Leben

"Wir kriegen massiven Gegenwind" Fasten im Kampf gegen den Krebs

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Die Schulmedizin steht dem Fasten während der Chemotherapie skeptisch gegenüber.

(Foto: imago/Photocase)

Vor sechs Jahren sorgt eine Studie des US-Biologen Valter Longo für Wirbel in der Fachwelt: Bei Versuchen mit Mäusen findet der Professor an der Universität von Kalifornien heraus, dass sich Kurzzeitfasten positiv auf die Effektivität und Verträglichkeit einer Chemotherapie auswirken kann. Während gesunde Zellen durch den Nahrungsverzicht geschützt würden, sei das Fasten reinstes Gift für Tumorzellen, so sein Fazit. Mehrere Studien am Menschen stützen in den Folgejahren Longos Beobachtungen. Doch Experten warnen vor verfrühter Euphorie. Im Interview mit n-tv.de spricht Internistin Annette Jänsch über ihre Erfahrungen bei ersten Studien mit Krebspatienten am Berliner Immanuel-Krankenhaus, sichtbare Erfolge und auch Hürden.

n-tv.de: Frau Jänsch, Sie waren zunächst skeptisch, als Sie vom Kurzzeitfasten während der Chemotherapie gehört haben. Warum?

Annette Jänsch: Die traditionellen Fastenregeln besagen, dass der Patient auf keinen Fall zu krank sein darf - erst recht nicht krebskrank. Gerade eine Chemotherapie hat ja heftige Nebenwirkungen. Deswegen erschien mir das recht gewagt.

Was hat Ihre Bedenken während der ersten Studien schließlich zerstreut?

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Annette Jänsch ist Fachärztin für Innere Medizin mit Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren am Immanuel-Krankenhaus in Berlin.

(Foto: Immanuel Krankenhaus Berlin, Foto: Carolin Ubl.)

Ganz einfach: Ich hatte mir im Vorhinein ein Handy besorgt, um für die Patienten 24 Stunden am Tag erreichbar zu sein. Das brauchte ich für mein Gewissen. Ich wollte da sein, falls es Probleme gibt. Aber dieses Handy wurde nicht ein einziges Mal benutzt.

Warum ist das Kurzzeitfasten während der Chemotherapie denn so effektiv? Was genau passiert dabei im Körper?

Erstens sind wir genetisch hervorragend auf Fastenzeiten vorbereitet: Sobald dem Körper über eine gewisse Zeitspanne wenig oder gar keine Energie mehr zugeführt wird, schaltet er in einen "Sparmodus" um. Dadurch verlangsamt sich auch die Zellteilung. Eine Chemotherapie schädigt die Zellen wiederum nur in diesem Stadium der Teilung. Dieser Schutzmechanismus funktioniert bei Tumorzellen aber nicht - denn sie sind nicht in der Lage, ihren Stoffwechsel zu drosseln. Deshalb geraten sie bei Energiemangel unter Stress. Zweitens führt der Mangel an Glukose durch das Fasten dazu, dass der Körper weniger Insulin ausschüttet. Leider transportiert Insulin immer ein Hormon mit, das auch das Wachstum von Krebszellen stimuliert. Indem wir also Glukose vermeiden, verhindern wir diese Stimulation. Und drittens wirken sich bestimmte Aminosäuren in tierischen Eiweißen positiv auf Tumorwachstum und -ausbreitung aus. Wenn wir also auch auf tierische Produkte verzichten, reduzieren wir diese Aminosäuren im Körper.

Wie genau funktioniert denn die Therapie?

Praktisch sieht das so aus: Wenn Mittwoch der Chemotherapie-Tag ist, dann machen die Patienten am Montag einen Entlastungstag - das heißt, sie essen nichts vom Tier und sehr ballaststoffreich. Um 18 Uhr hören sie auf zu essen, dann wird nur noch getrunken. Der Dienstag ist ein reiner Trinktag. Die Patienten müssen 2,5 bis 3 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen, warmes oder kaltes Wasser ohne Sprudel und dünne Kräutertees. Zum Frühstück gibt es ein Glas Gemüsesaft, zu Mittag eine Gemüsebrühe und am Abend noch einmal Gemüsesaft. Wichtig ist auch, dass sie sich eine Stunde am Tag bewegen. Für Mittwoch, den Chemotherapie-Tag gilt das Gleiche - nur, dass die Patienten nicht so viel trinken müssen. Am Donnerstag um 14 Uhr können die Patienten dann wieder langsam anfangen zu essen.

Hört sich gar nicht so schlimm an ...

Für weitere Informationen

In der Hochschulambulanz für Naturheilkunde des Immanuel-Krankenhauses in Berlin können sich Betroffene zum Thema Fasten während der Chemotherapie beraten lassen.
Kontakt: Hochschulambulanz für Naturheilkunde der Charité - Universitätsmedizin Berlin, Telefon: 030 - 80505 306

Aber es erfordert auch Mut.

Gibt es denn bereits messbare Erfolge?

Mit unserer Pilotstudie wollten wir zunächst nur herausfinden, ob das Fasten während einer Chemotherapie im heutigen Medizinbetrieb überhaupt machbar ist und ob es den Patienten dadurch wirklich subjektiv besser geht. Es ging uns also nur um die unangenehmen Nebenwirkungen, nicht um die messbare Wirkung der Chemotherapie. Wenn wir herausfinden wollen, ob die Patienten durch das Fasten während der Behandlung länger leben, dann müssen wir sie zehn Jahre lang beobachten. Natürlich interessiert uns diese Frage brennend. Aber dafür würden wir einige Millionen benötigen, die wir nicht haben. Unsere Forschung wird in Deutschland nicht gefördert. Wir bekommen Geld nur von privaten Spendern.

Trotzdem machen die Ergebnisse vielen Krebspatienten Hoffnung. Warum warnt das Deutsche Krebsforschungszentrum vor zu viel Euphorie?

Das ist ganz richtig so. Unsere Pilotstudie war mit 34 Patienten eine Mini-Studie - ein erster Hoffnungsschimmer. Aber sie berechtigt uns nicht dazu, das Fasten während der Chemo zu empfehlen. Denn allgemeine Schlussfolgerungen kann man daraus noch nicht ziehen. Man kann höchstens weitere Studien mit wesentlich mehr Patienten anschließen.

Welche Erkenntnisse sind denn gesichert?

Was die Patienten am meisten während der Chemotherapie beeinträchtigt, ist die Müdigkeit - oder eigentlich eine abgrundtiefe Erschöpfung, die sich auch durch Schlaf nicht bessern lässt. Manchmal schaffen die Patienten nicht einmal ihre Morgentoilette, weil sie so erschöpft sind. Entweder Zähneputzen oder Haare kämmen - und dazwischen ein Schweißausbruch. Das berichten sie immer wieder. Wir nennen das Fatigue-Syndrom. In unserer Studie haben wir herausgefunden, dass diese Patienten, wenn sie fasteten, weniger müde waren. Einige sind sogar mit dem Fahrrad zur Chemo und zurück gefahren. Sie konnten sich belasten, haben die Hausarbeit erledigt. Dieser Unterschied war eklatant. Und die Patienten litten seltener unter Magen-Darm-Beschwerden - also weniger Übelkeit, Durchfall und Bauchweh.

Lässt sich die Therapie bei allen Krebsformen anwenden?

Prinzipiell halte ich es schon für denkbar, dass man das Fasten bei einer ganzen Reihe von Krebsarten sinnvoll einsetzen kann - zumindest dann, wenn die Chemotherapie nur einen Tag läuft. Es gibt aber auch Chemotherapien, die zwei oder drei Tage hintereinander laufen. So lange können die Patienten unmöglich fasten. Valter Longo empfiehlt in diesen Fällen, die Kalorien nur zu reduzieren und vor allem die gefährlichen tierischen Aminosäuren wegzulassen. In unserer neuen Studie mit 150 Brustkrebs-Patientinnen versuchen wir diese Prinzipien abzubilden: Während die eine Gruppe fastet, ernährt sich die andere vegan. Diese Patienten nehmen nichts zu sich, was schnell Glukose freisetzt. Keine Fruchtsäfte, kein süßes Obst. Und es scheint so zu sein, dass sie genauso profitieren wie die Fastenden.

Das klingt ziemlich einfach, fast schon zu einfach.

Wie gesagt, es hängt von der Art der Therapie ab. Solide Tumore - also solche, die an einer Stelle sitzen - dürften der Fokus für eine künftige Ernährungstherapie sein. Magenkrebs, Darmkrebs und Brustkrebs zählen dazu. Aber bei Tumoren, die systemisch sind, wie im Falle von Leukämie, werden ganz andere Therapien angewendet und die Patienten sind häufig allein schon durch den Tumor viel schwerer beeinträchtigt. Da halten wir uns zurück.

Ärzte raten davon ab, auf eigene Faust zu fasten. Wieso?

Es gibt immer wieder Patienten, die zu uns kommen und sagen: "Ich habe Brustkrebs, ich will keine Chemo - und jetzt sagen Sie mir mal, wie ich fasten muss, damit der Tumor weggeht." Ich frage dann: "Wie lange wollen sie denn fasten?" - "Na, so sechs bis acht Wochen", heißt es dann. Objektiv betrachtet wären sie dann wahrscheinlich tot. Es gibt sehr viele Missverständnisse darüber, was man mit dem Fasten erreichen kann und was nicht. Ob ein Patient überhaupt die Voraussetzungen für eine solche Therapie erfüllt, sollte ein erfahrener Fastenbegleiter klären. Denn auch das Fasten hat Nebenwirkungen, zum Beispiel Kopfschmerzen bei Kaffeeentzug. Hinzu kommt, dass die Patienten wegen der Krebsdiagnose ohnehin in einem absoluten Ausnahmezustand sind. Sie brauchen diese fachliche Anleitung.  

Die Schulmedizin ist bei natürlichen Heilmethoden oft ein bisschen skeptisch.

"Ein bisschen skeptisch" ist untertrieben. Wir kriegen massiven Gegenwind.

Wie macht sich der denn bemerkbar?

Wir haben vor sechs Jahren angefangen, für die Studie zu werben und sind auf Berliner Onkologen zugegegangen. Da mussten wir sehr viel Aufklärungsarbeit leisten. Das Wissen über die Physiologie des Fastens war bei den meisten Kollegen definitiv nicht vorhanden. Letztendlich hatten wir aber Glück, dass wir ein Brustzentrum mit einer Chefin gefunden haben, die selbst Erfahrungen mit dem Fasten hatte und uns die Türen geöffnet hat. Inzwischen legen die meisten Kollegen den Patienten zumindest keine Steine in den Weg, wenn sie fasten wollen. Da hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Mit Annette Jänsch sprach Judith Görs

Quelle: n-tv.de

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