Panorama

Ältester Flüchtling der Welt 106-Jährige soll abgeschoben werden

imago66380569h.jpg

Bibihal Uzbeki im Jahr 2015 in einer Notunterkunft in Kroatien.

(Foto: imago/Pixsell)

Lange Zeit ragte Schweden mit seiner offenen Asylpolitik heraus. Dann legte das Land eine Kehrtwende hin. Nun wollen die Behörden Bibihal Uzbeki nach Afghanistan abschieben - eine über 100 Jahre alte Frau.

Bibihal Uzbeki erreichte Schweden 2015, nachdem sie vor den Taliban geflohen war. Sie überwand Berge, Wüsten und Wälder. Ihre strapaziöse Reise führte sie Tausende Kilometer über den Iran, die Türkei und den Balkan bis nach Nordeuropa. Über weite Strecken wurde sie von ihrem Sohn und ihrem Enkel getragen, denn Bibihal Uzbeki ist 106 Jahre alt. Sie ist nahezu blind, bettlägerig und kann kaum noch sprechen.

Vor wenigen Tagen wurde ihr Asylantrag von der schwedischen Migrationsbehörde abgelehnt, jetzt droht der hochbetagten Frau die Abschiebung. Wie der britische "Guardian" berichtet, hat sich der Gesundheitszustand von Uzbeki seither rapide verschlechtert. Die 106-Jährige, der "älteste registrierte Flüchtling der Welt", erlitt den Angaben zufolge einen Schwächeanfall und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach Aussagen ihre Sohnes Mohammadullah ist sie "nicht mehr kontaktierbar": "Eine Reise würde sie nicht überleben."

Gegen den Bescheid haben die Uzbekis Beschwerde eingereicht. Die schwedische Einwanderungsbehörde versichert indes, die hochbetagte Frau bis zum Ende ihres Berufungsverfahrens nicht abzuschieben. Gleichzeitig betont sie, dass "fortgeschrittenes Alter im Allgemeinen keinen Asylgrund darstellt". Im kürzlich veröffentlichten Bericht argumentiert die Behörde ihre Entscheidung damit, dass die Lage in Afghanistan nicht gefährlich genug sei und es auch Krankenhäuser gäbe, die kostenfreie Behandlungen bieten.

Die Behörde verweist auch auf einen Fall in Finnland. Die Straßburger Richter hatten entschieden, die finnischen Behörden hätten nicht die Rechte eines alten Menschen verletzt, der nach Russland abgeschoben wurde. Die Begründung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte lautet: Der Betroffene habe in Russland Zugang zu ärztlicher Versorgung.

"Wenn ich wüsste, wer der Feind ist"

Viele europäische Staaten gewähren immer seltener Asyl für Menschen aus Afghanistan. "Nach Gesetzesänderungen besteht heute weit weniger Spielraum für die Gewährung eines Aufenthaltsrechts wegen Krankheit", sagt ein schwedischer Behördenvertreter der "Deutschen Welle". Genau diese Regelungen, ursprünglich als vorübergehende Maßnahmen beschlossen, würden die Beamten jetzt daran hindern, sich menschlich zu verhalten, kritisiert Sanna Vestin vom Verband schwedischer Flüchtlingshilfsorganisationen.

Das Schicksal von Bibihal Uzbeki hatte bereits 2015, im Jahr der Flüchtlingskrise, weltweit Schlagzeilen gemacht. Fotos zeigten die Greisin bei der Ankunft in einem kroatischen Flüchtlingslager. Reportern sagten die angeblich aus Kundus (Afghanistan) stammenden Familienmitglieder damals, sie träumen von einem Leben ohne Kriege und Bomben.

Vor ihrer Reise nach Schweden lebten die Uzbekis eigenen Angaben zufolge acht Jahre lang illegal im Iran. Afghanistan mussten sie wegen des andauernden Krieges und der herrschenden Unsicherheit verlassen. Wie der 22-jährige Mohammed Uzbeki berichtet, sei es schwierig zu beweisen, dass man bei einer Rückkehr einer bestimmten Gefahr ausgesetzt ist. "Wenn ich wüsste, wer genau der Feind ist, würde ich ihn einfach meiden", sagt er dem "Guardian" und nennt als mögliche Gefahren den IS, die Taliban und deren Selbstmordattentäter.

Quelle: ntv.de, dsi