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Wattenscheid, Wetzlar, Wernigerode Altkennzeichen gewünscht

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Als 2005 im Main-Kinzig-Kreis MKK eingeführt wurde, blieb HA für Hanau erhalten.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Die Verkehrsminister von Bund und Ländern beraten darüber, ob alte Kfz-Kennzeichen, die im Zuge von Kreisreformen verschwunden sind, wieder eingeführt werden sollen. Thüringen und andere Bundesländer sind dafür, andere befürchten einen bürokratischen Mehraufwand. Falsch, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Ralf Bochert. Er plädiert dafür, die Entscheidung über die alten Kennzeichen an die Länder zu geben. Denn selbst in Städten, die schon in den 1970er Jahren ihr eigenes Kürzel verloren haben, wünscht sich eine klare Mehrheit die alten Nummernschilder zurück.

n-tv.de: Sie haben mehr als 18.000 Personen in 90 deutschen Städten gefragt, ob sie alte Kfz-Kennzeichen zurückhaben wollen. Was war das Ergebnis?

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Prof. Dr. Ralf Bochert lehrt Tourismusmanagement an der Hochschule Heilbronn. Das Bild zeigt ihn in Wernigerode, wo 90 Prozent der Einwohner ihr WR zurückhaben wollen.

Ralf Bochert: Deutschlandweit wollen 73 Prozent  der Menschen das Altkennzeichen zurückhaben - wobei wir die Umfrage natürlich nur in Städten durchgeführt haben, die früher ein anderes Kennzeichen hatten.

In einigen Gebieten, etwa in Wattenscheid, soll der Anteil von alten Kfz über dem Durchschnitt liegen, weil die Besitzer kein neues Nummernschild haben wollen - und Wattenscheid ist immerhin seit 1975 ein Stadtteil von Bochum.

Das glaube ich speziell in ursprünglich kreisfreien Städten nicht, da der Großteil der Fahrzeuge mit den alten Kennzeichen in Westdeutschland landwirtschaftliche sind. Man kann eben ein altes Kennzeichen nur behalten, wenn man das Auto dazu auch behält - und das sind in Westdeutschland immerhin nun schon fast 40 Jahre, die da vergangen sind seit der Änderung. Aber tatsächlich war das Ergebnis unserer Befragungen in den alten Bundesländern die eigentliche Überraschung: Auch in Westdeutschland wollen mehr als zwei Drittel die alten Kennzeichen zurückhaben. Weniger unerwartet war, dass es einen gewissen Ost-West-Unterschied gibt: In Ostdeutschland ist die Wiedereinführung der Altkennzeichen noch stärker gewollt als im Westen. Das liegt schlicht daran, dass die Gebietsreform in Westdeutschland länger zurückliegt.

Wie erklären Sie sich, dass das Thema so lange brachlag?

Wahrscheinlich hat einfach niemand daran gedacht. Außerdem war eine solche Idee auch lange aus bürokratischen Gründen nicht naheliegend. Inzwischen sind aber alle Zulassungsbehörden online vernetzt und man sieht, dass es ein paar Städte gibt, die auch nach einer Gebietsreform ein eigenes Nummernschild behalten haben: Völklingen im Landkreis Saarbrücken hat nicht SB, sondern VK, Sankt Ingbert im Saarpfalz-Kreis hat nicht HOM wie Homburg, sondern IGB, Hanau im Main-Kinzig-Kreis hat nicht MKK, sondern HU. Formal gesehen geht es einfach darum, dass ein Landkreis nicht ein einheitliches Kennzeichen haben muss - und das funktioniert, ohne dass darunter jemand leidet.

Das sogenannte Hanauer Modell.

Das Hanauer Modell zeigt, dass es kostenneutral geht: Der Kreis verwaltet zwei Kennzeichen, Zusatzkosten entstehen nicht.

Trotzdem fürchtet der Präsident des Deutschen Landkreistags, Hans Jörg Duppré, einen höheren Verwaltungsaufwand und mehr Bürokratie.

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Bis 1993 hatte Eisenhüttenstadt das Kürzel EH. Dann wurde der Landkreis Oder-Spree gebildet.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das sehe ich anders. Die EDV in den Zulassungsbehörden kann das ohne weiteres. Da gibt es keinen Mehraufwand.

Wer entscheidet über die Wiedereinführung der Altkennzeichen?

Auf Bundesebene gibt es eine Fahrzeug-Zulassungsverordnung. Darin gibt es zwei Listen: eine mit den Kennzeichen, die derzeit vergeben werden, und eine mit denen, die nicht mehr vergeben werden - also mit WAT für Wattenscheid, CAS für Castrop-Rauxel, HY für Hoyerswerda, EIN für Einbeck und so weiter. Wo kommen Sie ursprünglich her?

Aus Münster.

Dann kennen Sie vielleicht noch BOH für Bocholt, BE für Beckum, LH für Lüdinghausen, AH für Ahaus - die werden alle seit der Neugliederung in den 70er Jahren nicht mehr vergeben. Wenn man diese Kennzeichen wieder einführen wollte, müsste man die Fahrzeug-Zulassungsverordnung ändern.

Wer macht das?

Der Bundesrat. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder nimmt man einzelne Kennzeichen aus der Altliste und beschließt, dass sie in die aktuelle Liste kommen. Oder man gibt einfach alle Altkennzeichen frei.

Das wären mehr als 300 Kennzeichen.

Ungefähr 370.

Da wäre es nicht so sinnvoll, immer einzeln zu entscheiden.

Wenn es nur eine Stadt betrifft, etwa Wetzlar im Lahn-Dill-Kreis, wo es derzeit Bestrebungen gibt, das alte WZ wieder einzuführen, dann könnte man das auch einzeln machen - so kompliziert ist das nicht. Man könnte Entscheidungen aber auch bündeln. In Mecklenburg-Vorpommern etwa wird gerade eine Kreisreform durchgeführt. Dort sollen fünf Kennzeichen erhalten werden und es werden neue Kennzeichen kommen, deshalb steht da ohnehin eine Entscheidung des Bundesrats an. Dabei wird einfach eine neue Liste, bei der auch einzelne Änderungen mit verarbeitet werden könnten, verabschiedet. Eleganter wäre jedoch die generelle Freigabe der alten Kennzeichen. Dann wäre es die Sache der Bundesländer, über die Wiederzulassung alter Kennzeichen zu entscheiden.

Warum will Mecklenburg-Vorpommern überhaupt an den alten Nummernschildern festhalten?

Da geht es wie überall um regionale Identitäten. Zum neuen Kreis Nordvorpommern werden beispielsweise bald zusätzlich auch die Stadt Stralsund und die Insel Rügen gehören. Stralsund will sein HST behalten, die Rüganer wollen ihr RÜG. Auch das haben wir dort befragt: Es sind dort jeweils über 90 Prozent der Menschen, die daran festhalten möchten. Dieser Fall Rügen ist übrigens nicht unkompliziert, denn anders als Stralsund wird es Rügen in Zukunft als Gebietskörperschaft nicht mehr geben. Gleiches gilt für die heutigen Kreise Müritz und Mecklenburg-Strelitz, die ihr MÜR und MST behalten wollen. In diesen seltenen Fällen läuft die Identifikation über eine homogene Landschaft oder eine historisch relevante Region. Dazu müsste man sich allerdings schon etwas Neues ausdenken im Sinne der derzeit gültigen Fahrzeugzulassungsverordnung; eine Variante wäre die vorgeschlagene Wunschkennzeichenregelung, wie Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern sie angeregt haben.

Sie lehren Tourismusmanagement an der Hochschule Heilbronn - was war Ihr Impuls, sich mit den Altkennzeichen zu beschäftigen?

Regionales Marketing der Städte nach außen und Innenmarketing im Bezug auf die eigenen Bürger. Wir haben mit der Stadt Völklingen ein Projekt zur Völklinger Hütte gemacht, einem Eisenwerk aus dem 19. Jahrhundert, das seit 1994 UNESCO-Industriedenkmal ist. Dort haben wir am Rande bemerkt, wie begeistert die Völklinger davon sind, dass sie ihr eigenes Kennzeichen im größeren Landkreis zu haben. Das entspricht sowohl dem Interesse der Menschen an ihrer lokalen Identität als auch dem Interesse der Städte an Außenwahrnehmung. So sind wir auf die Idee gekommen, einmal zu untersuchen, ob das, was wir in Völklingen so empfunden haben, vielleicht überall gilt. Und es hat sich bestätigt: Die Völklinger Freude am VK ist anscheinend etwas ganz Normales.

Mit Ralf Bochert sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de