Wirtschaft

Dreht Putin den Hahn wieder auf? Behörden-Chef Müller: "Ehrlich gesagt, es weiß keiner"

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Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, überwacht die Füllstände der Gasspeicher.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit dem Morgen fließt kein Gas mehr durch die Ostseepipeline Nord Stream 1. Ob sich das wieder ändert, bleibt ungewiss. Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, empfängt widersprüchliche Signale aus Russland. Eine Prognose wagt er deshalb nicht.

Dem Präsidenten der Bundesnetzagentur Klaus Müller zufolge gibt es unterschiedliche Signale aus Moskau zu künftigen Gas-Lieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1. Auf der einen Seite gebe es Aussagen von Kreml-Sprechern, man könne in Kombination mit der zugesagten Lieferung einer gewarteten Siemens-Turbine aus Kanada wieder wesentlich mehr Gas liefern, sagte Müller im ZDF. Auf der anderen Seite habe es auch sehr martialische Ansagen gegeben. "Ehrlich gesagt, es weiß keiner", sagte Müller.

Im schlimmsten Fall, wenn Russland die Gas-Lieferungen durch Nord Stream 1 auch nach der Wartung stoppe, gebe es mehrere Szenarien, in denen Deutschland in eine Gas-Notlage rutsche. Es komme auf mehrere Faktoren an - etwa die Beschaffung von Terminals für Flüssiggas und wie schnell man mit der Einsparung von Gas vorankomme, so Müller. Aus Sicht der Bundesnetzagentur gelte es auch, ein Nord-Süd-Gefälle in Deutschland bei der Gasversorgung zu verhindern. Daher würden die Speicher im Süden gezielt gefüllt.

Zur Debatte um eine längere Laufzeit der verbliebenen drei Atomkraftwerke sagte Müller, Deutschland habe ein Gas-Problem, ein Wärmeproblem. Gas werde als Grundstoff in der Industrie eingesetzt, "da helfen uns Atomkraftwerke gar nichts". Und auch bei der Erzeugung von Wärme hätten Atomkraftwerke nicht ihre Stärke.

Füllstand aktuell bei 63,2 Prozent

Sollte Nord Stream 1 dauerhaft dicht bleiben, würde es wohl nicht unmittelbar zum Gasmangel kommen, ergeben Modellrechnungen der Bundesnetzagentur. Deutschland könnte aber seine Gasspeicher vor der Heizperiode nicht so weit auffüllen wie geplant. Angestrebt werden bis November 90 Prozent, aktuell liegt der Füllstand laut Lagebericht der Bundesnetzagentur bei 63,2 Prozent. Gelingt es nicht, den angestrebten Speicherstand zu erreichen, könnte es unter Umständen zu einer Mangellage kommen.

Eine Diagnose mehrerer Wirtschaftsforschungsinstitute kommt dagegen zu dem Schluss, dass auch im ungünstigsten Fall dieses Jahr kein Gasengpass mehr drohe und nächstes Jahr auch nur in eher ungünstigen Szenarien. Ökonomen hingegen fürchten mittelfristig einen Konjunktureinbruch, sollte Nord Stream 1 auch nach dem 21. Juli kein Gas liefern.

Ökonomen fürchten Wirtschaftsflaute

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"Es wird befürchtet, dass die russische Seite das Gas als strategische Waffe benutzt", sagt Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank. "Die Augen der Welt werden am 21. Juli auf den Pipeline-Knotenpunkt in Lubmin gerichtet sein." Spätestens 2023 müsste das Gas dann rationiert werden. "Es käme damit erneut zu Lockdowns der Wirtschaft", sagt Gitzel. "Die deutsche und die europäische Wirtschaft würden in eine tiefe Rezession abrutschen."

Dies sei zwar ein Worst-Case-Szenario, zeige aber, "wie entscheidend der 21. Juli in diesem Sommer werden wird". Die Wartungsarbeiten an der Ostseepipeline sind laut Betreibergesellschaft Nord Stream AG bis zum 21. Juli angesetzt. In diesen zehn Tagen wird kein Gas durch die Leitung nach Deutschland befördert.

Quelle: ntv.de, jug/dpa/rts

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