Panorama

Berlin will Leben retten Wenn Hitze in Großstädten lebensgefährlich wird

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Die Zahlen sind alarmierend: Zwischen 2018 und 2020 starben in Berlin und Brandenburg rund 1400 Menschen wegen Hitze.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Hochsommer steht vor der Tür. Bereits seit Mitte Juni überschreiten die Temperaturen in vielen Regionen die 30-Grad-Marke. Vor allem in Großstädten kann die Hitze besonders belastend sein. Hunderte Menschen sterben jedes Jahr. In der Hauptstadt gibt es jetzt einen Plan dagegen.

Wenn die Wohnung auch nachts nicht abkühlt, die nackte Haut bei der Berührung mit Beton brennt und einen schon das Nichtstun erschöpft, weiß man: Der Hochsommer ist da. Für viele können die hohen Temperaturen gefährlich werden: "Jeden Sommer versterben mehrere Tausend Menschen zusätzlich. In den meisten Sommern sind das mehr Menschen, als im Straßenverkehr versterben", sagt Stefan Muthers vom Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Die Hitze ist dabei in Großstädten wie Berlin besonders spürbar.

"Machen wir so weiter wie bisher, werden wir in eine gesundheitliche Katastrophe laufen", warnt Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin. Er ist Teil eines neuen Aktionsbündnisses, das Hitzeschutzpläne für das Gesundheitswesen in Berlin entwickelt, um Menschen vor gesundheitlichen Folgen extremer Hitze zu schützen. Denn das globale Klima verändert sich - und auch Berlin bekommt das immer stärker zu spüren. Aber warum haben Großstädter ein erhöhtes Risiko, an gesundheitlichen Hitzefolgen zu leiden?

Wenn der Sommer lebensgefährlich wird

Laut Jürgen Kropp, Leiter der Forschungsgruppe Urbane Transformation am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in Potsdam, liegt das unter anderem am sogenannten urbanen Wärmeinseleffekt. Denn der Beton speichert Wärme besser als natürliche Materialien. Weil Wärme immer von einem wärmeren zum kälteren System fließt, wird sie etwa von aufgeheizten Gebäuden an die Umgebungsluft abgegeben, sobald die Temperaturen abends sinken. Dann herrscht in Innenräumen, aber auch in Großstädten generell selbst nachts eine höhere Temperatur als auf dem Land. Bei Hitzewellen schwinden so die Chancen auf Erholung für den Körper.

Diesen Wärmeinseleffekt gab es grundsätzlich auch früher schon. Wie etwa Autoren einer französischen Studie im "International Journal of Environmental Research and Public Health" erwähnen, verstärken häufigere und intensivere Hitzewellen aber das von dem Effekt ausgehende Risiko für Stadtbewohner. Dies sei eine unmittelbare Folge des Klimawandels.

Das Umweltbundesamt verweist auf seiner Webseite auf Modellrechnungen, die für Deutschland prognostizieren, "dass zukünftig mit einem Anstieg hitzebedingter Mortalität von ein bis sechs Prozent pro einem Grad Celsius Temperaturanstieg zu rechnen ist, dies entspräche über 5000 zusätzlichen Sterbefällen pro Jahr durch Hitze bereits bis Mitte dieses Jahrhunderts". Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gibt es bislang kein bundesweites Überwachungssystem, das die Zahl hitzebedingter Sterbefälle in ganz Deutschland erfasst. Einige Bundesländer schätzen daher ihre Hitzetoten. Für Berlin und Umgebung sind die Zahlen alarmierend: Zwischen den Jahren 2018 und 2020 seien in der Hauptstadt und in Brandenburg rund 1400 Menschen gestorben, sagt Ärztekammerchef Bobbert.

"Es ist ein stiller Tod"

Lebensgefährlich ist die Hitze vor allem für ältere Menschen. Sie erleiden einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall, verdursten. "Es ist ein stiller Tod", sagt Martin Hermann, der Vorstandsvorsitzende von KLUG - Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, die zusammen mit der Senatsgesundheitsverwaltung das Berliner Aktionsbündnis ins Leben gerufen hat. Der Mediziner legt eine beeindruckende Statistik vor: "Von allen Naturkatastrophen fordert Hitze mit 96 Prozent die meisten Todesopfer", so Hermann. Besonders betroffen sind davon auch die vielen wohnungslosen Menschen in Berlin, Schwangere, Säuglinge, Kleinkinder und Vorerkrankte.

Wie kann man diese vulnerablen Gruppen in Großstädten nun besser schützen? Für Hermann liegt die Antwort auf der Hand: Zusammenarbeit. Gemeinsam mit Berliner Fachleuten erarbeitete das Aktionsbündnis Hitzeschutzpläne mit Checklisten für fünf Sektoren des Gesundheitswesens - darunter Krankenhäuser, Pflegeheime, ambulante Pflege, öffentlicher Gesundheitsdienst, Feuerwehr und Katastrophenschutz. Das soll sicherstellen, dass Kliniken, Heime und Arztpraxen durch eine funktionierende Warnkette frühzeitig auf Hitzewellen hingewiesen werden und entsprechende Vorkehrungen treffen können.

Auch der Einsatz von Trinkwasserspendern oder das Ausweisen von kühlen Orten in der Stadt ist wichtig. Das Aktionsbündnis will zudem Listen gefährdeter Patienten erstellen. Hitzekrankheiten, Hitzeschutzmaßnahmen und Eigenschutz sollen zudem Bestandteil der medizinischen Ausbildung werden. Diese Maßnahmen könnten schon jetzt Leben retten, sagt das Aktionsbündnis.

Bewusstsein für Risiken schaffen

Langfristig soll sich auch das Stadtbild verändern. "Die Städte müssen mit Vegetation versehen werden", sagt PIK-Professor Kropp. Denn Pflanzen - insbesondere Bäume - verdunsten Wasser und kühlen so ihre unmittelbare Umgebung. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) weist beispielsweise auch immer wieder auf die positiven Auswirkungen von Dach- oder Fassadenbegrünung hin. Zudem könnte auch der Holzbau helfen, sagt Kropp. Holz sei ein Isolator und gebe so etwa die aufgenommene Wärme nicht so stark in Innenräume ab. Damit könne man etwa Bürogebäude bauen, die höher sind als 80 bis 100 Meter.

Doch zunächst müsse in der breiten Bevölkerung erst "ein Bewusstsein für die Risiken entstehen", sagt Hermann. Andere europäische Länder seien da deutlich weiter. So zog Frankreich aus der verheerenden Hitzewelle im Sommer 2003 der knapp 15.000 Menschen zum Opfer fielen, seine Lehren. Die französischen Kommunen haben zu Beispiel ein Register mit älteren, alleinstehenden Personen eingeführt, die als besonders gefährdet gelten und dann bei anhaltender Hitze Hilfe von Sozialdiensten bekommen. Rathäuser bieten gekühlte Räume und Versorgung für jene an, die sich nicht selbst helfen können.

In Deutschland kamen damals rund 9600 Menschen durch die extremen Temperaturen ums Leben. Ein nachhaltiger Lerneffekt wollte sich aber offenbar nicht einstellen. Das Problem ist laut Hermann, "dass in allen gesellschaftlichen Bereichen das unausgesprochene Versprechen gilt: Es bleibt alles so, wie es ist". Das will das Berliner Pilotprojekt nun ändern.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 27. Juni 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, mit dpa

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