Leben

Chronischer Tinnitus Hohe Lebensqualität trotz Ohrgeräuschen

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Menschen mit chronischem Tinnitus können mit psychologischer Unterstützung beschwerdefrei leben.

(Foto: imago images/YAY Images)

Im Akutstadium lassen sich quälende Ohrgeräusche oft noch gut behandeln, sodass einige Patienten sie sogar wieder loswerden. Dauert ein Tinnitus aber länger als drei Monate an, wird er chronisch. Mit einigen Methoden können sich Betroffene dennoch beschwerdefrei fühlen.

Klingeln, Piepen, Rasseln, Zischen, Brummen oder Rauschen: Ohrgeräusche kennen fast alle Menschen. Meist verschwinden sie innerhalb von ein paar Stunden oder Tagen wieder. Ist das nicht der Fall, sollte man einen Arzt aufsuchen. In der Akuttherapie kommt dann häufig Kortison als Tablette oder Infusion zum Einsatz.

Manchmal reichen die Behandlungen in den ersten drei Monaten aber nicht aus, um den Tinnitus verschwinden zu lassen. Er wird dann chronisch. Der andauernde Lärm im Ohr führt bei nicht wenigen Patienten sogar zu regelrechten Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen.

Die Entstehung von Tinnitus

Bei Tinnitus nehmen die Betroffenen Geräusche wahr, die nicht durch die Umwelt ausgelöst werden. Nur selten handelt es sich um einen objektiven Tinnitus, der auch von außen zu hören ist. Ausgelöst wird ein Tinnitus häufig durch Schäden oder Erkrankungen der Ohren wie beispielsweise eine Mittelohrentzündung, einen Hörsturz oder ein Lärmtrauma. Aber auch Herz-Kreislauferkrankungen, Halswirbelsäulenstörungen, psychische Probleme wie Depressionen oder internistische Krankheiten (zum Beispiel ein schlecht eingestellter Diabetes) können zu Tinnitus führen. Manchmal bleibt die Ursache auch unklar.

Fakt ist allerdings, dass über 90 Prozent aller Fälle von Tinnitus mit einem mehr oder weniger starken Hörverlust einhergehen. Die fehlenden Frequenzen werden dann im Hörzentrum des Gehirns durch Verstärkungsmechanismen versucht auszugleichen, wobei es zu den Ohrgeräuschen kommt. "Auf dem Weg zum Gehirn sind Zwischenstationen der Gefühlsebene zugeschaltet wie das limbische System. Dadurch erfährt das Geräusch eine Bewertung. In der Regel wird es negativ bewertet und daraus entsteht dann der Leidensdruck", erklärt die Direktorin des Tinnituszentrums und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Tinnitus und Hören Charité, Prof. Dr. med. Birgit Mazurek, im Interview mit ntv.de.

Leidensdruck, der vermeidbar ist

Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland haben einen chronischen Tinnitus. Die meisten von ihnen fühlen sich durch die Ohrgeräusche nicht in ihrer Lebensqualität eingeschränkt, allerdings leiden 8 bis 13 Prozent stark darunter. "Die Patienten haben einen sehr hohen Leidensdruck. Das Hören und die Konzentrationsfähigkeit sind reduziert, die Patienten schlafen schlechter und haben mehr Ängste. Es kann auch zu Depressionen kommen", sagt Mazurek.

Inwiefern also ein Tinnitus überhaupt wahrgenommen und als belastend empfunden wird, hängt auch von der psychischen Stabilität eines Menschen ab: "Kommt zu einer Hörminderung eine akute Stresssituation dazu, wie ein Jobverlust, dann werden diese Mechanismen angeschaltet und auf einmal werden Ohrgeräusche wahrgenommen", erklärt sie weiter.

Besonders der Umgang mit dem Tinnitus, wenn er denn schon einmal da ist, spielt daher eine entscheidende Rolle dafür, inwiefern er am Ende tatsächlich eine Belastung darstellt: "Stellt der Patient Ohrgeräusche bei sich fest, kann er darüber hinweghören. Dann verschwindet der Tinnitus wieder. Gibt der Betroffene dem Tinnitus aber seine Aufmerksamkeit und hört immer mehr in sich rein, werden die Ohrgeräusche verstärkt wahrgenommen, weil es zu einer Abschwellung des limbischen Systems kommt", betont die Ärztin. Dieser Mechanismus erinnert an das Phänomen des sogenannten Phantomschmerzes.

Was wirklich bei chronischem Tinnitus hilft

Ganz los wird man die Ohrgeräusche nicht mehr, wenn sie schon mehrere Monate bestehen, sagt Mazurek: "Im chronischen Stadium bleibt das Ohrgeräusch bestehen und wird auch nicht leiser. Man kann sich daran gewöhnen und es in den Hintergrund drängen, um den Tinnitus weniger wahrzunehmen. Es geht nicht mehr um die Heilung, sondern darum, besser damit zu leben". Lediglich bei einem Hörverlust kann es sich lohnen, mit einem Hörgerät zu arbeiten. "Wenn die Patienten dadurch wieder besser hören, können sie auch besser über das Ohrgeräusch weghören, sodass auch kognitive Defizite verbessert werden. Wenn eine Taubheit vorliegt und der Hörnerv funktioniert, kann man über ein Implantat nachdenken. Das ist eine besondere Form der Stimulierung der Hörnerven", sagt die Tinnitus-Expertin.

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Die erste Wahl bei einem chronischen Tinnitus ist die Verhaltenstherapie in Einzel- oder Gruppensitzungen, für die es bereits viele wissenschaftliche Belege gibt. Diese kann bei einem Psychotherapeuten oder in einem speziellen Tinnituszentrum erfolgen. Das Ziel ist es dabei, Strategien im Umgang mit dem Tinnitus zu erlernen, sodass er als weniger belastend empfunden wird. "Die Ohrgeräusche sind am Ende immer noch so laut wie vorher, aber die Patienten nehmen sie anders wahr. Sie merken den Tinnitus weniger oder gar nicht mehr, weil sie ihn mehr akzeptiert haben", erklärt Mazurek. Auch psychische Begleiterkrankungen wie Ängste und Depressionen, die häufig aufgrund der belastenden Ohrgeräusche auftreten, können im Rahmen einer Psychotherapie effektiv behandelt werden. Hier können dann auch Medikamente wie Psychopharmaka gute Dienste leisten.

Die Tinnitus-Retrainingtherapie und die Tinnitus-Bewältigungstherapie (TBT) helfen laut der Patientenleitlinie "chronischer Tinnitus" erst nach längerfristigem Einsatz einigen Betroffenen zum besseren Umgang mit dem Tinnitus. Ein Rauschgerät (Noiser) wird dabei nach aktuellen wissenschaftlichen Studien nicht benötigt. Wer unter Tinnitus infolge von Problemen mit der Halswirbelsäule oder der Kiefer- und Kaumuskulatur leidet, dem hilft eventuell eine physiotherapeutische Behandlung. Viele Patienten profitieren außerdem von Selbsthilfegruppen. Entspannungsübungen helfen dabei, Stress zu vermeiden oder zu verringern, was wiederum positive Auswirkungen auf den Tinnitus hat. Alle anderen Therapiemethoden wie beispielsweise die Behandlung mit Kortison und Ginkgo Bilboa wirken Mazurek zufolge im chronischen Stadium nicht besser als eine Placebo-Behandlung.

Quelle: ntv.de

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