Leben

Pornos, Sexting, Pimmel waschen Wir müssen mit Jungs über Sex reden

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Viele Jungs glauben, alles über Sex zu wissen, aber da gibt es Bildungslücken, sagen Experten.

(Foto: imago/Steffen Schellhorn)

Wer hat den Längsten und wie viel kommt raus? Manche Jungsfragen bleiben immer dieselben. Doch vieles bleibt im Rahmen klassischer Sexualerziehung ungeklärt. Ein Youtuber und ein Lehrer treten an, um die Bildungslücken der Pubertisten zu schließen.

Es ist nicht so, dass jemals wer darauf gewartet hätte. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem die Biolehrerin umständlich ein Kondom über eine Banane stülpt oder der Lehrer über die Gefahren eines Trippers aufklärt. Sexualkunde ist eine sagenumwobene Unterrichtseinheit im Leben von Schülerinnen und Schülern. Oft läuft sie krampfig ab, wichtige Fragen bleiben ungeklärt. Mit den eigenen Eltern läuft es selten besser. Wie aber sollen die lieben Kleinen denn nun erfahren, was sie über den eigenen und über fremde Körper wissen müssen?

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Pornos jedenfalls taugen kaum als Lehrstücke. Mal unabhängig davon, dass die meisten Heranwachsenden erst einmal herausfinden müssen, was wie wo reinkommt, bevor sie sich an bühnenreifen Turnübungen versuchen, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass Sex auf Youporn, XHamster & Co anders ausschaut als im echten Leben. Benjamin "Ben" Scholz müht sich, zu erklären, was speziell Jungs in puncto untenrum so umtreibt. Auf seinem Youtube-Kanal "Jungsfragen" erörtert er, was Fleisch- und Blutpenis unterscheidet oder wie man eine Taschen-Muschi bastelt. Aber er unterstützt auch beim Coming-out und erklärt PrEP, die Pille gegen HIV. Antworten auf die drängendsten Jungsfragen hat Scholz in einem Buch zusammengefasst.

"Wie lang muss der Dödel sein? Und wie viele Liter müssen rauskommen?" Das beschäftige die Jungs, sagt Scholz n-tv.de. In der Hinsicht scheint sich also nicht besonders viel geändert zu haben, seit der erste Mann dem zweiten beim Pinkeln zwischen die Beine schielte. Was aber grundlegend anders ist als früher: Kinder glauben heute aufgrund medialer Einflüsse viel mehr zu wissen. Und das führt eben dazu, dass man abgeklärt Anal-Videos im Klassenchat tauscht, ohne zu wissen, dass man - sofern denn unbeschnitten - bei der Körpervollreinigung bitte die Vorhaut zurückzieht.

"Völliges Minenfeld, völliger Blindflug!"

"Wenn ich denen sage, Deo kommt auf die Haut und nicht aufs T-Shirt, dann sehe ich da immer wieder große Fragezeichen über den Köpfen", erzählt Scholz. "Durch die ganzen Pornos glauben sie, zu wissen, wie es in der Kiste abläuft. Aber bis man überhaupt mal mit der angebeteten Person in der Kiste landet … Der ganze Weg dahin: völliges Minenfeld, völliger Blindflug!" Scholz sieht eine durchaus problematische Diskrepanz zwischen dem Wissen, das sich Kinder im Internet aneignen und dem Stoff, den ihnen Lehrer beibringen. Irgendwo zwischen Bildern von operierten Brüsten und Powerpoint-Folien über Geschlechtskrankheiten geht unter, worum es eigentlich geht: Wie existiere ich im eigenen Körper? Scholz will diese Lücke schließen.

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Sein Erfolgskonzept funktioniert ganz wesentlich über Ansprache. Er ist der Ben aus dem Netz, einer der auch mal Titten sagt und grundsätzlich erst einmal alle Fragen zulässt, ohne direkt gedanklich Schubladen aufzumachen. "Jungs holen sich auch mal gegenseitig einen runter", erklärt er. "Davon wird man nicht direkt schwul." Homosexualität will er ungern ein Tabuthema nennen, trotzdem sagt er: "Das Thema ist mit einer großen Angst verbunden." Indem er sich als seinen Zuschauern und Lesern zugehörig geriert, demonstriert er Gesprächsbereitschaft.

"Genau diese Ansprache macht einen elementaren Unterschied", findet auch Stephan Borchers. Er ist Lehrer - nicht für Biologie, sondern für Englisch und Geschichte. Nachdem eine Mutter ihn einmal nach Ratgeberliteratur für ihren pubertierenden Sohn fragte, beschloss er, selbst ein Buch für Jungs zu schreiben. Mittlerweile sind gleich mehrere auf dem Markt. Borchers lässt seine Schüler gerne testlesen. Deswegen musste er auch "hammergeil" aus seinen Texten streichen - sagt man nicht mehr, ist out. Auch er schreibt schon mal Titten. Man wundert sich zuweilen, wodurch sich das Vertrauen von Pubertisten gewinnen lässt, doch es sind bekanntlich seltsame Jahre.

Erklärungen statt Verbote

Pubertät bedeutet, Leben neu zu lernen. Da kann sich schlichtes Überleben schon mal wie ein Kampf anfühlen. Scholz und Borchers - und natürlich nicht nur sie - unterstützen Jungs dabei, die Teenager-Jahre zu nutzen, um sich auszuprobieren. Die Jungen sollen fragen, um informiert vorwärtszugehen. Sie sollen sich angenommen wissen, um nicht von Selbstzweifeln gebremst zu werden. Sie sollen sich alles erlauben, was nicht gleichzeitig anderen schadet. Weil ungleichmäßige Schambehaarung vielleicht ein bisschen albern aussieht, erste Befummelungsversuche aber spaßig sind. Weil man zwar anders riecht, andere aber plötzlich auch ganz anders riechen können. So was eben.

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Kinder wollen gern normal sein - was auch immer das bedeuten soll. So verwundert es nicht, dass Genitalien auch nach 50 Jahren Dr. Sommer noch gedanklich um statistische Mittelwerte gruppiert werden. Doch Personen wie Scholz und Borchers definieren die blinden Flecken einer Sexualerziehung, die den Umgang mit Geschlechterstereotypen und Formen gelebter Lust lange nicht mit einbezog.

"Ich kann mich aus meiner pädagogischen Herkunft nicht ganz lösen", sagt Borchers. "Ich versuche, auch so etwas wie Dating-Tipps zu geben. Gutes Benehmen muss nicht tot sein!" Er würde den starken Versorgermann gern als einen toleranten, respektvollen und hilfsbereiten Typen umdeuten. "Nicht männlich, sondern menschlich!" Scholz hat auch kein Problem damit, Ratschläge zum Sexting zu geben. Er kennt seine Pappenheimer und weiß: Was Mama und Papa nicht sehen sollen, ist heutzutage immer nur einen Klick entfernt. "Sobald die das Handy in der Hand haben, steht ihnen alles offen", sagt Scholz. Er wirkt nicht wie einer, der was vom Vagen hält. Nur wer explizit benennt, was wahr und wichtig ist, kann in einen Dialog treten. "Generelle Verbote auszusprechen, ist Quatsch. Dann lernen sie nichts", sagt Scholz und fügt an: "Die machen's eh!"

Quelle: n-tv.de

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