Leben

Koreaner machen es vor Honjok - die Lust am Alleinleben

imago0110889225h.jpg

Nicht jede(r) Alleinlebende ist unglücklich und einsam.

(Foto: imago images/Westend61)

Honjok ist koreanisch und bedeutet übersetzt Einpersonenstamm. Das kurze Wort steht für ein selbstbestimmtes und glückliches Alleinleben, das auch in anderen Teilen der Welt immer beliebter wird.

Alleinlebende stehen oft in dem Ruf, es mangele ihnen an etwas: an einem Partner oder einer Partnerin, an Sozialkontakten und vielleicht auch -kompetenzen, möglicherweise sogar an Lebenssinn. Aus Südkorea kommt nun eine Darstellung von Alleinleben, die diese Sicht komplett infrage stellt.

Unter dem Schlagwort Honjok, was sich mit Einpersonenstamm übersetzen lässt, beanspruchen immer mehr Koreaner ein Leben für sich, das sich den Wünschen und Bedürfnissen der Gemeinschaft verschließt. In ihrem Buch "Honjok" über diese Lebensform schreiben Francie Healey und Crystal Tai: "Viele Honjokker heiraten nicht und entscheiden sich lieber dafür, das Leben allein und nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten."

ANZEIGE
Honjok: Die Kunst, allein zu leben
19,99 €
Zum Angebot

Nicht nur in Korea stoßen Menschen mit der bewussten Entscheidung, allein zu leben, auf erstaunlich heftigen Widerstand. Auch in Deutschland werden Frauen spätestens in ihren 30ern mehr oder weniger unumwunden nach ihrer Familienplanung gefragt. Alleinlebende Männer können sicher sein, dass mindestens hinter ihrem Rücken Mutmaßungen über ihre Sexualität angestellt werden. Die 16 Millionen Single-Haushalte in Deutschland bestehen sicher zu einem großen Teil aus Menschen, bei denen die Kinder ausgezogen und die Partner abhandengekommen sind, aber nicht nur.

Globaler Trend

Genaue Zahlen dazu gibt es nicht. Rückschlüsse lassen teilweise Erhebungen zu Einsamkeitsgefühlen zu, aus denen hervorgeht, dass keineswegs jeder alleinlebende Mensch unter Einsamkeit leidet. "Es ist davon auszugehen, dass in westlichen Gesellschaften ein Großteil aller Alleinlebenden freiwillig allein lebt", sagt der Soziologe Janosch Schobin ntv.de. Anders sei die globale Zunahme des Alleinlebens in modernen Gesellschaften kaum zu erklären. In Korea, den USA, Schweden und Großbritannien lebt in etwa einem Drittel aller Haushalte nur eine Person, in Deutschland sind es sogar über 40 Prozent.

Immer öfter wählen Menschen aktiv diese Lebensform für sich, aus den unterschiedlichsten Gründen. Im Podcast des Psychologen und Verhaltensforschers Peter McGraw betont auch die koreanischstämmige Journalistin Ann Babe, dass die Honjokker keine homogene Gruppe sind. Zwar leben sie ausnahmslos allein, aber nicht alle haben sich gegen eine Ehe oder Kinder entschieden. Manche daten, andere haben keinen Sex. Einige vermeiden demnach sogar ein Anstellungsverhältnis und arbeiten ausschließlich freiberuflich, um keine Kollegen oder Chefs zu haben. Vielen ist es wichtig, ihre Freizeit allein zu gestalten, beispielsweise allein zu essen oder ins Kino zu gehen.

Nicht nur in Korea ist die Zahl der bewusst Alleinlebenden inzwischen so groß, dass Unternehmen beginnen, sich auf sie einzustellen. Auf Internetplattformen tauschen sich Nutzer über Dienstleistungen und Produkte für Einzelhaushalte aus, beispielsweise werden Restaurants empfohlen, in denen man gut allein essen kann. Auch in den Medien wandelt sich die Darstellung von Singles, die auf einen Lebenspartner hoffen, hin zu Einzelpersonen, die sehr zufrieden allein leben. Dahinter stehen nicht zuletzt auch wirtschaftliche Interessen, denn weil das Haushaltseinkommen nicht für die Ausbildung von Kindern aufgewendet werden muss, sind die Honjokker häufig wohlhabender als der Durchschnitt.

Leben als Alleinreise

Schobin verweist darauf, dass es in der Geschichte immer wieder Tendenzen gab, das Alleinleben gesellschaftlich aufzuwerten. Früher sei dies meist durch religiöse Aufladung erfolgt. Der Soziologe von der Uni Kassel nennt Eremiten als Beispiel, die nicht nur familiäre Bindungen, sondern auch materielle Besitztümer hinter sich ließen. Auch die Honjokker beziehen sich in ihrem Dasein auf Philosophen wie Soren Kierkegaard, Jean-Paul Sartre oder Friedrich Nietzsche. Sie alle vertraten im frühen 20. Jahrhundert die Ansicht, "dass wir als einzelne Wesen existieren, allein in der Welt ankommen und auch allein wieder abreisen", schreiben die Autorinnen des Honjok-Buchs.

So wie der Existenzialismus ist aber auch der Individualismus ein möglicher Antrieb der gern Alleinlebenden heute. Vor allem in den kollektivistisch geprägten Gesellschaften Asiens bedeutet das Beharren auf Individualität eine Abkehr von bisherigen Normen. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass unter den ersten Honjokkern viele Frauen waren, die sich mit dem Alleinleben den Einschränkungen entzogen, die verheiratete Frauen noch immer automatisch hinnehmen müssen. In Korea gehört dazu beispielsweise der Verlust der Erwerbsarbeit und die Verrichtung sämtlicher Care-Arbeiten in der Familie.

Nicht zuletzt verspricht das Alleinleben eine größere Wertschätzung des eigenen Selbst. Honjokker suchen das Glück nicht im Außen, sondern widmen sich der Selbsterforschung. Sie genießen ihre eigene Gegenwart und nehmen sich die Freiheit, sich vor allem um sich selbst zu kümmern. Dahinter steht die Erkenntnis, dass man die stabilste und dauerhafteste Beziehung mit sich selbst führt. Dann sind vermutlich diejenigen besser dran, die es gut mit sich aushalten.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.