Panorama

Missbrauchsgipfel im Vatikan Die letzte Chance fast vertan

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Zum Abschluss des Gipfeltreffens der katholischen Kirche feierte Papst Franziskus eine Messe mit den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen.

(Foto: dpa)

Es fegt ein eiskalter Wind über den Petersplatz, während der Papst das Abschlusswort spricht. Es ist nicht nur der kalte Wind, der das Publikum frieren lässt. Es ist das offenkundige Fehlen von Verständnis für Perspektive der Opfer.

Am letzten Tag der "Kinderschutz-Konferenz", wie die katholische Kirche das Treffen nennt, steht Matthias Katsch auf dem Petersplatz. Er ist ein Opfer pädophiler Ordensleute. Es geschah vor fast vierzig Jahren, die Täter waren zwei Jesuiten am Canisius-Kolleg in Berlin. Seit zehn Jahren nun schon kämpft Katsch für Gerechtigkeit. Heute ist bekannt: Die beiden Jesuitenpriester, die sich an ihm vergingen, haben insgesamt 115 Kindern sexuelle Gewalt angetan.

Die deutschen katholischen Bischöfe haben alle Fälle seit der Nachkriegszeit untersuchen lassen. Der Bericht, die sogenannte MHG-Studie, stellte fest, dass 1670 Kleriker zwischen 1946 und 2014 als Missbrauchsbeschuldigte innerhalb der Kirche aktenkundig wurden. 3677 Kinder und Jugendliche wurden laut Aktenlage mutmaßlich zu Opfern. Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen. 4,4 Prozent aller Kleriker sollen im genannten Zeitraum Minderjährige sexuell missbraucht haben. Das sind erschreckende Größenordnungen, die den Erfahrungen anderer Länder, in denen ermittelt worden ist, aber durchaus entsprechen.

Alles gute Gründe also für den Papst, diese Konferenz einzuberufen, eine "kopernikanische Wende" in der Kirche einzuleiten, wie wohl viele Teilnehmer und Opfervertreter in Rom erhofft hatten. Leider sollte es anders kommen.

"Ich bin kein Feind der Kirche", sagt Matthias Katsch. "Ich will nur, dass niemandem mehr passiert, was man mit mir gemacht hat, dass die Heuchelei aufhört, das Vertuschen. Dass endlich Transparenz hergestellt wird. Dass jeder Priester, der sich an einem Minderjährigen vergangen hat, aus dem Amt entlassen und nicht nur vor einen Kirchengericht gestellt wird, sondern vor ein ordentliches Gericht kommt, dass ihm richtig der Prozess gemacht wird."

Zunächst kritisiert der Papst den "Gerechtigkeitswahn"

Es fegt ein eiskalter Wind über den Petersplatz, während der Papst noch das Abschlusswort hält. Was für den Vatikan eine "Kinderschutz-Konferenz" ist, ist tatsächlich eine Konferenz über den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Das Gesicht von Matthias Katsch wird immer länger, während er dem Papst zuhört. Minutenlang spricht Papst Franziskus über die Pornographie in der Welt, erzählt, dass Millionen Kinder jedes Jahr missbraucht werden, redet von Sex-Tourismus.

Als das Kirchenoberhaupt dann noch anhebt, "mediale Kampagnen gegen die Kirche" zu kritisieren, den "Gerechtigskeitswahn", der gegen die Kirche eingesetzt werde, versteinern sich nicht nur die Mienen der etwa vierzig Vertreter der Opferbände. "Das ist die Kirche in der Wagenburg!", sagt einer von ihnen. Als seien die Berichte über den Kindesmissbrauch schlimmer als das, was Priester getan haben.

Erst gegen Ende seiner Rede kommt der Papst endlich zum Thema und fordert seine Kirche auf, jeden Bischof in seinem Land, konkrete Schritte zu unternehmen. Das einzige konkrete Wort: Jeder Priester, der missbraucht hat, soll den Dienst verlassen.

Wenn er doch nur selber durchgreifen wollte, könnte der Papst wundervoll in seinem eigenen Hause anfangen. Am Vortage noch hatte Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und als Mitglied des "C9"-Kardinalsrats einer der engsten Berater des Papstes, von "verschwundenen und vernichteten Dokumenten" vieler Missbrauchsfälle gesprochen - eine ungeheure Anklage gegen die Vatikanbürokratie. Fakten, Namen? Fehlanzeige. "Wissen Sie was?", meint Katsch, mit bitterer Miene, "ich kann das Gerede davon, dass man uns Missbrauchsopfern zuhören müsse, nicht mehr hören. Entweder kommt die Kirche jetzt schnell zu radikalen Entscheidungen oder sie verlieren den Rest an Glaubwürdigkeit."

An radikalen Ideen hat es beim Treffen der 190 Bischöfe, Vertreter aller 115 Bischofskonferenzen der Welt, nicht gemangelt. Unabhängige Laien sollten die Bischöfe und Kardinäle kontrollieren, ja, auch über die erzwungene Ehelosigkeit der Priester sollte man nachdenken, die Rolle der Frau deutlich aufwerten, ihr Machtfunktionen geben.

Das Problem für die römische Kirche heißt: Missbrauchstäter und Vertuscher sind eben nicht auf die Ebene der einfachen Ortspfarrer beschränkt. Der Missbrauch entsteht vor allem im Klima des Gefühls der "Unbestrafbarkeit", des rechtsfreien Raumes. Sexueller Missbrauch als Folge von unkontrollierter Macht, so wie sie der australische Kardinal George Pell genossen hat. Auch er war einer der neun Kardinäle, die den Papst bei der Leitung der Weltkirche unterstützen. Pell steht derzeit in Melbourne wegen der Vertuschung von Missbrauchsfällen vor einem Zivilgericht.

Und dann das

Unmittelbar vor dem Treffen in Rom entließ der Papst den früheren Erzbischof von Washington, Theodore Kardinal McCarrick, aus dem Priesterstand, wegen sexueller Übergriffe gegen Kinder und Seminaristen. McCarrick ist der erste Kardinal der Neuzeit, der aus dem Priesteramt verstoßen wurde. Ein Novum. Dies schien ein deutliches Zeichen zu sein. Auch sprach der Papst vor dem Treffen erstmals das Problem sexuellen Missbrauchs von Nonnen an.

War das die große Wende im Vatikan? Berichte von Ordensschwestern, von Opfern, die hinter verschlossenen Türen von ihrem jahrelange Leiden erzählten, erschütterten die Teilnehmer. Die Zeit des Kardinals Pell, der 2002 auf dem Weltjugendtag noch meinte, dass "Abtreibung ein schlimmerer moralischer Skandal ist, als Priester, die Jugendliche sexuell missbrauchen", schien endgültig zu Ende zu sein.

Und dann das: Es ist nicht nur der kalte Wind auf dem Petersplatz, der das Publikum frieren lässt. Der Papst muss der vielleicht besten Rede auf dem Treffen nicht richtig zugehört haben. Die hielt eine Journalistin, die dienstälteste Korrespondentin am Heiligen Stuhl. Valentina Alazraki, seit vierzig Jahren berichtet sie aus dem Vatikan für das mexikanische Fernsehen, für markige Worte ist sie nicht bekannt.

Sie wandte sich direkt an die Kirchenführer vor ihr: "Wenn ihr euch entschieden gegen die Missbrauchstäter und Vertuscher wendet, dann sind wir Journalisten an eurer Seite. Wenn ihr euch aber nicht radikal dafür entscheidet, auf der Seite der Kinder, der Mütter, der Familien und der Zivilgesellschaft zu stehen, dann habt ihr alles Recht, vor uns Angst zu haben. Dann werden wir eure schlimmsten Feinde sein."

Nach einem Augenblick des Schweigens brach tosender Beifall im Pressesaal los. Die katholische Kirche ist vorgewarnt. Es geht nicht mehr bloß um ihre Glaubwürdigkeit, es geht um ihr Überleben.

Nachtrag: Die vielfach geäußerte Kritik an der Papstrede scheint eine Wirkung gehabt zu haben. In letzter Minute tritt der langjährige Papstsprecher und Moderator des Treffens, der Jesuitenpater Federico Lombardi, vor die Presse und verkündet, der Papst werde nun doch ein "Motu proprio", einen Erlass verkünden, der alle Probleme konkret angehe. Man wird sehen.

Quelle: n-tv.de

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