Liebe und Familie

Phänomen Microcheating Ein bisschen Fremdgehen ist okay

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Unsicherheit in der Beziehung kann dazu führen, dass es nicht beim Microcheating bleibt.

(Foto: imago)

Ohne ein paar Fremdflirts und Illoyalitäten dem Partner gegenüber kommen die wenigsten Beziehungen aus. Eine Paartherapeutin erklärt, wann kleinere Betrügereien harmlos sind und in welchen Partnerschaften Microcheating zum Problem wird.

Der Abend ist spät, die Stimmung ausgelassen. An der Bar rempelt sie plötzlich dieser Kerl an. Und als der ihr mit blitzenden Augen Komplimente macht und seine Handynummer zusteckt, flirtet sie nur zu gern zurück. Dass zu Hause der Freund wartet? Das erwähnt sie lieber nicht.

Microcheating heißt dieses Fremdgehen in der Mini-Version. Eine Grauzone, in der der Partner nicht körperlich betrogen wird, die nichts mit wilden Küssen oder Sex zu tun hat - die aber durch ihre Illoyalität trotzdem nicht ganz harmlos ist. Oder, um es mit den Worten der australischen Psychologin Melanie Schilling zu sagen, die den Begriff geprägt hat: Microcheating ist eine Vielzahl klein erscheinender Handlungen, die zeigen, dass ein Partner auf eine Person außerhalb seiner Beziehung fokussiert ist. Ein paar zweideutige Whatsapp-Nachrichten, das der Partnerin verschwiegene Mittagessen mit dem verflossenen - aber immer noch äußerst attraktiven - Sommerflirt aus dem vergangenen Jahr. Das ist doch normal und unbedeutend. Oder?

Der Anglizismus vom kleinen Betrug wird als einer der neuen Dating-Trends gehandelt, auch weil es sich durch Social Media so einfach fremdflirten lässt wie nie zuvor. Dabei sind Flirts außerhalb der Beziehung nichts Neues - und Microcheating etwas ganz Humanes, sagt die Berliner Psychologin und Paartherapeutin Diana Boettcher. Auch dass wir jemanden attraktiv finden, obwohl wir eigentlich längst vergeben sind, ist völlig okay. "Aber am Ende können wir entscheiden, ob wir nach dem Flirt den zweiten und dritten Schritt gehen oder nicht."

Wer unsicher ist, geht einen Schritt weiter

Meistens, sagt Boettcher, kommt es nicht zu diesem zweiten oder dritten Schritt. Das Microcheating beflügelt dann für einen Augenblick, sorgt für ein breites Grinsen im Gesicht. Dann löst sich der Moment schnell wieder auf. Schließlich ist man nicht ohne Grund mit dem Partner zusammen - für den es ebenfalls durchaus reizvoll sein kann, wenn der andere von Außenstehenden als attraktiv wahrgenommen wird.

Was aber, wenn sich der Fremdflirt im Kopf festsetzt - beispielsweise, weil es sich um einen Kollegen handelt, den man immer und immer wieder sieht? "Dann muss man sich schon fragen, warum dieser jemand - wenn auch erstmal nur hypothetisch - von außen in die Beziehung hineinkommen kann", sagt Boettcher. Regelmäßig einer anderen Person zu schreiben, ohne dem Partner davon zu erzählen, sie unter falschem Namen im Handy abzuspeichern oder brisante Nachrichten von ihr zu löschen - das ist eben nicht mehr belanglos. "Die Aufmerksamkeit, die dahin gelenkt wird, wird dann aus der Partnerschaft herausgenommen", erklärt die Therapeutin, die Paaren in ihrer Praxis Wege aus einer Beziehungskrise zeigen möchte. "Das führt zu Irritationen im System."

Anfällig sind dafür vor allem Paare mit unsicherer Bindung. "Wir Menschen sind so konstruiert, dass wir eine sichere, verlässliche Bindung brauchen, wir wollen in einer Beziehung gesehen werden", sagt Boettcher. "Wenn wir das in einer Partnerschaft nicht bekommen und dann jemand kommt, der uns schöne Augen macht, uns emotionale Nahrung gibt und dann auch noch attraktiv ist, sind wir sehr verleitet, einen Schritt weiter zu gehen." Eifersucht, auch im Hinblick auf Fremdflirts und Microcheating, erlebt die Psychologin vor allem bei Paaren, bei denen es schon einen Seitensprung gab. "Da wird dann sehr penetrant geschaut, wen der Partner anschaut oder wen er auf Social Media liked."

Wo fängt Fremdgehen an?

Doch welcher Schritt ist einer zu weit? Wo Flirten aufhört und Fremdgehen anfängt, ist seit jeher eine heiß diskutierte Frage. Während es für den einen schon Betrug ist, nur an jemand anderen zu denken, ist für den anderen ein One-Night-Stand ohne Gefühle noch kein Trennungsgrund. Hinzu kommen kulturelle Unterschiede: In Frankreich etwa, sagt Boettcher, werde alles ein bisschen lockerer gesehen. Die kleine Neckerei mit dem Kellner gehört da fast schon dazu.

Ob der Mini-Betrug der Beziehung schadet oder sie am Ende sogar stärkt, ist also von Paar zu Paar unterschiedlich. Wer in einer gefestigten Beziehung ist, kann dem Partner vielleicht sogar scherzhaft von dem Fremden erzählen, der nach der Handynummer gefragt hat. "Wenn damit ein bisschen gespielt und der Vorfall gemeinsam belächelt wird, kann das sehr verbindend sein", sagt die Psychologin.

In einer brüchigen, konfliktreichen Beziehung befeuere Microcheating dagegen die Unsicherheit. "Wenn ich merke, dass mein Partner superempfindlich reagiert, sollte ich Flirtereien lieber für mich behalten", sagt Boettcher. Der tiefe Blick in der S-Bahn oder die Instagram-Nachricht an die Ex sind dann aber vermutlich auch eher Begleiterscheinungen einer ohnehin schwierigen Partnerschaft - und nicht der Auslöser für die Probleme. Denn wer am Ende des Abends zufrieden und mit einem kleinen Hochgefühl zurück zum Partner geht, der kann den kleinen Flirt auf der Party oder an der Supermarktkasse bedenkenlos mitnehmen.

Quelle: n-tv.de

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