Wirtschaft

"Es geht um die Existenz" Kann Deutschlands Industrie klimaneutral werden?

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Der Strukturwandel zur Klimaneutralität ist ein Kraftakt.

(Foto: IMAGO/Eibner Europa)

Der Ukraine-Krieg verdrängt auch den Klimaschutz. Dennoch passiert in der Wirtschaft mehr, als wir vermuten - und eine neue Generation von Startups widme sich der Rettung des Klimas, sagt Buchautor und "Capital"-Chefredakteur Horst von Buttlar.

ntv.de: In Ihrem neuen Buch bezeichnen Sie die Dekade bis 2030 als ein "grünes Jahrzehnt". Was meinen Sie damit?

Horst von Buttlar: Die Jahre bis 2030 sind im Kampf gegen den Klimawandel ein Schlüsseljahrzehnt. Wir müssen bestimmte Technologien bis dahin entwickeln, die erneuerbaren Energien massiv ausbauen - und gewisse CO2-Ziele erreichen. Es sind Jahre, in denen etwas passieren muss - danach wäre es zu spät. Die meisten Pläne von Staaten und Unternehmen gehen deshalb bis 2030.

Und sind wir auf einem guten Weg?

Klammern wir den Krieg in der Ukraine kurz aus: Davor waren wir weiter, als wir oft dachten. Die meisten denken ja: Beim Klimaschutz passiert eh nix. Doch in zahlreichen Unternehmen ist in den vergangenen Jahren viel in Bewegung geraten. Klimaschutz ist kein Randthema mehr, er wird Teil der Strategie und oft von ganz oben gesteuert. Das ist auch notwendig, oft geht es um die Existenz: Ein Unternehmen ohne Nachhaltigkeitsstrategie hat in meinen Augen gar keine Strategie. Dieser Umbau zur Klimaneutralität ist für die Wirtschaft wie ein neues Betriebssystem, eine neue grüne Revolution.

Haben Sie ein Beispiel?

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Nehmen wir die BASF. Das Thema Klimaschutz hat der CEO, Martin Brudermüller, seit einigen Jahren durchs Unternehmen getrieben. Er nennt es eine "Menschheitsaufgabe". Am Anfang, erzählte er mir, dachten viele: Spinnt der? Allein am Standort Ludwigshafen entsteht ja ein Prozent der deutschen Emissionen. Die BASF will bis 2050 klimaneutral werden, bis 2030 sollen die Emissionen um 25 Prozent sinken. Ein Kraftakt! Eine Milliarde Euro will der Chemiekonzern bis 2025 investieren, weitere zwei bis drei Milliarden bis 2030. Für die chemischen Prozesse braucht die BASF Unmengen an Energie - dafür errichtet es zusammen etwa mit RWE eigene Windparks.

Unternehmen organisieren sich also ihren eigenen grünen Strom?

Ja, solche branchenübergreifenden Allianzen sind ein weiteres Muster im "grünen Jahrzehnt". Viele Konzerne tun sich zusammen, weil sie es sonst allein nicht schaffen. Das Gute ist ja: Wir brauchen bis 2030 keine Wunderwaffen. Die meisten Technologien haben wir, Solarenergie, Windkraft, Dämmstoffe, Ladestationen, Energiespeicher. Wir müssen nur viel Geld in die Hand nehmen, um alles hochzufahren, um unsere Häuser, Heizungen, Kraftwerke und Fabriken im Rekordtempo umzurüsten.

Sie haben BASF als positives Beispiel erwähnt. Aber ist das nicht eher die Ausnahme als die Regel?

Nein, es gibt ähnlich ehrgeizige Initiativen bei anderen Chemieunternehmen oder in der Stahlbranche. Vor allem global agierende und börsennotierende Konzerne, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen ihre CO2-Strategien und -Ziele berichten. Die Investoren machen sonst Stress. Geld passt sich eben an … Auch hier gibt es noch große Lücken, aber die Datenlage wird besser. Man muss sich das wie eine Landkarte der neuen Welt vorstellen - die Jahr für Jahr detaillierter wird.

Wo liegen die großen Hebel für den klimaneutralen Umbau?

Nicht immer da, worüber wir diskutieren. Die meisten Emissionen entstehen bei der Erzeugung von Energie. Danach kommen die Emissionen der Industrie. Und da ist es vor allem die klassische Schwerindustrie: Stahl, Chemie und die Zementbranche. Allein die Stahlkonzerne stehen für rund acht Prozent der deutschen Emissionen - all die Hochöfen müssen umgerüstet und künftig mit Wasserstoff statt mit Kohle betrieben werden. Das kostet viele Milliarden und braucht viel erneuerbare Energien. Allein Thyssenkrupp bräuchte theoretisch über 3000 eigene Windräder. Die Technologie ist vorhanden, allerdings noch nicht im industriellen Maßstab erprobt.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einer "neuen Gründerzeit". Was meinen Sie damit?

Eine neue Generation von Unternehmern widmet ihr Schaffen dem Kampf gegen den Klimawandel. Und es ist irre, was da alles an Ideen und Startups entsteht! Sie bekommen von Investoren auch immer mehr Geld. Der weltweite Markt für grüne Technologien lag laut einer Studie von Roland Berger 2020 bei 4,6 Billionen Euro - und der Markt wächst. Climate-Tech-Startups konnten in den ersten neun Monaten 2021 weltweit 32 Milliarden Dollar einsammeln. Und die am schnellsten wachsende Region war Europa.

Aber wollen diese Startups wirklich die Welt retten? Sie wollen sicher einfach Geld verdienen.

Klar, sie müssen auch Geld verdienen. Aber viele der Gründerinnen und Gründer, mit denen ich für das Buch gesprochen habe, haben schon eine Mission. Sie forschen an neuartigen Energiespeichern, an Anlagen, um CO2 aus der Luft zu filtern, sie züchten Fleisch im Labor, experimentieren mit neuartigen Baustoffen - oder an innovativen Ladestationen. So wie Biontech mit dem Projekt "Lightspeed" einen Corona-Impfstoff fand, benötigen wir nun Tausende kleine Biontechs. Denn 2050 muss die Hälfte der CO2-Reduktion von Technologien kommen, die heute noch nicht marktreif sind, es aber bis 2030 sein müssen.

Welche Technologie meinen Sie zum Beispiel?

Nehmen wir das Verfahren, um CO2 aus der Luft zu waschen, "Direct Air Capture" genannt. Daran forschen viele Startups, einer der wichtigsten Player kommt aus der Schweiz und wurde von zwei Deutschen gegründet: Climeworks. Sie haben mit kleinen Anlagen in der Schweiz an Gewächshäusern begonnen - inzwischen stehen größere Anlagen auf Island, wo das CO2 direkt in das Vulkangestein gepresst wird. Der Gründer Jan Wurzbacher sagte mir: Wir müssen lernen, optimieren, verstehen, so schnell wie möglich - denn heute holen sie nur einige Tausend Tonnen aus der Luft, 2030 dann Millionen Tonnen - und nach 2050 müssen es Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr sein. Und bis dahin müssen die Kosten runter.

Kann dieses Land wirklich allein durch Innovationen klimaneutral werden? Müssen wir nicht vielmehr auch auf Gewohntes verzichten, um Ressourcen zu schonen?

Verzicht ist ein emotionales Thema - aber es wird nicht ohne Verzicht und andere Verhaltensweisen gehen. In den Szenarien der Internationalen Energieagentur steht zum Beispiel ein globales Tempolimit von 100 Kilometer pro Stunde! Oft wird gesagt, dass Deutschland allein die Welt nicht retten kann - das stimmt, das Pariser Abkommen haben ja 195 Länder unterzeichnet. Es werden bloß nicht alle Länder den gleichen Weg im gleichen Tempo gehen. Länder wie Indien bekommen mehr Zeit, weil sie Millionen Menschen ja erst mal aus der Armut holen müssen. Im besten Fall aber nutzen diese Länder dann Technologien, die hier marktreif sind - so wie Afrika das Festnetz übersprungen hat, direkt zum Mobilfunk.

Was war für Sie der Auslöser für Ihr Buch?

Im Sommer 2021 las ich eine Studie der Internationalen Energieagentur, die mich elektrisiert hat: Sie hat durchgespielt, was wir alles bis 2050 tun müssen. Ein Beispiel blieb bei mir hängen: Es gibt in Indien einen Megasolarpark mit 2,25 Gigawatt auf 5700 Hektar. Rein rechnerisch, sagten die Energieexperten, müsste die Menschheit jeden Tag einen solchen Windpark errichten, wenn wir die Temperatur auf deutlich unter zwei Grad begrenzen wollen. Jeden Tag ein Mega-Solarpark!

Und schaffen wir all diese Ziele?

Diese Zahlen sind wirklich erschlagend. An vielen Tagen war ich bei der Recherche entmutigt - hinzu kommt der Krieg, der zwar vieles beschleunigt, aber auch den Klimaschutz erstmal wieder nach hinten drängt. Klimaschutz setzt auf eine Welt, die kooperiert - davon kann derzeit keine Rede sein. Aber oft habe ich Menschen mit einer solchen Energie, einem solchen Elan und Innovationsgeist kennengelernt, dass ich dachte: Ja, unsere Probleme sind gewaltig. Aber die Fähigkeit des Menschen, sie zu lösen, auch.

Mit Horst von Buttlar sprach Jan Gänger

Quelle: ntv.de

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