Panorama

Soziale Kontakte nehmen stark zu Corona-Stimmung passt sich Bedrohungslage an

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Nach knapp zwei Monaten stimmen nicht mehr so viele Menschen in Deutschland den Corona-Maßnahmen zu.

(Foto: imago images/Future Image)

Mitte März sind die meisten Menschen in Deutschland überzeugt, dass die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus richtig sind. Inzwischen ist das immer weniger so, finden Mannheimer Forscher heraus. Soziale Kontakte nehmen deutlich zu.

Dichte Grenzen, das Veranstaltungsverbot und die Schließung öffentlicher Einrichtungen wie Kitas und Schulen: Mitte März befürworteten laut einer Panel-Studie der Universität Mannheim die Mehrzahl der Deutschen diese im Zuge der Corona-Pandemie getroffenen, drastischen Maßnahmen. So sagten damals 91 Prozent, es sei richtig, Schulen und weitere staatliche Einrichtungen geschlossen zu halten. Mittlerweile hat sich der Anteil derer, die das so sehen, mehr als halbiert: In der zweiten Maiwoche stimmten nur noch 40 Prozent dieser Aussage zu.

"Auch in Bezug auf die Grenzschließungen sind die Zustimmungswerte deutlich gesunken", sagt Politologe Sebastian Juhl. Mittlerweile sind nur noch 64 Prozent dafür, im März waren es noch knapp 85 Prozent. "Unsere Prognose ist, dass sich dieser Trend weiter fortsetzen wird, insbesondere dann, wenn weitere europäische Nachbarn die Grenzen öffnen, wie es Österreich beispielsweise bereits angekündigt hat."

Soziale Kontakte nehmen stark zu

Nur noch 10 Prozent sind für eine Ausgangssperre - noch vor acht Wochen waren rund die Hälfte für diese radikale Maßnahme. Und ein kleiner Anteil ist sogar schon jetzt der Meinung, es seien gar keine besonderen Einschränkungen des Alltags mehr angebracht (sechs Prozent). Wie wirkt sich die schwindende Akzeptanz auf das Sozialverhalten der Menschen aus? Auch dazu gibt es Daten aus Mannheim. "Physische Kontakte haben deutlich zugenommen. Nur noch jeder Vierte gab an, sich in der vergangenen Woche gar nicht mit Personen außerhalb seines Haushalts getroffen zu haben - dieser Wert hatte in den Wochen zuvor zwischenzeitlich eine Quote von 70 Prozent erreicht.

"Dennoch sind die Menschen sozial noch weniger aktiv als vor Verkündung der Maßnahmen, damals trafen sich nur 15 Prozent nicht mit Menschen, mit denen sie nicht auch zusammenwohnten", so Juhl. Interessanterweise unterscheiden sich die Geschlechter in ihrer Zustimmung zu den Corona-Maßnahmen nicht, auch das Einkommen sowie der Bildungsgrad scheinen wenig Einfluss auf die Akzeptanz des Ausnahmezustands zu haben.

Ebenfalls überraschend ist, dass die Tatsache, ob man Kinder im eigenen Haushalt betreut oder nicht, kaum Einfluss auf die Bewertung der Schul- und Kitaschließungen hat: 46 Prozent der Eltern finden es richtig, dass diese Einrichtungen weiter zu bleiben, und bei den Kinderlosen sind es ebenfalls nur noch 51 Prozent, die dieser Meinung sind.

Bedrohungsgefühl bildet Meinung

Ausschlaggebend für die Bewertung der Maßnahmen scheinen also weniger demografische Faktoren als vielmehr das persönliche Bedrohungsgefühl zu sein. Bürger, die sich durch die Ausbreitung des Virus stark bedroht sehen, stimmen zu 61 Prozent dafür, Kitas und Schulen weiter geschlossen zu halten. Bei denen, die sich nicht oder nur einer geringen Bedrohung ausgesetzt sehen, sind es nur 41 Prozent.

Vom subjektiven Angstgefühl hängt es auch ab, ob man der Aufwertung der Befugnisse der Regierung zustimmt - oder nicht. "Die Gruppe derer, die die Pandemie als persönliche Bedrohung wahrnehmen, hat sich über die Wochen hinweg mehrheitlich für erweiterte Exekutivrechte für die Große Koalition ausgesprochen. Bei denen, die sich persönlich weniger stark bedroht fühlten, war die Mehrheit ab Ende März gegen eine solche Ermächtigung der Bundesregierung", so Juhl. Hier hat der Bildungsgrad einen Einfluss auf die Meinung: Menschen mit hoher Schulbildung befürworten Sonderbefugnisse mit knapp 41 Prozent deutlich seltener als solche mit niedriger Schulbildung, die mit rund 53 Prozent für eine solche Erweiterung sind.

Meist betreuen Eltern Kinder

Kaum verändert hat sich der Anteil erwerbstätiger Eltern, die ihre Kinder selbst betreuen und so einer Doppelbelastung mit wenig Raum für Erholung ausgesetzt sind. Er liegt mit über 90 Prozent weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. "Besonders die Mütter sind davon betroffen, sie übernehmen deutlich öfter die Betreuungsarbeit, jede Zweite kümmert sich alleine um die Kinder, bei den Männern ist es nur jeder Vierte, der den Großteil alleine stemmt", sagt Juhl. Bei weiteren 25 Prozent teilen sich beide Geschlechter die Kinderbetreuung auf.

Und was ist mit der Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen, die in diesen Tagen immer öfter angezweifelt wird? Im März sagte nur jeder Vierte: Der wirtschaftliche Schaden der Corona-Maßnahmen übersteigt den Nutzen. Mittlerweile ist fast jeder Zweite dieser Meinung - und auch bei denen, die sich durch die Pandemie stark bedroht fühlen, gab nun schon jeder Dritte an, die ökonomischen Folgen als höher zu bewerten als den gesellschaftlichen Nutzen der Maßnahmen. Neben den täglichen Berichten fassen die Mannheimer Forscher ihre Ergebnisse in Schwerpunktberichten zusammen - der nächste soll sich dem Thema "Angstempfinden und Corona" widmen.

Quelle: ntv.de

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