Infografik

Pandemie-Lage in Deutschland Alle Daten, alle Fakten zum Coronavirus

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Belastungsprobe für das Gesundheitssystem: Wie gut kann Deutschland mit dem Coronavirus-Ausbruch umgehen?

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Aussichten für den Herbst sind angesichts der eingeschlafenen Impfkampagne ungewiss. Vorerst hofft Deutschland auf einen Sommer ohne Corona-Sorgen. Die Positivenquote fällt - aber auch die Testzahl. Die wichtigsten Daten im Überblick.

Den Infektionsdruck durch das Coronavirus bewertet das Robert-Koch-Institut (RKI) weiterhin als "noch hoch", ebenso die Gefährdung der deutschen Bevölkerung. Insgesamt entwickeln sich die Corona-Fallzahlen aber weiterhin rückläufig, auch wenn die Zahl der tagesaktuell gemeldeten Neuinfektionen mittlerweile starken Schwankungen unterworfen ist. Längst nicht mehr alle Bundesländer melden durchgehend tagesaktuelle Zahlen, was sich durch Nachmeldungen auch auf die Zahlen an den übrigen Wochentagen auswirkt. Zur Einschätzung der Pandemie-Lage gewinnen die gleitenden Durchschnittswerte an Bedeutung: Im mehrtägigen Mittel verzeichnen die Gesundheitsbehörden erstmals seit Monaten wieder unter 60.000 Neuinfektionen pro Tag.

Laut der alle zwei Wochen veröffentlichten Teststatistik des Verbands der akkreditierten Labore (ALM) ist die Positivenquote über die vergangenen beiden Kalenderwochen auf etwa 40 Prozent gesunken. Allerdings werden auch immer weniger PCR-Tests durchgeführt. Die Zahl ist auf deutlich unter 1 Million gefallen, auf gut 743.000 in Kalenderwoche 19 nach gut 827.000 in der KW zuvor.

Die RKI-Einschätzung zur aktuellen Lage bleibt auch in der zweiten Mai-Woche unverändert. "Der Gipfel der aktuellen Welle ist klar überschritten", fasst das RKI wie schon in der Vorwoche im aktuellen Wochenbericht (zum pdf) die Situation zusammen. "Viele Hospitalisierungsindikatoren und auch die Todesfälle nehmen weiter ab." Angesichts der nahezu zum Stillstand gekommenen Impfkampagne bekräftigte das RKI aber: "Die Impfung hat aufgrund ihrer hohen Schutzwirkung vor einem schweren Verlauf auch bei Erkrankungen durch die Omikron-Variante nicht an Bedeutung verloren."

Wie geht es in Deutschland nach der weitgehenden Aufhebung vieler Corona-Auflagen weiter? Das RKI passte zuletzt sogar die allgemeine Risikoeinschätzung der veränderten Lage an: Die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung wird demnach insgesamt nur noch "hoch" und nicht mehr als "sehr hoch" eingestuft. Der Omikron-Subtyp BA.2 bleibt auch den aktuellsten RKI-Daten zufolge weiterhin die alles beherrschende Coronavirus-Variante in Deutschland. Die neu hinzugekommenen Subtypen BA.3, BA.4 und BA.5 spielen bisher nur eine untergeordnete Rolle. Der BA.5-Anteil stieg zuletzt von 0,3 auf 0,6 Prozent aller per Sequenzanalyse untersuchten Virusproben. Einen erneuten starken Fallzahlanstieg befürchtet das RKI derzeit aber auch bei einer weiteren Ausbreitung von BA.5 nicht.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach warnt jedoch vor Sorglosigkeit. "Wer jetzt den Menschen vorgaukelt, Corona sei Geschichte, wird das im Herbst bitter bereuen", sagte Lauterbach der "Rheinischen Post". Denn: "Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Eine Omikron-Welle im Herbst ist zwar wahrscheinlich. Aber selbst die gefährlichere Delta-Variante könnte zurückkommen", sagte er unter Verweis auf eine entsprechende Studie aus Israel. Die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr und der Bahn wurde zuletzt bis September verlängert - auch wenn die Einhaltung äußerst unterschiedlich kontrolliert wird.

Hinweis: Karten und Infografiken werden weiterhin laufend aktualisiert.

Wie aus den von ntv.de ausgewerteten Angaben der Landesbehörden hervorgeht, ist die Gesamtzahl der seit Pandemiebeginn in Deutschland erfassten Corona-Fälle bis Dienstagabend auf insgesamt 25.838.923 laborbestätigte Ansteckungen gestiegen. Die Zahl der Neuinfektionen lag damit bei 83.204. Allerdings hatte es am gestrigen Montag - wie zuletzt üblich - nur unvollständige Daten gegeben. Generell hat sich eine neue Meldelage bei den Ländern eingepegelt. An Montagen liegen oft nur noch aus 11 der 16 Landesbehörden tagesaktuelle Fallzahlen vor, die teilweise auch noch unvollständig sind. An Sonntagen melden oft nur noch 5 von 16 Ländern neue Daten.

Die Mehrheit der Bundesländer ist Ende April dazu übergegangen, die Corona-Meldungen an Wochenende und Feiertagen auszusetzen und erst werktags wieder frische Daten zu veröffentlichen. Das heißt, mit der Verarbeitung der am Wochenende aufgelaufenen Fälle wird frühestens am Montag begonnen, die Nachmeldungen erfolgen in diesem Fällen dann ab Dienstag. Länder, die nur noch ans RKI melden, erscheinen montags noch ausgegraut. Beim RKI werden die Daten vom Wochenstart erst gesammelt in der Nacht auf Dienstag veröffentlicht. Dadurch verschiebt sich das bekannte Muster im Meldeaufkommen: Die Nachmeldungen vom Wochenende führen dazu, dass der Dienstag den Donnerstag als üblicherweise stärksten Meldetag im Wochenverlauf ablöst.

Der Meldeverzug und die Veröffentlichungspraxis machen kurzfristige Schwankungen wenig aussagekräftig. Sehr viel wichtiger als einzelne Tagesspitzen sind mittlerweile - wie bereits oben erwähnt - die gleitenden Durchschnittswerte. Das gilt auch für die Sterbestatistik. Insgesamt zeigt sich: Die Zahl der täglich übermittelten Todesfälle entwickelt sich bisher nur langsam rückläufig.

Im Lauf des Tages wurden bundesweit insgesamt 46 neue Todesfälle registriert. Nach amtlicher Zählung sind in Deutschland bisher 137.741 Menschen im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion gestorben. Zu Jahresbeginn lag diese Zahl noch bei 112.092. Die traurige Schwelle von 100.000 Pandemie-Toten hatte Deutschland am 25. November 2021 überschritten

Die Zahl der täglich erfassten Covid-Todesfälle schwankt im Wochenverlauf generell stark. Besser erkennbar werden Trends anhand des gleitenden Durchschnitts. In den Wochen vor Ostern zählten die Behörden im mehrtägigen Mittel konstant mehr als 200 Covid-Tote pro Tag. Durch die Meldeeinbrüche über Ostern ging der Sieben-Tage-Schnitt scharf zurück. Mittlerweile liegt dieser Durchschnittswert noch bei 135 registrierten Toten pro Tag (Vortag: 138).

Da die Zahl der Covid-Toten dem Anstieg der Infektionsfälle in der Regel um etwa zwei volle Woche nachläuft, gehen Experten davon aus, dass die Entwicklungen in den Krankenhausdaten und in der Totenstatistik dem Infektionsgeschehen mit mehreren Wochen Verzug nachläuft. Die Auswirkungen der zweiten Omikron-Welle waren wochenlang spürbar. Trotz noch immer hoher Infektionszahlen gehen die Sterbefälle langsam zurück.

CoronavirusWochenvergleich

Die erste und zweite Omikron-Welle unterscheiden sich in einem entscheidenden Punkt von allen vorausgegangenen Ansteckungswellen: In Deutschland ist es bisher insgesamt gelungen, die schlimmsten Folgen der Pandemie einzudämmen. Zwar stieg die Zahl der aktiven Infektionen in den ersten Monaten des Jahres 2022 so stark wie noch nie zuvor seit Beginn des Coronavirus-Ausbruchs.

Die Zahl der Sterbefälle blieb in der laufenden Pandemie-Welle jedoch weit hinter den düsteren Dimensionen des ersten Pandemiewinters 2020/21 zurück. Kurz: Die enorm hohe Zahl an Ansteckungen führt bisher noch zu einer verhältnismäßig geringen Zahl an Todesfällen.

Insbesondere durch die Impfung haben sich die Rahmenbedingungen in der Corona-Krise grundlegend verändert: Selbst der enorme Infektionsdruck der Omikron-Welle mündete bislang nicht in die befürchtete katastrophale Überlastung des Gesundheitssystems. Das RKI führt dies ohne Einschränkungen auf die "gegen schwere Krankheitsverläufe sehr gut wirksame Impfung" und auf die "grundsätzlich geringere Krankheitsschwere bei Infektionen durch die Omikron-Variante" zurück.

Die neuen Rahmenbedingungen verändern den Blick auf das Infektionsgeschehen: Die Aussagekraft der bisher zentralen Pandemie-Parameter hat sich durch die Omikron-Variante verändert. Hohe Inzidenzwerte führen dank des Impfschutzes nicht mehr notwendigerweise zu rasch ansteigenden Zahlen an Intensivpatienten oder gar zu in die Höhe schnellenden Todesfallzahlen.

Die Sieben-Tage-Inzidenz liefert praktisch nur noch Hinweise zum reinen Infektionsgeschehen. Für die Einschätzung der Pandemie-Belastungen verlieren die Neuinfektionen isoliert betrachtet an Aussagekraft - auch, weil Überlastungen des Test- und Meldesystems sie in Spitzenzeiten verzerren können. Weitere Parameter gewinnen stärker an Bedeutung.

Für die Bewertung der aktuellen Lage zum Beispiel rückt zwangsläufig die Entwicklung in den Krankenhäusern in den Vordergrund. Belastbare Daten zur allgemeinen Kliniklage liegen allerdings auch zu Beginn des dritten Pandemiejahres noch immer nicht in ausreichendem Umfang vor.

Auf den Intensivstationen stieg die Zahl der schweren Covid-Fälle im Laufe der Omikron-Welle nur geringfügig an, wie aus den Daten des Divi-Registers hervorgeht. Die Omikron-Variante scheint die Belastungen im Gesundheitssystem stärker in den normalen Krankenhausbetrieb zu verschieben. In den Kliniken wuchs die Zahl der mit Corona infizierten Patienten deutlich, wie Daten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) zeigen.

Das RKI geht davon aus, dass der erneute deutliche Anstieg der Infektionszahlen nicht nur auf die leichtere Übertragbarkeit des Omikron-Subtyps BA.2 zurückzuführen sein dürfte. Eine Rolle dürfte zusätzlich auch die "Rücknahme von kontaktreduzierenden Maßnahmen" und das "geänderte Verhalten in der Bevölkerung" spielen, heißt es im RKI-Wochenbericht.

Der weitere Verlauf der Pandemie hänge nun davon ab, "ob sich größere Teile der Bevölkerung weiterhin verantwortungsbewusst verhalten beziehungsweise in welchem Umfang mögliche infektionsrelevante Kontakte zunehmen".

Die Omikron-Variante ist seit Ende Januar in Deutschland die alles beherrschende Coronavirus-Variante. Andere Erreger, wie zuletzt die Delta-Variante, wurden in kurzer Zeit fast vollständig verdrängt und ließen sich zuletzt nur noch in sehr geringem Umfang nachweisen.

Die Entwicklung ist nach Ansicht vieler Experten keine große Überraschung: Mit Blick auf die verbliebenen Impflücken in den Industriestaaten und den riesigen Impfdefiziten in Schwellen- und Entwicklungsländern schien es nur eine Frage der Zeit, bis weitere "besorgniserregende Coronavirus-Varianten" (VOC) auf dem Radar auftauchen. Es gibt keine Garantie, dass nach Delta und Omikron nicht noch weitere Virusvarianten mit vielleicht veränderten Eigenschaften auftreten.

Es ist davon auszugehen, dass unter Omikron-Bedingungen viele Infizierte, die womöglich kaum oder gar keine Symptome verspüren, unter dem Radar des Test- und Meldesystems bleiben. Die Betroffenen können dem Erreger so, womöglich ohne es zu ahnen, eine weitere Ausbreitung ermöglichen.

Mit den Testkapazitäten der Labore nahe am Limit und der allgemein eingeschränkten Verfügbarkeit von PCR-Tests verändert sich die Beurteilung der Gesamtsituation: Deutschland hat den Versuch aufgegeben, das Infektionsgeschehen möglichst vollständig zu erfassen. Laut RKI sei es bei "sehr hohen Inzidenzen nicht mehr möglich und notwendig (...), dass jeder Einzelfall im Meldesystem erfasst wird".

Auf der Suche nach belastbaren Orientierungsmarken zur Pandemie-Lage verweist das RKI auf "ergänzende Instrumente" zur "syndromischen und virologischen Surveillance". Darunter versteht das Institut etwa eingesandte Virusproben aus ausgewählten Arztpraxen sowie Angaben zur Verbreitung von akuten Atemwegserkrankungen und zur Häufigkeit von Arztbesuchen.

Damit, so das RKI, sei weiterhin eine "zuverlässige Einschätzung der epidemiologischen Situation" und der Entwicklung im Land möglich. Das Problem: Die aus solchen Quellen gewonnenen Hinweise beruhen teilweise auf Hochrechnungen und bieten keine regionale Auflösung. Somit liefern sie bestenfalls nur ein sehr grobes Bild.

Das Fallaufkommen und die Zahl der Neuinfektionen bleiben deshalb - mit gewissen Einschränkungen - weiterhin eine wichtige Orientierungsmarke zur Einschätzung des Pandemiegeschehens. Ein Ersatzindikator mit vergleichbarer Aussagekraft, von ausreichender Detailtiefe und Aktualität steht bislang nicht zur Verfügung.

Die regionale Infektionsdynamik liefert zum Beispiel tagesaktuelle Hinweise zur Entwicklung in der Fläche. Wie sich die Sieben-Tage-Inzidenz einer Region im Vergleich zur Vorwoche entwickelt hat, ist dabei aber in Teilen Deutschlands stark vom dortigen Test- und Meldesystem abhängig.

CoronavirusPandemie-Dynamik

Der Schutz von akut bedrohten Menschenleben hat erklärtermaßen oberste Priorität in der deutschen Pandemie-Abwehr. Zunehmend rücken jedoch auch Sorgen vor möglichen Spätfolgen mitunter symptomloser Infektionen ("Long Covid") in den Vordergrund. In der laufenden Omikron-Welle bleibt es inmitten rasant steigender Fallzahlen mehrheitlich bei milden Krankheitsverläufen.

Die hohe Zahl an Infizierten entwickelt sich trotzdem zur Herausforderung für das öffentliche Leben und die Grundversorgung: Massenhaft auftretende Neuinfektionen können über den Krankheitsausfall und die erforderlichen Isolationszeiten zu erheblichen Einschränkungen im Berufs- und Wirtschaftsleben führen.

Deutschland versucht im Rahmen einer mühsam zwischen Bund und Länder auszuhandelnden Pandemie-Strategie, das Infektionsgeschehen so weit zu kontrollieren, dass eine Überlastung des Gesundheitssystems abgewendet werden kann.

Die laufende Omikron-Welle stellt Deutschland aber vor ganz neue Herausforderungen. Wird es gelingen, die Auswirkungen massenhafter Infektionen in den Griff zu bekommen? Welche Pandemie-Bestimmungen sind noch angemessen, welche Eingriffe verhältnismäßig? Wie sehen die langfristigen Perspektiven aus?

Bei der Auswertung der Infektions- und Todesfallzahlen greift ntv.de auf die Melde-Angaben der Gesundheitsbehörden und Ministerien der Länder zurück. Dort werden die Zahlen zu Neuinfektionen und neu übermittelten Todesfällen - teils unabhängig von den formell vorgeschriebenen Meldewegen des Infektionsschutzgesetzes - im Tagesverlauf aktualisiert.

Die Länderfallzahlen erreichen die Öffentlichkeit so in der Regel schneller als über die amtliche RKI-Statistik. Zugleich ist diese Datenreihe auf Basis der Angaben aus 16 Landesbehörden robuster gegenüber einzelne Meldeausfälle.

Trotz des jüngsten Rückgangs der Neuinfektionen dürfte das Risiko, mit dem Virus in Kontakt zu kommen, in den kommenden Wochen hoch bleiben. Die Gefährdung für die Bevölkerung schätzt das RKI insgesamt weiterhin als "sehr hoch" ein. "Personen mit Symptomen einer akuten Atemwegsinfektion, wie z. B. Schnupfen, Halsschmerzen oder Husten, sollten (unabhängig vom Impfstatus) zu Hause bleiben, gegebenenfalls die Hausarztpraxis kontaktieren und sich je nach ärztlicher Einschätzung testen lassen", heißt es deshalb beim RKI. Zudem appelliert man dort, "auch bei Treffen mit Freunden und Verwandten die Verhaltenstipps für das Frühjahr 2022" zu befolgen. Die konkreten Hinweise sind in einer eigenen Infobroschüre nachgelesen werden, die Sie über diesen Link aufrufen können.

CoronavirusTäglich gemeldete Neuinfektionen

Die Risiken möglicher Langzeitfolgen einer Infektion sind derzeit noch schwer einzuschätzen. Millionen von Menschen sind in Deutschland den offiziellen Zahlen zufolge noch ungeimpft. Dazu kommt das Problem mit den in der Omikron-Welle offenbar gehäuft auftretenden Reinfektionen.

Die Rücksicht auf die weiterhin besonders gefährdeten Risikogruppen und die große Zahl an bislang noch vollkommen ungeschützten Kinder unter fünf Jahren lassen es dringend geboten erscheinen, weiterhin so viele Ansteckungen wie möglich zu verhindern.

Die Coronavirus-Pandemie ist so oder so noch lange nicht vorbei. Das Auftreten weiterer Virusvarianten mit womöglich veränderten Eigenschaften ist möglich - und angesichts der weltweiten Zirkulation und der hohen Zahl an Ungeimpften sogar wahrscheinlich.

Die ansteckendere, aber offenbar etwas mildere Virusvariante Omikron zum Beispiel konnte Deutschland binnen weniger Wochen nach ihrer Entdeckung voll überrollen. Im Fall einer raschen Aufhebung aller Vorsichtsmaßnahmen könnte sich die Entwicklung im Fall eines neu auftretenden Erregertyps schnell wiederholen. Und: Reinfektionen mit anderen Virusvarianten sind möglich. Damit wäre auch eine Rückkehr der Delta-Variante mit einer weiteren Ansteckungswelle denkbar.

CoronavirusAlter der Intensivpatienten

Die mittelfristigen Aussichten sind schwer zu überblicken. Im besten Fall entwickelt sich Sars-CoV-2 zu einem saisonal wiederkehrenden, aber beherrschbaren Erreger. Corona wäre dann tatsächlich irgendwann vergleichbar mit anderen Infektionskrankheiten wie etwa der Grippe.

Zwar wären bei sich zeitlich überschneidenden Ausbrüchen von Influenza, Corona oder anderen Atemwegserkrankungen immer noch mit erhöhten Belastungen für das Gesundheitssystem zu rechnen. Weitgreifende Einschränkungen des öffentlichen Lebens aber wären in diesem Szenario jedoch dank des soliden Impfschutzes und einer hohen Anzahl natürlicher Immunisierungen überflüssig.

Die Corona-Schutzimpfung erweist sich - neben den simplen Vorkehrungen wie Abstand, Mund-Nase-Schutz und Lüften - auf lange Sicht als die nachhaltigste Maßnahme, um die Gesellschaft dauerhaft vor gesundheitlichen Risiken durch neue Corona-Wellen zu bewahren. Auch weil sie die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems massiv verringert.

Und: Die Impfung wirkt nach derzeitigem Erkenntnisstand auch dann noch, wenn andere Corona-Auflagen womöglich bereits längst zurückgebaut wurden. Das Ziel einer gesamtgesellschaftlich hohen Impfquote bleibt damit auch mit Blick auf die Rückkehr in ein unbeschwertes gesellschaftliches Leben mit Sport, Kultur und Festlichkeiten von entscheidender Bedeutung.

Auch zwei Jahre nach Beginn des Coronavirus-Ausbruchs in Deutschland bleibt die Datenlage insgesamt dürftig und insgesamt unbefriedigend. Die Pandemie legt erschreckende Rückstände in der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung offen. Die Fallerfassung bleibt ein aufwändiger Prozess. Die Meldewege erscheinen teils umständlich. Die Öffentlichkeit verlangt nach mehr und besseren Informationen.

Die im Juli auf Betreiben des damaligen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn eingeführte Hospitalisierungsinzidenz sollte die Inzidenz als Leitindikator ablösen, scheitert aber bislang an dem großen Meldeverzug. Die groß angekündigte neue Kennziffer, auch bekannt als Krankenhausrate, gibt die Zahl der als hospitalisiert gemeldeten Covid-19-Fälle innerhalb von sieben Tagen je 100.000 Einwohner an. Die Hospitalisierungsinzidenz sollte als "Frühwarnsystem" dienen, wenn sich die Infektionszahlen zunehmend von der Anzahl der schweren Covid-Fälle entkoppeln.

Das Problem: Die neue Kennziffer hatte aufgrund des Meldeverzugs von Anfang an mit chronischer Untererfassung zu kämpfen. Die aktuelle Lage in den Krankenhäusern stellte sich in Phasen stark steigender Fallzahlen für das Personal und die übrigen Betroffenen vor Ort oft bereits ganz anders dar, als von der Hospitalisierungsinzidenz abgebildet. Erst mit wochenlanger Verspätung kann der Wert ein annähernd realistisches Bild von der Lage wiedergeben - im Nachhinein, sobald die Masse der ausstehenden Nachmeldungen eingelaufen ist.

Kurz: Als Frühwarnsystem war dieser Indikator nicht zu gebrauchen. Die Politik ging nach der Bundestagswahl zu diesem Ansatz auf Distanz. Das RKI hatte zuvor bereits auf den Geburtsfehler der Hospitalisierungsinzidenz reagiert und die "berichtete" Kennziffer um eine Schätzung der "zu erwartenden Anzahl an verzögert berichteten Hospitalisierungen" ergänzt.

Das RKI veröffentlicht seitdem wöchentlich zusätzlich eine sogenannte "adjustierte" Hospitalisierungsinzidenz mit geschätztem Aufschlag, um die noch ausstehenden Nachmeldungen einzuberechnen. Das Ausmaß der vom RKI vorgenommenen Korrekturen ist damit besonders bei den aktuellen Werten oft erheblich.

Das hat einen einfachen Grund: Die meisten hospitalisierten Covid-19-Fälle gehen erst mit deutlicher Verzögerung in die Statistik ein - wenn sie überhaupt mitgezählt werden. Die Nachmeldungen sind dabei so umfangreich, dass die ursprünglich bekannt gegebenen Werte noch Wochen später um bis zu 100 Prozent und mehr nach oben korrigiert werden müssen.

CoronavirusAdjustierte Hospitalisierungsinzidenz

Um das Ausmaß der nachträglichen Korrekturen besser abbilden zu können, zeigt ntv.de an dieser Stelle die jeweils tagesaktuell veröffentlichten Werte für Deutschland und alle Bundesländer (auswählbar über das Dropdown-Menü) sowie die korrigierte Hospitalisierungsinzidenz inklusive aller bekannten Nachmeldungen.

Der Vergleich macht deutlich: Die Daten für den jeweils aktuellen Tag sind so unvollständig, dass die Belastung für das Gesundheitssystem wahrscheinlich deutlich unterschätzt wird. Um die tatsächliche Lage besser abbilden zu können, braucht es zusätzliche Indikatoren.

Aus den Datensätzen des RKI lassen sich zum Beispiel auch altersspezifische Inzidenzwerte berechnen. Daraus lässt sich wiederum in Teilen ableiten, wie sich das Virus in der Bevölkerung ausbreitet. Dabei ist ein grundlegendes Muster erkennbar: Die bisherigen Ansteckungswellen beginnen in der Regel in den jüngeren, mobileren Altersgruppen und breiten sich anschließend auch in den älteren Bevölkerungsschichten aus.

Unterschiedliche Testintensitäten können das Bild mitunter verzerren. Kinder und Jugendliche werden seit Herbst 2021 aufgrund obligatorischer Schul- und Kitatests regelmäßig auf Ansteckungen überprüft. Offenkundig erfasste die fünfte Ansteckungswelle mit Omikron zunächst die mehrheitlich ungeimpften Kinder. Über Kitas, Schulen und Familien drang das Virus anschließend in die Fläche und in die höheren Altersgruppen vor.

Dazu kommen die ungleich verteilten Impferfolge in Deutschland: Am weitesten fortgeschritten ist die Impfkampagne in den höheren Altersgruppen. Dieser Bevölkerungsteil war und ist nicht nur akut am stärksten von lebensbedrohlichen Covid-Verläufen bedroht. Ältere Menschen konnten sich im Rahmen der Impfpriorisierung auch sehr viel früher eine Immunisierung sichern als zum Beispiel Kinder unter zwölf Jahren.

Für Mediziner liegen die Vorteile einer Impfung auf der Hand: In den kommenden Monaten wird wohl jeder im weiteren Verlauf der Pandemie sehr wahrscheinlich mit dem Coronavirus in Kontakt kommen. Ungeimpfte setzen sich damit dem Risiko einer schweren Erkrankung aus. Im Vergleich mit den gut dokumentierten Restrisiken der Corona-Schutzimpfung erscheinen die Risiken einer ungeschützten Infektion in jedem Fall unkalkulierbar hoch.

Die Impfdaten beruhen auf den gemeldeten Angaben aus Arztpraxen, Kliniken, Impfzentren sowie von Betriebsärzten und mobilen Impfteams. Auch hier könnte die Datenqualität besser und die angebotenen Informationen umfangreicher sein. Die vom RKI veröffentlichten Impfzahlen stellen die Mindestmenge der in Deutschland geimpften Personen dar.

Es gibt Hinweise, dass mutmaßlich bereits mehr Menschen geimpft sein dürften als angegeben. Die vom RKI veröffentlichte Covimo-Studie zum Beispiel kommt regelmäßig zu höheren Impfquoten. Dabei handelt es sich allerdings um Abschätzungen auf Basis einer Umfrage. Das RKI selbst weist auf verschiedene Einschränkungen hin.

Einerseits sei es wahrscheinlich, dass sich Impfbefürworter häufiger zum Interview bereit erklären als "weniger impfbereite Personen". Ungeimpfte dürften in der Covimo-Studie also systematisch unterrepräsentiert sein. Zudem schloss die Befragung bislang Teilnehmer aus, die kein Deutsch sprechen. Auch dadurch dürfte die von der Covimo-Studie erfragte Impfquote höher liegen als in der Gesamtbevölkerung.

Der Versuch, die Infektionszahlen niedrig zu halten ist spätestens mit der Omikron-Welle in Deutschland gescheitert. Zwar führt eine Coronavirus-Infektion bei jüngeren Menschen seltener zu schweren Krankheitsverlaufen oder zum Tod.

Doch mit der großen Zahl an Ansteckungen nehmen auch schwere Fälle unter Kindern und Jugendlichen zu. Eine wachsende Zahl an Betroffenen berichtet von Problemen. Viele Betroffene leiden - selbst nach einem sogenannten "milden" Verlauf - noch lange an den Folgeschäden ihrer Infektion.

Die Debatten um die sinnvolle Ausrichtung der Corona-Maßnahmen wird in Deutschland oft sehr erbittert geführt - nicht nur, wenn es um den Schutz der Kinder geht. Der Ausgleich verschiedener Interessen bleibt auch im zweiten Jahr der Pandemie ein schwieriger Balanceakt. Trotz der frei verfügbaren Impfung verursacht das Coronavirus noch immer ein außergewöhnlich großes Maß an Krankheitslast und vermeidbarem Leid, große wirtschaftliche Schäden und tiefschürfende gesellschaftliche Verwerfungen.

"Flatten the Curve" - die Welle flach halten - so lautete ein Motto in der ersten Infektionswelle. Im zweiten Jahr setzte die deutsche Pandemie-Abwehr vor allem auf den Erfolg der Impfstoffe und ließ dafür an anderer Stelle die Zügel locker. Die vierte und fünfte Welle machten deutlich, dass es nicht auf einzelne Corona-Auflagen, sondern vor allem auf das richtige Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen ankommt. Das ganze Ausmaß der Pandemieschäden in der Kultur, der Bildung, der Politik und dem Gemeinwesen wird wohl erst im Nachhinein erkennbar werden.

Ausführlichere Informationen zur Corona-Lage in Europa und der Welt finden Sie hier.

Sicher ist: Die Menschheit steht dem Virus und der Pandemie nicht machtlos gegenüber. Die bisher vorliegenden Erfahrungen zeigen vor allem, wie gut die Impfung vor Tod und schwerer Erkrankung schützt. Der Erreger lässt sich aber auch schon durch vergleichsweise einfache Vorsichtsmaßnahmen wie korrekt getragene Mund-Nase-Masken, Abstand halten und regelmäßiges Lüften aufhalten.

Der Immunschutz aus der Spritze schützt nicht nur die Geimpften vor schweren Krankheitsverläufen, sondern im Fall einer hohen Impfquote auch die gesamte Gesellschaft. Letztlich entscheidet damit das Verhalten der breiten Öffentlichkeit - und das Verhalten jedes Einzelnen -, wie viele Chancen sich dem Erreger bieten und wie lange die Welt noch unter der Coronavirus-Pandemie leiden muss.

Quelle: ntv.de, mit Material von dpa, rts und AFP

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