Wirtschaft

"Von Clowns entwickelt" Boeing-Mitarbeiter spotten über 737-Max

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Boeing parkt einen Teil der 737-Maschinen auf einem Flughafen im US-Bundesstaat Washington.

(Foto: REUTERS)

Boeing sehnt sich danach, dass das Modell 737-Max wieder fliegen darf. Doch interne Dokumente des US-Flugzeugherstellers dürften das Unternehmen in neue Schwierigkeiten bringen.

Boeing hat zahlreiche interne Dokumente veröffentlicht, die kein gutes Licht auf die Entwicklung des Problemfliegers 737-Max werfen. Nachdem zwei Maschinen dieses Modells abgestürzt waren, wurde das Modell im März vergangenen Jahres aus dem Verkehr gezogen. Die Dokumente dürften die Beziehungen von Boeing zu den Aufsichtsbehörden weiter verschlechtern, während sich das Unternehmen bemüht, die Genehmigung für die erneute Inbetriebnahme des Unglücksmodells zu bekommen.

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Viele Dokumente stammen aus den Jahren 2017 und 2018. Manche gehen bis in das Jahr 2013 zurück, als das Flugzeug noch in der Entwicklung war.

Boeing-Angestellte unterhalten sich in der internen Korrespondenz unter anderem über ihre Bedenken zu dem Hoffnungsträger und Probleme in Flugsimulatoren, mit denen die neue Steuer-Software MCAS getestet wurde. "Dieses Flugzeug wurde von Clowns entwickelt, die von Affen beaufsichtigt werden", schreibt ein Pilot 2016 einem Kollegen. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg zitiert weitere bemerkenswerte Aussagen. "Das ist ein Witz, dieses Flugzeug ist lächerlich" lautet eine davon. Eine andere: "Der beste Teil ist, dass wir das Ganze mit [dem neuen Flugzeugmodell] 777X mit dem gleichen Zulieferer wiederholen - und einen noch anspruchsvolleren Zeitplan vereinbart haben."

Die Mitteilungen in den 150 Seiten an Dokumenten zeigen zugleich, mit welchen Mitteln Boeing-Mitarbeiter Airline-Manager und Regierungsbeamte davon überzeugten - und in einigen Fällen dies auch mit Täuschung versuchten -, dass für die 737-Max kein Flugsimulator-Training notwendig sei. Damit wollte Boeing das Flugzeug für Airlines attraktiver machen. "Ich habe diese Idioten gerade wie ein Jedi-Krieger ausgetrickst", schreibt ein Boeing-Angestellter mit Blick auf die US-Flugaufsicht FAA. "Ich sollte jedes Mal 1000 Dollar bekommen, wenn ich einen dieser Anrufe entgegennehme. Ich erspare dem Unternehmen Unsummen." Bei einem weiteren Mitarbeiter hieß es: "Gott hat mir noch immer nicht für das vergeben, was ich im vergangenen Jahr vertuscht habe." Ein Kollege drückte es so aus: "Ich wäre schockiert, wenn die FAA diesem Dreckshaufen die Zulassung erteilt."

Nur zwei Simulatoren verfügbar

Das Material wurde veröffentlicht kurz nachdem Boeing in einer Kehrtwende zusätzliches Simulatortraining für Piloten nach Freigabe der 737-Max durch die Aufsichtsbehörden empfohlen hatte. Bislang hatte der Flugzeugbauer argumentiert, ein Training am Computer sei ausreichend. Die Flugaufsichtsbehörden der Europäischen Union und Kanadas sehen das anders und fordern vor einer Wiederinbetriebnahme eine Ausbildung an Simulatoren, mit denen verschiedene Flugszenarien realitätsnah durchgespielt werden können. Allerdings gibt es nur sehr wenige Simulatoren für Boeing-Max-Maschinen. In Nordamerika sind es derzeit nur zwei: einer gehört Boeing, der andere der kanadischen Fluggesellschaft Air Canada.

Bereits im Oktober hatte die Veröffentlichung eines kleineren Teils ähnlicher Mitteilungen, an denen zum Teil dieselben Boeing-Mitarbeiter beteiligt waren, bei Abgeordneten wütende Reaktionen ausgelöst. Diese hätten auf große Lücken in Boeings Sicherheitskultur hingedeutet.

*Datenschutz

Die Mitteilungen seien im Interesse der Transparenz an die Untersuchungsbeauftragten des Kongresses geschickt worden, erklärte Boeing. Der Ton der Nachrichten bringt das Unternehmen mitten in der Krise um die 737-Max weiter in Bedrängnis. "Diese neu veröffentlichten E-Mails sind unglaublich vernichtend", sagte Peter DeFazio, der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im US-Repräsentantenhaus. "Sie zeichnen ein zutiefst beunruhigendes Bild davon, wie weit Boeing offenbar bereit war zu gehen, um sich der Kontrolle der Aufsichtsbehörden, der Flugbesatzungen und der Öffentlichkeit zu entziehen."

"Die Art der Kommunikation spiegelt nicht das Unternehmen wider, das wir sind und sein müssen, und sie ist völlig inakzeptabel", teilte Boeing mit. "Wir bedauern den Inhalt dieser Mitteilungen und entschuldigen uns dafür bei der FAA, dem Kongress, unseren Fluglinienkunden und den Flugpassagieren."

Neuer Chef kommt

Vor einem Jahr war in Indonesien eine 737-Max der Fluggesellschaft Lion Air abgestürzt, 189 Menschen kamen dabei ums Leben. Im März 2019 forderte der Absturz einer Maschine gleichen Typs der Ethiopian Airlines 157 Menschenleben. Seitdem muss das Flugzeug-Modell weltweit am Boden bleiben. Ermittler vermuten, dass die Unglücke mit einem Stabilisierungssystem zusammenhängen, das bei einem drohenden Strömungsabriss die Flugzeugnase nach unten drückt. Boeing arbeitet an Verbesserungen und hofft auf eine möglichst schnelle Wiederzulassung der Maschinen.

Wegen der Flugzeugabstürze und des Flugverbots steckt Boeing in einer tiefen Krise. Airlines mussten tausende Flüge streichen. Das Unternehmen legte im vergangenen Juli umgerechnet rund fünf Milliarden Euro für Entschädigungen zurück und stellte die Produktion der 737-Max vorübergehend ein. Konzernchef Dennis Muilenburg wurde kurz vor Weihnachten entlassen. Sein Nachfolger David Calhoun tritt den Posten kommende Woche an.

Quelle: ntv.de, jga/rts/AFP