Infografik

Epidemie-Lage in Deutschland Alle Daten, alle Fakten zum Coronavirus

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Belastungsprobe für das Gesundheitssystem: Wie gut kann Deutschland mit dem Coronavirus-Ausbruch umgehen?

(Foto: picture alliance/dpa)

Zwei Wochen nach Ostern bleiben die Corona-Fallzahl in Deutschland auf viel zu hohem Niveau. In allen Altersgruppen steigt die 7-Tage-Inzidenz wieder deutlich an, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Einen Lichtblick gibt es beim wichtigen Thema Impfen. Die aktuelle Lage im Überblick.

In Deutschlands Bemühen um eine Eindämmung des Coronavirus ist weiter kaum Entspannung in Sicht. Nachdem am Montag die düstere Wegmarke von 80.000 Covid-19-Todesfällen überschritten worden war, zeigt die aktuelle Altersauswertung des Robert-Koch-Instituts (RKI) eine beunruhigende Entwicklung. Für Kalenderwoche 15 wurden in allen Altersgruppen wieder ansteigende Werte bei der 7-Tage-Inzidenz registriert, besonders deutlich bei Kinder und Jugendlichen bis 14 Jahren. Aber nicht nur, betont das RKI im aktuellen Lagebericht. Die Werte hätten sich "in allen Altersgruppen der unter 65-Jährigen seit MW 06 mindestens verdoppelt".

Das deutsche Gesundheitssystem bleibt massiv unter Druck, vielerorts arbeiten die Intensivstationen längst an der Belastungsgrenze. In einzelnen Regionen müssen Kliniken bereits Patienten verlegen und geplante Operationen verschieben, um Platz zur Aufnahme weitere Corona-Fälle zu schaffen.

Schnelle Entlastung ist nicht absehbar, jedenfalls nicht durch eine rasche, zwischen Bund und Ländern koordinierte Pandemie-Abwehr. Immerhin kommt nun etwas Bewegung in die oftmals wie gelähmt wirkenden Bemühungen um eine "Bundes-Notbremse". Am Montagabend billigte der Gesundheitsausschuss des Bundestags in einer Sondersitzung den geänderten Gesetzentwurf der Bundesregierung. Allerdings kann das überarbeitete Infektionsschutzgesetz frühestens zu Beginn der letzten Aprilwoche in Kraft treten – falls es im Bundestag überhaupt eine Mehrheit findet, denn die Inhalte bleiben umstritten. Insbesondere die vorgesehenen Ausgangssperren sorgen für Kritik.

Eine weitere Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) wird es zur Corona-Krise vorerst wohl nicht mehr geben. Zwei Bundesländer - Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern - sind bereits dazu übergegangen, die Corona-Auflagen auf eigene Faust zu verschärfen. Die letzte bundesweit geltende Steuerungsentscheidung zur Pandemie-Abwehr stammt vom 3. März und liegt bereits mehr als sechs Wochen zurück. Der Corona-Gipfel vom 22. März brachte lediglich den Ansatz der "Osterruhe" - ein aus der Not geborener Minimalkompromiss, der kurz darauf an juristischen Hürden scheiterte. Es scheint, als würden die Bemühungen um eine effektive Eindämmung der Ansteckungswelle im politischen Gezerre und dem anlaufenden Wahlkampf versanden.

Hinweis: Karten und Infografiken werden laufend aktualisiert.

Die Daten belegen den Ernst der Lage: Wie aus den von ntv.de ausgewerteten Angaben der Landesbehörden hervorgeht, ist die Gesamtzahl der in Deutschland seit Beginn der Pandemie erfassten Coronavirus-Fälle bis Dienstagabend auf insgesamt 3.173.302 laborbestätigte Ansteckungen gestiegen.

Das sind 14.973 neu registrierte Infektionen mehr als am Vorabend. Am Montag hatte der Zuwachs 10.659 neue Fälle betragen, am Sonntag hatten die Länder in der Summe 16.582 neue Fälle gemeldet. Am vergangenen Donnerstag waren es noch 27.977 Neuinfektionen gewesen, was dem bislang zweithöchsten Wert des laufenden Jahres und dem höchsten Wert seit dem 7. Januar entsprach.

In den Fallzahlen zeichnen sich jedoch bemerkenswerte Bewegungen ab: Der starke Anstieg scheint sich abzuschwächen - zumindest sieht es auf Basis der aus den Ländern gemeldeten Falldaten danach aus. Die Gründe dafür sind noch unklar.

Im Wochenvergleich liegt der aktuelle Tageszuwachs 321 Fälle über dem Niveau von vergangenem Dienstag. Am 13. April hatten die Länder 14.652 Neuinfektionen verzeichnet. Zugleich liegt der aktuelle Dienstagszuwachs deutlich über dem Wert von vor drei bzw. vier Wochen: Am 30. März hatten die Länder in der Summe 12.399 neue Fälle gemeldet, also knapp 21 Prozent weniger als an diesem Dienstag. Am 23. März waren es in der Summe 10.167 neue Fälle gewesen, knapp 48 Prozent weniger als aktuell. Der Vergleich mit dem Dienstagswert vor zwei Wochen ist durch die Meldeverzerrungen über die Osterfeiertage nicht sinnvoll möglich.

Belastbare Aussagen zur Trendentwicklung dürften erst im Verlauf dieser Woche möglich sein. Spätestens ab Mittwoch wird auch im Wochenvergleich zu erkennen sein, wie sich die Infektionsdynamik unabhängig von verzerrenden Ostereffekte des gebremsten Test- und Meldeaufkommens in den Zahlen widerspiegelt.

Ein umfassenderes Lagebild erlaubt derzeit vor allem die Betrachtung der Wochendaten. Deren Entwicklung zeigt unabhängig von Ostereffekten einen Aufwärtstrend der Fallzahlen: Demnach haben die Bundesländer in der zurückliegenden Kalenderwoche (KW 15/2021) insgesamt 142.022 neue Coronavirus-Fälle gemeldet. Das ist der stärkste Wochenzuwachs seit Anfang Januar (KW 1/2021: 144.752 Fälle). In der Woche zuvor (KW 14) hatte der Zuwachs noch 115.748 betragen.

Wäre eine Abschwächung der Ansteckungswelle abseits der politischen Steuerungsversuche denkbar? Könnte etwa eine Verhaltensänderung in der Bevölkerung die dritte Welle bereits gebremst haben? Die Bewegungen bei den Neuinfektionen schlagen jedenfalls auch auf die Entwicklung der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz und auch auf das mehrtägige Mittel der gemeldeten Neuinfektionen durch. Dort hat sich der siebentägige Durchschnittswert seit vergangenem Wochenende minimal abgeschwächt. Im Schnitt kommen derzeit pro Tag 20.314 (Vortag: 20.268) neu erkannte Ansteckungen hinzu.

In den vergangenen Wochen waren die Fallzahlen noch rasant gestiegen. Eine Abschwächung dieser Entwicklung wäre jedoch nicht viel mehr als ein erster Schritt. Die Kennzahlen der Kliniken, also Neuaufnahmen und Intensivbettenbelegung, folgen den Infektionsmeldungen in der Regel mit zwei bis drei Wochen Verzögerung. Das heißt: Selbst eine sofortige Trendwende würde im deutschen Gesundheitssystem frühestens Anfang Mai für spürbare Erleichterung sorgen.

Es steht zu befürchten, dass die im März und im April stark gestiegenen Fallzahlen mittelfristig auch auf die Sterbestatistik durchschlagen werden. Experten gehen davon aus, dass der Zeitverzug zwischen Fallzahlanstieg, Wachstum der Intensivfälle und schließlich der Totenzahlen diesmal größer ausfallen könnte, da derzeit deutlich mehr jüngere Personen erkranken und sich der Krankheitsverlauf und die durchschnittliche Aufenthaltsdauer auf den Intensivstationen dadurch verlängert.

Das Niveau der gemeldeten Todesfälle jedenfalls bleibt weiter hoch. An diesem Dienstag registrierten die Behörden der Bundesländer in der Summe 319 neu gemeldete Verstorbene (Vortag: 178). Der aktuelle Tageszuwachs liegt unter dem Dienstagswert von vor einer Woche (13. April: 351 Corona-Tote).

Mit dem aktuellen Tageszuwachs sind hierzulande seit Pandemie-Beginn nach amtlicher Zählung insgesamt 80.472 Menschen im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion gestorben. Die düstere Wegmarke von 80.000 Covid-19-Toten war am Montag überschritten worden. Knapp 64.000 dieser Todesfälle wurden erst nach dem 1. Dezember 2020 registriert. In den vergangenen vier Monaten hat sich die Gesamtzahl der Todesfälle damit mehr als verdreifacht.

Auch mit Blick auf die Entwicklung der Wochendaten offenbart sich ein Aufwärtstrend der Todesfallzahlen: Die Zahl der neu gemeldeten Todesfälle stieg in der zurückliegenden Woche (KW 15/2021) um 1542 an. In der Vorwoche bis 11. April 2021 waren noch 1414 weitere Tote im Zusammenhang mit dem Coronavirus registriert worden. Zugleich bedeutet der aktuelle Wochenzuwachs den höchsten Wert seit Anfang März (KW 9/2021: 1860 Todesfälle).

Kommt die Bundes-Notbremse damit viel zu spät? Nach dem Willen der Bundesregierung sollen möglichst bald landesweit einheitliche Regelungen für besonders betroffene Regionen gelten. Ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 Neuinfektionen aus den zurückliegenden sieben Tagen je 100.000 Einwohnern sollen strikte Corona-Auflagen mit Kontaktbeschränkungen greifen und die bekannten Auflagen für Handel, Kultur und Sport wieder in Kraft treten. Zusätzlich geplant sind auch nächtlichen Ausgangssperren.

Diese sogenannte Bundes-Notbremse soll die laufende dritte Ansteckungswelle "bremsen und brechen", wie es Kanzlerin Merkel formulierte. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rief zuletzt dazu auf, die Warnungen der Intensivmediziner ernst zu nehmen. Hauptziel bleibe, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. "Das, was wir jetzt möglicherweise versäumen, rächt sich in zwei, drei Wochen. Genauso wie sich jetzt rächt, was vor zwei, drei Wochen nicht entschieden wurde", so der Minister.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, forderte Politik und Gesellschaft am 16. April erneut zu konsequenterem Handeln auf. "Wir müssen die Zahlen runterbringen. Es ist naiv zu glauben, das Virus wegtesten zu können. Das funktioniert nicht", sagte er. Aufgrund der sich zuspitzenden Lage auf den Intensivstationen riet Wieler allen Kliniken, ihren Regelbetrieb einzuschränken, um Kapazitäten zur Behandlung von schwer kranken Patienten zu schonen

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Die "20-Tages-Prognose der intensivmedizinischen Bettenbelegung" des RKI geht bis Ende April von rund 7000 Covid-19-Intensivpatienten aus - das wären rund 1200 mehr als beim bisherigen Höchststand, der Anfang 2021 erreicht worden war.

Auf die gelähmt wirkende, handlungsunfähige Politik der MinisterpräsidentInnen angesprochen, hatte Wieler unmissverständlich erklärt: "Jeder Tag, den wir später handeln, verlieren wir Menschenleben."

Spahn und RKI-Chef Wieler hatten sich bereits am 9. April den Forderungen nach einem harten Lockdown angeschlossen. Eine knappe Woche später nutzten sie ihren Auftritt vor der Bundespressekonferenz, um ihre Appelle für schärfere Maßnahmen zu bekräftigen.

Die Ausgangslage für die kommenden Wochen und Monate bleibt denkbar ungünstig. Das Niveau der täglich gemeldeten Fallzahlen ist viel zu hoch, um eine effektive Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter zu erreichen. Ohne diese mühselige Arbeit kann die deutsche Pandemie-Abwehr auf Corona-Ausbrüche nur reagieren, aber nicht wirkungsvoll eindämmen. Das Virus breitet sich weiter aus.

Zugleich breitet sich eine offenbar deutlich ansteckendere Variante des Coronavirus in Deutschland weiter aus. Die Mutation B.1.1.7 - auch bekannt als die "britische" Variante - hat sich binnen weniger Wochen zum dominanten Faktor entwickelt. "B.1.1.7 ist inzwischen in Deutschland der vorherrschende Covid-19-Erreger", fasste das RKI Ende März die Erkenntnisse aus den jüngsten Laborauswertungen zusammen.

In der jüngsten Auswertung der RKI-Testzahlenerfassung wurde der Anteil dieser Virus-Variante für die Kalenderwoche 14 (bis Sonntag, 11. April) mit 84,8 Prozent angegeben (Stand vor Ostern: 78,0 Prozent). In der ebenfalls vom RKI veröffentlichten Erhebung mit den Daten aus dem Laborverbund wurde der aktuelle B.1.1.7-Anteil in der Kalenderwoche 12 sogar bereits mit 88,1 Prozent angegeben.

Damit wird die britische Variante bereits in der überwiegenden Mehrheit aller analysierten Fälle gefunden - was erhebliche Auswirkungen auf die Effektivität der bisher eingesetzten Abwehrmaßnahmen haben dürfte.

Und: Noch hat das mutierte Virus längst nicht alle Regionen Deutschlands erreicht. In einigen Kreisen liegt der Anteil der Mutanten-Nachweise laut RKI noch deutlich unter 20 Prozent. Diesen Regionen stehen damit womöglich noch ganz am Anfang der dritten Welle.

Gleichzeitig kommen die deutschen Impfbemühungen weiter nur vergleichsweise langsam voran. Noch immer sind mehr als 80 Prozent der Einwohner Deutschlands vollkommen ungeimpft. Weitere 12,6 Prozent verfügen bisher nur über einen Teilschutz. Lediglich 6,5 Prozent der Menschen in Deutschland sind Mitte April bereits komplett geimpft.

Vor diesem Hintergrund trafen die jüngsten Rückschläge an der Impffront die Impfstrategie von Bund und Ländern an empfindlicher Stelle. Grund waren die Einschränkungen bei einem der bisher drei verfügbaren Impfmitteln - und sich abzeichnende Probleme mit der vierten Impfstoffhoffnung, dem Mittel von Johnson & Johnson (J&J). Doch nachdem die US-Behörden einen vorübergehenden Impfstopp mit diesem Mittel empfohlen hatten, gab die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) heute Grünes Licht für den uneingeschränkten Einsatz des Präparats in der EU.

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Der J&J-Wirkstoff sollte in Deutschland eigentlich ab Mitte April zum Einsatz kommen, aufgrund der Probleme in den USA wurde die Markteinführung in Europa "proaktiv" aufgeschoben, wie der Konzern erklärte. Die EU-Kommission hat vom J&J-Präparat, bei dem eine Impfung genügt, bereits Dosen für 200 Millionen Menschen bestellt. Davon würde Deutschland 36,7 Millionen erhalten. Wann genau hierzulande Impfungen mit dem Präparat starten werden, war am Dienstag zunächst noch offen.

Grund für die Untersuchungen in den USA ist das Auftreten seltener Blutgerinnsel. Ähnliche Probleme hatten bereits die Impfungen mit dem Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca beeinträchtigt. Am Abend des 30. März hatten Bund und Ländern beschlossen, das Astrazeneca-Präparat ab sofort in der Regel nur noch an Menschen ab 60 Jahren zu verimpfen. Ausnahmen für unter 60-Jährige aus den Priorisierungsgruppen 1 und 2 sollen "nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung" aber möglich bleiben, heißt es in dem Beschluss.

Damit folgten die Minister der veränderten Impf-Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) wegen "seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen". Obwohl die Europäische Arzneimittel-Agentur (Ema) das Präparat nach eingehender Prüfung weiterhin uneingeschränkt empfiehlt, bleibt die Stiko bei ihrer Empfehlung eines begrenzten Einsatzes.

Das Impfen kommt damit weiterhin nur langsam voran, ein zügiges Brechen der dritten Welle ist aktuell nicht in Sicht. Mehr als ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie droht das Infektionsgeschehen in Deutschland erneut außer Kontrolle zu geraten.

Das exponentielle Wachstum, vor dem die Experten bereits vor Wochen gewarnt hatten, ließ sich wohl auch durch die Appelle zur "Osterruhe" nicht aufhalten. Einen größeren Effekt könnte allenfalls die verringerte Mobilität in der Bevölkerung während der Ferienzeit gehabt haben. Im aktualisierten Mutationsbericht warnt das RKI vor einer weiteren Verschärfung: "Auf Grund des nun hohen Anteils von B.1.1.7 ist insgesamt weiter mit einem exponentiellen Anstieg der Covid-19 Fälle in Deutschland zu rechnen".

Konkrete Gegenmaßnahmen lassen seit Wochen auf sich warten. Dabei sah bereits der Bund-Länder-Beschluss vom 3. März eigentlich verbindliche Regeln vor: "Steigt die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner an drei aufeinander folgenden Tagen in dem Land oder der Region auf über 100, treten ab dem zweiten darauf folgenden Werktag die Regeln, die bis zum 7. März gegolten haben, wieder in Kraft", lautete die fest vereinbarte "Notbremsen"-Regel.

Diese wurde aber bereits kurz nach dem Gipfel von mehreren Bundesländern für obsolet erklärt. Aktuell liegt die Zahl der deutschen Regionen, in denen seit mindestens vier Tagen eine Sieben-Tage-Inzidenz von mindestens 100 erreicht wird und damit die "Notbremse" gezogen werden müsste, laut einer ntv.de Auswertung der RKI-Daten deutlich über 300.

Und noch vollkommen offen ist, ob die in der "Bundes-Notbremse" vorgesehenen Maßnahmen überhaupt ausreichen, das Infektionsgeschehen einzudämmen. Schließlich konnte die dritte Ansteckungswelle Deutschland erfassen, obwohl das Land bereits seit mehr als fünf Monaten unter schrittweise verschärften Lockdown-Bedingungen stand.

Das Frühjahr könnte damit weitere schwere Belastungsproben für Politik, Gesundheitssystem und die breite Öffentlichkeit bereithalten. Ein schnelles Ende der Corona-Krise ist nicht in Sicht. Die Zahl der Corona-Patienten mit schweren Verläufen steigt stetig. Da die Daten zur Lage in den Intensivstationen im Gegensatz zu den Fallzahlen in der Bevölkerung einfacher erhoben werden können und es in den Kliniken weder Unschärfen noch eine Dunkelziffer gibt, deutet dieser Indikator auf eine ungebrochene Ansteckungswelle hin.

Kanzlerin Merkel rechnet laut eigener Aussage nicht mit einer raschen Rückkehr zur Normalität. Vielmehr dürfte die Lage noch bis zum Sommer angespannt bleiben, sagte sie am 10. März. Sie erwartet "noch drei, vier schwere Monate: März, April, Mai, Juni". Erst dann würden die Effekte des Impfens deutlich werden.

Das Tempo der deutschen Impfkampagne läuft bisher noch schleppend an. Die Zahl der täglich vorgenommenen Corona-Schutzimpfungen scheint zu stagnieren, und das nicht nur wegen der Aussetzung der Astrazeneca-Impfungen, die jetzt erneut stark eingeschränkt werden müssen.

Kam die Lockerungsdebatte im Februar und Anfang März damit viel zu früh? Der Blick auf die Daten aus der zurückliegenden 15. Kalenderwoche mit der höchsten Zahl an Neuinfektionen seit Mitte Januar lässt auf diese Frage nur eine Antwort zu. Ginge es nur nach den Fallzahlen, dann hätte Deutschland eigentlich längst in einen vehement verschärften Lockdown einschwenken müssen.

Stattdessen stellten Bund und Länder im März einen Stufenplan mit Öffnungsperspektiven in Aussicht. Neue Maßgabe sollten die Schwellenwerte 50 und 100 sein. Selbst in Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz - also die Anzahl der Neuinfektionen aus sieben Tagen je 100.000 Einwohnern - über der einstigen Obergrenze von 50 waren Öffnungen im Einzelhandel unter Auflagen möglich. In Regionen mit Inzidenzwerten unter 50 dürfen Kunden sogar schon wieder selbst in die Läden.

Übersteigt das Fallaufkommen jedoch die 100er-Marke an drei aufeinanderfolgenden Tagen, dann sollte eigentlich - so war es laut Bund-Länder-Beschluss verbindlich vorgesehen - die sogenannte Notbremse greifen. Dann müssten, so war es zumindest vereinbart, "ab dem zweiten darauf folgenden Werktag" jene Corona-Auflagen wieder in Kraft treten, die bis zum 7. März gegolten haben.

Allerdings hatten bereits mehrere Bundesländer und Regionen unmittelbar nach dem Corona-Gipfel angekündigt, diese Vereinbarung nicht umsetzen zu wollen. Die viel beschworene Notbremse könnte sich als Instrument der Pandemie-Abwehr damit bald als nutzlos erweisen - schlicht, weil diese Regelung nicht überall gleichermaßen befolgt wird.

Am Corona-Gipfel am 22. März verständigten sich Bund und Länder nun, die vereinbarte "Notbremse" auch konsequent umzusetzen - auch wenn die letztliche Entscheidung bei den Bundesländern liegt.

Die deutsche Pandemie-Strategie mit dem weiter geltenden Stufenplan für weitere, regionale Öffnungsschritte barg und birgt offenkundig große Risiken. Auch nach fast fünf vollen Monaten unter stufenweise verschärften Corona-Auflagen ist es der Mehrheit der deutschen Regionen nicht gelungen, die Sieben-Tage-Inzidenz vor Ort unter die angestrebte Zielmarke von 50 Neuinfektionen aus sieben Tagen je 100.000 Einwohnern zu drücken.

Die Ausgangslage für Lockerungen erscheint sehr viel ungünstiger als im Frühjahr 2020: Einige Bundesländer steckten offenbar noch immer in den Ausläufern der zweiten Ansteckungswelle fest und werden jetzt von der dritten Welle erfasst - zumal auch die Virus-Mutation B.1.1.7 deutlich infektiöser ist.

Gemessen an der regionalen Sieben-Tage-Inzidenz bewegt sich das Fallaufkommen noch immer weit jenseits jener Schwellenwerte, ab denen eine umfassende Kontaktnachverfolgung und damit eine effektive Unterbrechung der Infektionsketten möglich wären. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz - also die Anzahl der gemeldeten Infektionsfälle aus sieben Tagen je 100.000 Einwohner - liegt den RKI-Angaben zufolge bei 165,3 (Stand: 19. April).

Sollte die Strategie mit Schnell- und Selbsttests nicht wie erhofft anschlagen und die Effekte der Corona-Schutzimpfung in breiten Bevölkerungsgruppen weiter ausbleiben, könnten die nun beschlossenen Öffnungsperspektiven schnell zu Frust, Unverständnis und Enttäuschung führen. Familien, Unternehmer und Selbstständige hoffen auf Erleichterungen, die Erwartungen nach fünfeinhalb Monaten im Lockdown sind groß.

Doch welche Lockerungen wären angesichts steigender Fallzahlen und unter Berücksichtigung der neuen Mutanten-Risiken überhaupt vertretbar? Die Daten aus dem jüngsten VOC-Bericht des RKI zeichnen ein düsteres Bild von der Ausbreitung der neuen Virus-Varianten.

Insbesondere die Coronavirus-Mutation B.1.1.7 - die sogenannte britische Variante - entwickelt sich wie von Experten vorhergesagt zum dominanten Einflussfaktor im Infektionsgeschehen und wird aufgrund ihrer deutlich höheren Infektiösität laut RKI-Prognose die Fallzahlen in den kommenden Wochen massiv nach oben treiben.

In der aktuellsten RKI-Auswertung im Rahmen der sogenannten Testzahlenerfassung vom 31. März gehen die Experten mit Blick auf die Zahlen aus der zwölften Kalenderwoche davon aus, dass die deutlich ansteckendere Virus-Variante B.1.1.7 bereits auf einen Anteil von knapp 85 Prozent aller überprüften Proben erreicht, Tendenz steigend. Die neuen Zahlen zur VOC-Lage in Deutschland werden jeweils mittwochs veröffentlicht.

Vor wenigen Wochen lag der Anteil noch knapp unter sechs Prozent. In der sechsten Kalenderwoche wurde der Anteil zunächst mit 22,8 Prozent angegeben, in der siebten Kalenderwoche wurde ein Anteil von 30,9 Prozent gemeldet. Diese Werte musste das RKI zwischenzeitlich allerdings leicht nach unten korrigieren.

Bund und Länder sind sich der Gefahren offenbar bewusst. "Die täglichen Meldezahlen zeigen, dass die Anstrengungen der letzten Monate sich gelohnt haben und niedrigere Inzidenzen erreicht werden konnten", heißt es dagegen im Beschlusspapier des Bund-Länder-Treffens vom 3. März.

Dies habe "das Gesundheitssystem spürbar entlastet und zu sinkenden Todeszahlen geführt". Gleichzeitig steige jedoch der Anteil der Virusvarianten an den Infektionen in Deutschland schnell an, wodurch die Zahl der Neuinfektionen wieder zu steigen beginne.

Bisher seien die AHA+L Regeln zusammen mit der Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter und den Kontaktbeschränkungen die "wesentlichen Mittel im Kampf gegen die Pandemie" gewesen. "Jetzt verändern zwei Faktoren das Pandemiegeschehen deutlich: Die zunehmende Menge an Impfstoff und die Verfügbarkeit von Schnell- und Selbsttests in sehr großen Mengen."

Die Bund-Länder-Runde ging also davon aus, dass unter diesen Umständen gelockerte Corona-Auflagen möglich sind, "ohne die erzielten Erfolge wieder zu verspielen". Begründet wird dieser optimistische Ansatz so: In wenigen Wochen würden die "ältesten Bürgerinnen und Bürger" geimpft sein, heißt es.

Bei diesen Altersgruppen war bisher ein großer Teil der schweren und tödlichen Verläufe in der bisherigen Pandemie zu beklagen. "Dies führt dazu, dass bei vergleichbarem Infektionsgeschehen in Zukunft die Zahl der schweren und tödlichen Verläufe und damit auch die Belastung des Gesundheitssystems deutlich geringer sein werden."

Trotz dieser ermutigenden Aussichten könnten "keine beliebigen Neuinfektionsraten toleriert" werden, heißt es warnend im Bund-Länder-Beschluss. Wenn die Infektionszahlen erneut exponentiell ansteigen sollten, könne das Gesundheitswesen "auch mit jüngeren Patienten" schnell wieder an seine Belastungsgrenzen stoßen.

Ausdrücklich erwähnt werden in dem Beschluss auch mögliche Nebenwirkungen einer Corona-Infektion mit mildem Verlauf. "Zahlreiche Berichte über Covid-19-Langzeitfolgen ("Long Covid") mahnten, heißt es, "ebenfalls zur Vorsicht". Denn bisher könnten die Häufigkeit und Schwere dieser Langzeitfolgen "nicht genau abgeschätzt" werden.

Dass die deutsche Pandemie-Abwehr künftig verstärkt auf die sogenannten Schnell- und Selbsttests setzen würde, war bereits im Vorfeld des Corona-Gipfels klar. "Regelmäßige Corona-Tests" stellten einen "wichtigen Baustein" dar, hieß es, um "mehr Normalität und sichere Kontakte zu ermöglichen".

Künftig werden Unternehmen in Deutschland aufgefordert, im Rahmen eines gesamtgesellschaftlichen Beitrags, "ihren in Präsenz Beschäftigten" wöchentlich mindestens einen kostenlosen Schnelltests anzubieten. Zusätzlich sollen auch "alle asymptomatische Bürgerinnen und Bürgern" mindestens einmal pro Woche ein kostenloser Schnelltest ermöglich werden. Die Kosten dafür übernimmt ab dem 8. März der Bund.

Durch die seit 2. November geltenden Lockdown-Maßnahmen ist es in Deutschland zwar gelungen, die exponentielle Virus-Ausbreitung zu stoppen und die zweite Ansteckungswelle zu brechen. Deutlich verfehlt wurde jedoch das Ziel, die Zahl der gemeldeten Ansteckungen weitergehend einzudämmen. Tatsächlich rückten die neuen Zielmarken bereits Ende Februar wieder in weite Ferne und sind im März bislang nicht wieder näher gerückt.

Es gibt es aber auch ermutigende Anzeichen. Die Fallzahlen bei den über 80-Jährigen nähmen weiter ab, obwohl es nach wie vor Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen und Krankenhäusern gebe, betonte RKI-Chef Wieler. "Das ist wahrscheinlich schon ein Effekt der Impfung."

Schnelltests für Schulen, Heime und den Privatgebrauch sollen künftig die Suche nach Infektionsherden erleichtern und die Eindämmung des Erregers beschleunigen. Wieler warnte jedoch vor einer Überschätzung von Selbsttests in der Pandemie-Bekämpfung.

"Selbsttests sind keine Wunderwaffe", sagte er bei dem gemeinsamen Auftritt mit Spahn in der Bundespressekonferenz. Die Erwartung, dass man sich für bestimmte Situationen "freitesten" könne, sei nicht hundertprozentig zu erfüllen. Ein negatives Ergebnis sei immer eine Momentaufnahme und schließe eine Infektion nicht aus.

"Man kann trotzdem infiziert sein und andere anstecken", betonte Wieler. Deshalb sei es wichtig, sich und andere auch weiter durch Abstandhalten, Maskentragen, Hygiene und Lüften zu schützen. Schnelltests seien aber ein Werkzeug bei der Eindämmung der Pandemie, sagte Wieler. Positiv sei, dass sie mehr Infektionen aufdecken würden. "Das mächtigste Werkzeug neben uns selbst sind die Impfungen", sagte Wieler. Sie seien der direkte, gemeinsame Weg aus der Pandemie.

Derzeit kommen Schnelltests vorrangig nur in Alten- und Pflegeheimen, in Kliniken zum Einsatz. Künftig könnten sie auch nach Infektionsfällen in Schulen verwendet werden. Bisher durften die Proben allerdings nur von geschultem Personal genommen werden, was ihre Anwendung in der Praxis stark einschränkt. Daher sollen nun möglichst schnell auch Laien-Selbsttests verfügbar sein.

Die einfachen Schnelltests gelten als weniger zuverlässig als die bisher als "Goldstandard" bezeichneten PCR-Tests. Da sie weniger sensibel reagieren, dürften sie vor allem bei akut infizierten Personen mit hoher Viruslast anschlagen. Da in solchen Fällen das Ansteckungsrisiko auch besonders hoch ist, könnten die Schnelltests einen wertvollen Beitrag zur Eindämmung leisten.

Ein positiver Schnelltest wiederum zieht in jedem Fall einen regulären PCR-Test nach sich und eine erste Verdachtsmeldung an das zuständige Gesundheitsamt. Erst im Fall einer laborbestätigten Infektion wird die Infektion auch in der Pandemie-Statistik als nachgewiesene Ansteckung erfasst. Für die Betroffenen folgt eine behördlich angeordnete Quarantänepflicht. Im Idealfall beginnt umgehend die Kontaktnachverfolgung, um möglichst schnell die Ansteckungsherde zu identifizieren.

"Meilenstein in der Pandemiebekämpfung"

Inmitten der düsteren Gesamtlage gibt es dennoch eine Gewissheit: Das Virus lässt sich aufhalten. Das Verhalten der breiten Öffentlichkeit entscheidet, wie viele Chancen sich dem Erreger bieten. Das Virus ist auf den Kontakt zwischen Menschen angewiesen, es kann sich alleine nicht bewegen.

Der erfolgte Impfstart weckte zunächst große Hoffnungen, die zäh anlaufende Massenimpfung rückt die Einkaufsstrategie und die Planung des Bundes und der Länder zunehmend ins Zentrum der Kritik.

Noch immer steht viel zu wenig Impfstoff zur Verfügung, um Menschen aus den besonders gefährdeten Risikogruppen und das medizinische Personal in direktem Kontakt zu Infizierten zügig impfen zu können. So oder so dürfte es noch Monate dauern, bis ausreichende Anteile der Bevölkerung über einen Immunschutz verfügen.

Die Verteilung der Impftermine orientiert sich dabei an der vorbereiten Impfreihenfolge, die eine Immunisierung der besonders gefährdeten Menschen vorsieht. Zuerst geimpft werden also etwa Pflegebedürftige, Hochbetagte und Personen aus den sogenannten Risikogruppen, bei denen etwa gravierende Vorerkrankungen vorliegen.

Mitte April sollten den Ankündigungen aus dem Bundesgesundheitsministerium zufolge pro Woche rund 2,2 Millionen Impfdosen ausgeliefert werden. An einzelnen Tagen konnte die Impfleistunge bereits auf bis zu 700.000 Spritzen ausgeweitet werden. Im Schnitt erhalten derzeit jedoch nur etwa 300.000 Menschen pro Tag eine Erst- oder Zweitimpfung. Bis zum Ende des zweiten Quartals rechnet die Bundesregierung mit mindestens 70 Millionen Impfdosen.

Immerhin stehen mittlerweile neben dem zuerst zugelassenen Impfstoff von Biontech/Pfizer zwei weitere Mittel zusätzlich zur Verfügung. Am 6. Januar erteilte die Europäische Arzneimittelbehörde EMA eine vorläufige EU-Zulassung für den Impfstoff des US-Herstellers Moderna. Das Mittel wird inzwischen auch in Deutschland verimpft.

Am 29. Januar kam dann auch noch die EU-Zulassung für den Impfstoff der Uni Oxford und Astrazeneca hinzu, das anfangs allerdings nur in deutlich geringerem Umfang verimpft werden konnte - auch, weil die Stiko-Empfehlung sich zunächst gegen einen Einsatz für Personen der höheren Altersgruppen über 65 ausgesprochen hatte.

Wenige Wochen später lagen jedoch auch zu diesem Mittel umfangreichere Erfahrungswerte aus dem Ausland vor, so dass die Empfehlung angepasst werden konnte. Der Astra-Impfstoff, wie er in den Impfzentren kurz genannt wird, schützt die Geimpften offenbar sehr zuverlässig vor schweren Erkrankungen.

Mitte März wurde die Impfung mit Astrazeneca jedoch auch in Deutschland vorübergehend ausgesetzt, um vereinzelte Vorfälle mit Thrombosen näher zu untersuchen. Kurz darauf wurden die Astra-Impfungen wieder aufgenommen, diesmal jedoch mit der Empfehlung, vorrangig ältere Menschen damit zu impfen, bei denen das Risiko für Impfkomplikationen offenbar massiv geringer ist.

Eine rasche Beschleunigung der deutschen Impfkampagne versprach dagegen die Ausweitung der Impfkampagne auf die niedergelassenen Ärzte. Dadurch konnte die tägliche Impfleistung in Deutschland zeitweise verdoppelt werden. Positive Auswirkungen wären durch den Einsatz eines vierten verfügbaren Impfstoff zu erwarten: Die Ampullen mit dem J&J-Impfstoff erfordern keine aufwändige Kühlung. Außerdem kommen sie mit einem einzigen Impfdurchgang aus, was die reguläre Impfung und die Planung in Arztpraxen und Kliniken erheblich vereinfachen dürfte.

In Deutschland sollte seit dem 16. Dezember 2020 ein "harter Lockdown" die exponentielle Ausbreitung von Covid-19-Erkrankungen aufhalten. Das Ergebnis: Die Deutschen verbrachten die Weihnachtsfeiertage 2020 im pandemiebedingten Ausnahmezustand. Die bisherigen Maßnahmen hätten "nicht gereicht", hatte Bundeskanzlerin Merkel erklärt. Es bestehe "dringender Handlungsbedarf" im Kampf gegen die sich aufbauende Ansteckungswelle.

Am 5. Januar wurden die erwartete Verlängerung und die von Experten geforderte Verschärfung des Lockdowns beschlossen, am 10. Februar eine weitere Verlängerung bis 7. März. Nach massivem Druck von Verbänden, Ministerpräsidenten und auch aus der Bundespolitik hatten die Schul- und Bildungsminister der Länder schließlich eingelenkt und ihren Widerstand gegen eine befristete Verlängerung der Schulschließungen bereits kurz vor dem für den 5. Januar angesetzten Bund/Länder-Termin aufgegeben. Damit dauerte der schulische Ausnahmezustand mit Digitalunterricht noch bis in den März hinein an.

Um die Nachverfolgung der Fälle steht es weiterhin noch schlecht. Die Ausbrüche und Ansteckungen treten ohne erkennbare Muster auf. In zahlreichen Regionen sei eine "zunehmend diffusen Ausbreitung von Sars-CoV-2-Infektionen in die Bevölkerung" zu beobachten, wie das RKI seit Herbst betont.

Die Infektionsketten seien in vielen Fällen gar nicht mehr eindeutig nachvollziehbar, heißt es. Das "genaue Infektionsumfeld", räumte das RKI ein, lasse sich "häufig nicht ermitteln".

Covid-19-Ansteckungen werden demnach in privaten Haushalten ebenso wie in Alten- und Pflegeheimen gemeldet, dazu kommen die Ausbrüche in Betrieben, Büros und sonstigen Arbeitsstätten sowie in Schulen und Kitas.

Corona-Tests: Der Anteil positiver Befunde

Die Pandemie wird Deutschland und die Welt damit womöglich noch weit über das Frühjahr hinaus belasten. Die aktuellsten Labordaten deuten darauf hin, dass das Virus wieder etwas stärker in der Bevölkerung zirkuliert als noch Anfang Februar.

Die aktuellen Testzahlen, immer mittwochs vom RKI veröffentlicht, zeigen für die dreizehnte Kalenderwoche (KW 13 / 2021), also die sieben Tage bis Sonntag, 4. April, eine weiter steigende Tendenz bei der Positivenquote (aktuell: 11,1 Prozent, Vorwoche revidiert 9,3 Prozent). Gleichzeitig war laut RKI "ein deutlicher Rückgang der übermittelten durchgeführten PCR-Testungen im Vergleich zu den Vorwochen zu verzeichnen, was vermutlich unter anderem auf geschlossene ärztliche Praxen über die Osterfeiertage und -ferien zurückzuführen ist". Während in der KW 12 noch 1.411.517 PCR-Tests durchgeführt wurden, wurden in KW 13 lediglich 1.149.279 Tests registriert.

Vor diesem Hintergrund ist der Anstieg der Positivenquote nicht überraschend, weil mutmaßlich vor allem Personen mit klaren Symptomen PCR-Tests durchführen ließen. Laut RKI ist ein reguläres Testaufkommen erst wieder "ab KW15/2021 (...) zu erwarten", also in der kommenden Woche.

Die im Herbst eingeführten neuen Testkriterien wurden im Januar 2021 erneut angepasst. Die Daten, insbesondere zur Positivenquote, sind daher nur mit Einschränkungen mit den Werten aus der Zeit bis Herbst vergleichbar.

Aber: Je höher die Positivquote bei gleichzeitig hoher Fallzahl sei, heißt es beim RKI, desto höher wird die Anzahl unentdeckter Infektionen geschätzt. Im Klartext: Die Dunkelziffer dürfte kurz vor, an und nach Weihnachten zeitweise erheblich angestiegen sein, da in dieser Phase feiertagsbedingt nur eingeschränkt getestet wurde. Der zeitweilige Rückgang der Positivenquote auf das Niveau von Ende Oktober lieferte Belege dafür, dass sich das Infektionsgeschehen in seiner Intensität abgeschwächt hat. Mitte März hat sich dieses Bild wieder gewandelt: Die Positivenquote steigt, obwohl mehr getestet wird.

Seit dem 3. November waren die neuen RKI-Empfehlungen in Kraft, nach denen nur noch klare Verdachtsfälle und Personen mit Kontakt zu Risikogruppen und schweren Symptomen getestet werden sollten. Ziel dieser Empfehlungen war es, die Labore vor dem erwartbaren Ansturm von testwilligen Menschen mit den saisonüblichen Erkältungskrankheiten zu bewahren.

Gegen Ende des Winters hat sich die Situation verändert: Angesichts der ausgebliebenen Grippewelle und sinkender Corona-Zahlen gebe es wieder freie Kapazitäten in den Laboren, hieß es, so dass Ärzte bei Patienten mit Symptomen nun wieder PCR-Tests vornehmen können sollen.

Getestet wurden zeitweise nur noch Fälle, bei denen klare Hinweise auf eine mögliche Covid-19-Erkrankung vorliegen oder die mit Menschen aus gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Kontakt stehen. Da damit während des Winters deutlich weniger Menschen - und sehr viel gezielter - getestet wurden als noch im Sommer, stieg die Trefferquote bei den Tests kräftig an.

Tatsächlich kletterte die Positivenquote im Herbst zeitweise kräftig nach oben. Das RKI äußerte sich zunächst sehr vorsichtig: "Eine eindeutige Bewertung über die Größe des Einflusses der geänderten Testkriterien (...) ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich." Die Experten sehen sich mit ihrer geänderten Teststrategie jedoch bestätigt. Die Kapazitäten sind weiterhin begrenzt. Noch gibt es Berichte über kritische Engpässe bei den Labormaterialien.

"Verbrauchsmaterialen und Reagenzien werden in Laboren nur für kurze Zeiträume bevorratet (u. a. wegen begrenzter Haltbarkeit bestimmter Reagenzien)", beschreibt das RKI die Problematik. "Bei steigender Anzahl durchgeführter Tests und aufgrund von Lieferengpässen bei weltweit steigender Nachfrage können sich die freien Kapazitäten in den nächsten Wochen reduzieren."

Die Lage in den Kliniken laut DIVI-Register

Daten des Deutschen Intensivregisters (DIVI) liefern verschiedene Anhaltspunkte zur Lage in den deutschen Krankenhäusern. In den Zahlen zeichnet sich ein leichter Anstieg bei den intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten ab.

Ein freies Bett auf der Intensivstation garantiert dabei noch lange nicht die optimale Versorgung: Schon die Belegung mit wenigen Covid-19-Fällen kann ausreichen, das ohnehin bereits belastete Personal an die Kapazitätsgrenze zu bringen. Allein aufgrund der erforderlichen Schutzmaßnahmen für Fachkräfte und die übrigen Patienten im Krankenhaus ist die Betreuung sehr viel aufwändiger als im Regelbetrieb. In den Krankenhäusern mussten sich die Planer und das medizinische Personal bereits im Herbst auf schwere Zeiten einstellen, auf vielen Intensivstationen herrscht seit mittlerweile mehr als einem Jahr Ausnahmezustand.

Aktuell gibt es bundesweit wieder fast 5000 Covid-Intensivpatienten, Tendenz seit Wochen kontinuierlich steigend. Parallel steigt auch die Zahl der invasiv beatmeten Patienten.

RKI-Chef Wieler ging bei seinen Erläuterungen zur Lage im Oktober unter anderem auch auf Erkenntnisse zu den häufigsten Ansteckungsorten ein. Ein Teil des aktuellen Infektionsgeschehens spielt sich demnach im privaten Umfeld ab - wobei sich die mutmaßlichen Übertragungswege allerdings nur noch bei einem Fünftel aller Fälle überhaupt rekonstruieren lassen. Bundesweit sind die Ansteckungsumstände im Schnitt in rund 80 Prozent der Fälle "unklar".

Als wichtigen Bereich für die aktuellen Ausbrüche erwähnte Wieler vor allem den Einfluss privater Feiern auf das Infektionsgeschehen. Dort wo Menschen zusammen kommen und eine starke Interaktion etwa durch lautes Sprechen oder Lachen stattfinde, sei das Ansteckungsrisiko höher, sagte er. Deshalb spielten andere Bereiche des öffentlichen Lebens, wo weniger Interaktion stattfinde, bei den Infektionen nur eine geringere Rolle.

Ansteckungen im öffentlichen Nahverkehr, bei Übernachtungen in Hotels oder auf Reisen in der Bahn seien bisher kaum zu beobachten, erklärte er. Kritische Beobachter merkten daraufhin, dass sich die Infektionswege im privaten Umfeld leichter ermitteln ließen als etwa im öffentlichen Bereich.

In privaten Haushalten nehme die Anzahl der Ausbrüche, so Wieler, deutlich zu. "Ansteckungen in Schulen (...) sind zwar bisher nicht sehr häufig und wesentlich seltener, als wir das zum Beispiel von Influenzaausbrüchen kennen, aber klar ist, je stärker die Fallzahlen steigen, desto höher werden auch Schulen betroffen sein."

Kamen die Anfang Oktober beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens viel zu spät? Beim Corona-Gipfel zur Neuausrichtung der deutschen Pandemie-Abwehr im Kanzleramt im Oktober hatten Bund und Länder noch um Einzelfragen wie etwa dem umstrittenen Beherbergungsverbot gestritten.

Beschlossen wurden damals angesichts der sich abzeichnenden Lage lediglich "erhebliche Einschränkungen", wie Merkel nach zähen Beratungen Mitte Oktober mitteilte. "Was wir jetzt tun und nicht tun, wird entscheidend sein für die Frage, wie wir durch diese Pandemie kommen."

Deutschland sei "bereits in der exponentiellen Phase" der Pandemieausbreitung, warnte Merkel im Herbst. Die Ergebnisse des Corona-Gipfels im Oktober gingen ihr offensichtlich nicht weit genug gingen. Die Kanzlerin verwies auf die enormen Belastungen der Corona-Krise für Bevölkerung, Wirtschaft, öffentliches Leben und auch für die Staatsfinanzen. Im zurückliegenden Jahr mussten ihren Worten zufolge bereits 250 Milliarden Euro neue Schulden aufgenommen werden.

"Und deshalb können wir uns auch ökonomisch eine zweite Welle, wie wir sie im Frühjahr hatten, mit solchen Folgen nicht leisten", sagte Merkel im Herbst. Es müsse alles getan werden, um die Infektionszahlen im Griff zu behalten und die Kontakte nachzuvollziehen.

Am 15. Oktober trat zudem die neue "Nationale Teststrategie" in Kraft, die unter anderem auch den verstärkten Einsatz von schnelleren und günstigeren Antigentests vorsieht. Mit Blick auf den rasch anwachsenden Bedarf an Corona-Tests sollen damit drohende Engpässe in den Laboren vermieden werden. Zuletzt war der gemeldete Probenrückstau wieder stark angestiegen.

Merkel sah nach dem Bund-Länder-Gipfel Mitte Oktober noch reichlich Handlungsbedarf. "Die Ansagen von uns sind nicht hart genug, um das Unheil von uns abzuwenden", soll sie beim letzten Treffen erklärt haben. Und prophezeite schon damals: Mit den damals festgelegten Maßnahmen würden Bund und Länder "in zwei Wochen eben wieder hier" sitzen. "Es reicht einfach nicht, was wir hier machen."

Ansteckungsrate, R-Wert, Reproduktionszahl

Der jüngste Anstieg der Fallzahlen spiegelt sich auch in den Bewegungen der bundesweiten Ansteckungsrate wider. Die beiden vom RKI ermittelten R-Werte - also die einfache Reproduktionszahl R und die etwas stabilere Variante, das Sieben-Tage-R - zeigen die Anzahl der Personen an, die im Durchschnitt von einem Fall angesteckt werden.

Für die Berechnung dieser beiden komplexen Kennziffern gibt es gute Gründe: Die vom RKI veröffentlichten Meldedaten aus den Gesundheitsämtern sagen zunächst wenig über das tatsächliche Infektionsgeschehen aus, da es in den einzelnen Fällen unterschiedlich lange dauern kann, bis es nach dem Erkrankungsbeginn zu einer Covid-19-Diagnose, zur Meldung und schließlich zur gesetzlich vorgeschriebenen Übermittlung der Daten ans RKI kommt.

Sobald es um die Frage geht, wann genau sich die Betroffenen angesteckt haben, sind die Meldedaten selbst demnach keine große Hilfe. Um ein klareres Bild von der Entwicklung zu bekommen versucht das RKI daher, die tatsächliche Entwicklung draußen im Land anhand eines speziellen Schätzverfahrens, das sogenannte Nowcasting, zu ermitteln.

Ziel ist es, anhand aller vorliegenden Hinweise zu den einzelnen Infektionsfällen vom jeweiligen Meldedatum aus anhand der übermittelten Zusatzinformationen auf den wahrscheinlichen Erkrankungsbeginn zurückzurechnen. Der eigentliche Moment der Ansteckung dürfte, so die Überlegung, im Schnitt noch einmal etwa vier Tage davor liegen.

Da die jüngsten Meldezahlen in der Regel noch nicht vollständig sind und erst in den kommenden Tagen durch Nachmeldungen vervollständigt werden, spart das RKI-Verfahren die aktuell zurückliegenden vier Tage zunächst aus. Im Prinzip wird dann die Anzahl der ermittelten Fälle aus einem früheren Viertageszeitraum mit der Anzahl der ermittelten Neuinfektionen aus dem späteren Viertageszeitraum ins Verhältnis gesetzt.

Damit beruht dieses sogenannte 4-Tage-R auf einer ausführlich dokumentierten Methode, hat aber einen gewichtigen Nachteil: Dieser Schätzwert zeigt ein Infektionsgeschehen, das bereits etwa eine bis zwei Wochen in der Vergangenheit liegt.

Bei einem R-Wert unter 1,0 geht das RKI davon aus, dass jeder Infizierte im Schnitt weniger als eine weitere Person ansteckt, die Fallzahlen also insgesamt zurückgehen und die exponentielle Ausbreitung des Virus verhindert werden kann. Ein Wert über 1,0 ist vor allem dann problematisch, wenn sich die Zahl der Neuinfektionen zugleich auch wieder auf einem höheren Niveau bewegt.

So würde ein Wert von 1,09 zum Beispiel darauf hinweisen, dass jeder Infizierte im Schnitt wieder mehr als eine weitere Person ansteckt. Oder, um ein anderes gängiges Rechenbeispiel zu verwenden: Jeweils 100 Infizierte würden in diesem Szenario insgesamt 109 weitere Menschen anstecken. Die Masse der zu erfassenden Kontaktpersonen würde entsprechend anschwellen. Bis zu einer überregionalen Ausbreitung wäre es dann schon nach wenigen Tagen kein großer Schritt mehr.

Ein Anstieg der beiden Ansteckungsraten kann somit im Zusammenhang mit weiteren Kennzahlen darauf hindeuten, dass es Probleme bei der erhofften Eindämmung des Erregers gibt. Allerdings weist das RKI ausdrücklich darauf hin, dass bei insgesamt niedrigen Fallzahlen schon einzelne lokale Ausbrüche stärkere Ausschläge bei der Ansteckungsrate auslösen können.

Das Lagebild, das sich aus den einzelnen Pandemie-Parametern ergibt, zeigt selbst den Experten nur eine Momentaufnahme. Das tatsächliche Infektionsgeschehen ist darin nur eingeschränkt und mit der beschriebenen zeitlichen Verzögerung zu erkennen.

Hinweis: Alle Karten, Daten und Infografiken zur internationalen Pandemie-Lage finden Sie ab sofort in diesem separaten Überblicksbeitrag.

Als wichtigste Gegenmaßnahmen pocht das RKI weiterhin auf die frühzeitige Entdeckung und Isolierung aller infizierten Personen, die strikte Quarantäne aller betroffenen Kontaktpersonen sowie die soziale Distanzierung in der übrigen Bevölkerung. Nur auf diese Weise, sagen die Experten könne die "Infektionsketten" unterbrochen werden und die weitere Ausbreitung des Virus eingedämmt werden.

Dass die Fallzahlen bei ntv.de am Abend in der Regel über den vom RKI ausgewiesenen Werten liegen, hat leicht nachvollziehbare Gründe: Bei der Auswertung der Datenlage greift ntv.de auf die Angaben der Gesundheitsbehörden und Ministerien der Länder zurück. Dort werden die Zahlen - unabhängig von den formellen Meldewegen des Infektionsschutzgesetzes - im Tagesverlauf aktualisiert und erreichen die Öffentlichkeit so schneller als über die amtliche RKI-Statistik.

Diese Angaben wertet ntv.de aus, gleicht sie mit den Zahlen des RKI ab und bezieht im Fall aktueller Entwicklungen auch einzelne Mitteilungen von Landesregierungen oder Ministerien mit ein. Auf dieser Basis entsteht ein aktuelles Gesamtbild, das die tagesaktuelle Entwicklung schneller abbildet als die Veröffentlichungen des RKI.

Quelle: ntv.de, mit Material von dpa, rts und AFP

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