und von dort aus geliefert werden", sagte er. "Das ist wichtig." Geplant sei eine eigenständige Regionalorganisation, zu der auch die Schweiz und Österreich gehören sollen.

IG Metall fordert Klarheit über Arbeitsplätze

Auf die Frage zu einem Umbau in Deutschland und der Zukunft der Werke sagte Poupart-Lafarge, es würden alle Kräfte der beiden nun vereinten Unternehmen gebraucht, um die Aufträge abzuarbeiten. "Die Sanierung wird vier, fünf Jahre benötigen", so Poupart-Lafarge gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Grund dafür seien die laufenden Aufträge von Bombardier, sie blieben Verlustbringer. "Das wirklich drängende Problem ist, dass sie ihre Züge immer verspätet ausliefern", sagte Poupart-Lafarge im Interview. Qualitätsmängel bei Bombardier haben in den vergangenen Jahren unter anderem zu Lieferverzögerungen bei ICE-Zügen für die Deutsche Bahn geführt.

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Poupart-Lafarge weigerte sich, eine Jobgarantie für die etwa 6500 Angestellten von Bombardier in Deutschland auszusprechen. "Das wäre ein Privileg gegenüber den italienischen oder britischen Mitarbeitern", sagte er. "Ich kann aber zusichern: Es sind keine Einschnitte geplant."

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke zeigte sich zuversichtlich für die Zukunft des Werkes. "Das ist für Hennigsdorf und für die gesamte Hauptstadtregion als wichtigen Standort des Schienenfahrzeugbaus von großer Bedeutung", sagte der SPD-Politiker. Die Landesregierung habe den Fusionsprozess begleitet und den Eindruck gewonnen, dass die Verhandlungspartner um einen fairen Interessenausgleich bemüht gewesen seien, sagte Wirtschaftsminister Jörg Steinbach. Auch die Belange der Arbeitnehmer seien stets im Blick behalten worden.

Die Gewerkschaft IG Metall forderte baldige Klarheit zu Arbeitsplätzen und Standorten. "Die Belegschaften haben unter schwierigsten Pandemiebedingungen die Produktion aufrechterhalten und ihren Teil für einen reibungslosen Ablauf des Zusammenschlusses beigetragen", teilte die IG-Metall-Bezirksleiterin Berlin-Brandenburg, Birgit Dietze, mit.

Standort Hennigsdorf muss noch verkauft werden

Die Sanierung des verlustreichen Deutschland-Geschäfts von Bombardier vertraut der Alstom-Chef dem früheren Siemens-Manager Müslüm Yakisan an. Er leitet ab sofort die Alstom-Aktivitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Da Alstom nun etwa gleich viele Mitarbeiter in Frankreich und in Deutschland zähle, hielten sich beide Länder die Waage, so Poupart-Lafarge. Mit deutsch-französischen Machtkämpfen innerhalb des Konzerns rechnet er nicht. "Es wird nicht zugehen wie bei Airbus", sagte er. "Es wird bei uns keine Konfrontation geben."

Nach einem coronabedingten Rückgang der Aufträge erwartet Poupart-Lafarge, dass das Geschäft dieses Jahr wieder anzieht. "Für 2021 erwarte ich einen Nachholeffekt", sagte er. "Am Ende wird die Krise auf uns keine riesigen Auswirkungen haben." Poupart-Lafarge betonte auch, "die Klimakrise wird bleiben. Und sie zwingt uns zu einer Mobilität, die sauberer ist." Deshalb sei er von den guten Aussichten für die Branche überzeugt.

Die EU-Wettbewerbshüter hatten im vergangenen Juli grünes Licht für den Deal gegeben. Bedingung dafür war, dass der neue Verbund Produktionsanlagen abgibt, unter anderem am Standort Hennigsdorf bei Berlin. Nach früheren Angaben wird mit dem tschechischen Unternehmen Skoda Transportation verhandelt. Alstom werde die Verkäufe wie mit Brüssel vereinbart abschließen, versicherten die Franzosen. Betroffen ist auch ein Alstom-Werk im Elsass.

In der Zugsparte des kanadischen Bombardier-Konzerns hatte es in den vergangenen Jahren mehrfach Umstrukturierungen gegeben. Bombardier ist besonders im Osten Deutschlands stark vertreten. 2200 Stammbeschäftigte und Leiharbeiter arbeiten in Hennigsdorf bei Berlin und 1000 in Bautzen. 800 Mitarbeiter gibt es in Görlitz - so wie auch an den westdeutschen Standorten Mannheim und Siegen. In Kassel sind es 600. Kleinere Standorte sind Braunschweig und Berlin.

Vor rund zwei Jahren war eine zunächst geplante Fusion zwischen Alstom und der Zugsparte von Siemens am Widerstand der EU-Wettbewerbshüter gescheitert. Dieses Veto hatte zu erheblicher Verstimmung in Berlin und Paris geführt.

Quelle: ntv.de, lwe/dpa/DJ