Panorama

Elf Tote in einer Saison Der Everest zeigt das Menschheitsübel

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Am Mount Everest herrscht mittlerweile eine Art Massentourismus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Am höchsten Berg der Welt zeigt sich, wohin Maßlosigkeit führt und was passiert, wenn Natur gnadenlos fürs Geschäft ausgebeutet wird. Auch die Alpen sind zum Freizeitpark verkommen. Wie lange geht das noch gut?

Nachdem er ein Jahr zuvor gescheitert war, wollte sich Doug Hansen, ein Postbote aus den USA, seinen Traum vom Mount Everest erfüllen. Der neuseeländische Profi-Bergführer und Unternehmer Rob Hall half ihm dabei und brachte dadurch beide erst recht in Lebensgefahr. Hall ignorierte die von ihm selbst auf 14 Uhr festgelegte Umkehrzeit, ab der seine Kunden zurück ins Lager IV auf rund 7900 Meter sollten, egal ob sie auf dem Gipfel standen oder nicht. Der Neuseeländer sagte seiner schwangeren Frau über Satellitenfunk: "Ich liebe dich. Schlaf gut. Und sorge dich nicht um mich." Kurz danach starb er. Auch Hansen blieb auf dem Berg. 

Beide gehören zu den acht Todesopfern der Katastrophe am Everest vom 10. und 11. Mai 1996. Damals versuchten mehr als 30 Alpinisten, darunter einige aus der Topliga der Szene, den mit 8848 Metern höchsten Berg der Welt zu erklimmen. Die Expeditionen waren von einem plötzlichen Wetterumschwung überrascht worden.

Nach dem Unglück entbrannte erstmals eine heftige Debatte über die Kommerzialisierung des Bergsteigens. Rasch war spekuliert worden, dass Hall die Umkehrzeit ignoriert habe, weil sein Konkurrent Scott Fischer aus den USA, der ebenfalls bei dem Drama ums Leben kam, auch mit Klienten am Everest unterwegs war. Je mehr Klienten das Gipfelfoto mit nach Hause bringen, desto mehr Leute buchen für 50.000 Dollar und mehr bei dem Anbieter.

Reinhold Messner und Peter Habeler​, die den weißen Riesen im Himalaja am 8. Mai 1978 gemeinsam erstmals ohne zusätzlichen Sauerstoff bezwangen, ​schimpften von nun, dass Expeditionen auf 8000er wie "​eine All-inclusive-Reise nach Bangkok gekauft​ werden können​"​. Nachdem sich im August 2008 eine ähnliche Katastrophe am - im Vergleich zum Everest - technisch weitaus schwierigeren, 8611 Meter hohen K2 ereignete, bei der ein Dutzend Bergsteiger ihr Leben ließen, prognostizierte Messner: "Es wird nicht der letzte Unfall in dieser Dimension bleiben, wenn dieser Humbug, Reisegruppen auf den K2 und den Everest zu führen, nicht aufhört​.​"

Schlange stehen vor dem Gipfel

​Schon damals ​war dem Südtiroler aber klar: "W​o es eine Nachfrage gibt, da gibt es auch einen Markt, und der setzt mittlerweile sehr viel Geld um​." Wie sehr Messner recht behalten sollte, zeigen die jüngsten Aufnahmen von den am Everest-Gipfelgrat Schlange stehenden Bergsteigern, die weder vor noch zurück können. Für die Alpinisten eine Falle: Elf Menschen starben. Schon jetzt übersteigt die Zahl der Toten diejenige der Katastrophe von 1996.

Die Fotos sind ein Menetekel, ein Anzeichen drohenden Unheils. Am Everest zeigt sich, was passiert, wenn der Mensch sich nicht bescheidet und die Natur ausbeutet. Immer höher geht am Everest nicht. Dafür aber immer weiter, egal was es kostet - und wenn es das Leben ist. Mit Alpinismus eines Reinhold Messner hat das kaum noch zu tun. Es ist Massentourismus.

Messner, Habeler und noch mehr ​die Everest-Erstbesteiger vom 29. Mai 1953, der Neuseeländer ​Edmund Hillary und der nepalesische Sherpa ​Tenzing Norgay​,​ ​stehen für Willenskraft​ und ​Leistungsfähigkeit, aber auch für Wertschätzung unberührter Natur und die körperlichen Grenzen der Menschheit​. Inzwischen ist der Everest aber auch Sinnbild von Anmaßung, Rekordjagd, Geschäftemacherei​ und Respektlosigkeit vor de​m Berg geworden. Der steinerne Gigant ist trotz aller Räumaktionen eine Müllhalde mit Krempel, den Expeditionen über Jahre dort ließen. Wer hoch zum Gipfel will, kommt zudem an diversen Leichen vorbei.

Der moderne Mensch betrachtet alpines Gefilde als Freizeitpark, in dem er tun und lassen kann, was er will. ​Hillary nannte die ersten Snowboarder, Paraglider und Skifahrer am Everest​ "ziemlich dämlich". Die meisten dieser Leute seien "nicht von Herzen Bergsteiger", sie wollten "nur Aufmerksamkeit erregen"​, sagte er 2003, fünf Jahre vor seinem Tod, dem "Spiegel"​, ohne die Ausmaße zu kennen, die soziale Medien heute ermöglichen. "Wir haben alles gegeben, um als Bergsteiger ein Gefühl tiefer Zufriedenheit zu erleben. Nur für uns."

Ihm wäre eine Everest-Besteigung heute "peinlich", da der Weg "präpariert wird, mit Sauerstoffgerät und Ärzten, die mich betreuen", sagte ​​Messner vor einem Jahr im "Stern". Das Dach der Welt zu erklimmen, "ist eigentlich keine Leistung mehr", meinte Habeler dieser Tage der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Es ist heutzutage müßig, mit dem Everest anzugeben."

Viele Helfer bereiten Aufstieg vor

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Viele Bergsteiger hinterlassen allerlei Zubehör wie Zelte in der Natur. Das muss entweder aufgeräumt werden - oder es bleibt einfach liegen.

(Foto: imago/Eibner Europa)

Tatsächlich bereiten Heerscharen von Helfern die "leichte" Route vor, legen Fixierseile und bauen gesicherte Brücken aus Leichtmetall-Leitern über die Gletscherspalten. Die Wettervorhersagen sind extrem gut geworden. Spezielle Kleidung schützt vor der Kälte ganz anders als noch vor 20 oder gar 50 Jahren, ist aber ebenso wie die Sauerstoffflaschen federleicht. Manch betuchter Teilnehmer kommerzieller Expeditionen lässt sich mit dem Helikopter ins Basislager bringen und schläft im Sauerstoffzelt. Doch wenn Kletterer stundenlang in der Todeszone warten müssen und der zusätzliche Sauerstoff ausgeht, hilft das nicht. Dann schwindet die Kraft, frisst sich die unfassbare Kälte durch noch so dicke Daunenkleidung, endet die Höhenkrankheit tödlich.

Die einhellige Klage der Profi-Kletterer lautet: China und Nepal lassen zu viele Leute auf den Everest, müssten straffe Kontingente vergeben. "Es geht denen nur ums Geschäft, denen ist fast nichts heilig", sagte Habeler in dem "FAZ"-Interview. Der Österreicher erinnerte an die Forderung Hillarys, den Berg für einige Zeit zu sperren und "die kommerzialisierte Touristengaudi" auszusetzen. "Bei den Everest-Touristen heutzutage müsste es eine Art Aufnahmeprüfung geben." Forderungen wie die nach verpflichtendem Verzicht auf zusätzlichen Sauerstoff hält der Bergsteigerpionier aber für nicht durchsetzbar - zumal dadurch die Lebensgefahr massiv steigen würde.  

Vor allem Nepal, eines der ärmsten Länder der Welt, ist auf die Einnahmen aus den Genehmigungen für die Besteigung des Everests ​angewiesen. Europa kann kaum glaubwürdig fordern, den Ansturm nachhaltig zu unterbinden. Auch hier unterwirft der Mensch die Natur seinem Willen. Ein Blick in die mit Skiliften übersäten Alpen oder das Treiben am Mont Blanc zeigt, dass es auf dem Kontinent nicht anders läuft. Die französische Stadt Chamonix lebt von dem - bezieht man den Elbrus nicht mit ein – mit 4810 Metern höchsten Berg Europas.

Auch Europa kennt dieses Problem

Die Zahl der bisher tödlich verunglückten Bergsteiger liegt am Mont Blanc - natürlich auch deshalb, weil es dort x-fach mehr Leute versuchen - schätzungsweise bei 6000 bis mehr als 8000. Niemand weiß es, was auch daran liegt, dass der Zugang unkontrolliert und ohne Genehmigung möglich ist. Der weiße Riese ist ebenfalls technisch relativ einfach, weshalb er von Dilettanten schwer unterschätzt wird. Dort wagen haufenweise Amateure mit falscher Ausrüstung, untrainiert und nicht genug akklimatisiert den Aufstieg ohne Führer. In der Saison kommt es Tag für Tag zu dramatischen Szenen, Rettungshelikopter sind im Dauereinsatz. Immer wieder geht es um sinnlose Rekordjagd. Im August 2014 nahm ein Familienvater aus den USA seine beiden minderjährigen Kinder mit auf den Berg und machte ein Video davon.

Seit Jahren wird in Frankreich darüber diskutiert, wie die Lage am Mont Blanc in den Griff gekriegt werden kann. 2019 soll der Zugang beschränkt werden. Ob es wirklich dazu kommt, wie genau das laufen soll und ob es Erfolg hat, bleibt abzuwarten. Nicht gewollte Aufstiege auf den Berg zu verhindern, sind in dem Gelände schwierig bis unkontrollierbar. Die überfüllten Hütten können Bergsteiger kaum abweisen. Regelrechte Besteigungsverbote würden zu einer Debatte um "das Ende der Freiheit in den Bergen" führen. Jean-Marc Peillex, Bürgermeister von Saint-Gervais-les-Bains, betont, dass es nicht um Geld gehe, sondern um das Steuern der Massen. "Denn Jahr für Jahr wird der Mont Blanc von Pseudo-Bergsteigern gestürmt."

Quelle: n-tv.de

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