Leben

Einfach mal wachsen lassen Unkraut macht den Garten wilder und nützlicher

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Kornrade und Klatschmohn: Ordnungsfanatikern ist so ein Gewucher im Garten vielleicht zu wild, andere finden es schön. Gut für die Tierwelt ist es auf jeden Fall.

(Foto: picture alliance / blickwinkel/F. Hecker)

Ratgeberbücher zum Thema Unkraut gibt es viele, darin steht aber meist, wie man es loswird. Doch mehr und mehr erobert Unkraut Gärten und Balkons - nicht etwa, weil der Kampf dagegen aufgegeben wurde. Im Gegenteil: Es wird bewusst wachsen gelassen oder angepflanzt. Sogar Auszeichnungen gibt es dafür.

Klatschmohn statt Geranie, Blutweiderich statt Begonie: Auf Katharina Heubergers Balkon wachsen hauptsächlich Pflanzen, die es im Gartencenter nicht zu kaufen gibt. In Kübeln und Kästen gedeihen Kamille, Kornblumen, Nelken-Leimkraut und Saat-Wucherblume, Wilde Möhre, Gewöhnlicher Natternkopf und Wiesen-Salbei. Alles Pflanzen, die wir als Unkraut bezeichnen.

Derzeit versucht die Bloggerin und Buchautorin mit Wald-Geißblatt die Hauswand noch grüner zu machen, ergänzend zur ebenfalls kletternden Alpen-Waldrebe. "Ich liebe mein Unkraut und pflanze oder säe es absichtlich", sagt Heuberger.

Auch im Garten von Elke Schwarzer findet sich so manches, was sonst eher ausgerupft wird. "Die Knoblauchsrauke hat sich irgendwann mal ein Herz gefasst und sämtliche Beete erobert. Das macht aber nichts, weil sie essbar ist und der Aurorafalter Eier an den Blüten ablegt", sagt die Biologin und Buchautorin. Auch der Gundermann darf in Maßen bleiben - "weil er so würzig ist und die Hummeln ihn mögen".

Gold-Medaille für ein Beet mit Unkraut

Ob üppig oder in Maßen, ob von selbst gekommen oder bewusst angesiedelt: Wildpflanzen erobern viele Gärten und Balkone. Das war schon immer so, wenn man der Natur ihren Lauf lässt. Doch jetzt dürfen diese Pflanzen immer häufiger auch bleiben. Auf Blogs und in den sozialen Netzwerken wird stolz Wildwuchs präsentiert. Gartenratgeber mit Unkraut im Titel werden prämiert und zu Bestsellern - und das nicht, weil sie erklären, wie man es möglichst schnell loswird.

Und dann auch noch das: In England, der Wiege der Gartenkultur, ist das Wilde inzwischen anerkannt. Bei der RHS Flower Show Tatton Park 2021 zeichnete die Royal Horticultural Society (RHS) mit "Weed Thriller" von Sunart Fields ein Beet aus, in dem unter anderem Jakobskreuzkraut, Ginster, Ampfer und Distel wuchsen. "Wir ermutigen Gärtner und Gartenbauexperten, die natürliche Schönheit und Bedeutung aller Arten anzunehmen, einschließlich derjenigen, die üblicherweise als Unkraut angesehen werden", heißt es auf der Website der Prämierten.

Nahrung für Insekten - und für Gärtner

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Viele Insekten lieben Pflanzen, die gemeinhin als Unkraut bezeichnet werden.

(Foto: Elke Schwarzer/Verlag Eugen Ulmer/dpa-tmn)

Für den Sinneswandel hat Katharina Heuberger eine Erklärung: die 2017 veröffentlichte Krefelder Studie, die das Insektensterben über Jahrzehnte dokumentierte und viel öffentliche Aufmerksamkeit bekam. "Seitdem kann keiner mehr sagen, er hätte von dem leisen Sterben um uns herum nichts gewusst", sagt die Bloggerin von "Wilder Meter". Sie sieht ihre Balkongestaltung als Öffentlichkeitsarbeit, politisches Engagement und Demonstration dafür, was auf gerade mal drei Quadratmetern im fünften Stock möglich ist: "146 Arten sind auf meinem Balkon nachgewiesen".

Mal ganz abgesehen davon, dass die vermeintlichen Unkräuter auch ihren Gärtnerinnen und Gärtnern ganz schön viel zu bieten haben: Man kann sie essen. "Einige Unkräuter wie Gundermann und Vogelmiere schmecken so einmalig, dass sie von Garten-Gourmets entdeckt werden", sagt Schwarzer, die den Blog "Günstig Gärtnern" betreibt. "Außerdem ist an Unkraut praktisch, dass es einem nie ausgeht und man sich nicht um das frische Kraut für die Küche kümmern muss."

Vieles zulassen, aber nicht alles dulden

Doch wie wird der eigene Garten wilder? "Eigentlich muss man sich darüber kaum Gedanken machen, denn das Unkraut sucht sich selbst seinen Platz", so Schwarzer. "Die Brennnessel findet zielsicher die stickstoffhaltigen Stellen im Garten, der Giersch den feuchten Schatten." Und wenn es doch nicht klappen will: Spezialisierte Gärtnereien bieten Wildpflanzen vorgezogen oder als Saatgut an - lokal, auf Märkten und über Onlineshops.

Aber bei einigen Gewächsen empfiehlt die Pflanzenkennerin, dann doch klare Grenzen zu setzen. Dem Stinkenden Storchschnabel beispielsweise. "Bei der Zaunwinde bin sogar ich vorsichtig. Anfangs betört sie uns mit ihren wunderschönen weißen Trichterblüten, doch kann sie Stauden niederringen und treibt überall aus Ausläufern aus", erzählt Schwarzer. Auch vor Brombeeren warnt sie, insbesondere der Armenischen. "Sie können in kurzer Zeit alles zuwuchern, sind schmerzhaft zu entfernen und treiben aus den Wurzeln immer wieder aus."

Sogar auf dem Balkon möglich

Viele der anderen Wildkräuter lassen sich sogar auf dem Balkon gut halten. Hier ist aber - wie bei allen Gewächsen - wichtig, dass Pflanzen, Standort und die Versorgung mit Wasser und Nährstoffen zusammenpassen. Katharina Heuberger empfiehlt pollen- und nektarreiche Blumen sowie Stauden und Gräser, die Schmetterlingsraupen als Futter dienen. Ein Muss sind für sie Glockenblumen, da diese Pflanzengattung von vielen verschiedenen Wildbienen und anderen Insekten genutzt werden können.

Auch auf dem Balkon siedeln sich viele Wildpflanzen von selbst an. Zum Beispiel, wenn man Maulwurfserde zum Gärtnern verwendet. Auf diese Weise sind Persischer Klee, Acker-Gauchheil, Hirtentäschel und die Raue Gänsedistel auf Heubergers Balkon eingezogen.

Ein Balkon rettet keine Art, hilft aber dabei

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"Der ökologische Wert einer Pflanze an einem bestimmten Balkon-Standort kann erst nach der Saison wirklich eingeschätzt werden", sagt sie. "Selbst unscheinbare Blüten wie die der Gelben Resede können äußerst interessante Gäste wie die Reseden-Maskenbiene anlocken."

Heuberger ist bewusst, dass man mit einem Garten oder Balkon mit Unkraut keine Arten retten kann. "Aber man kann die Arten mit Pflanzen fördern, die auch im Siedlungsraum vorkommen." Auf diese Weise könnten Trittstein-Biotope entstehen, die mit anderen ökologisch nützlichen Flächen vernetzen. "Der Balkon oder der Garten ist der Ort, wo jeder tätig werden kann", ist Heuberger überzeugt.

Quelle: ntv.de, Melanie Öhlenbach, dpa

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