Panorama

Hebammen in der Krise "Hoffe, es wird nie wieder wie vor Corona"

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Viele Frauen seien nach der Geburt stark verunsichert, sagt Kathrin Stenger (Symbolbild).

(Foto: picture alliance/dpa)

Hebammen müssen in der Pandemie strengere Hygienestandards einhalten, tragen teilweise sogar Schutzanzug. Die Arbeit ist hart, viele denken ans Aufhören. Eine Veränderung aber, die die Krise anschob, scheint auf Hebammen und werdende Familien geradezu wohltuend zu wirken.

Kathrin Stenger kann sich nicht vorstellen, in eine Welt vor Corona zurückzukehren. Zumindest was ihre Arbeit angeht. Früher sei es im Kreißsaal mitunter zugegangen "wie auf dem Bahnhof", sagt die Hebamme aus dem schwäbischen Bietigheim-Bissingen. "Da waren die Schwestern oft vollkommen entnervt", weil wieder einmal die ganze Familie zum Besuch auf Station antanzte, um Mutter und Neugeborenes zu sehen, erinnert sie sich.

Entbindung im Bietigheimer Krankenhaus - vor der Pandemie bedeutete: Zwei bis drei Hebammen betreuen bis zu acht Frauen. Aber die werdenden Mütter tauchen natürlich nicht streng nach Termin im Kreißsaal auf. "Manchmal kommt ein Bus", lacht Stenger und schiebt hinterher: "Sagen wir so, wenn es auf einmal richtig voll wird." Da gerate man schnell an seine Grenzen. "Du bist gerade mitten bei einer Geburt", die Hebamme spricht schneller, "dann klingelt eine andere Frau, weil sie mit ihren Schmerzen nicht klarkommt". Ständig müsse man die Türe öffnen "weil die Männer nervös sind und andauernd auf die Toilette rennen" oder unruhige Großeltern sich nach dem Nachwuchs erkundigten. Dieses Rein und Raus gehe unheimlich an die Substanz, man werde ständig unterbrochen, bei dem was man gerade tue.

"Und da ist es wirklich entspannter geworden." Kathrin Stenger seufzt auf. Seit dem Frühjahr ist der Publikumsverkehr in allen deutschen Krankenhäusern stark beschränkt. In Bietigheim-Bissingen durften zeitweise nur die Väter in den Kreißsaal, und das auch nur zur Geburt. Stenger ist dankbar für die Unterstützung durch die werdenden Väter, die sei sehr wichtig. Aber dass viele Angehörige denken, ein Besuch auf Station sei nichts Besonderes, schließlich sind die Frauen dort ja nicht krank, dagegen wehrt sie sich: "Unsere Frauen haben eine Geburt hinter sich, das ist eine völlig neue Situation. Die fühlen sich noch unsicher, die sind aufgeregt wegen des Stillens oder müssen ihre Geburtsverletzungen versorgen."

Besuchsbeschränkungen auch nach Corona?

Die neue Ruhe im Krankenhaus helfe den Frauen enorm. Stenger berichtet von Nachsorgehebammen, die ihren Eindruck bestätigten. Wenn die Frauen jetzt nach Hause gehen, könnten sie viel besser mit der ungewohnten Situation umgehen, weil sie Zeit gehabt hätten für das Neugeborene und auch für sich selbst. "Das ging vorher nicht, weil andauernd jemand ins Zimmer kam", erinnert sich Stenger an die Zeit vor der Pandemie. Selbst der Gang auf die Toilette sei damals für manche Frauen nicht in Ruhe möglich gewesen. Deshalb sagt die Hebamme: "Ich will und kann mir nicht vorstellen, dass es nochmal so wird wie vor Corona."

Grundsätzlich sieht Andrea Ramsell vom Deutschen Hebammenverband das ähnlich. Auch sie hat immer wieder gehört, wie sehr die Frauen und ihre Familien von der coronabedingten Entschleunigung profitierten. Wie auch Stenger hofft sie, dass diese Erkenntnis die Pandemie überlebt. Nur darüber, wie das gesichert werden kann, darüber sind sie sich uneinig. Kathrin Stenger wünscht sich, dass die Beschränkungen, die ihre Arbeit so erleichtert haben, auch nach der Krise bestehen bleiben. Die Hebammenvertreterin Ramsell will den Familien nichts vorschreiben und setzt auf deren Einsicht. Es gelte, den Familien das in der Krise gewonnene Wissen über die heilsame Einschränkung des Publikumsverkehrs auf den Stationen zu vermitteln.

Kathrin Stenger will nicht, dass es wieder wird wie vor Corona, aber natürlich wünscht auch sie sich, dass die Pandemie bald vorbei ist. Allein schon, weil das Arbeiten mit Maske beschwerlich ist, teilweise müssen Hebammen sogar Schutzanzüge tragen. Immer wieder gelte es, sich an neue Anordnungen anzupassen, Hygienekonzepte umzusetzen.

"Es muss sich ganz schnell was ändern"

Dass Hebammen deshalb gerade jetzt unbedingt entlastet werden müssen, da sind sich Ramsell und Stenger einig. An dieser Stelle finden sie wieder zusammen - in ihrer Ratlosigkeit. "Ich kann es mir wirklich nicht erklären", sagt Ramsell. "Ich weiß nicht, was noch passieren müsste", sagt Stenger. Selbst in einer Situation wie der Corona-Krise, in der deutlich wird, wie sehr die Gesellschaft auf das Pflegepersonal angewiesen ist, sei außer dem Klatschen im Frühjahr nichts geschehen. Aber es müsse sich dringend etwas ändern. Stenger und Ramsell klingen ernsthaft besorgt, wenn sie über die Personalsituation in deutschen Krankenhäusern sprechen - und auch ein kleines bisschen resigniert.

"Wer macht das denn noch?", fragt Stenger. Ramsell kennt die Antwort: Laut dem vom Bundesgesundheitsministerium beauftragten IGES-Gutachten denkt fast die Hälfte der Hebammen darüber nach, Arbeitszeit zu reduzieren, jede Vierte erwägt den kompletten Ausstieg. Wichtigster Grund: Überlastung. Stenger kennt das, sie arbeitet mittlerweile selbst in Teilzeit: "Du machst sieben Schichten am Stück und dann heißt es, mach noch eine, die Kollegin ist krank. Das hält ja keiner aus."

Aber irgendwie hält sie es aus, seit 30 Jahren. "Das kann man nur machen, wenn man absolut davon schwärmt", sagt die Hebamme. Genau das aber sei Teil des Problems, erklärt Andrea Ramsell. Viele Menschen im Pflegesektor hätten eine starke innere Motivation. Krankenhausbetreiber aber seien von wirtschaftlichen Interessen angetrieben und nutzten die Aufopferungsbereitschaft ihrer Angestellten schamlos aus. In den vergangenen Jahren sei systematisch ausgetestet worden, mit wie wenig Personal sich ein Kreißsaal betreiben ließe. Die Betreiber hätten immer wieder die Zahl der Hebammen reduziert und gemerkt: "Oh, das geht ja". Mittlerweile aber sei die Belastungsgrenze erreicht. Oder wie Stenger sagt: "Es muss sich ganz schnell was ändern." Corona hin oder her.

Quelle: ntv.de