Panorama

Besondere Gefahr durch Covid-19 "Altenheime sind wahre Zeitbomben"

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19 Leichen wurden in einem Pflegeheim in Madrid gefunden - dieses Bild entstand bei der Beerdigung eines der Covid-19-Opfer.

(Foto: dpa)

Ältere Menschen haben das größte Risiko, an Covid-19 zu sterben - dadurch werden Alten- und Pflegeheime zu gefährlichen Orten. Manche sprechen gar von "Zeitbomben". Drastische Worte, doch Fälle in Italien, Frankreich und Spanien scheinen sie zu rechtfertigen.

Von Würzburg über Madrid und Bergamo bis in die französischen Vogesen - von überall aus Europa häufen sich die Meldungen über Coronavirus-Tote in Altenheimen. Kein Wunder - gehören die Bewohner doch zur Risikogruppe, die hier auf engem Raum zusammenwohnt. Allein in dem Würzburger Seniorenheim infizierten sich etliche Bewohner mit dem Coronavirus. Neun Bewohner starben, mehrere weitere mussten ins Krankenhaus. Medienberichten zufolge wurden außerdem mehr als 20 Pflegekräfte des Heimes in häusliche Quarantäne geschickt.

In einem Seniorenheim im kleinen Ort Gandino nahe Bergamo in einer der am schlimmsten betroffenen Regionen Italiens starben sogar 15 Bewohner an den Folgen einer Coronavirus-Infektion. "Wenn das Virus an diesen Orten auftritt, führt das unvermeidlich zu einem Massaker, wie das leider schon in verschiedenen italienischen Regionen passiert", beklagte die italienische Rentnergewerkschaft Spi-CGIL in drastischen Worten.

"Die Altenheime sind wahre Zeitbomben, 500.000 alten und sehr zerbrechlichen Menschen dort droht die Ansteckung", allein in Italien, fürchtet die Gewerkschaft. So gilt der hohe Anteil alter Menschen an der italienischen Gesamtbevölkerung als eine Erklärung für die hohe Zahl der Todesopfer in dem Land durch die vom Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19. Diese lag am Montag bei mehr als 6000.

19 Leichen spanischer Seniorenresidenz

Auch aus Spanien werden Horror-Nachrichten gemeldet: Dort stießen Soldaten bei Desinfektionseinsätzen auf "völlig sich selbst überlassene alte Leute, manchmal sogar auf Leichen in den Betten", wie Verteidigungsministerin Margarita Robles berichtete. Die Staatsanwaltschaft ermittelt - auch im Fall einer Seniorenresidenz in Madrid, in der in der vergangenen Woche 19 Leichen gefunden wurden. Insgesamt wurden in Spanien bereits dutzende Virus-Tote in Altenheimen gemeldet.

In Frankreich warnte der Verband der Altenheim-Betreiber in einem Schreiben an das Gesundheitsministerium, im Fall einer ungebremsten Ausbreitung des Coronavirus sei dort mit "mehr als 100.000 Todesfällen zu rechnen". Aus einem Heim in den Vogesen im Nordosten Frankreichs wurden bereits am Montag 20 Todesfälle "in möglichem Zusammenhang mit Covid-19" gemeldet.

In Spanien wurde inzwischen die Armee zum Desinfizieren in die Altenheime geschickt, privat betriebene Einrichtungen wurden unter Aufsicht der Regionalbehörden gestellt, um weitere Todesfälle möglichst zu vermeiden.

Kaum noch Besuche von Verwandten

Wie verbreitet das Coronavirus in den Altenheimen Europas tatsächlich ist, bleibt weitgehend im Dunkeln, weil nicht überall getestet wird. In Frankreich etwa werden nach Angaben des Gesundheitsministeriums nur jeweils die drei ersten Kranken in "Gemeinschaftseinrichtungen für Risikopersonen" getestet. In Spanien immerhin sollen jetzt vorrangig die Seniorenheime von hunderttausenden neu georderten Tests profitieren.

Viele Länder Europas haben außerdem das Besuchsrecht in Alten- und Pflegeheimen drastisch eingeschränkt. "Für die Familien ist es sehr hart nicht zu wissen, was sich im Inneren abspielt", klagt die Französin Pauline, deren Mutter in einem vom Coronavirus betroffenen Pflegeheim nahe Paris lebt und nicht telefonieren kann.

In einem Pflegeheim in Murcia im Südosten Spaniens helfen die Altenpflegerinnen den Bewohnern beim Telefonieren. Das Heim Ballesol Altorreal veröffentlichte ein rührendes Video, auf dem mehrere Senioren bei Videotelefonaten mit ihren Angehörigen zu sehen sind - Pflegerinnen mit Mundschutz und Handschuhen halten ihnen dafür ein Handy hin. Eine lächelnde Bewohnerin versichert ihrem Gesprächspartner: "Welches Coronavirus? Ich habe kein Coronavius."

Quelle: ntv.de, Thomas Perroteau, AFP