Leben

In Vino Verena Wenn die vierte Welle ganz unerwartet kommt

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Die Zahlen der gemeldeten Corona-Neuinfektionen explodieren.

(Foto: imago images/Christian Ohde)

Steigende Todeszahlen, sich wieder füllende Intensivstationen, Debatten über Impf-Booster und Politiker, die fortwährend Empfehlungen ohne Zustimmung der Ständigen Impfkommission fabulieren. Unsere Kolumnistin über den Corona-Herbst, in dem sich das Virus auf das Politik-Chaos verlassen kann.

"Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und dabei andere Ergebnisse zu erwarten." Diese Aussage, die - trotz widersprüchlicher Quellenangaben - Albert Einstein zugeschrieben wird, wabert mir in letzter Zeit immer wieder durch den Kopf. Ist das schon übertrieben oder kann man unsere Situation nicht längst als Corona-Wahnsinn bezeichnen?

Ganz ehrlich, liebe Leserinnen und Leser, ich bin, was die Flut an Informationen rund um Corona betrifft, anfangs kaum hinterhergekommen, mittlerweile frage ich mich: Blicken diejenigen, die sie verkünden, eigentlich selber noch durch? Ministerpräsidenten und -präsidentinnen aller Bundesländer, ihre Entourage und viele Spitzenpolitiker und -politikerinnen aus Berlin wirken dieser Tage - zumindest auf mich - wie ein aufgescheuchter Hühnerstall. Das meine ich keineswegs despektierlich. Einige wissen mal wieder alles besser, andere haben es schon immer gewusst. Phrasendrescherei und wachsende Verunsicherung auf allen Seiten. Erneut ist von regionalen Unterschieden die Rede, aber auch davon, dass man im Zuge der anrollenden vierten Covid-Welle keinen Regel-Flickenteppich haben möchte.

Die 3G-Regelung soll es richten. Oder doch eher die 2G-Regel? Oder wie wäre es mit der 2G-plus-Regel? Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sprach kürzlich auf einer Pressekonferenz sogar von einer neuen Art der Pandemie - und zwar der "Pandemie der Ungeimpften". Wenn wir beginnen, so zu argumentieren, schlittern wir im Grunde in eine Pandemie-Spirale der Worthülsen. Dann haben wir auch die Pandemie des Wegsehens, die Pandemie des kollektiven Vergessens und die Pandemie der Vetternwirtschaft, die in regelmäßigen Abständen über unser Land hinwegschwappen. Längst scheint zumindest hier die Herden-Immunität erreicht. Denn: Wir haben uns daran gewöhnt. An das Geklüngel der Mächtigen und Wirtschaftsbosse. An die Korruption. Den Lobbyismus. Eine der schlimmsten Seuchen ist die Ungerechtigkeit. Und auch dagegen ist man inzwischen größtenteils immun, einfach, weil man sonst vermutlich durchdrehen würde.

Huch, es ist ja auf einmal Winter!

Doch zurück zum Thema. Lassen Sie uns über die Impfzentren reden! Einige wurden ob der horrenden laufenden Kosten in den vergangenen Wochen geschlossen, teils sogar abgebaut, nur um kurz darauf planlos anmutend wieder eröffnet zu werden. Dass die Menschen es in der dunklen Jahreszeit muckelig mögen und sich so ein Virus in diesen Tagen leichter beziehungsweise schneller übertragen kann, ist sicher die erste neue Erkenntnis dieses Herbstes 2021. Hallo? Das ist ungefähr so dämlich, wie im Dezember zu sagen, dass man vom "plötzlichen Wintereinbruch" ganz überrascht sei. Ist es tatsächlich möglich, dass es so etwas wie einen Herbst und eine kalte Jahreszeit gibt? Also ehrlich: Das konnte ja nun wirklich keiner ahnen!

Und wie sieht es in diesem Jahr mit den Luftfiltern in den öffentlichen Schulen aus? Ist endlich alles im Lot oder werden die Bundesländer da auch - selbstredend mit regionalen Unterschieden - vom bösen Wintereinbruch schon wieder überrascht?

Geimpft oder nicht geimpft: In Bälde stehen wir im Jahr drei einer der größten gesundheitlichen, wirtschaftlichen und humanitären Notlagen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Und noch immer scheint es Leute in verantwortlichen Positionen zu geben, die ihre Hausaufgaben nicht machen, nicht machen wollen oder einfach nicht machen können. Warum posaunen einige Politiker und Politikerinnen immer wieder neue Töne möglicher Regeln, Lockdowns oder besserer Impf-Empfehlungen in die Luft, ohne diese mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen oder der Ständigen Impfkommission koordiniert zu haben? Muss man das noch verstehen?

Corona-Fahrplan? Wir gucken mal!

In einer Krise, die die Gesellschaft immer mehr spaltet, sorgt ein solches Vorgehen nicht wirklich für ein einheitliches und geschlossenes Bild. Ob man den Aussagenden jetzt Naivität, Dummheit oder politisches Kalkül unterstellen will, muss natürlich jeder selbst beurteilen. Aber ein gesellschaftlicher Zusammenhalt wird damit definitiv nicht gefördert.

Die Situation, so wird es immer wieder und gern betont, sei halt dynamisch. Ich verstehe das. Jeder versteht das. Was heute gilt, kann bereits morgen obsolet sein. Leuchtet vollkommen ein. Ja, so ein Virus ist ein ganz gewitztes, tückisches Aas. Aber Logik ist immer noch Logik. Und die Rahmenbedingungen, die dem Virus dabei helfen, sich weiterzuverbreiten, haben sich in Bezug auf die kommenden kalten Monate im Vergleich zu denen des Jahres 2020 nicht verändert!

Vollkommen ernst gemeinte Frage: Warum wirken einige der Aussagen der politischen und medizinischen Führungsriege das zweite Mal in Folge so hilflos, so orientierungslos, so unfassbar unprofessionell? Luftfilter? Einfach Fenster öffnen im Winter und sich warm anziehen im Klassenraum. Stärkt ja auch das Immunsystem! Pandemische Notlagen beenden? Ja, nein, ja, nein. Wie wäre es, wenn man die kommenden Entscheidungen einfach würfeln würde? Den Pflegekräftemangel angehen? Sind wir dran. Alles nicht so einfach umsetzbar. Aber wir haben Kerzen.

Ich frage mich: Wie sollen sich die Bürger und Bürgerinnen auf einen gemeinsamen und zielorientierten Corona-Überwindungs-Plan verständigen, wenn nicht mal die Verantwortlichen eine einheitliche Richtung so formulieren können, dass sie den meisten Leuten ein Gefühl von gelungenem Krisen-Management gibt? Möchten Sie auch eine Antwort? Sie wird sicherlich demnächst gewürfelt. Aber nur, wenn nicht plötzlich der Winter über uns hereinbricht.

Quelle: ntv.de

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