Panorama

Coronavirus-Liveticker Erster Geburtstag und doch nichts zu feiern

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Das Virus verlangt vom Menschen alles ab.

(Foto: REUTERS)

Sars-CoV-2 ist unsichtbar und bestimmt doch unser Leben. Vor einem Jahr veranlasst die Virus-Nachrichtenflut ntv.de dazu, einen Liveticker zu starten. Der Rückblick zeigt, wie lang zwölf Monate sein können.

Wo waren Sie, als die Coronavirus-Pandemie ihren Lauf nahm? Saßen Sie gebannt vor dem Fernseher? Hockten Sie gemeinsam mit der Familie vor dem Radio? Tauschten Sie im Büro einen nervösen Blick mit den Kollegen aus? Vermutlich werden Sie sich nicht daran erinnern. Wie auch? Von anderen Katastrophen, die über die Menschheit kamen - der 11. September, der Tsunami 2004 … -, unterscheidet sich der Erreger namens Sars-CoV-2 deutlich.

Er ist unsichtbar. Er riecht nicht, schmeckt nicht, richtet keine augenblickliche Zerstörung an. Er kriecht nach und nach in unser Bewusstsein: die ersten Nachrichten aus dem chinesischen Wuhan über eine mysteriöse Lungenkrankheit Ende 2019, der Mitarbeiter von Webasto in Bayern als erster offizieller Fall in Deutschland. Plötzlich die Bilder aus Bergamo, Armeewagen zum Leichentransport, das kriegserprobte Wort Triage.

Mit der Entwicklung der Lungenkrankheit Covid-19 zu einem globalen Phänomen und der rasanten Ausbreitung des "neuartigen" Coronavirus setzt sich in der Berichterstattung eine besondere Darstellungsform durch: der Liveticker. Normalerweise ein Instrument, um bestimmte Veranstaltungen und Ereignisse wie Terrorlagen mit einem klaren Startpunkt und absehbaren Ende zu begleiten, wird er integraler Bestandteil des Redaktionsalltags - auch bei ntv.de.

Am 26. Februar 2020 wird der erste "Coronavirus-Liveticker" um 8.48 Uhr morgens freigeschaltet. Die Schlagzeile: "Infiziertenzahl in China überspringt 78.000er-Marke". Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse ist das fortlaufend aktualisierte Dokument ein Versuch, einen Überblick über die Infektionslage und die wichtigsten Neuigkeiten zu bieten sowie den Grafiken und Statistiken, die das Datenteam von ntv.de entwickelt, eine Plattform zu geben.

Für die Infizierten und Toten steht nur noch eine Zahl

Einen Tag später stellt das Datenteam ein umfangreiches Zahlenabbild der Pandemie online. Seitdem können Sie, liebe Leserinnen und Leser, täglich in "Alle Daten, alle Fakten" nach Grafiken im Zusammenhang mit dem deutschen, aber auch internationalen Ausbruchsgeschehen stöbern. Schon früh werden dabei nicht nur Daten der jeweiligen nationalen Gesundheitsbehörden und Organisationen wie der Johns-Hopkins-Universität oder der "New York Times" berücksichtigt, sondern speziell in Bezug auf Deutschland auch eigene Berechnungen.

Weil gerade zu Beginn der Pandemie die Datenübertragung an das Robert-Koch-Institut und die Darstellung der angebotenen Werte schwierig ist, ist die Zusammenstellung eigener Statistiken auf Grundlage der Angaben aus den 16 Bundesländern essenziell für einen genauen Überblick über das Infektionsgeschehen. Allabendlich verkündet ntv.de die neuen Fälle und Opferzahlen. Ein Umstand, der auch ein Jahr später nötig ist und immer wieder Meldeverzögerungen offenlegt.

Ein Jahr Corona-Ticker: Was bedeutet das? Zum einen unzählige Grafiken, Einträge und Breaking News. Zum anderen Dutzende Mitarbeiter, die sich Tag und Nacht darum kümmern. Denn das Coronavirus macht weder vor Grenzen noch vor Tageszeiten halt.

Am Anfang melden wir noch fast jeden neuen Fall, etwa den Lehrer aus dem Sauerland, der in Heinsberg beim Karneval war und dessen Infektion am 29. Februar 2020 um 17.41 Uhr im Liveticker verkündet wird. Anschließend rücken die Meldungen einzelner Todesfälle in den Bundesländern in den Fokus. Die Vielzahl der Betroffenen ermöglicht das schließlich nicht mehr. Jetzt steht für die Infizierten und Toten in den allermeisten Fällen nur noch eine Zahl.

Die Tage werden kürzer, das Infektionsgeschehen diffuser

Im März und April 2020 zählt Datawrapper, das Programm, mit dem wir arbeiten, 1,7 Milliarden Chart-Views der Grafiken von ntv.de. Am 16. März erregt der Liveticker so viel Interesse wie nie: Es kommen 13,7 Millionen Seitenaufrufe zusammen. Doch dieses Niveau bleibt nicht dauerhaft so hoch - glücklicherweise, denn mit dem abflauenden Infektionsgeschehen im Frühsommer 2020 rücken verstärkt andere Themen ins Blickfeld. Am 15. Juni wird das Maximum an Regionen erreicht, die eine Sieben-Tage-Inzidenz von 0 vorweisen: Es sind 158.

Doch bevor sich auch nur der Gedanke verfestigen kann, im Zuge der unbekümmerten Zeit auch den Liveticker abzuschalten, kriecht das Coronavirus zurück in die Schlagzeilen. Ab August sinkt die Zahl der Kreise, die als "Corona-frei" betitelt werden können. Irgendwann sind es weniger als 100 von 412 Regionen. Das Infektionsgeschehen wird diffuser. Es sind nicht mehr größere Ausbrüche in einzelnen Betrieben wie dem Schlachthof von Tönnies, sondern viele verschiedene Cluster.

Ein neuer Grenzwert, der als Alarmsignal gedacht war, wird zusehends pulverisiert. 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen klingt zunächst abstrakt und in weiter Ferne, doch je kälter es draußen wird und je früher die Sonne untergeht, desto mehr Landkreise und Städte können die Kontakte von Infizierten nicht mehr nachverfolgen. Am 11. November befinden sich schließlich laut den Daten des Robert-Koch-Instituts 409 von 412 Regionen über dem Inzidenzwert von 50. Dieser negative Höhepunkt bleibt bis heute unerreicht.

Alles andere als ein feierliches Jubiläum

Dass der Ticker, der inzwischen mehr als 943 Millionen Seitenaufrufe vorzuweisen hat, ein Jahr alt wird, haben wir nicht erwartet - und schon gar nicht erhofft. Inzwischen befinden sich - ganz selbstverständlich - Begriffe wie Reproduktionszahl und Inzidenz sowie Kennwerte wie Neuinfektionen und belegte Intensivbetten in unserem Wortschatz. In den vergangenen Wochen sind Abkürzungen wie B.1.1.7 dazugekommen. Letztere sorgen auch zwölf Monate nach Start des Livetickers dafür, dass es beunruhigende Entwicklungen zu vermelden gibt.

Daher ist das heute alles andere als ein feierliches Jubiläum. Es ist lediglich eine Momentaufnahme, wie sehr ein Virus unser Leben auf den Kopf stellen und ein Jahr sich in die Länge ziehen kann. Ein Jahrestag genügt. Lassen Sie uns hoffen, dass wir um diese Zeit im Jahr 2022 etwas anderes zu würdigen haben. Und dass Statistiken, so wichtig sie gerade auch sein mögen, nicht länger unseren Alltag bestimmen.

Quelle: ntv.de