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Epidemie-Lage in Deutschland Alle Daten, alle Fakten zum Coronavirus

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Belastungsprobe für das Gesundheitssystem: Wie gut kann Deutschland mit dem Coronavirus-Ausbruch umgehen?

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Corona-Lage in Deutschland bleibt höchst angespannt: Die Gesamt-Infektionszahl überschreitet die Drei-Millionen-Marke, der Sonntagswert der neuen Fälle ist so hoch wie seit Dezember 2020 nicht mehr, die Wochen-Fallzahl übertrifft das Niveau vor den Osterverzerrungen. Bund und Länder streiten über das "Notbremse"-Gesetz. Die aktuelle Lage im Überblick.

Nach den jüngsten Tagen mit unklarer Datenlage und und unklarer Politik über die Osterferien und -feiertage schärft sich das Bild auf die Corona-Lage in Deutschland wieder - und zeigt ein weiterhin verschärftes Infektionsgeschehen. Auch wenn die jüngsten Verzerrungen immer noch nachwirken, scheint inzwischen klar: Die deutliche Abschwächung bei den neu gemeldeten Infektionen über das verlängerte Osterwochenende war tatsächlich primär einem verringerten Melde- und Testaufkommen geschuldet war, nicht aber einem abflauenden Infektionsgeschehen.

Nachdem der Wert der neu gemeldeten Fälle seit Donnerstag drei Tage in Folge teils deutlich über 20.000 gelegen hatte, sank er am Sonntag zwar wieder unter diese Schwelle. Die rund 16.800 neu gemeldeten Fälle bedeuten aber den höchsten Sonntagszuwachs seit dem 20. Dezember 2020 - und sorgten zudem dafür, dass die Gesamtzahl der bestätigten Infektionen in Deutschland seit Pandemie-Beginn die Marke von drei Millionen überschritten hat.

In der Wochenauswertung wurde trotz Feiertags am Montag das Niveau vor der Osterdelle übertroffen. Die insgesamt 115.748 neu gemeldeten Fälle für Kalenderwoche 14 bedeuten den dritthöchsten Wochenwert im Jahr 2021, übertroffen wurde er nur in KW 1 (144.752 Gesamtfälle) und KW 2 (121.676). Zudem liegen inzwischen 15 von 16 Bundesländern laut Länderdaten bei einer 7-Tage-Inzidenz von mindestens 100. Lediglich Schleswig-Holstein liegt noch darunter.

Nachdem Intensivmediziner angesichts der stetig wachsenden Zahl an Covid-19-Patienten auf ihren Stationen bereits am Donnerstag Alarm geschlagen hatten, schlossen sich am Freitag Bundesgesundheitminister Jens Spahn und Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) den Forderungen nach einem harten Lockdown an. Zwar könne man die dritte Welle nicht mehr verhindern, sagte Wieler: "Aber meine Hoffnung ist, dass wir sie zumindest abflachen können, um die Folgen zu vermindern." In den Krankenhäusern sei die Lage "sehr, sehr ernst", sagte Wieler: "Die Intensivstationen füllen sich rasant."

Im Lagebericht vom Freitag hatten die RKI-Experten in ihrer "20-Tages-Prognose der intensivmedizinischen Bettenbelegung mit COVID-19 Patient*innen" bis Ende April knapp 7000 Covid-Intensivpatienten aus gewiesen - das wären rund 1200 mehr als beim bisherigen Höchststand, der Anfang 2021 erreicht worden war.

Auf die gelähmte, handlungsunfähige Politik der MinisterpräsidentInnen angesprochen, sagte Wieler unmissverständlich: "Jeder Tag, den wir später handeln, verlieren wir Menschenleben." Um dem Flickenteppich an Maßnahmen in den Bundesländern sowie dem Ignorieren von vereinbarten Regeln und der Untätigkeit durch die Länder endlich Einhalt zu gebieten, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Freitag die bundesweit verpflichtende Notbremse auf den Weg gebracht. Sie könnte durch eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes bereits in der kommenden Woche verabschiedet werden und ist eine Konsequenz aus dem Gipfel-Fiasko am 22. März.

Damals hatte sich Merkel trotz drastisch verschärfter Infektionslage nicht mit konkreten verschärften Gegenmaßnahmen durchsetzen können - obwohl die Mehrheit der Bevölkerung die geltenden Corona-Einschränkungen laut verschiedener Umfragen entweder befürwortet oder sogar verschärfen würde. Der für kommenden Montag geplante Folgetermin des Bund-Länder-Gipfels platzte schon vorab. Nun also Merkels Notbremse - per verpflichtender Notbremse. Über Umfang und Details ist seit Freitag eine politische Debatte entstand. Parteiübergreifend gibt es sowohl Zuspruch für die Pläne als auch entschiedenen Widerstand.

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Klar ist: Es muss sich etwas tun. Wie ernst die Lage weiterhin ist, zeigen die mittlerweile wieder aussagekräftigeren aktuellen Corona-Zahlen. Wie aus den von ntv.de ausgewerteten Daten der Landesbehörden hervorgeht, hat die Gesamtzahl der seit Beginn der Pandemie erfassten Infektionsfälle am Sonntag mit insgesamt 3.005.648 laborbestätigte Ansteckungen die nächste Millionenschwelle überschritten.

Die Marke von einer Million bestätigten Infektionen war am 27. November, die Marke von zwei Millionen am 15. Januar 2021 erreicht worden. Damit hatte es vom ersten in Deutschland registrierten Fall am 27. Januar 2020 bis zur Millionenmarke 306 Tage gedauert. Zwischen dem Erreichen der Ein- und der Zwei-Millionen-Marke lagen lediglich 50 Tage. Zwischen der Zwei- und der Drei-Millionen-Marke waren es nun 87 Tage.

Am heutigen Sonntag wurden 16.825 neue Fälle gemeldet, nachdem de Wert seit Donnerstag drei Tage in Folge über 20.000 gelesen hatte und es am Freitag sogar 25.596 neue Fälle gewesen waren - der vierthöchste Tageszuwachs 2021. Durch die Feiertage am Freitag der Vorwoche und am Montag dieser Woche ist der Vergleich des aktuellen Meldetags mit demselben Wochentag vor sieben Tagen zwar verzerrt. Auffällig ist aber: Der heutige Wert wurde an einem Sonntag zuletzt am 20. Dezember 2020 übertroffen. Und: Im Vergleich zum Sonntag vor vier Wochen (damals 9.485)ist die Zahl der neu gemeldeten Fälle um 77,4 Prozent gestiegen.

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Die rote Trendlinie für den Sieben-Tage-Schnitt war seit Anfang April durch die Oster-Effekte kontinuierlich bis auf 14.200 abgesackt war, ehe sie seit Donnerstag wieder anstieg. Im mehrtägigen Mittel kommen derzeit wieder mehr als 16.500 Neuinfektionen pro Tag hinzu (Vortageswert: 15.705). Vor einer Woche lag diese rechnerische Kennzahl, die Schwankungen durch starke und schwache Meldetage ausgleicht, bei rund 16.800 - Mitte Februar hingegen zeitweise bei weniger als 7200 Fällen.

Die Ausgangslage für die Zeit nach Ostern bleibt denkbar ungünstig, das Niveau der täglich gemeldeten Fallzahlen einfach zu hoch. Doch die Zeit drängt: Die ansteckendere und offenbar auch gefährlichere Virus-Mutation B.1.1.7 - auch bekannt als die "britische" Variante - hat sich binnen weniger Wochen in Deutschland zum dominanten Faktor entwickelt. "B.1.1.7 ist inzwischen in Deutschland der vorherrschende Covid-19-Erreger", fasste das RKI Ende März die Erkenntnisse aus den jüngsten Laborauswertungen zusammen. In der RKI-Testzahlenerfassung wurde der Anteil dieser Virus-Variante für die Kalenderwoche 12 (bis Sonntag, 28. März) mit 78,0 Prozent angegeben. In der ebenfalls vom RKI veröffentlichten Erhebung mit den Daten aus dem Laborverbund wird der aktuelle B.1.1.7-Anteil sogar mit 88,1 Prozent angegeben.

Vor diesem Hintergrund traf der jüngste Rückschlag an der Impffront die deutsche Pandemie-Abwehr schwer. Grund sind die Einschränkungen bei einem der bisher drei verfügbaren Impfmitteln: Am Abend des 30. März beschlossen Bund und Ländern, das Präparat des Herstellers Astrazeneca ab sofort in der Regel nur noch an Menschen ab 60 Jahren zu verimpfen.

Ausnahmen für unter 60-Jährige aus den Priorisierungsgruppen 1 und 2 sollen "nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung" aber möglich bleiben, heißt es in dem Beschluss. Damit folgten die Minister der veränderten Impf-Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) wegen "seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen". Obwohl die Europäische Arzneimittel-Agentur (Ema) das Präparat am Mittwoch nach eingehender Prüfung weiterhin uneingeschränkt empfiehlt, bleibt die Stiko bei ihrer Empfehlung eines begrenzten Einsatzes.

Das Impfen kommt damit weiterhin nur langsam voran, ein zügiges Brechen der dritten Welle ist aktuell nicht in Sicht. Mehr als ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie droht das Infektionsgeschehen in Deutschland erneut außer Kontrolle zu geraten.

Das exponentielle Wachstum, vor dem die Experten bereits vor Wochen gewarnt hatten, ist wohl noch nicht gestoppt. Im aktuellen Mutationsbericht warnte das RKI vor einer weiteren Verschärfung: "Auf Grund des nun hohen Anteils von B.1.1.7 ist insgesamt weiter mit einem exponentiellen Anstieg der Covid-19 Fälle in Deutschland zu rechnen".

Bereits der Bund-Länder-Beschluss vom 3. März sah eigentlich verbindliche Regeln vor: "Steigt die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner an drei aufeinander folgenden Tagen in dem Land oder der Region auf über 100, treten ab dem zweiten darauf folgenden Werktag die Regeln, die bis zum 7. März gegolten haben, wieder in Kraft", lautete die fest vereinbarte "Notbremse".

Diese wurde aber bereits kurz nach dem Gipfel von mehreren Bundesländern für obsolet erklärt. Stand Samstag betrug die Zahl der deutschen Regionen, in denen seit mindestens vier Tagen eine 7-Tage-Inzidenz von mindestens 100 erreicht wird und damit die "Notbremse" gezogen werden muss, nur noch 163. Das zeigt eine ntv.de Auswertung der RKI-Daten. Auch hier zeigt sich die jüngste Verzerrung, schließlich hatte dieser Wert am Karfreitag noch 253 betragen.

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Die dritte Welle konnte Deutschland voll erfassen, obwohl das Land bereits seit mehr als viereinhalb Monaten unter schrittweise verschärften Lockdown-Bedingungen stand. Das Robert-Koch-Institut bewertete die Situation mit großer Sorge. "Uns stehen leider schwere Wochen bevor", hatte RKI-Vizepräsident Andreas Schaade die Perspektiven am 19. März zusammengefasst.

"Die anhaltende Viruszirkulation in der Bevölkerung (Community Transmission) mit zahlreichen Ausbrüchen in Privathaushalten, Kitas und zunehmend auch in Schulen sowie dem beruflichen Umfeld erfordert die konsequente Umsetzung kontaktreduzierender Maßnahmen und Schutzmaßnahmen sowie massive Anstrengungen zur Eindämmung von Ausbrüchen und Infektionsketten", heißt es zur Risikobewertung. Dies sei angesichts der "raschen Ausbreitung" der neuen Virus-Varianten von "entscheidender Bedeutung", um die Zahl der neu Infizierten deutlich zu senken und damit auch Risikogruppen schützen zu können.

Bei der Telefonschalte zum "Impfgipfel" vom 19. März vereinbarten Bund und Länder immerhin, direkt nach Ostern die Hausärzte in die bislang zu schleppende Impfkampagne einzubeziehen. Damit könnte ein entscheidender Schritt zur Beschleunigung des Impftempos gelingen. Der Effekt der Hausarztimpfung zeigte sich in den am Donnerstag und Freitag veröffentlichten RKI-Impfstatistiken, die jeweils neue Höchstwerte für die pro Tag verimpften Dosen auswiesen. Für Mittwoch wurden insgesamt 668799 (inklusive Nachmeldungen), für Donnerstag sogar 719.927 Impfungen gemeldet. Der Zahl der in Arztpraxen verimpften Dosen betrug dabei 300.000 bzw. rund 325.000.

Die Impffortschritte in den Risikogruppen und beim medizinischen Personal reichen aber noch lange nicht aus, um das bundesweite Infektionsgeschehen wirksam zu bremsen. In allen Altersschichten stiegen die Fallzahlen zuletzt wieder an, ehe die Oster-Verzerrungen durchschlugen. Laut RKI ist seit Meldewoche 05/2021 "eine Trendumkehr in fast allen Altersgruppen zu beobachten.

"Aktuell scheint sich die Rolle von Kindern und Jugendlichen bei der Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu ändern", erklärte das RKI jüngst dazu. Die Zahl der Ausbrüche in Kitas oder Kindergärten erhöht sich demnach "sehr rasch". Schon jetzt liege das Niveau über den Werten von Ende letzten Jahres.

"Eine ähnliche Entwicklung deutet sich mit zeitlicher Verzögerung (aufgrund der erst kürzlich erfolgten Öffnung) auch für die Schulen an." Das RKI geht davon aus, dass es einen Zusammenhang mit den leichter übertragbaren, besorgniserregenden Virus-Mutationen gibt. Die Konsequenzen für die deutsche Corona-Politik liegen auf der Hand. Nach einem vollen Jahr Pandemie-Krise müssen sich Gesundheitsämter, Labore und Krankenhäuser auf die Auswirkungen steigender Infektionszahlen einstellen.

Die Zahl der gemeldeten Todesfälle ging in den vergangenen Wochen langsam zurück. Am Sonntag registrierten die Behörden der Bundesländer in der Summe 83 neu gemeldete Verstorbene (Vortag: 186), nachdem es am Mittwoch (317) und Donnerstag (341) erstmals seit Anfang dem 3. März wieder mehr als 300 gewesen waren.

In Deutschland sind damit seit Pandemie-Beginn bisher nach amtlicher Zählung insgesamt 78.433 Menschen im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion gestorben. Rund 61.950 dieser Todesfälle wurden erst nach dem 1. Dezember 2020 registriert. In den vergangenen vier Monaten hat sich die Gesamtzahl der Todesfälle damit mehr als verdreifacht.

Auch wenn in die vergleichsweise hohen Werte von Mittwoch und Donnerstag zahlreiche Nachmeldungen von den Ostertagen eingeflossen sein dürften, könnte sich im schlechtesten Fall auch eine Trendumkehr andeuten. Es steht zu befürchten, dass die zuletzt stark gestiegenen Fallzahlen mittelfristig auch auf die Sterbestatistik durchschlagen werden. Experten gehen davon aus, dass die Latenz zwischen Fallzahlanstieg, Wachstum der Intensivfälle und schließlich der Totenzahlen diesmal länger sein könnte, da nun vor allem jüngere Personen erkranken und sich der Krankheitsverlauf verlängert.

Das Frühjahr könnte damit Politik und Öffentlichkeit weitere schwere Belastungsproben bereithalten. Ein schnelles Ende der Corona-Krise ist nicht in Sicht. Die Zahl der Corona-Patienten mit schweren Verläufen steigt stetig. Da die Daten zur Lage in den Intensivstationen im Gegensatz zu den Fallzahlen in der Bevölkerung einfacher erhoben werden können und es in den Kliniken weder Unschärfen noch eine Dunkelziffer gibt, deutet dieser Indikator auf eine ungebrochene Ansteckungswelle hin.

Kanzlerin Merkel rechnet laut eigener Aussage nicht mit einer raschen Rückkehr zur Normalität. Vielmehr dürfte die Lage noch bis zum Sommer angespannt bleiben, sagte sie am 10. März. Sie erwartet "noch drei, vier schwere Monate: März, April, Mai, Juni". Erst dann würden die Effekte des Impfens deutlich werden.

Das Tempo der deutschen Impfkampagne läuft bisher noch schleppend an. Die Zahl der täglich vorgenommenen Corona-Schutzimpfungen scheint zu stagnieren, und das nicht nur wegen der Aussetzung der Astrazeneca-Impfungen, die jetzt erneut stark eingeschränkt werden müssen.

Immerhin scheint sich die Masse der mehr als 900.000 Menschen in den deutschen Pflegeheimen bereits auf der sicheren Seite zu befinden: "Bei den Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeheimen beträgt der Anteil der Geimpften etwa 99 Prozent mit einer und 75 Prozent mit zwei Impfungen", heißt es Ende März beim RKI.

Anhand der vorliegenden Daten zur Altersindikation lässt sich zumindest abschätzen, dass noch längst nicht alle Personen ab 80 Jahre in Deutschland eine Impfung in Form einer ersten Impfspritze erhalten haben. Der Anteil der vollständig Geimpften ist deutlich geringer.

Kam die Lockerungsdebatte damit viel zu früh? Der Blick auf die Daten aus der zurückliegenden elften Kalenderwoche mit der höchsten Zahl an Neuinfektionen seit Mitte Januar lässt auf diese Frage nur eine Antwort zu. Ginge es nur nach den Fallzahlen, dann hätte Deutschland eigentlich längst in einen vehement verschärften Lockdown einschwenken müssen.

Stattdessen stellten Bund und Länder einen Stufenplan mit Öffnungsperspektiven in Aussicht. Neue Maßgabe sollten die Schwellenwerte 50 und 100 sein. Selbst in Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz - also die Anzahl der Neuinfektionen aus sieben Tagen je 100.000 Einwohnern - über der einstigen Obergrenze von 50 waren Öffnungen im Einzelhandel unter Auflagen möglich. In Regionen mit Inzidenzwerten unter 50 dürfen Kunden sogar schon wieder selbst in die Läden.

Übersteigt das Fallaufkommen jedoch die 100er-Marke an drei aufeinanderfolgenden Tagen, dann sollte eigentlich die sogenannte Notbremse greifen. Dann müssten, so ist es zwischen Bund und Ländern zumindest vereinbart, "ab dem zweiten darauf folgenden Werktag" jene Corona-Auflagen wieder in Kraft treten, die bis zum 7. März gegolten haben.

Allerdings hatten bereits mehrere Bundesländer und Regionen unmittelbar nach dem Corona-Gipfel angekündigt, diese Vereinbarung nicht umsetzen zu wollen. Die viel beschworene Notbremse könnte sich als Instrument der Pandemie-Abwehr damit bald als nutzlos erweisen - schlicht, weil diese Regelung nicht überall gleichermaßen befolgt wird.

Am Corona-Gipfel am 22. März verständigten sich Bund und Länder nun, die vereinbarte "Notbremse" auch konsequent umzusetzen - auch wenn die letztliche Entscheidung bei den Bundesländern liegt.

Die deutsche Pandemie-Strategie mit dem weiter geltenden Stufenplan für weitere, regionale Öffnungsschritte barg und birgt offenkundig große Risiken. Auch nach fast fünf vollen Monaten unter stufenweise verschärften Corona-Auflagen ist es der Mehrheit der deutschen Regionen nicht gelungen, die Sieben-Tage-Inzidenz vor Ort unter die angestrebte Zielmarke von 50 Neuinfektionen aus sieben Tagen je 100.000 Einwohnern zu drücken.

Die Ausgangslage für Lockerungen erscheint sehr viel ungünstiger als im Frühjahr 2020: Einige Bundesländer steckten offenbar noch immer in den Ausläufern der zweiten Ansteckungswelle fest und werden jetzt von der dritten Welle erfasst - zumal auch die Virus-Mutation B.1.1.7 deutlich infektiöser ist.

Gemessen an der regionalen Sieben-Tage-Inzidenz bewegt sich das Fallaufkommen noch immer weit jenseits jener Schwellenwerte, ab denen eine umfassende Kontaktnachverfolgung und damit eine effektive Unterbrechung der Infektionsketten möglich wären. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz - also die Anzahl der gemeldeten Infektionsfälle aus sieben Tagen je 100.000 Einwohner - liegt den RKI-Angaben zufolge bei 129,2 (Stand: 11. April 2021). Am Freitag hatte dieser Wert noch bis 110,4 gelegen.

Sollte die Strategie mit Schnell- und Selbsttests nicht wie erhofft anschlagen und die Effekte der Corona-Schutzimpfung in breiten Bevölkerungsgruppen weiter ausbleiben, könnten die nun beschlossenen Öffnungsperspektiven schnell zu Frust, Unverständnis und Enttäuschung führen. Familien, Unternehmer und Selbstständige hoffen auf Erleichterungen, die Erwartungen nach vier Monaten im Lockdown sind groß.

Doch welche Lockerungen wären angesichts steigender Fallzahlen und unter Berücksichtigung der neuen Mutanten-Risiken überhaupt vertretbar? Die Daten aus dem jüngsten VOC-Bericht des RKI zeichnen ein düsteres Bild von der Ausbreitung der neuen Virus-Varianten.

Insbesondere die Coronavirus-Mutation B.1.1.7 - die sogenannte britische Variante - entwickelt sich wie von Experten vorhergesagt zum dominanten Einflussfaktor im Infektionsgeschehen und wird aufgrund ihrer deutlich höheren Infektiösität laut RKI-Prognose die Fallzahlen in den kommenden Wochen massiv nach oben treiben.

In der aktuellsten RKI-Auswertung im Rahmen der sogenannten Testzahlenerfassung vom 31. März gehen die Experten mit Blick auf die Zahlen aus der zwölften Kalenderwoche davon aus, dass die deutlich ansteckendere Virus-Variante B.1.1.7 bereits auf einen Anteil von rund 78 Prozent (Vorwoche: 72 Prozent) aller überprüften Proben erreicht, Tendenz steigend. Die neuen Zahlen zur VOC-Lage in Deutschland werden jeweils mittwochs veröffentlicht.

Vor wenigen Wochen lag der Anteil noch knapp unter sechs Prozent. In der sechsten Kalenderwoche wurde der Anteil zunächst mit 22,8 Prozent angegeben, in der siebten Kalenderwoche wurde ein Anteil von 30,9 Prozent gemeldet. Diese Werte musste das RKI zwischenzeitlich allerdings leicht nach unten korrigieren.

Bund und Länder sind sich der Gefahren offenbar bewusst. "Die täglichen Meldezahlen zeigen, dass die Anstrengungen der letzten Monate sich gelohnt haben und niedrigere Inzidenzen erreicht werden konnten", heißt es dagegen im Beschlusspapier des Bund-Länder-Treffens vom 3. März.

Dies habe "das Gesundheitssystem spürbar entlastet und zu sinkenden Todeszahlen geführt". Gleichzeitig steige jedoch der Anteil der Virusvarianten an den Infektionen in Deutschland schnell an, wodurch die Zahl der Neuinfektionen wieder zu steigen beginne.

Bisher seien die AHA+L Regeln zusammen mit der Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter und den Kontaktbeschränkungen die "wesentlichen Mittel im Kampf gegen die Pandemie" gewesen. "Jetzt verändern zwei Faktoren das Pandemiegeschehen deutlich: Die zunehmende Menge an Impfstoff und die Verfügbarkeit von Schnell- und Selbsttests in sehr großen Mengen."

Die Bund-Länder-Runde ging also davon aus, dass unter diesen Umständen gelockerte Corona-Auflagen möglich sind, "ohne die erzielten Erfolge wieder zu verspielen". Begründet wird dieser optimistische Ansatz so: In wenigen Wochen würden die "ältesten Bürgerinnen und Bürger" geimpft sein, heißt es.

Bei diesen Altersgruppen war bisher ein großer Teil der schweren und tödlichen Verläufe in der bisherigen Pandemie zu beklagen. "Dies führt dazu, dass bei vergleichbarem Infektionsgeschehen in Zukunft die Zahl der schweren und tödlichen Verläufe und damit auch die Belastung des Gesundheitssystems deutlich geringer sein werden."

Trotz dieser ermutigenden Aussichten könnten "keine beliebigen Neuinfektionsraten toleriert" werden, heißt es warnend im Bund-Länder-Beschluss. Wenn die Infektionszahlen erneut exponentiell ansteigen sollten, könne das Gesundheitswesen "auch mit jüngeren Patienten" schnell wieder an seine Belastungsgrenzen stoßen.

Ausdrücklich erwähnt werden in dem Beschluss auch mögliche Nebenwirkungen einer Corona-Infektion mit mildem Verlauf. "Zahlreiche Berichte über Covid-19-Langzeitfolgen ("Long Covid") mahnten, heißt es, "ebenfalls zur Vorsicht". Denn bisher könnten die Häufigkeit und Schwere dieser Langzeitfolgen "nicht genau abgeschätzt" werden.

Dass die deutsche Pandemie-Abwehr künftig verstärkt auf die sogenannten Schnell- und Selbsttests setzen würde, war bereits im Vorfeld des Corona-Gipfels klar. "Regelmäßige Corona-Tests" stellten einen "wichtigen Baustein" dar, hieß es, um "mehr Normalität und sichere Kontakte zu ermöglichen".

Künftig werden Unternehmen in Deutschland aufgefordert, im Rahmen eines gesamtgesellschaftlichen Beitrags, "ihren in Präsenz Beschäftigten" wöchentlich mindestens einen kostenlosen Schnelltests anzubieten. Zusätzlich sollen auch "alle asymptomatische Bürgerinnen und Bürgern" mindestens einmal pro Woche ein kostenloser Schnelltest ermöglich werden. Die Kosten dafür übernimmt ab dem 8. März der Bund.

Durch die seit 2. November geltenden Lockdown-Maßnahmen ist es in Deutschland zwar gelungen, die exponentielle Virus-Ausbreitung zu stoppen und die zweite Ansteckungswelle zu brechen. Deutlich verfehlt wurde jedoch das Ziel, die Zahl der gemeldeten Ansteckungen weitergehend einzudämmen. Tatsächlich rückten die neuen Zielmarken bereits Ende Februar wieder in weite Ferne und sind im März bislang nicht wieder näher gerückt.

Es gibt es aber auch ermutigende Anzeichen. Die Fallzahlen bei den über 80-Jährigen nähmen weiter ab, obwohl es nach wie vor Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen und Krankenhäusern gebe, betonte RKI-Chef Wieler. "Das ist wahrscheinlich schon ein Effekt der Impfung."

Schnelltests für Schulen, Heime und den Privatgebrauch sollen künftig die Suche nach Infektionsherden erleichtern und die Eindämmung des Erregers beschleunigen. Wieler warnte jedoch vor einer Überschätzung von Selbsttests in der Pandemie-Bekämpfung.

"Selbsttests sind keine Wunderwaffe", sagte er bei dem gemeinsamen Auftritt mit Spahn in der Bundespressekonferenz. Die Erwartung, dass man sich für bestimmte Situationen "freitesten" könne, sei nicht hundertprozentig zu erfüllen. Ein negatives Ergebnis sei immer eine Momentaufnahme und schließe eine Infektion nicht aus.

"Man kann trotzdem infiziert sein und andere anstecken", betonte Wieler. Deshalb sei es wichtig, sich und andere auch weiter durch Abstandhalten, Maskentragen, Hygiene und Lüften zu schützen. Schnelltests seien aber ein Werkzeug bei der Eindämmung der Pandemie, sagte Wieler. Positiv sei, dass sie mehr Infektionen aufdecken würden. "Das mächtigste Werkzeug neben uns selbst sind die Impfungen", sagte Wieler. Sie seien der direkte, gemeinsame Weg aus der Pandemie.

Derzeit kommen Schnelltests vorrangig nur in Alten- und Pflegeheimen, in Kliniken zum Einsatz. Künftig könnten sie auch nach Infektionsfällen in Schulen verwendet werden. Bisher durften die Proben allerdings nur von geschultem Personal genommen werden, was ihre Anwendung in der Praxis stark einschränkt. Daher sollen nun möglichst schnell auch Laien-Selbsttests verfügbar sein.

Die einfachen Schnelltests gelten als weniger zuverlässig als die bisher als "Goldstandard" bezeichneten PCR-Tests. Da sie weniger sensibel reagieren, dürften sie vor allem bei akut infizierten Personen mit hoher Viruslast anschlagen. Da in solchen Fällen das Ansteckungsrisiko auch besonders hoch ist, könnten die Schnelltests einen wertvollen Beitrag zur Eindämmung leisten.

Ein positiver Schnelltest wiederum zieht in jedem Fall einen regulären PCR-Test nach sich und eine erste Verdachtsmeldung an das zuständige Gesundheitsamt. Erst im Fall einer laborbestätigten Infektion wird die Infektion auch in der Pandemie-Statistik als nachgewiesene Ansteckung erfasst. Für die Betroffenen folgt eine behördlich angeordnete Quarantänepflicht. Im Idealfall beginnt umgehend die Kontaktnachverfolgung, um möglichst schnell die Ansteckungsherde zu identifizieren.

"Meilenstein in der Pandemiebekämpfung"

Inmitten der düsteren Gesamtlage gibt es dennoch eine Gewissheit: Das Virus lässt sich aufhalten. Das Verhalten der breiten Öffentlichkeit entscheidet, wie viele Chancen sich dem Erreger bieten. Das Virus ist auf den Kontakt zwischen Menschen angewiesen, es kann sich alleine nicht bewegen.

Der erfolgte Impfstart weckte zunächst große Hoffnungen, die zäh anlaufende Massenimpfung rückt die Einkaufsstrategie und die Planung des Bundes und der Länder zunehmend ins Zentrum der Kritik.

Noch immer steht viel zu wenig Impfstoff zur Verfügung, um Menschen aus den besonders gefährdeten Risikogruppen und das medizinische Personal in direktem Kontakt zu Infizierten zügig impfen zu können. So oder so dürfte es noch Monate dauern, bis ausreichende Anteile der Bevölkerung über einen Immunschutz verfügen.

Die Verteilung der Impftermine orientiert sich dabei an der vorbereiten Impfreihenfolge, die eine Immunisierung der besonders gefährdeten Menschen vorsieht. Zuerst geimpft werden also etwa Pflegebedürftige, Hochbetagte und Personen aus den sogenannten Risikogruppen, bei denen etwa gravierende Vorerkrankungen vorliegen.

Im Januar sollten, hieß es zunächst, jede Woche mindestens 670.000 weitere Impfdosen ausgeliefert werden. Anfang Februar hinkte der Impffortschritt diesen Zahlen noch hinterher. Anfang März werden solche Quoten bereits erreicht. Zuletzt kamen pro Tag bis zu 290.000 Impfdosen zur Anwendung.

Immerhin stehen mittlerweile neben dem zuerst zugelassenen Impfstoff von Biontech/Pfizer zwei weitere Mittel zusätzlich zur Verfügung. Am 6. Januar erteilte die Europäische Arzneimittelbehörde EMA eine vorläufige EU-Zulassung für den Impfstoff des US-Herstellers Moderna. Das Mittel wird inzwischen auch in Deutschland verimpft.

Am 29. Januar kam dann auch noch die EU-Zulassung für den Impfstoff der Uni Oxford und Astrazeneca hinzu, das anfangs allerdings nur in deutlich geringerem Umfang verimpft werden konnte - auch, weil die Stiko-Empfehlung sich zunächst gegen einen Einsatz für Personen der höheren Altersgruppen über 65 ausgesprochen hatte.

Mittlerweile jedoch liegen auch zu diesem Mittel so umfangreiche Erfahrungswerte aus dem Ausland vor, dass die Empfehlung angepasst wurde. Der Astra-Impfstoff, wie er in den Impfzentren kurz genannt wird, schützt die Geimpften offenbar sehr zuverlässig vor schweren Erkrankungen und kann damit Leben retten. Mitte März wurde die Impfung mit Astrazeneca jedoch auch in Deutschland ausgesetzt, um vereinzelte Vorfälle mit Thrombosen näher zu untersuchen.

Am 16. Februar wurde bekannt, dass der US-Konzern Johnson & Johnson (J&J) für den Impfstoff seiner europäischen Pharmatöchter Janssen und Cilag eine EU-Zulassung beantragt hat - die von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) am 11. März erteilt wurde.

Der Vorteil des J&J-Präparats ist, dass der volle Impfschutz bereits mit einer Dosis erreicht wird. Deutschland soll fast 37 Millionen Dosen erhalten. Allerdings wird es noch etliche Wochen dauern, bis das Präparat in Deutschland erstmals verimpft werden kann.

Deshalb ist eine rasche Beschleunigung der deutschen Impfkampagne trotz des grünen Licht für J&J und damit für den vierten verfügbaren Impfstoff nicht zu erwarten. Dieser Effekt könnte aber ab Mitte April eintreten, denn die Ampullen mit dem J&J-Impfstoff erfordern keine aufwändige Kühlung und könnten damit auch regulär in Arztpraxen und Kliniken gelagert und verimpft werden.

In Deutschland sollte seit dem 16. Dezember 2020 ein "harter Lockdown" die exponentielle Ausbreitung von Covid-19-Erkrankungen aufhalten. Das Ergebnis: Die Deutschen verbrachten die Weihnachtsfeiertage 2020 im pandemiebedingten Ausnahmezustand. Die bisherigen Maßnahmen hätten "nicht gereicht", hatte Bundeskanzlerin Merkel erklärt. Es bestehe "dringender Handlungsbedarf" im Kampf gegen die sich aufbauende Ansteckungswelle.

Am 5. Januar wurden die erwartete Verlängerung und die von Experten geforderte Verschärfung des Lockdowns beschlossen, am 10. Februar eine weitere Verlängerung bis 7. März. Nach massivem Druck von Verbänden, Ministerpräsidenten und auch aus der Bundespolitik hatten die Schul- und Bildungsminister der Länder schließlich eingelenkt und ihren Widerstand gegen eine befristete Verlängerung der Schulschließungen bereits kurz vor dem für den 5. Januar angesetzten Bund/Länder-Termin aufgegeben. Damit dauerte der schulische Ausnahmezustand mit Digitalunterricht noch bis in den März hinein an.

Um die Nachverfolgung der Fälle steht es weiterhin noch schlecht. Die Ausbrüche und Ansteckungen treten ohne erkennbare Muster auf. In zahlreichen Regionen sei eine "zunehmend diffusen Ausbreitung von Sars-CoV-2-Infektionen in die Bevölkerung" zu beobachten, wie das RKI seit Herbst betont.

Die Infektionsketten seien in vielen Fällen gar nicht mehr eindeutig nachvollziehbar, heißt es. Das "genaue Infektionsumfeld", räumte das RKI ein, lasse sich "häufig nicht ermitteln".

Covid-19-Ansteckungen werden demnach in privaten Haushalten ebenso wie in Alten- und Pflegeheimen gemeldet, dazu kommen die Ausbrüche in Betrieben, Büros und sonstigen Arbeitsstätten sowie in Schulen und Kitas.

Corona-Tests: Der Anteil positiver Befunde

Die Pandemie wird Deutschland und die Welt damit womöglich noch weit über das Frühjahr hinaus belasten. Die aktuellsten Labordaten deuten darauf hin, dass das Virus wieder etwas stärker in der Bevölkerung zirkuliert als noch Anfang Februar.

Die aktuellen Testzahlen, immer mittwochs vom RKI veröffentlicht, zeigen für die dreizehnte Kalenderwoche (KW 13 / 2021), also die sieben Tage bis Sonntag, 4. April, eine weiter steigende Tendenz bei der Positivenquote (aktuell: 11,1 Prozent, Vorwoche revidiert 9,3 Prozent). Gleichzeitig war laut RKI "ein deutlicher Rückgang der übermittelten durchgeführten PCR-Testungen im Vergleich zu den Vorwochen zu verzeichnen, was vermutlich unter anderem auf geschlossene ärztliche Praxen über die Osterfeiertage und -ferien zurückzuführen ist". Während in der KW 12 noch 1.411.517 PCR-Tests durchgeführt wurden, wurden in KW 13 lediglich 1.149.279 Tests registriert.

Vor diesem Hintergrund ist der Anstieg der Positivenquote nicht überraschend, weil mutmaßlich vor allem Personen mit klaren Symptomen PCR-Tests durchführen ließen. Laut RKI ist ein reguläres Testaufkommen erst wieder "ab KW15/2021 (...) zu erwarten", also in der kommenden Woche.

Die im Herbst eingeführten neuen Testkriterien wurden im Januar 2021 erneut angepasst. Die Daten, insbesondere zur Positivenquote, sind daher nur mit Einschränkungen mit den Werten aus der Zeit bis Herbst vergleichbar.

Aber: Je höher die Positivquote bei gleichzeitig hoher Fallzahl sei, heißt es beim RKI, desto höher wird die Anzahl unentdeckter Infektionen geschätzt. Im Klartext: Die Dunkelziffer dürfte kurz vor, an und nach Weihnachten zeitweise erheblich angestiegen sein, da in dieser Phase feiertagsbedingt nur eingeschränkt getestet wurde. Der zeitweilige Rückgang der Positivenquote auf das Niveau von Ende Oktober lieferte Belege dafür, dass sich das Infektionsgeschehen in seiner Intensität abgeschwächt hat. Mitte März hat sich dieses Bild wieder gewandelt: Die Positivenquote steigt, obwohl mehr getestet wird.

Seit dem 3. November waren die neuen RKI-Empfehlungen in Kraft, nach denen nur noch klare Verdachtsfälle und Personen mit Kontakt zu Risikogruppen und schweren Symptomen getestet werden sollten. Ziel dieser Empfehlungen war es, die Labore vor dem erwartbaren Ansturm von testwilligen Menschen mit den saisonüblichen Erkältungskrankheiten zu bewahren.

Gegen Ende des Winters hat sich die Situation verändert: Angesichts der ausgebliebenen Grippewelle und sinkender Corona-Zahlen gebe es wieder freie Kapazitäten in den Laboren, hieß es, so dass Ärzte bei Patienten mit Symptomen nun wieder PCR-Tests vornehmen können sollen.

Getestet wurden zeitweise nur noch Fälle, bei denen klare Hinweise auf eine mögliche Covid-19-Erkrankung vorliegen oder die mit Menschen aus gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Kontakt stehen. Da damit während des Winters deutlich weniger Menschen - und sehr viel gezielter - getestet wurden als noch im Sommer, stieg die Trefferquote bei den Tests kräftig an.

Tatsächlich kletterte die Positivenquote im Herbst zeitweise kräftig nach oben. Das RKI äußerte sich zunächst sehr vorsichtig: "Eine eindeutige Bewertung über die Größe des Einflusses der geänderten Testkriterien (...) ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich." Die Experten sehen sich mit ihrer geänderten Teststrategie jedoch bestätigt. Die Kapazitäten sind weiterhin begrenzt. Noch gibt es Berichte über kritische Engpässe bei den Labormaterialien.

"Verbrauchsmaterialen und Reagenzien werden in Laboren nur für kurze Zeiträume bevorratet (u. a. wegen begrenzter Haltbarkeit bestimmter Reagenzien)", beschreibt das RKI die Problematik. "Bei steigender Anzahl durchgeführter Tests und aufgrund von Lieferengpässen bei weltweit steigender Nachfrage können sich die freien Kapazitäten in den nächsten Wochen reduzieren."

Die Lage in den Kliniken laut DIVI-Register

Daten des Deutschen Intensivregisters (DIVI) liefern verschiedene Anhaltspunkte zur Lage in den deutschen Krankenhäusern. In den Zahlen zeichnet sich ein leichter Anstieg bei den intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten ab.

Ein freies Bett auf der Intensivstation garantiert dabei noch lange nicht die optimale Versorgung: Schon die Belegung mit wenigen Covid-19-Fällen kann ausreichen, das ohnehin bereits belastete Personal an die Kapazitätsgrenze zu bringen.

Allein aufgrund der erforderlichen Schutzmaßnahmen für Fachkräfte und die übrigen Patienten im Krankenhaus ist die Betreuung sehr viel aufwändiger als im Regelbetrieb. In den Krankenhäusern mussten sich die Planer und das medizinische Personal bereits im Herbst auf schwere Zeiten einstellen.

Bundesweit ist die Zahl der Corona-Fälle auf den Intensivstationen seit September deutlich angestiegen. Seit der ersten Januarwoche entwickeln sich die Zahlen rückläufig. Im Vergleich zur Lage im Frühjahr befinden sich noch immer deutlich mehr Covid-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen in Behandlung.

Damals waren phasenweise mehr als 2500 Intensivbetten mit Covid-Fällen belegt. Aktuell sind es bundesweit wieder mehr als 3600, Tendenz seit einigen Tagen wieder steigend. Das Robert-Koch-Institut blickte bereits seit Herbstbeginn mit großer Sorge auf die Kennzahlen zur Pandemie-Entwicklung: Die Lage sei "sehr ernst", hatte RKI-Chef Lothar Wieler Mitte Oktober erklärt - und diese Einschätzung nun noch einmal verschärft. Die von Wieler im Oktober genannte Chance, die weitere Ausbreitung des Virus durch konsequentes Einhalten der AHA-plus-L-Regeln zu verlangsamen, wurde vertan.

Zeitweise warnte das RKI vor einer "zunehmenden Beschleunigung der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland". Die Experte appellierten "dringend" an die Öffentlichkeit, "dass sich die gesamte Bevölkerung noch stärker als bisher für den Infektionsschutz" engagieren müsse.

RKI-Chef Wieler ging bei seinen Erläuterungen zur Lage im Oktober unter anderem auch auf Erkenntnisse zu den häufigsten Ansteckungsorten ein. Ein Teil des aktuellen Infektionsgeschehens spielt sich demnach im privaten Umfeld ab - wobei sich die mutmaßlichen Übertragungswege allerdings nur noch bei einem Fünftel aller Fälle überhaupt rekonstruieren lassen. Bundesweit sind die Ansteckungsumstände im Schnitt in rund 80 Prozent der Fälle "unklar".

Als wichtigen Bereich für die aktuellen Ausbrüche erwähnte Wieler vor allem den Einfluss privater Feiern auf das Infektionsgeschehen. Dort wo Menschen zusammen kommen und eine starke Interaktion etwa durch lautes Sprechen oder Lachen stattfinde, sei das Ansteckungsrisiko höher, sagte er. Deshalb spielten andere Bereiche des öffentlichen Lebens, wo weniger Interaktion stattfinde, bei den Infektionen nur eine geringere Rolle.

Ansteckungen im öffentlichen Nahverkehr, bei Übernachtungen in Hotels oder auf Reisen in der Bahn seien bisher kaum zu beobachten, erklärte er. Kritische Beobachter merkten daraufhin, dass sich die Infektionswege im privaten Umfeld leichter ermitteln ließen als etwa im öffentlichen Bereich.

In privaten Haushalten nehme die Anzahl der Ausbrüche, so Wieler, deutlich zu. "Ansteckungen in Schulen (...) sind zwar bisher nicht sehr häufig und wesentlich seltener, als wir das zum Beispiel von Influenzaausbrüchen kennen, aber klar ist, je stärker die Fallzahlen steigen, desto höher werden auch Schulen betroffen sein."

Kamen die Anfang Oktober beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens viel zu spät? Beim Corona-Gipfel zur Neuausrichtung der deutschen Pandemie-Abwehr im Kanzleramt im Oktober hatten Bund und Länder noch um Einzelfragen wie etwa dem umstrittenen Beherbergungsverbot gestritten.

Beschlossen wurden damals angesichts der sich abzeichnenden Lage lediglich "erhebliche Einschränkungen", wie Merkel nach zähen Beratungen Mitte Oktober mitteilte. "Was wir jetzt tun und nicht tun, wird entscheidend sein für die Frage, wie wir durch diese Pandemie kommen."

Deutschland sei "bereits in der exponentiellen Phase" der Pandemieausbreitung, warnte Merkel im Herbst. Die Ergebnisse des Corona-Gipfels im Oktober gingen ihr offensichtlich nicht weit genug gingen. Die Kanzlerin verwies auf die enormen Belastungen der Corona-Krise für Bevölkerung, Wirtschaft, öffentliches Leben und auch für die Staatsfinanzen. Im zurückliegenden Jahr mussten ihren Worten zufolge bereits 250 Milliarden Euro neue Schulden aufgenommen werden.

"Und deshalb können wir uns auch ökonomisch eine zweite Welle, wie wir sie im Frühjahr hatten, mit solchen Folgen nicht leisten", sagte Merkel im Herbst. Es müsse alles getan werden, um die Infektionszahlen im Griff zu behalten und die Kontakte nachzuvollziehen.

Am 15. Oktober trat zudem die neue "Nationale Teststrategie" in Kraft, die unter anderem auch den verstärkten Einsatz von schnelleren und günstigeren Antigentests vorsieht. Mit Blick auf den rasch anwachsenden Bedarf an Corona-Tests sollen damit drohende Engpässe in den Laboren vermieden werden. Zuletzt war der gemeldete Probenrückstau wieder stark angestiegen.

Merkel sah nach dem Bund-Länder-Gipfel Mitte Oktober noch reichlich Handlungsbedarf. "Die Ansagen von uns sind nicht hart genug, um das Unheil von uns abzuwenden", soll sie beim letzten Treffen erklärt haben. Und prophezeite schon damals: Mit den damals festgelegten Maßnahmen würden Bund und Länder "in zwei Wochen eben wieder hier" sitzen. "Es reicht einfach nicht, was wir hier machen."

Ansteckungsrate, R-Wert, Reproduktionszahl

Der jüngste Anstieg der Fallzahlen spiegelt sich auch in den Bewegungen der bundesweiten Ansteckungsrate wider. Die beiden vom RKI ermittelten R-Werte - also die einfache Reproduktionszahl R und die etwas stabilere Variante, das Sieben-Tage-R - zeigen die Anzahl der Personen an, die im Durchschnitt von einem Fall angesteckt werden.

Für die Berechnung dieser beiden komplexen Kennziffern gibt es gute Gründe: Die vom RKI veröffentlichten Meldedaten aus den Gesundheitsämtern sagen zunächst wenig über das tatsächliche Infektionsgeschehen aus, da es in den einzelnen Fällen unterschiedlich lange dauern kann, bis es nach dem Erkrankungsbeginn zu einer Covid-19-Diagnose, zur Meldung und schließlich zur gesetzlich vorgeschriebenen Übermittlung der Daten ans RKI kommt.

Sobald es um die Frage geht, wann genau sich die Betroffenen angesteckt haben, sind die Meldedaten selbst demnach keine große Hilfe. Um ein klareres Bild von der Entwicklung zu bekommen versucht das RKI daher, die tatsächliche Entwicklung draußen im Land anhand eines speziellen Schätzverfahrens, das sogenannte Nowcasting, zu ermitteln.

Ziel ist es, anhand aller vorliegenden Hinweise zu den einzelnen Infektionsfällen vom jeweiligen Meldedatum aus anhand der übermittelten Zusatzinformationen auf den wahrscheinlichen Erkrankungsbeginn zurückzurechnen. Der eigentliche Moment der Ansteckung dürfte, so die Überlegung, im Schnitt noch einmal etwa vier Tage davor liegen.

Da die jüngsten Meldezahlen in der Regel noch nicht vollständig sind und erst in den kommenden Tagen durch Nachmeldungen vervollständigt werden, spart das RKI-Verfahren die aktuell zurückliegenden vier Tage zunächst aus. Im Prinzip wird dann die Anzahl der ermittelten Fälle aus einem früheren Viertageszeitraum mit der Anzahl der ermittelten Neuinfektionen aus dem späteren Viertageszeitraum ins Verhältnis gesetzt.

Damit beruht dieses sogenannte 4-Tage-R auf einer ausführlich dokumentierten Methode, hat aber einen gewichtigen Nachteil: Dieser Schätzwert zeigt ein Infektionsgeschehen, das bereits etwa eine bis zwei Wochen in der Vergangenheit liegt.

Bei einem R-Wert unter 1,0 geht das RKI davon aus, dass jeder Infizierte im Schnitt weniger als eine weitere Person ansteckt, die Fallzahlen also insgesamt zurückgehen und die exponentielle Ausbreitung des Virus verhindert werden kann. Ein Wert über 1,0 ist vor allem dann problematisch, wenn sich die Zahl der Neuinfektionen zugleich auch wieder auf einem höheren Niveau bewegt.

So würde ein Wert von 1,09 zum Beispiel darauf hinweisen, dass jeder Infizierte im Schnitt wieder mehr als eine weitere Person ansteckt. Oder, um ein anderes gängiges Rechenbeispiel zu verwenden: Jeweils 100 Infizierte würden in diesem Szenario insgesamt 109 weitere Menschen anstecken. Die Masse der zu erfassenden Kontaktpersonen würde entsprechend anschwellen. Bis zu einer überregionalen Ausbreitung wäre es dann schon nach wenigen Tagen kein großer Schritt mehr.

Ein Anstieg der beiden Ansteckungsraten kann somit im Zusammenhang mit weiteren Kennzahlen darauf hindeuten, dass es Probleme bei der erhofften Eindämmung des Erregers gibt. Allerdings weist das RKI ausdrücklich darauf hin, dass bei insgesamt niedrigen Fallzahlen schon einzelne lokale Ausbrüche stärkere Ausschläge bei der Ansteckungsrate auslösen können.

Das Lagebild, das sich aus den einzelnen Pandemie-Parametern ergibt, zeigt selbst den Experten nur eine Momentaufnahme. Das tatsächliche Infektionsgeschehen ist darin nur eingeschränkt und mit der beschriebenen zeitlichen Verzögerung zu erkennen.

Hinweis: Alle Karten, Daten und Infografiken zur internationalen Pandemie-Lage finden Sie ab sofort in diesem separaten Überblicksbeitrag.

Als wichtigste Gegenmaßnahmen pocht das RKI weiterhin auf die frühzeitige Entdeckung und Isolierung aller infizierten Personen, die strikte Quarantäne aller betroffenen Kontaktpersonen sowie die soziale Distanzierung in der übrigen Bevölkerung. Nur auf diese Weise, sagen die Experten könne die "Infektionsketten" unterbrochen werden und die weitere Ausbreitung des Virus eingedämmt werden.

Dass die Fallzahlen bei ntv.de am Abend in der Regel über den vom RKI ausgewiesenen Werten liegen, hat leicht nachvollziehbare Gründe: Bei der Auswertung der Datenlage greift ntv.de auf die Angaben der Gesundheitsbehörden und Ministerien der Länder zurück. Dort werden die Zahlen - unabhängig von den formellen Meldewegen des Infektionsschutzgesetzes - im Tagesverlauf aktualisiert und erreichen die Öffentlichkeit so schneller als über die amtliche RKI-Statistik.

Diese Angaben wertet ntv.de aus, gleicht sie mit den Zahlen des RKI ab und bezieht im Fall aktueller Entwicklungen auch einzelne Mitteilungen von Landesregierungen oder Ministerien mit ein. Auf dieser Basis entsteht ein aktuelles Gesamtbild, das die tagesaktuelle Entwicklung schneller abbildet als die Veröffentlichungen des RKI.

Quelle: ntv.de, mit Material von dpa, rts und AFP