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Was Meditation bewirken kann "Aufmerksamkeit ist wie ein Messer"

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Meditation schärft den Geist - aber sie kann noch viel mehr, sagt Meditationsforscher Ulrich Ott.

(Foto: imago/Wavebreak Media LTD)

Meditation ist zum Trend geworden - doch was genau steckt hinter dieser Technik? Mit ntv.de spricht Meditationsforscher Ulrich Ott darüber, wie Meditation den Geist schärft und das Wohlbefinden steigert - und ob sie die ganze Gesellschaft nachhaltig verändern könnte.

ntv.de: Herr Ott, Meditation ist mittlerweile ein regelrechter Trend geworden. Aber was genau verbirgt sich eigentlich dahinter?

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Ulrich Ott ist Diplom-Psychologe und erforscht seit über 20 Jahren an der Universität Gießen veränderte Bewusstseinszustände und Meditation. Außerdem lehrt er im Fachbereich Psychologie zu Yoga und Meditation.

(Foto: annavoelske.com)

Ulrich Ott: Das kann man nicht generell beantworten, da es sehr viele verschiedene Formen der Meditation gibt. Auf der einen Seite ist das Meditation in Bewegung, wie Tai-Chi, Qigong oder auch Hatha Yoga. Und es gibt die stillen Meditationen, wo jemand ruhig dasitzt oder liegt. Meistens läuft es darauf hinaus, dass man dabei die Aufmerksamkeit auf ein Objekt richtet. Sei es der Atem, was für Einsteiger sehr angenehm ist, weil der Atem in Bewegung ist, oder man verbindet es mit dem Wiederholen eines Wortes, eines Mantras, wie das bekannte OM.


Welche Funktion hat das?

Wenn man anfängt zu meditieren und sich auf etwas konzentriert, merkt man nach einiger Zeit, dass man abschweift. Die meisten Menschen kennen das - wenn Sie einen Text lesen und abgelenkt sind, gleitet Ihr Blick über die Zeilen, aber Sie verstehen gar nicht, was da steht, weil Sie an etwas anderes denken. Bei der Meditation holen Sie sich dann zurück, sobald Sie dieses Abschweifen feststellen. Es ist also ein mentales Training der Aufmerksamkeitssteuerung. Und durch das Wiederholen werden Sie immer besser darin, einerseits die Aufmerksamkeit auf einem Objekt zu halten, andererseits merken Sie früher, wenn Sie abgeschweift sind.

Aber was hat man letztendlich davon? Wie hilft das einem im Leben?

Das überträgt sich letztendlich in den Alltag - da erfährt man, dass man bei vielen Alltagshandlungen, etwa beim Essen, beim Duschen oder beim Spazierengehen, gar nicht in der Erfahrung des gegenwärtigen Moments ist, sondern schon in Gedanken ganz woanders. Die Achtsamkeits-Meditation ist dazu geeignet, die Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt und im Körper stärker zu verankern. Dadurch kann sich die Körperwahrnehmung verbessern, die Aufmerksamkeitsregulation und die Emotionsregulation. Das steigert dann insgesamt das Wohlbefinden, bis hin zu höheren Gedächtnis- und Intelligenzleistungen.

Meditation verändert ja auch das Gehirn, wie mittlerweile viele Studien zeigen. Was genau wurde da beobachtet?

Auch bei uns am Institut betreiben wir entsprechende Hirnforschung. Was man festgestellt hat, ist eine Verdichtung und eine Verdickung der grauen Substanz bei Meditierenden. Denn wie ein Muskel reagiert auch das Gehirn auf Anforderungen mit Wachstum, mit Ausdifferenzierung. Bei jedem, der etwas lernt, wie etwa ein Musikinstrument, differenzieren sich die Sensorik und die Motorik aus. Dasselbe geschieht, wenn Sie eine Aufmerksamkeits-Schulung oder eine meditative Schulung machen.

Kann Meditation auch dabei helfen, körperlich gesund zu bleiben?

Bei Gesunden hat Meditation den Effekt der Prävention. Deswegen bezahlen auch die Krankenkassen inzwischen einen Teil der Kursgebühren, wenn Sie ein Stressbewältigung-durch-Achtsamkeit-Programm durchführen. Das hat sich auch sehr gewandelt, die Krankenkassen hatten früher den Bereich Meditation immer dem Religiösen zugeschrieben. Doch die Krankenkassen haben gemerkt, dass sich jeder investierte Euro lohnt, weil dann die Fehlzeiten von Arbeitnehmern und die Medikamenteneinnahme reduziert werden. Das merken auch die Unternehmen. Und die machen das nicht aus Selbstlosigkeit, sondern weil sie auch einen enormen Vorteil dadurch haben, dass sie eine gesunde Arbeitnehmerschaft haben.

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Läuft die Meditation dann nicht Gefahr, zu einer reinen Leistungssteigerungsmethode zu werden, durch die Angestellte besser funktionieren? Wird das Problem der hohen Belastung damit nicht an der falschen Stelle angegangen?

Sie meinen die Idee, die Ressourcen zu mobilisieren, aber die Verhältnisse nicht zu ändern. Das ist vielleicht manchmal eine Motivation zum Einstieg. Die Menschen merken dann aber, dass mehr hinter Meditation steckt, dass sie ein ganzes Spektrum von Wirkungen hat. Eine davon ist, mehr Authentizität und Integrität zu erlangen, wirklich mit sich selbst eins zu werden. Natürlich können Sie mit Meditation Ihren Geist schärfen. Auch die Samurai haben Meditation praktiziert, um perfekt zu töten. Aufmerksamkeit ist ein Werkzeug, sie ist wie ein Messer. Damit kann man einen Apfel schälen oder jemanden erstechen. Aber ich glaube, diese Idee, dass man Meditation wie eine Art Pille verschreiben kann, das funktioniert so nicht. Sondern es läuft darauf hinaus, dass die Menschen, die das praktizieren, auch selbstbestimmter leben.

Verstehe ich Sie richtig: Wer einmal mit dem Meditieren anfängt, wird zwangsläufig Einsichten erhalten, die über den reinen Nutzen zur Leistungssteigerung hinausgehen?

Mein Eindruck ist, dass es tatsächlich diese Kraft entfaltet. Man reflektiert und wird sich auch der Umstände bewusst, in denen man arbeitet. Es gibt eine exemplarische Studie, die das gut illustriert. Sie wurde in einem Callcenter durchgeführt. Man kann sich ja gut vorstellen, dass dort sehr viel Stress herrscht. In dem Callcenter wurde ein Meditationsprogramm durchgeführt, und am Ende der Studie zogen zwei Mitarbeiter tatsächlich die Konsequenz und haben gekündigt.

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Das wäre ja ein Dilemma für Unternehmer - man will den Stress reduzieren einerseits, andererseits kommen die Leute zu sich und könnten die Entscheidung treffen, dass vielleicht etwas grundsätzlich schiefläuft …

Ja. Aber da kann man natürlich auch ein wahnsinniges Potenzial für Veränderung mobilisieren. Wenn Sie Sachen reflektieren für sich selbst, dann tun Sie das natürlich auch in Ihrem Arbeitsumfeld. Sie sehen vielleicht etwas, was Sie immer so gemacht haben, eine Routine, die eigentlich gar nicht so zielführend ist. Sie verändern dann und werden kreativ. Meditation ist ja ein Mittel, um Kreativität zu fördern. Aber in einem Schlachtereibetrieb etwa könnte ein Meditationsprogramm natürlich dazu führen, dass die Menschen dort sagen, sie können und wollen so eine Arbeit nicht mehr machen.

Wenn man das weiterspinnt: Würden mehr Menschen meditieren - hätte dies auch einen gesellschaftlichen Wandel zur Folge?

Ja, das ist auch sehr lange in der Forschung reflektiert. Das Stichwort lautet Tiefenökologie. Wenn es etwa um ökologisches Verhalten oder den Klimawandel geht, fehlt es ja nicht an Wissen, es fehlt eher an Einsicht und Motivation. Leute, die meditieren, die wollen zum Beispiel manchmal gar nicht aufhören zu rauchen, und auf einmal tun sie es, weil es ihnen nicht mehr schmeckt. Oder sie wollen kein Fleisch mehr essen, weil sie merken, sie können dann gar nicht mehr meditieren. Und dann kriegen sie eine ganz andere Motivation, weil sie aus dem eigenen Körperempfinden und der Einsicht heraus ihr Verhalten ändern. Das Potenzial für gesellschaftliche Veränderung durch einen achtsameren Umgang ist enorm.

Wäre die Welt also ein besserer Ort, wenn alle Menschen meditieren würden?

Ich bin mit solchen Aussagen vorsichtig, weil dann da ein Sollen, ein Imperativ drin ist - alle sollten meditieren. Das glaube ich nicht. Es gibt Menschen, die haben andere Wege. Es ist immer eine Frage: Kommt das von innen, oder wird es von außen aufgepresst? Meditation ist eher eine Graswurzelbewegung. Aber ich denke schon, dass, wenn mehr Menschen meditieren würden, es weniger Reibungsverluste und einen achtsameren Umgang mit unserer Umwelt geben würde.

Es gibt mittlerweile nicht nur viele Bücher und Podcasts zu dem Thema, sondern auch Meditations-Apps. Was halten Sie davon?

Meditation wird in unsere kapitalistische Verwertungslogik natürlich wunderbar integriert. Auch die Apps gehen in diese Richtung - man wird belohnt, wenn man übt. Das kann für den Einstieg schön sein, aber es geht ja um eine intrinsische Motivation. Und wenn Sie die Wirkung von der Meditation an sich verspüren, dann brauchen Sie von einer App keine Belobigung mehr zu bekommen. Es widerspricht auch dem Wesen der Meditation, so etwas haben zu wollen. Weil es genau darum geht, den Geist, der etwas haben will und der sich bemüht und etwas macht, einmal zu beobachten und loszulassen.

Warum, glauben Sie, liegt das Thema Meditation in unserer Gesellschaft derzeit so im Trend? Sind wir zu gestresst, ist es der Informations-Overkill?

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Ja. Wir haben ganz klar eine hohe Informationsdichte, sind ständig erreichbar übers Handy. Und da bietet die Meditation einen Schutzraum, den man nur für sich hat. Wo man inneres Wachstum betreiben, sich zurückziehen und sich besinnen kann. Viele Menschen sind funktionalisiert, wie ein Rädchen im Getriebe der Wirtschaft oder der Familie, dass sie das Gefühl haben, sie sind ständig dabei, nur auf Anforderungen zu reagieren. Das Selbstbestimmte, Lebendige, Kreative, Im-Fluss-Sein kommt dann zu kurz.

Gibt es eigentlich auch Menschen, denen Meditation nicht gut bekommt?

Wenn Sie zum Beispiel zu einer Depersonalisations- oder Derealisationsstörung neigen und Sie fangen an zu meditieren, dann kann es sein, dass sich das verschlimmert. Auch bei einer posttraumatischen Belastungsstörung, wenn Sie ein Trauma erlebt haben wie Krieg, einen Unfall oder sexuelle Gewalt - dann können Sie ziemlich sicher sein, dass das auftaucht, wenn Sie meditieren. Daher kann eine psychotherapeutische Begleitung erforderlich sein, wenn Sie auf diese Weise belastet sind.

Mit Ulrich Ott sprach Kai Stoppel

Quelle: ntv.de

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