Panorama
Im Stadtsee von Staufen hatte Christian L. Beweismittel versenkt.
Im Stadtsee von Staufen hatte Christian L. Beweismittel versenkt.(Foto: dpa)
Montag, 11. Juni 2018

Missbrauchsfall von Staufen: Das Opfer wird viel Hilfe brauchen

Von Solveig Bach

Ein Kind wird monatelang missbraucht, vom Stiefvater und von Fremden gegen Bezahlung. Die Mutter duldet das nicht nur, sondern legt Fesseln bereit und fährt den Sohn zu den Tätern. Wie kann ein Kind das überleben?

Vielleicht war Berrin T. ihrem Sohn einmal eine fürsorgliche Mutter. Es muss lange her sein, obwohl der Junge erst neun ist. Denn jetzt steht sie vor Gericht, weil sie ihren Sohn sexuell missbrauchte und an Männer regelrecht "vermietete", damit sie sich an dem Jungen vergehen konnten. Einer der Täter war ihr Lebensgefährte, Christian L.. Auch er muss sich ab heute für die Taten verantworten.

Hilfe bei sexuellem Missbrauch

Betroffene oder Menschen, die einen Missbrauch vermuten, können sich kostenfrei und anonym an das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch wenden: 0800-22 55 530. Weitere Infos zu Beratungs- und Hilfeangeboten vor Ort gibt es unter: www.hilfeportal-missbrauch.de

L. hat in den vorangegangenen Prozessen gegen die "Kunden" bereits als Zeuge ausgesagt. Diese Aussagen waren nur schwer zu ertragen. Er selbst habe den Jungen von 2015 bis Herbst 2017 ungefähr einmal in der Woche missbraucht, sagte L. aus. Er schätzte insgesamt vielleicht 60 Taten. Außerdem sei das Kind im Darknet feilgeboten und dann Kunden zum Vergewaltigen überlassen worden. Manchmal dauerte das Martyrium nur einen Tag, manchmal ein Wochenende. Die Täter reisten an, zahlten Geld oder bekamen den Jungen als "Freundschaftsdienst".   

Nachbarn berichten von einem zarten, stillen Kind ohne Freunde. Manchmal wunderten sie sich über die zugehängten Fenster im Haus der Familie und hätten es am Ortsrand von Staufen gern etwas ordentlicher gehabt. Das Jugendamt zweifelte zwischendurch an Berrin T.s Erziehungsfähigkeiten und beobachtete auch den Einzug des einschlägig vorbestraften Christian L. bei der alleinerziehenden Mutter mit Sorge. L. stand nach seiner letzten Verurteilung noch unter Führungsaufsicht. Doch im Kompetenzwirrwar verschiedener Behörden gingen die Bedenken unter. Zwei Jahre lang wurde der Junge immer wieder vergewaltigt.

Die Welt steht Kopf

Andreas Krüger kennt Kinder wie den Neunjährigen. In Hamburg hat der Kinder- und Jugendpsychiater ein Therapiezentrum für traumatisierte Kinder aufgebaut, das "Ankerland". Missbrauchsopfer sind auch darunter. Dass viele Missbrauchsfälle in der Familie geschehen, ist längst belegt. Krüger sieht, welche Schäden die Kinder dabei davontragen. "Das korrumpiert bei den Kindern das gesamte Rechts- und Unrechtsbewusstsein", sagt der Traumaexperte n-tv.de. "Es stellt die Welt auf den Kopf. Für die Kinder heißt das: Ich kann an nichts mehr glauben, an gar nichts mehr."

Staufener Taten

Bisher wurden drei Täter wegen der Staufener Missbrauchsfälle verurteilt. Die Urteile sind aber noch nicht rechtskräftig. Ein viertes Verfahren läuft noch. Insgesamt wurden acht Täter identifiziert. Die Mutter und der Stiefvater des Opfers gelten als die Haupttäter. Ihnen wird besonders schwere Vergewaltigung, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern, besonders schwere Zwangsprostitution und Verbreitung kinderpornografischer Schriften vorgeworfen. Beide sitzen seit September 2017 in Untersuchungshaft, zehn Verhandlungstage sind angesetzt. Die Urteile könnten Mitte Juli fallen.

Berrin T. soll vor allem bei der Vermittlung ihres Sohns geholfen, ihn aber auch im Auto zu Tatorten gefahren haben.  Während Mütter in anderen Fällen ahnungslos sind oder die Augen verschließen, wusste sie nach Überzeugung der Anklage, was vorging und beteiligte sich daran. Ihrem Lebenspartner zufolge soll sie Handschellen und Fußfesseln bereit gelegt haben, damit ihr Sohn fixiert werden konnte. An den Videofilmen von der Vergewaltigung ihres Kinds habe sie sich sexuell erregt. Bisher hat Berrin T. zu den Vorwürfen geschwiegen.

Dem Kind gegenüber gaben sich die fremden Täter als Polizisten aus. Sie drohten ihm, es komme in ein Heim und seine Mutter werde verhaftet, wenn es sich weigere oder wehre. Dabei hatte der Junge kaum eine Chance, sich zu wehren. Er war während der Taten an einen Stuhl gefesselt, wurde beleidigt, gedemütigt und erniedrigt. Zudem habe er eine Strumpfmaske tragen müssen, die lediglich kleine Seh- und Atemschlitze hatte.

"Das kann ein Kind eigentlich nur ertragen, wenn es dissoziiert, sich also beispielsweise in verschiedene Ichs aufteilt", sagt Traumaexperte Krüger. Im Hamburger Therapiezentrum behandelt er Kinder, die sich an ähnliche Taten nicht erinnern können, obwohl deren Realität bewiesen ist. "Dissoziatives Vergessen ist eine Möglichkeit, das Erleben abzuspalten." Andere werden wie auf Knopfdruck zur Katze, sind minutenlang mit Leib und Seele dieses Tier, um dann von einer Sekunde zur anderen wieder zu dem Kind zu werden, das sie vorher waren.  Und dann gibt es noch jene, die versuchen, andere zu unterwerfen. "Sie werden zum Täter, um die eigene Ohnmacht in der kindlich-traumatischen Welt zu kompensieren."

Kreis von Gewalterfahrungen

Vielleicht ist aus Berrin T. auf diese Weise eine Täterin geworden. Von Christian L. weiß man, dass er als Kind misshandelt wurde. Seinen leiblichen Vater lernte er dem "Stern" zufolge nie kennen, der Stiefvater schlug ihn. L.s Kindheit spielte sich in Heimen und Pflegestellen ab, er wurde psychiatrisch behandelt und schon mit 19 das erste Mal straffällig. Zweimal wurde er bereits für den sexuellen Missbrauch von Kindern verurteilt. "Es ist ziemlich sicher kein Zufall, dass der Stiefvater diese Frau ausgesucht hat. Und dass die Frau bereit war, sich auf diesen Mann einzulassen, war vermutlich auch kein Zufall", sagt Krüger.

Das Opfer ist seit Bekanntwerden der Taten in behördlicher Obhut. Wo und in welchen Lebensumständen der Junge jetzt lebt, ist nicht bekannt. Die Opferschutz-Anwältin Katja Ravat vertritt ihn in den Prozessen als Nebenkläger. Bisher musste er nicht selbst aussagen. Seine Identität wird geschützt.

Die Beziehung zur Mutter "ist vergiftet, die Schwere der Tat und der Verrat an dem kindlichen Vertrauensbedürfnis sind so gewaltig, diese Beziehung ist nicht mehr heilbar", sagt der Traumaexperte. Eine Polizistin, die den Jungen regelmäßig besucht, sagt, dem Kind gehe es den Umständen entsprechend gut. "Wobei man allerdings derzeit schlecht absehen kann, wie sich sein psychisches Wohlbefinden und seine Stabilität noch entwickeln wird." Über die Taten spreche der Neunjährige nicht.

Nach Ansicht des Traumatherapeuten Krüger würde eine Befragung bei der Schwere des Tatvorwurfs auch kaum umfassende Informationen liefern. Das Kind droht von den Erinnerungen unter anderem mit überwältigenden Ängsten belastet zu werden und schweigt intuitiv. Es präsentiert eine scheinbar intakte Fassade. Krügers Erfahrung nach dauert es Jahre, bis er mit seinen Patienten über die Erfahrungen unbeschadet reden kann, wenn zum Beispiel sogenannte Flashbacks, horrorfilmartige Erinnerungen, durch die Traumatherapie überwunden wurden.

In der jahrelangen Arbeit an den komplexen Traumafolgen werden die Kinder in sich selbst gestärkt, bis sie irgendwann das Gefühl bekommen, dass sie selbst und ihr Leben sicher genug sind und einen tiefen Wert haben. "Früher ging man unter Kollegen davon aus, dass diese Erfahrungen und die psychischen Folgen nie überwunden werden könnten", erinnert sich Krüger. "Mit geeigneten modernen traumatherapeutischen Methoden und im Schulterschluss mit Kind, Jugendhilfe und allen anderen Institutionen kann man erfolgreich
den Teufelskreis der Gewalt für das Kind und die nächste Generation überwinden", meint Krüger.

Quelle: n-tv.de