Leben

Fremde Welt der Kunstsammler 10 Meter Richter sind "kostbar, aber lieblos"

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Thomas Kausch ist fasziniert von Manuela Alexejew und ihrer Kunst-Leidenschaft.

(Foto: Andrea Ferrari)

Das ist der Stoff, aus dem Träume sind: Berliner Pan-Am-Stewardess mit Designstudium trifft auf kunstsinnigen Unternehmer. Manuela Alexejew und Carlos Brandl verlieben sich und gehen auf eine nun schon 43 Jahre andauernde Kunstreise. Sie jetten um die Welt, werden Teil einer damals noch überschaubaren Kunstszene. Immer neugierig und offen für Entdeckungen, um ihre hochkarätige Sammlung zu vervollständigen. Anhand ausgewählter Kunstwerke hat Thomas Kausch glamouröse und faszinierende Geschichten aus ihrem Leben aufgeschrieben. "It's not about the Money" liest sich herrlich leicht und gewährt den Lesern einen Privatzugang in eine geheimnisvolle Welt. Mit ntv.de haben die Sammlerin und der Autor über Geld und Leidenschaft in der Kunst und die Entstehung des Buches gesprochen.

ntv.de: Der Buchtitel behauptet, dass es nicht ums Geld geht. Worum geht es dann?

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"Von Carlos habe ich gelernt, dass man alles versuchen muss, wenn man ein Kunstwerk haben möchte", sagt Manuela Alexejew über ihren Mann Carlos Brandl.

(Foto: Andrea Ferrari)

Thomas Kausch: Um Leidenschaft. Der Kunstmarkt ist meiner Meinung nach von Geld geprägt. Als ich Manuela und ihren Mann Carlos zum ersten Mal in ihrem Loft besucht habe, war ich beeindruckt von der Wildheit, mit der alles – Kunst, Möbel, Krimskrams - arrangiert ist. Das ist ein wunderbarer Kontrast zu Galerien, wo alles isoliert im White Cube hängt. Die beiden leben mit ihrer Kunst, nichts verschwindet in Depots.

Manuela Alexejew: Heute wird oft konzipiert und geplant, außerdem geht es bei vielen nur noch ums Geld. Glauben Sie mir, was wir erlebt haben, das ist vorbei. Ich konnte 1998 einen kleinen Gerhard Richter noch für 6000 Pfund ersteigern. Das ist heute gar nicht mehr möglich.

Heute zählt Gerhard Richter zu den weltweit höchst bezahlten Künstlern und Kunst ist zur Kapitalanlage geworden …

Alexejew: Ja, aber ich kann mir das nicht leisten.

Leben Sie in Ihrem eigenen kleinen Elfenbeinturm?

Alexejew: Nein. Ich weiß, dass eine Träumerei eine Begrenzung hat. Und ich kann rechnen. Ich hatte großes Glück, weil ich eine kleine Erbschaft gemacht habe und manches dadurch realisierbarer war. Zudem habe ich wenige Fehler gemacht. Nur in der Bankenkrise, als ich nicht genau hingeguckt habe, ist was weggerutscht, aber am Ende hat sich alles amortisiert. Die Kunst, die ich gekauft habe, war immer bezahlbar. Inzwischen hat sich ihr Wert verdrei- und verzehnfacht.

Kausch: Hier ist ein Vermögen zusammengesammelt worden, aber Manuela und Carlos sind so was von auf dem Teppich geblieben. Sie erzählen Interessantes und sind sehr authentisch.

Die Kunstszene hat den Ruf, elitär und arrogant zu sein - ist sie es auch?

Kausch: Das war ein Grund, warum wir dieses Buch schreiben wollten, weil wir zeigen wollten, dass es nicht immer so ist.

Alexejew: Kunst muss nicht das Lebensthema von jedem sein und es muss auch nicht jeder über Kunst reden. Wenn ich von Galerieabenden komme, brauche ich fast Tabletten. Den Quatsch, der da manchmal beredet wird, kann ich mir gar nicht ausdenken.

An einem solchen Abend haben Sie beide sich wohl nicht kennengelernt, oder?

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Wird gut bewacht: Yayoi Kusamas Bild "Flame" aus dem Jahr 1992.

(Foto: Andrea Ferrari)

Alexejew: Nein, das war bei einem Abendessen in Wien. Wir hatten schnell einen Draht zueinander, auch weil wir beide aus Berlin kamen. Ich fand es spannend, dass Thomas der Kunstwelt gegenüber so skeptisch ist.

Warum sind Sie skeptisch?

Kausch: Ich bin ein Nachrichtenmann und dieser Kunstmarkt, wie ich ihn von außen wahrnehme, ist undurchschaubar: Bilder werden zu irrsinnigen Preisen gekauft, verschwinden in Depots, warten dort auf ihre Preissteigerung. Dann werden sie von irgendwelchen anonymen Menschen, die irgendwo hinter einem Telefon weit weg vom Auktionator sitzen, überteuert gekauft. Obendrein hört man immer wieder von Fälschungen. Das alles ist eine mir fremde Welt.

Wie haben Sie sich diesem seltsamen Kosmos angenähert?

Kausch: Während des ersten Lockdowns haben wir uns immer wieder getroffen. Manuela erzählte eine Anekdote nach der anderen. Je mehr wir sprachen, um so mehr Erinnerungen kamen zum Vorschein. Zehn Anekdoten hintereinander sind aber noch kein Buch.

Alexejew: Unsere Gespräche waren eine Reflexion über mein Leben, ein Rückbesinnen auf das, was mal war.

Wie haben Sie in die Geschichten Struktur bekommen?

Kausch: Es gab diesen Schlüsselsatz von Manuela: "Du findest nicht die Bilder, die Bilder finden dich." Das war es: Anhand bestimmter Bilder verwebten wir deren Geschichte und die Lebensgeschichten der beiden. Ich erzähle aus Manuelas Perspektive, habe vieles nachrecherchiert und das mit meiner Interpretation vermischt.

Alexejew: Die Zeitanalyse, die er reingenommen hat, finde ich sehr gut.

Wie war das dann für Sie, die Geschichten zu lesen?

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In dem Berliner Loft mischen sich jüngere Positionen wie die "Blaue Frau" von Raphaela Simon mit illustren Postwar-Klassikern.

(Foto: Trevor Good)

Alexejew: Es ist schon schräg, über sich selbst zu lesen. Letztlich finde es ich es aber amüsant und charmant. Das Buch hat eine Leichtigkeit, obwohl es auch ernste Phasen hat. Es sind reale Geschichten, das Buch hat nichts Versponnenes.

Durch die Dialoge, die zwischen Manuela Alexejew und Carlos Brandl auftauchen, bekommt das Buch einen besonderen Dreh. Der Leser hat das Gefühl, auf ihrem Sofa zu sitzen und beiden zuzuhören.

Kausch: Die Dialoge zu schreiben, war die größte Arbeit. Aber es war spannend, dass diese teilweise verrückten Geschichten auf diese Weise eins zu eins wiederentstanden.

Alexejew: Mir war wichtig, nichts dazuzuerfinden, alles ist so erzählt, wie es war.

Kausch: Ich habe Respekt davor, wie die beiden diese Sammlung geschaffen haben. Das dauert viele Jahre. Du brauchst viel Wissen und aus dem Wissen als Handwerkszeug musst du einen Instinkt entwickeln, das ist viel Arbeit. Ich habe die Zeit nicht.

Was macht neben großem Wissen eine gute Sammlung aus?

Alexejew: Ich denke, es ist ganz wichtig, ein bisschen Seele zu sehen und nicht nur gekauften Chic. Wir sind in so vielen so tollen Häusern gewesen, aber gleichzeitig habe ich schon so viel Erfrorenes gesehen. Ich sage immer "10 Meter Richter und 15 Meter Baselitz". Das ist kostbar, aber lieblos.

Kausch: Kunst muss einfach zum Sammler passen - und umgekehrt. Natürlich gibt es diejenigen, die einfach Wertanlagen kaufen. Aber dann ist es auch egal, ob es Autos, Aktien oder eben Kunstwerke sind. Wenn Yayoi Kusama an der Wand hängt, dann sollte sie aber auch ins Haus passen. So wie hier, da ist eben Harmonie drin.

Konnten Sie denn große Geheimnisse der Kunstszene durch die tiefergehenden Einblicke, die Sie bekommen haben, lüften?

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Kausch: Ich habe eine Ahnung davon bekommen. Aber mein Thema ist auch vielmehr die Leidenschaft. Hier leben zwei Menschen, die nie ihre Neugier verloren haben, junge Künstler zu fördern. Viele Sammler wollen keine Einblicke geben in das, was sie tun und wie etwas zustandekommt. Manche haben auch nicht so faszinierende Geschichten zu erzählen. Das Buch war die Gelegenheit, zu zeigen, dass es leidenschaftliche Sammler gibt und die Kunstwelt nicht durchgängig so schlecht ist wie ihr Ruf.

Alexejew: Es wird immer Menschen geben, die sich in Kunst verlieben. Ich glaube nicht, dass ich da so falsch liege. Es ist eine besondere Form von Liebe.

Mit Manuela Alexejew und Thomas Kausch sprach Juliane Rohr

Quelle: ntv.de

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