Frage & Antwort

Überbleibsel der Evolution Warum haben wir Angst vor Spinnen?

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Jeder ist ihr schon begegnet: Die Große Winkelspinne nistet sich gerne in den Ecken menschlicher Behausungen ein.

(Foto: imago images / blickwinkel)

Die Begegnung mit einer Spinne in den eigenen vier Wänden ist für kaum jemand ein Grund zur Freude. Vielmehr scheint fast alle Menschen ein gewissen Unbehagen zu beschleichen, wenn es um die achtbeinigen Krabbeltiere geht. Eine Psychologin erklärt, warum das so ist.

Spinnen haben bei Menschen keinen guten Stand. Obwohl sie in unseren Breiten keine Bedrohung darstellen, werden sie gemieden und nach Möglichkeit aus unseren Häusern und Wohnungen verbannt. "Es gibt auch Menschen, die eine krankhafte Angst vor Spinnen haben, die sie in ihrem Alltagsleben einschränkt", sagt Entwicklungspsychologin Stefanie Höhl von der Universität Wien zu n-tv.de. "Wenn diese Menschen einen Raum betreten, müssen sie ihn zunächst absuchen, ob nicht vielleicht irgendwo eine Spinne ist."

Aber warum sind uns Spinnen so zuwider und machen manchen Menschen regelrecht Angst? Einen wichtigen Hinweis darauf fand Höhl bei einem Experiment, das sie und ihre Kollegen mit Babys vorgenommen hatte. "Wir haben herausgefunden, dass die Kinder mit einer physiologischen Alarmbereitschaft reagieren, wenn sie Bilder von Spinnen sehen", sagt Höhl. Da es sich um sehr kleine Kinder handelte, konnten die Forscher ausschließen, dass diese Reaktion auf Spinnen kulturell "erlernt" war.

Was Höhl und ihre Kollegen bei dem Versuch genau beobachteten: Die Pupillen der Säuglinge vergrößerten, sich, wenn sie Bilder von Spinnen oder Schlangen gezeigt bekamen. Hinweis auf eine Stressreaktion. Beim Anblick von Blumen und Fischen hingegen blieb diese starke Reaktion aus. Das Experiment mit Babys lieferte einen starken Hinweis dafür, dass diese spezielle Reaktion auf Spinnen angeboren ist.

Gehirn lernt Angst vor Spinnen schnell

Doch der gemessene Stress ist noch nicht gleich Angst, sondern eher ein Zustand, in dem wir "eine größere Lernbereitschaft mitbringen", wie Höhl erklärt. Damit der Mensch Angst vor Spinnen entwickelt, gehört noch mehr dazu - nämlich eine Erfahrung. "Wenn nun das Kind etwa von einer Spinne gebissen wird, was in unseren Breiten unwahrscheinlich ist, oder andere Menschen dabei beobachtet, wie diese ängstlich auf die Spinne reagieren, bildet sich sehr schnell eine Verknüpfung im Gehirn", sagt die Expertin. Dann lernt das Kind: Vor Spinnen sollte man Angst haben.

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Bereits Kinder zeigen eine Stressreaktion, wenn sie Spinnen erblicken - ob dies zur Phobie führt, hängt von weiteren Faktoren ab.

(Foto: imago/blickwinkel)

Immer wieder diskutiert als Ursprung unserer Abneigung vor Spinnen wurde auch die eigentümliche, geräuschlose Gangart der Tiere. Aus Sicht von Höhl könnte dies durchaus eine Rolle spielen. Darauf deuteten Versuche mit Videos von Schlangen hin, die Säuglingen gezeigt wurden. Wenn die Babys parallel zum Anblick der sich bewegenden Schlange eine ängstliche Stimme vernahmen, trat der ängstliche Lerneffekt noch stärker hervor. "Daher ist nicht auszuschließen, dass es ähnliche Effekte auch bei Spinnen geben könnte", so Höhl.

Aber woher stammt diese instinktive Reaktion der Kinder - die Stressreaktion und die vergrößerten Pupillen - im Angesicht von Spinnen? Womöglich ist es ein evolutionäres Überbleibsel. Unsere frühen Vorfahren hatten womöglich mit gefährlichen Spinnen zu tun und mussten vor ihnen auf der Hut sein. Dieses Verhalten haben sie uns im Erbgut hinterlassen. "Die Ko-Evolution des Menschen mit Schlangen und Spinnentieren reicht 40 bis 60 Millionen Jahre zurück", sagt Höhl. Das sei deutlich länger her als etwa bei Säugetieren. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass eine ähnliche angeborene Stressreaktion beim Anblick von tatsächlich gefährlichen Bären und Tigern nicht auftritt.

Affen zeigen ähnliche Reaktion

Für den evolutionären Ursprung spreche auch, dass ähnliches Verhalten bei Verwandten des Menschen zu beobachten sei, mit denen wir einen gemeinsamen Vorfahren teilen. "Auch bei Rhesusaffen kann ein schnelles Lernen von Angstreaktionen beim Anblick von Schlangen beobachtet werden", so Höhl. "Es ist also nicht spezifisch für Menschen."

Manchmal wird die angeborene Lernbereitschaft beim Anblick von Spinnen aber eben auch zur krankhaften Phobie, weiß Höhl. "Schon länger bekannt ist die Tatsache, dass Kinder, deren Eltern eine Angststörung haben, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, diese auch selbst zu entwickeln." Auch dabei spielten erneut genetische Faktoren eine Rolle: "Es gibt Babys, die von Natur aus auf Neues sehr offen und entspannt reagieren", so Höhl. Andere hingegen würden sich bei neuen Reizen eher zurückziehen, vorsichtig und sogar ängstlich reagieren.

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Der Ammen-Dornfinger ist die einzige Spinnenart in Deutschland, die dem Menschen gefährlich werden kann.

(Foto: imago images/blickwinkel)

Verstärkt werden könnte diese ängstliche Grundhaltung durch das, was die Eltern vorleben. "Wenn Kinder bei ihren Eltern ein Verhalten beobachten, das aus einer Spinnenphobie resultiert, dann sind sie geneigt, dieses Verhalten nachzuahmen", so Höhl. Dazu komme, dass Eltern mit einer krankhaften Angst vor Spinnen dazu neigten, ihre Kinder von Begegnungen mit den Krabbeltieren fernzuhalten. "So können Kinder nicht erfahren, dass die Angst auch wieder abflaut, wenn gar nichts Schlimmes passiert", sagt Höhl. Und die Angst bleibt.

Übrigens: Es gibt auch in Deutschland eine Spinnenart, die mit ihrem giftigen Biss die Haut des Menschen durchdringen kann: der Ammen-Dornfinger. Dieser breitet sich wegen des Klimawandels zuletzt sogar weiter aus. Allerdings ist das Tier an sich harmlos und beißt nur zu, wenn es sich oder seine Brut bedroht sieht. Ein Biss ist zwar nicht gefährlich, aber unangenehm - es soll sich wie ein Wespenstich anfühlen.

Quelle: n-tv.de

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