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Selbstgespräche können die Motivation steigern, beim Stressabbau helfen und beim Sortieren von Gedanken unterstützen.
Selbstgespräche können die Motivation steigern, beim Stressabbau helfen und beim Sortieren von Gedanken unterstützen.(Foto: imago/Ikon Images)
Montag, 21. Mai 2018

Warum Selbstgespräche gut sind: Reden Sie mehr mit sich selbst!

Von Kira Pieper

Wer leise vor sich hin brabbelt, wird von seinem Umfeld schnell als wahnsinnig abgestempelt. Psychologen haben aber herausgefunden, dass Selbstgespräche keineswegs ein Anzeichen für Verrücktheit sind. Im Gegenteil: Sie sind extrem nützlich.

Neulich im Parkhaus: "Wo hab' ich denn meinen Schlüssel?", murmelt eine junge Frau vor sich hin, während sie aufgeregt in ihrer Handtasche herumwühlt. Eine Antwort bekommt sie nicht, denn es ist niemand da, der auf ihre Frage reagieren könnte. Menschen, die laut vor sich hin plappern, aber offensichtlich keinen Gesprächspartner haben, wirken befremdlich. Dabei schätzen US-Forscher, dass 96 Prozent aller Erwachsenen gelegentlich mit sich selbst reden. Selbstgespräche scheinen also etwas völlig Normales zu sein. Und nicht nur das: Experten halten sie sogar für ein extrem sinnvolles Denkwerkzeug.

Sie erfüllen ganz unterschiedliche Funktionen, wie Psychiater und Psychotherapeut Dirk Wedekind von der Universität Göttingen im Gespräch mit n-tv.de erklärt. "Unsere Gedanken sind nicht strukturiert", sagt er. Ein Selbstgespräch könne helfen, sie klarer zu fassen und zu analysieren. Zudem könne die Autokommunikation ein gutes Ventil sein, um Stress abzubauen. Und: "Monologe helfen dabei, sich zu motivieren und die gesteckten Ziele zu erreichen."

Nicht ohne Grund gilt das Selbstgespräch im Leistungssport als probates Mittel der Leistungssteigerung. Deswegen sehen Zuschauer Sportler in Schlüsselsituationen oftmals nicht nur fokussiert und in sich gekehrt, sondern auch vor sich hin murmelnd. Zum einen motivieren sie sich zum Beispiel selbst mit den Worten "Du schaffst das!" oder sie rufen sich Bewegungsabläufe noch einmal ins Gedächtnis. "Ein Fußballer kann sich vor dem Elfmeter zum Beispiel leise vorsagen: 'Ich schieße jetzt rechts oben in die Ecke'", so Wedekind.

Kinder sprechen unbefangen mit sich selbst

Selbstgespräche sind schon früh im menschlichen Verhalten verankert. Mit etwa zwei Jahren fangen Kinder an, den Monolog von sich aus zu kultivieren. Sie reden ständig vor sich hin und gehen ganz unbefangen damit um. Auf diese Weise bündeln sie ihre Aufmerksamkeit, sortieren Gedanken und Geschehnisse. Bereits 2007 veröffentlichte der Psychologe Adam Winsler von der George Mason University in Fairfax, Virginia, eine Studie, die zeigte, dass drei- bis fünfjährige Kinder, die mit sich selbst sprechen, ihnen gestellte Rätsel schneller lösen als Kinder, denen das Selbstgespräch verwehrt blieb.

Wedekind empfiehlt Eltern deshalb, die Monologe ihrer Kinder auf keinen Fall zu unterbinden. Denn die Autokommunikation hat noch eine andere wichtige Funktion: "Bei Kindern hat das Selbstgespräch auch viel mit dem Spracherwerb zu tun. Sie lernen, Gegenstände zu benennen und probieren die Aussprache aus." Ab dem fünften Lebensjahr nimmt dieses Verhalten allerdings zunehmend ab. Ist noch jemand anderes im Raum, sprechen Kinder ihre Gedanken zunächst immer häufiger flüsternd aus, ehe sie diese - wie Erwachsene - irgendwann ganz für sich behalten.

Kranke Menschen können nicht unterscheiden

Dabei hilft das Selbstgespräch auch im Erwachsenenalter: Psychologen der Universitäten in Bamberg und Wien konnten das mit einem Experiment nachweisen: Sie ließen Studenten Fahrradhalter entwerfen und bauen und beobachteten sie ­dabei per Video. Besonders gut und schnell konstruierten die Teilnehmer, die sich ständig fragten: "Soll ich das so oder lieber so machen? Kann das funktio­nieren?" Die Probanden waren während ihrer Arbeit deutlich konzentrierter und strukturierter.

Mit einer psychischen Störung hat ein Selbstgespräch also wenig zu tun. "Niemand, der ein Selbstgespräch führt, muss Angst haben, dass er verrückt wird", so Wedekind. Denn das Monologisieren bei psychischen Störungen hat eine andere Qualität. "Gesunde Menschen erkennen, woher die Stimme kommt, mit der sie sprechen", erklärt der Psychologe. Menschen, die an einer Psychose leiden, könnten indes nicht unterscheiden, ob die Stimme von innen oder außen komme.

Ein Symptom, das sich zum Beispiel bei Menschen zeige, die unter Schizophrenie oder Demenz leiden. "Sie können nicht sagen, ob die Stimme real ist oder nicht", erklärt der Psychologe. Von einer psychischen Erkrankung kann man beispielsweise ausgehen, wenn Menschen ständig dieselben Sätze wiederholen, vor sich hin schimpfen oder in öffentlichen Räumen, wie zum Beispiel der U-Bahn, laut mit sich selber diskutieren. Wer aber lediglich nach dem Autoschlüssel sucht, den bringt das Quasseln womöglich auf den zündenden Gedanken.

Quelle: n-tv.de