Wirtschaft

Kurz vor der Wende Wie kaputt war die DDR-Wirtschaft?

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Ob Wartburg oder Trabi (Bild): Die Wartezeiten für ein Auto waren in der DDR lang.

(Foto: picture alliance / dpa)

Marode Betriebe, Mangelwirtschaft, hohe Schulden: Die DDR-Wirtschaft befindet sich Ende der 80er-Jahre in einem desaströsen Zustand, der Staatsbankrott scheint kurz bevorzustehen. Doch liegt es alleine am Geld?

Das gängigste Urteil über die DDR-Wirtschaft kurz vor der Wende lautet, sie sei ohnehin pleite und am Ende gewesen. Über zwölf Jahre warteten die Bürger auf ein neues Auto. Bananen und Nylonstrümpfe? Wenn, dann nur aus Paketen von Verwandten im Westen. Und die Betriebe kämpften mit einem gigantischen Investitionsstau und maroder Infrastruktur.

Die Banane wurde zum Symbol der DDR-Mangelwirtschaft.

Die Banane wurde zum Symbol der DDR-Mangelwirtschaft.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Kennzahlen zeichnen ein düsteres Bild: Über die Hälfte der Industrieanlagen war verschlissen, bei den Straßen und Bahnen sah es nicht besser aus. Zwei Drittel der landwirtschaftlichen Maschinen und Gerätschaften waren kaputt. Bauern, deren Scheunen über ihren Köpfen zusammenbrachen, waren keine Seltenheit. Hinzu kommt: Der ostdeutsche Staat hatte 49 Milliarden D-Mark Schulden alleine im westlichen Ausland.

Diese Zahlen stammen aus einer offiziellen Analyse der DDR-Regierung, bekannt als das "Schürer-Papier". Gerhard Schürer war lange Jahre Chef-Planer der DDR. Seinen Bericht fertigte er kurz nach dem Rücktritt Erich Honeckers als Regierungschef an. Seine Empfehlung darin: Um die Schulden tilgen zu können, muss der Export gestärkt werden.

Gute Startbedingungen nach dem Weltkrieg zunichte gemacht

Dafür hätten die DDR-Bürger ihren Konsum um 25 bis 30 Prozent zurückfahren müssen. Dabei litt die Bevölkerung bereits unter der Mangelwirtschaft. Denn nicht nur Autos und Südfrüchte waren knapp. Es fehlte auch an Schuhen, Kühlschränken oder Damenunterwäsche. Gegen Ende der DDR waren Schlangen vor Geschäften keine Seltenheit, ganz gleich, was im Angebot war. Wo sich Schlangen bildeten, musste es etwas Seltenes oder Begehrtes geben.

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Dass der Osten 40 Jahre nach der Staatsgründung so viel schlechter dastehen würde als der Westen, war dabei gar nicht so vorherzusehen. Denn die DDR hatte nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich deutlich bessere Voraussetzungen als die BRD. "Die Wirtschaft in Mittel- und Ostdeutschland war eigentlich für Friedenszeiten prädestiniert", meinte zumindest der ehemalige Mitarbeiter der DDR-Planungskommission und spätere ZDF-Journalist Fritz Schenk. In Ostdeutschland war der modernste Teil des deutschen Automobilbaus ansässig, einschließlich der Zulieferer. Dort war auch der modernste Teil der Elektrotechnik, Feinmechanik, Optik, grafischen Industrie, Maschinenbau und Verpackungswirtschaft. "Der Westen mit seiner Schwer- und Rüstungsindustrie hingegen sei weit weniger gut aufgestellt gewesen", so Schenk.

Doch politische Entscheidungen auf beiden Seiten der Grenze stellten die Startbedingungen auf den Kopf. Während die Sowjetunion horrende Reparationszahlungen für die Verbrechen des Dritten Reiches von der DDR forderte, Industrieanlagen demontierte und Eisenbahnschienen abbaute, profitierte der Westen von einem milliardenschweren Konjunkturprogramm der USA. Über 12 Milliarden Dollar wurden im Zuge des "Marshall-Plans" investiert. Er war die Initialzündung des westdeutschen Wirtschaftswunders.

Ulbricht stellte neue Weichen

Doch die Schuld an der späteren ostdeutschen Misere lag nicht alleine bei der Sowjetunion. Auch ostdeutsche Politiker trugen Verantwortung, zum Beispiel Walter Ulbricht, der starke Mann in der Anfangszeit der DDR. "Er hat sehr schnell und sehr klar erkannt, dass sein Herrschaftsgebiet nur überleben kann in engster Anlehnung an die Sowjetunion. Und so hat er die DDR dann zum wichtigsten Zulieferer der Sowjetunion gemacht", so Fritz Schenk. Ulbricht stellte das gewachsene Industrie- und Wirtschaftsprofil um, richtete die Produktion auf den Bedarf der Sowjetunion aus: Schwerindustrie, Schwermaschinenbau, Zulieferungen für die sowjetische Rüstungswirtschaft.

Walter Ulbricht war in den 1950er und 60er Jahren der starke Mann in der DDR.

Walter Ulbricht war in den 1950er- und 60er-Jahren der starke Mann in der DDR.

(Foto: picture alliance / Konrad Giehr/)

Das Problem dabei: Dafür fehlten dem Osten eigentlich die Rohstoffe. So begab man sich erneut in eine Abhängigkeit von der Sowjetunion. Nur Öl- und Gasimporte aus Russland weit unterhalb des Weltmarktpreises hielten die DDR-Wirtschaft aufrecht. Bis in den 1980er Jahren die Sowjets selber in eine Wirtschaftskrise rutschten und die Importe zurückfuhren. Die DDR war gezwungen, Öl auf dem Weltmarkt zu kaufen und sich dafür bei kapitalistischen Staaten zu verschulden - ein schwerer Schlag ins Kontor.

Denn es gab noch mehr Probleme: Zum Beispiel die unflexible Planwirtschaft. Die Regierungspartei SED plante die Wirtschaftsentwicklung sowie den Produktbedarf der Bevölkerung in den sogenannten Fünfjahresplänen. In Zeiten der fortschreitenden Globalisierung und vor allem des technischen  Fortschritts ein kaum zu meisterndes Unterfangen.

Die Westkataloge waren voll mit DDR-Produkten

So verkündete die Staatsführung beispielsweise 1981, einen 64 Kilobit-Chip entwickeln zu wollen. Japanischen Firmen gelang das zuerst, sie verkauften die Chips für 125 Dollar pro Stück. Als das 1986 auch in der DDR endlich gelungen war, lag der Weltmarktpreis bereits bei 30 Cent das Stück. Hinzu kamen die von der Regierung festgesetzten Preise, die nicht nur in der Elektro- und Feinmechanik die Entwicklungs- und Produktionskosten in keiner Weise deckten.

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Der DDR-Chefplaner Schürer berichtete einige Jahre nach der Wende über seine Arbeit in der Kommission: "Wir mussten entscheiden: Waren, die in der DDR zur Versorgung gebraucht wurden, müssen in den Export gehen, einfach um D-Mark zu machen." Die westdeutschen Quelle- und Neckermann-Kataloge waren voll von in der DDR produzierten Waren. Dort gab es dafür zu wenig, und das machte Ärger im Land. "Wir mussten auch an die Staatsreserve ran - Kupfer, was wir dort liegen hatten für schwierige Zeiten - und mussten das verkaufen. Mit solchen Maßnahmen wurde die DDR flüssig gehalten", so Schürer.

Auch der Sozialstaat der DDR entpuppte sich als Problem. Die DDR hatte ein umfassendes Wohnungsbauprogramm, eine allgemeine Rente und Krankenversicherung für alle sowie praktisch keine Arbeitslosigkeit. Die Kosten für diesen Sozialstaat sind nicht vollumfänglich bekannt - die DDR-Haushalte wurden stets geschönt und viele Ausgaben versteckt. Experten schätzen aber alleine die Subventionen für Grundnahrungsmittel, Mieten und Sozialleistungen ohne das Wohnungsbauprogramm auf ein Viertel des Staatshaushalts.

Latent bankrott

Vergleicht man das jedoch mit heutigen Standards, erscheint diese Zahl gar nicht mehr so groß. Im Bundeshaushalt für 2020 bekommt das Ministerium für Arbeit und Soziales über 40 Prozent der Gelder. Auch ansonsten lohnt sich ein Vergleich mit der Bundesrepublik, beispielweise bei der Staatsverschuldung. Die DDR hatte eine Verschuldungsquote in Bezug zum BIP von knapp 28 Prozent. Die BRD wies knapp 42 Prozent aus. Staaten wie Griechenland oder Italien operieren heute mit Verschuldungsquoten von weit über 100 Prozent.

Gerhard Schürer räumte nach der Wende ein, die Schulden in seinem Papier übertrieben zu haben. Sie zwangen die DDR nicht in die Knie. Vielmehr war es die Vielzahl an Problemen und die Unfähigkeit der Wirtschaft, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Daher sagte auch Schürer im Rückblick: "Es stimmt nicht, dass die DDR pleite war, sie hat alle ihre Rechnungen bezahlt. Aber ich sag' immer: Sie war latent auf dem Weg zum Bankrott, irgendwann wäre sie wahrscheinlich zusammengebrochen."

Quelle: n-tv.de

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