Leben

Mit Multipler Sklerose auf Reise "Meine MS brüllte mich an"

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Mousa ließ sich nicht unterkriegen - und reiste um die Welt.

(Foto: (c)Erik Schütz GoodBY_HIGHRES)

Mit 23 Jahren spürt Samira Mousa die ersten Anzeichen ihrer Krankheit: Multiple Sklerose. Erst will sie es nicht wahrhaben, aber dann fasst sie einen Entschluss: Sie geht mit einem Rucksack voller Medikamente auf Weltreise - und findet Halt.

Entspannte Strandpartys auf Bali feiern, feurig-scharfes Essen in Mexiko genießen und die Lebensfreude Kolumbiens spüren - das sind nur einige Erfahrungen, die die Berlinerin Samira Mousa auf ihrer Weltreise in mehreren Ländern gesammelt hat. Es ist eine Rucksackreise, wie sie viele junge Menschen Mitte 20 machen. Doch für Mousa ist diese Reise nicht nur ein Abenteuer. Sie reist mit dem Ballast einer chronischen Krankheit. Ihre Diagnose lautet Multiple Sklerose, kurz MS.

Mit 23 Jahren, mitten in der Ausbildung zur Eventmanagerin, spürt sie starke Augenschmerzen. Sie ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, dass das ein erstes Anzeichen ihrer Krankheit ist. MS ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunkrankheit des zentralen Nervensystems. Mousas Immunsystem richtet sich gegen ihren Körper.

Die junge Frau stürzt das in eine Krise. Fragen wie "Bin ich bald ein Pflegefall"? tauchen in ihrem Kopf auf und wollen nicht mehr verschwinden. Würde sie schon bald in im Rollstuhl sitzen? Würde sie sich noch ihre Träume erfüllen können? Meinungen in Internetforen machen ihr Angst. Anscheinend melden sich im Internet nur die MS-Patienten zu Wort, denen es schlecht geht. In der Rückschau beschreibt Mousa das als echte "Gruselgeschichten".

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Mousa reiste trotz ihrer chronischen Krankheit um die Welt.

(Foto: (c) Eddy Kruse_HIGHRES)

Doch dann trifft sie eine Entscheidung: Zweifel, Zögern und Befürchtungen legt sie beiseite und lässt diese Gedanken nicht mehr zu. Schon immer wollte sie eine Weltreise machen. Samira Mousa will nicht, dass die Krankheit ihr komplettes Leben bestimmt. Stattdessen möchte sie nur eines: durch die Welt reisen und "das Leben in allen Facetten spüren".

Sie gibt ihr gewohntes Leben auf, kündigt ihren Job, vermietet ihre Wohnung unter, räumt ihren Kleiderschrank komplett aus und ihre Habseligkeiten in den Keller. Alles, was sie für den nächsten Schritt braucht, ist ein 36-Liter-Rucksack.

Erst geht es nach Asien, dann nach Südamerika und schließlich nach Italien. Angst hatte sie keine. "Ich hatte Respekt, aber keine Angst. Ich habe es mir abgewöhnt, Angst als Berater zu nehmen. Ich habe mich gut vorbreitet und alles in meiner Macht Stehende getan, um es so gut wie möglich zu machen. Bei dem Rest hatte ich dann auch Vertrauen in das Schicksal", erklärt sie n-tv.de.

Es ist nichts vorhersehbar

Im Notfall, so sagt sie, müsse sie bei einem Schub eben in ein Krankenhaus gehen und Cortison bekommen. "Ich habe allerdings einen leichten Krankheitsverlauf und was für mich gilt, gilt nicht automatisch für alle", betont sie. Der Verlauf ihrer MS sei nicht vorhersehbar, sie könne nur vieles tun, um sich gegen Schübe zu stemmen: gute Ernährung, Stress meiden und positive Gedanken.

Sie arbeitet als Autorin und Texterin, als sogenannte digitale Nomadin, an traumhaft schönen Orten, schreibt ein paar Stunden am Tag und versucht das Leben in den freien Stunden so intensiv zu spüren, wie sie nur kann. Mousa spricht vor völlig Fremden über ihre Krankheit und fühlt sich erleichtert, angenommen und gehalten. Es ist ein Gefühl, das sie in ihrem Mut bestärkt, den Weg weiter zu gehen. Weiter zu reisen, weiter solche Erfahrungen zu machen, die ihr Selbstvertrauen stärken.

Das klappt so gut, dass sie zwischenzeitlich keine Symptome ihrer Krankheit spürt. Dennoch reist sie mit einem Rucksack, der zu drei Vierteln mit Medikamenten gefüllt ist, die sie jeden Tag einnehmen muss. Spätestens dann wird sie an ihre MS erinnert.

Doch nicht immer läuft alles nach Plan. Sie jobbt zwischendurch und hilft bei einer Freundin in Südamerika auf einer Pferdefarm aus. Als der Stresspegel zu hoch wird, meldet sich die Krankheit brutal zu Wort. "Meine MS brüllt mich an", schreibt sie in ihrem Buch und wird in ihrem Aktionismus bei der Arbeit jäh gestoppt. Sie merkt, dass es einfach nicht mehr geht.

Es sind diese Momente, die ihr zeigen, dass sie die Krankheit nicht einfach ignorieren und ihren Körper überlisten kann. Es folgt eine Zwangspause. Bettruhe fern der Heimat, Serienmarathon statt Abenteuer. "Stress bringt unser Nervensystem in Aufruhr. So etwas verursacht Schübe", erklärt sie. Generell sei es ihrer Meinung nach wichtig, dass Menschen mit MS lernen, diesen Stress abzubauen und in einer solchen Situation einen Schritt zurückzutreten. Immer wieder muss sie während der mehr als einjährigen Reise kämpfen.

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Ihr Blog "Chronisch fabelhaft" soll MS-Kranken dienen, sich mit der Diagnose zurechtzufinden. Mit ihren Artikeln will Mousa eben keine "Gruselgeschichten" erzählen, sondern alle Facetten ihrer Krankheit beschreiben. "Ich möchte Menschen sozusagen abholen, wenn sie aus der Arztpraxis kommen. Ich will ihnen einen Rettungsring geben und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind."

Für Mousa ist aber klar, dass die Entscheidung für eine solche Reise nicht aufgeschoben werden kann, schließlich habe "niemand die Garantie, bis ins hohe Alter fit zu sein". Auch für nicht chronisch Kranke würde das gelten. Mit diesem Ansatz will sie auch andere überzeugen, Widrigkeiten zu überwinden. Aus ihrer Sicht sind auch Schicksalsschläge wie Krankheiten oder Verlust kein Grund, alles aufzugeben: "In diesen Phasen leiden die Menschen und glauben, dass das Leben eine große Beule bekommen hat. Ich glaube, dass es trotzdem Möglichkeiten gibt, dankbar durchs Leben zu gehen. Denn Unzufriedenheit kreiert negative Gefühle", zeigt sich die Autorin und Bloggerin optimistisch.

Quelle: n-tv.de

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