Panorama

Interview mit Virologe Stürmer "Brauchen weitere Parameter zur Beurteilung der Pandemie"

Virologe Martin Stürmer steht in seinem Labor. Foto: Stürmer/privat/dpa/Archivbild

Der Virologe Martin Stürmer regt an, weitere Paramater zur Beurteilung der Pandemie-Situation zu berücksichtigen.

(Foto: Stürmer/privat/dpa/Archivbild)

Reicht die Inzidenz allein zur Beurteilung der Corona-Lage? Nein, sagte Virologe Martin Stürmer, sie sei weiterhin wichtig, aber es bräuchte weitere Parameter. Leichte Entwarnung gibt er in der Debatte um die Gefährlichkeit der Lambda-Variante. Gerade die mRNA-Impfstoffe ließen sich schnell anpassen.

ntv: Ein Thema nimmt wieder an Fahrt zu: Ist die Sieben-Tage-Inzidenz noch der Wert, den wir brauchen, um durch den Herbst und Winter zu kommen, und an den die Maßnahmen gekoppelt sein sollten?

Martin Stürmer: Die Inzidenz ist weiterhin wichtig, weil sie uns immer noch das aktuelle Infektionsgeschehen widerspiegelt und uns eine Idee gibt, was tatsächlich aktuell passiert. Wenn ich natürlich beachte, wie es mit Krankenhauseinweisungen, Intensivbettenbelegung und Todesfällen aussieht, wird deutlich, dass die Werte nichts mehr miteinander zu tun haben. Wir haben eine Entkopplung, weil durch das Impfen viel mehr Menschen davor geschützt sind, schwerere Verläufe zu haben. Insofern muss man weitere Parameter hinzuziehen, um die Gesamtsituation in der Pandemie besser und effektiver bewerten zu können.

Sind die Ausrichtung auf Krankenhaus- und Todeszahlen, die auch etwas über die Belastung des Gesundheitssystems aussagen, Werte, an die man Maßnahmen koppeln sollte?

Ich bin da etwas skeptisch, ob man einen solchen Parameter nehmen sollte, weil man dann mehr Infektionen zulassen würde. Immerhin haben wir noch Bevölkerungsgruppen, die wir gar nicht impfen können. Das sind jetzt primär die Kinder unter zwölf Jahren, die man der Infektion schutzlos ausgesetzt ließe. Insofern würde ich schon noch die Inzidenz mit im Auge behalten. Die Impfquote wäre sicherlich ein Parameter, den man mit hinzuziehen sollte. Ebenso die Rate in der positiven PCR.

Der Inzidenzwert ist auch eine Art Frühwarnsystem. Die Infektion kommt als Erstes, bevor alles andere folgt.

Ganz genau. Die Inzidenz ist unser frühester Parameter, der uns zeigt, dass möglicherweise wieder eine Welle am Anlaufen ist. Es ist sehr wichtig, diese Welle auch wahrzunehmen und daran bestimmte Maßnahmen zu koppeln. Diese Information würden wir wiederum verlieren, wenn wir nur auf die Krankenhauseinweisungen schauen und das Infektionsgeschehen im Prinzip unbemerkt oder nicht beobachtet ablaufen lassen würden.

Eine Lambda-Variante, die in Peru zuerst aufgetreten ist, soll nicht nur infektiöser sein, die Impfung soll dagegen auch nicht richtig schützen. Inzwischen gibt es da auch wieder Entwarnung. Wie ist das einzuschätzen?

Man muss das in Relation sehen: Wir haben schon verschiedene Varianten, bei denen der Impfstoff nicht mehr ganz so gut wirkt wie bei der Ursprungsvariante. Dazu gehört auch die Delta-Variante. Lambda ist da keine Ausnahme. Das ist keine Variante, bei der der Impfstoff überhaupt nicht mehr wirkt und man sich Sorgen machen muss, dass das die berühmte Immun-Escape-Variante ist. Es zeigt, wie variabel das Virus ist. Wir sollten uns nicht zu sicher fühlen und zu entspannt sein, dass nicht doch mal diese Immun-Escape-Variante kommt.

Was würde es denn bedeuten, wenn es so eine Variante gibt, die tatsächlich die Impfung austricksen kann? Fangen wir dann nochmal von vorne an?

Zumindest müssten wir relativ schnell mit einem angepassten Impfstoff nachimpfen. Der Vorteil gerade der mRNA-Impfstoffe ist, dass sie eine Anpassung relativ schnell aufnehmen können. Das ist mehr ein logistisches als ein wissenschaftliches Problem. Es ist eben wichtig, nicht die Augen davor zu verschließen, welche Varianten zirkulieren. Aber mit einer Nachimpfung wäre dann auch dieses Problem wieder gelöst.

Zum Thema Long Covid bei Kindern gibt es eine neue Studie, derzufolge nach sechs Tagen das meiste überstanden ist. Mehr als 98 Prozent der Kinder haben nach acht Wochen gar nichts mehr. Ist Long Covid bei Kindern überschätzt?

Es zeigt sich, dass wir insgesamt noch viel zu wenig wissen über Long Covid. Offensichtlich stecken Kinder die Infektion insgesamt sehr gut weg und kommen sehr, sehr schnell zur Normalität zurück. Das ist erstmal ein gutes Zeichen. Auf der anderen Seite wissen wir nicht, was in den nächsten Monaten oder Jahren mit unseren Kindern passiert. Entsprechend bin ich natürlich weiterhin vorsichtig und möchte die Infektion vermeiden.

Wie kommt es, dass Zahlen kursieren, wonach sechs bis zehn Prozent aller Kinder mit Long Covid zu kämpfen hätten. Das ist auch wichtig in der Diskussion, wann und wie schnell wir Kinder impfen sollen.

Es liegt vielleicht schon daran, wie man Long Covid definiert und in welchem Kontext man es beobachtet. Viele klinische Symptome zeichnen sich durch Konzentrationsstörungen, Abgeschlagenheit, vermehrte Müdigkeit aus. Das mag auch andere Ursachen haben. Es bedarf noch mehr Forschung und Untersuchungen an größeren Kollektiven, bis wir uns wirklich ein abschließendes Urteil bilden können.

Und solange wir diese Studien nicht haben, was würden Sie sagen: Kinder impfen oder nicht impfen?

Ich denke, dass es über kurz oder lang auch in Deutschland die Empfehlung geben wird, die Zwölfjährigen zu impfen. Jetzt ist natürlich viel Druck aufgebaut worden vonseiten der Politik, sodass die STIKO schauen muss, wie sie damit umgeht und was sie empfehlen wird. Die Wirkung aber steht außer Frage bei allem, was wir bis dato gehört haben, etwa aus dem Ausland, wo es deutlich mehr Erfahrung mit der Kinderimpfung gibt. Dort gibt es wohl keine starken Signale, dass es deutliche Schäden gibt.

Mit Martin Stürmer sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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