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Wegen 100-fachen Mordes Ex-Krankenpfleger Högel erneut vor Gericht

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2014 ist Niels Högel vom Landgericht Oldenburg bereits zu einer lebenslagen Haftstrafe verurteilt worden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es ist die größte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte. Das Leben von mehr als 100 Patienten hat Niels Högel auf dem Gewissen, alle getötet per Injektion. Jetzt muss sich der Ex-Krankenpfleger erneut vor Gericht verantworten.

In Delmenhorst und Oldenburg soll der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel zwischen 2000 und 2005 mindestens 106 Menschen getötet haben. So viele Morde kann man dem heute 41-Jährigen zumindest nachweisen. Für sechs dieser Taten wurde ihm bereits 2015 der Prozess gemacht.

Högel hat die Taten weitgehend gestanden, nur kann er sich gar nicht mehr an alle so ganz genau erinnern. Dafür waren es einfach zu viele. Von einem Patienten aber erzählte er den Ermittlern erst vor wenigen Tagen. Von einem, den sie bis dahin noch gar nicht auf ihrer Liste hatten. Eigentlich hatte es in der Befragung darum gehen sollen, die Schuldfähigkeit des Angeklagten vor dem Prozess festzustellen, so die Staatsanwaltschaft. Doch dann habe Högel auf diesen Fall hingewiesen, der nun nachträglich in der aktuellen Anklageschrift vermerkt wurde.

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Hier finden sonst Tagungen, Feiern und Kulturveranstaltungen statt. Nun wird Niels Högel in der Halle der Prozess gemacht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ab dem 30. Oktober steht Högel in seinem dritten Prozess nun also wegen 100 mutmaßlicher Morde vor dem Richter in Oldenburg. 2008 war er wegen versuchten Mordes bereits zu siebeneinhalb Jahren Haft, 2015 dann zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Aufgrund von mehr als 120 Nebenklägern, vertreten durch 17 Anwälte, und einem enormen Medieninteresse lädt die Staatsanwaltschaft dieses Mal nicht wie üblich in einen Gerichtssaal, sondern in die Weser-Ems-Halle. So haben 350 Menschen Platz, es wird der bundesweit größte Mordprozess der Nachkriegszeit.

Jahrelang tötete er unentdeckt

Immer wieder spritzte Högel während seiner Dienstzeit Patienten eine Überdosis von Medikamenten wie Gilurytmal, Kalium, Xylocain oder Solatex, um bei ihnen akute Herzprobleme auszulösen. Anschließend versuchte er, seine Opfer zu reanimieren, wollte sich als Held feiern lassen. Sein Plan ging auf, immer wieder. Bis zum 22. Mai 2005. Eine Krankenschwester erwischt den damals 29-Jährigen auf frischer Tat, als er im Klinikum Delmenhorst dem 63-jährigen Dieter M. mehrere Ampullen Gilurytmal spritzt und eine Pumpe mit einem anderen, lebenswichtigen Medikament abstellt. Aufgrund dieser Tat wird er später wegen versuchten Mordes zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Doch erstmal darf Niels Högel in Delmenhorst noch zwei Tage weiterarbeiten und begeht am 24. Mai prompt seinen nächsten Mord.

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Im heutigen Josef-Hospital in Delmenhorst soll Högel zwischen 64 Patienten getötet haben.

(Foto: picture alliance / Hauke-Christi)

Als Kathrin Lohmann, die Tochter einer 2003 verstorbenen Patienten aus der Klinik in Delmenhorst, vom Fall Högel erfährt, drängt sie auf die Exhumierung ihrer Mutter. Insgesamt acht Leichen werden 2009 untersucht, in fünf Fällen stellen die Ermittler Auffälligkeiten fest. Daraufhin werden weitere 134 Leichen exhumiert. In insgesamt 99 Fällen finden die Ermittler Spuren von Medikamenten und damit Hinweise auf einen möglichen Mord. 64 Patienten starben in Delmenhorst, die übrigen 35 in Oldenburg.

Erste Anzeichen, keine Konsequenzen

Schon im August 2001 gibt es im Klinikum Oldenburg, an dem Högel zu diesem Zeitpunkt arbeitet, eine Besprechung unter Ärzten und Pflegern, in der es um die auffällige Häufung von Reanimationen und Sterbefällen geht. Högel denkt offenbar, man sei ihm auf die Schliche gekommen und meldet sich umgehend krank. Doch dann geschieht erstmal nichts. Zwar nehmen die Verdachtsmomente im nächsten Jahr zu und Högel wird unter vollen Bezügen freigestellt. Er bekommt jedoch ein ausgesprochen gutes Zeugnis und bewirbt sich damit in Delmenhorst.

Er bekommt den Job. Kaum ist Högel dort angestellt, steigt die Todesrate auf der Intensivstation dramatisch an. Statt der statistisch zu erwartenden 200 Patienten sterben zwischen 2003 und 2005 mehr als doppelt so viele Menschen. Zudem ist der Verbrauch des eigentlich selten genutzten Herzmittels Gilurytmal sieben Mal so hoch wie üblich. Doch niemandem scheint das aufzufallen - bis zu besagtem 22. Mai.

Högel wird 2016 sechs Tage lang verhört, insgesamt 30 Stunden kommen so zusammen. Anfangs räumt er lediglich ein, einigen Patienten auf der Intensivstation in Delmenhorst das tödlich wirkende Mittel gespritzt zu haben. Etwas, das längst als bewiesen gilt. Doch nach und nach bricht er sein Schweigen und erzählt von seinen Taten und dem positiven Gefühl, das ihm diese bereiteten.

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Niels Högel gibt an, nicht erst in Delmenhorst, sondern auch schon zuvor in Oldenburg Patienten getötet zu haben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Högel berichtet, wie er sich von den Kollegen unbemerkt in die Zimmer von Patienten schlich, den Alarm ausschaltete, ihnen das Herzmittel spritzte und wieder verschwand. Wenn dann ihr Herz zu schlagen aufhörte und der Signalalarm ertönte, kam Högel wieder dazu und übernahm die Reanimation. Die Kollegen lobten ihn für seine Arbeit, das gab ihm ein gutes Gefühl. Er räumt auch ein, dass das nicht nur in Delmenhorst so gewesen sei, sondern bereits in Oldenburg. 30 Opfer bekommt er während der Vernehmung noch zusammen, an mehr erinnere er sich nicht. 

Es ging ihm um den "Kick"

Auch der Högel untersuchende Gerichtspsychiater Konstantin Karyofilis ist überzeugt, dass die Reanimationen dem Krankenpfleger einen "Kick" gaben. Die Menschen selbst habe er dabei aus dem Blick verloren. Högel selbst behauptet auch in einem Brief, den er dem Arzt aus der Haft schreibt, er könne sich an viele Taten nicht erinnern. "Ich versuche, jeden Abend, mir Erinnerungen hervorzurufen, aber es gelingt mir nicht", schreibt er und beklagt sich: "Die Menschen denken, ich halte aus taktischen Gründen alles zurück. Es tut mir sehr weh, wenn ich lesen muss, ich wäre ein Lügner."  

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Konstantin Karyofilis gab schon 2015 eine Stellungnahme bezüglich der Schuldfähigkeit von Niels Högel ab.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit neun Jahren schon lebt Niels Högel in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg auf knapp zehn Quadratmetern. Dort besuchte er einen "Naikan"-Kurs, eine japanische Meditationsform zur Selbsterkenntnis. Außerdem belegte er Seminare in Musikmediation und Schriftstellerei. Ehemalige Insassen berichten, er sei bei den Mithäftlingen beliebt.

Klarheit über das Schicksal der Opfer

Högel wurde bereits 2015 wegen Mordes und gefährlicher Körperverletzung bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld zu lebenslanger Haft verurteilt. Im neuen Prozess geht es vor allem darum, endlich ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und den Angehörigen Klarheit über das Schicksal der Opfer zu verschaffen.

Nach dem Prozess werden sich in weiteren Verfahren auch vier Klinikmitarbeiter aus Delmenhorst wegen Totschlags durch Unterlassen verantworten müssen. Die Staatsanwaltschaft glaubt, sie hätten 2005 drei Morde und zwei Mordversuche verhindern können. In diesen Verfahren soll dann Högel als Zeuge aussagen, dazu ist er nach einer rechtskräftigen Verurteilung verpflichtet. Aktuell könnte er die Aussage noch verweigern. Zudem wird auch gegen Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg ermittelt.

Niedersachsen hat jetzt ein neues Krankenhausgesetz verabschiedet, mit dem die Abgabe von Medikamenten besser überwacht und das Personal bei deren Verabreichung beraten werden soll. So soll ein ungewöhnlich hoher Medikamentenverbrauch, wie im Fall Högel, künftig schneller auffallen. Zudem sollen Ärzte und Pfleger durch spezielle Konferenzen besser informiert sein, was auf ihrer Station los ist, damit ungewöhnliche Todesfälle oder häufig auftretende Komplikationen eher bemerkt werden.

Quelle: n-tv.de, nan/dpa

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