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"Das ist die Erlösung" Italien startet Abriss der Genua-Brücke

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Heikle Millimeterarbeit mit tonnenschwerem Stahlbeton: Der Brückenabriss in Genua erfordert viel Fingerspitzengefühl.

(Foto: dpa)

43 Menschen sterben, als die Autobahnbrücke in Genua im vergangenen Sommer ohne Vorwarnung zusammenbricht. Ein halbes Jahr später ist das klaffende Loch noch immer zu sehen. Jetzt sollen die Brückenreste so schnell wie möglich verschwinden.

Ein halbes Jahr nach dem verheerenden Brückeneinsturz in Genua mit 43 Toten haben an der Unglücksstelle die Arbeiten zum Abriss der Überreste des Bauwerks begonnen. "Das ist die Erlösung von Genua, Ligurien und Italien", sagte Regierungschef Giuseppe Conte in der italienischen Hafenstadt.

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Ortstermin mit Feuerwehrhelm: Italiens Regierungschef Giuseppe Conte in Genua.

(Foto: REUTERS)

Die Arbeiten folgen einem detailliert ausgearbeiteten Plan: Zunächst machten sich Experten daran, das Absenken eines 40 Meter langen Teilstück aus dem westlichen Brückenrest vorzubereiten. Mithilfe von Schwerlastkränen wurde das Brückensegment aus der Verankerung gelöst, bevor es mitsamt der Fahrbahn an Stahlseilen abgesenkt werden konnte.

Der Abriss ist alles andere als ein einfaches Unterfangen: Die Arbeiten finden zum Teil in etwa 45 Metern Höhe statt. Bevor ein Bauteil entfernt werden kann, müssen die Folgen für die gefährdete Stabilität der schwer beschädigten Brückenkonstruktion berücksichtigt werden. Die Statik der Brücke muss ständig überwacht werden. Einzelne Pfeiler wurden gezielt verstärkt. Ein riesiger Betonanker soll verhindern, dass der Brückenrest nach dem Heraustrennen des Fahrbahnteils umkippt.

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Der Rückbau hat begonnen: Das tonnenschwere Fahrbahnsegment schwebt dem Erdboden entgegen.

(Foto: dpa)

Die Arbeiten an der Brücke gleichen einem Mikado-Spiel mit gewaltigen Einsätzen: Die Bauteile aus Beton und Stahl sind teils mehrere Hunderte Tonnen schwer. Entsprechend vorsichtig gehen die Arbeiter vor. Eigens installierte Spezialkräne sollen herausgetrennte Bauteile sicher in die Tiefe bringen. Das erste Bauteil dürfte den Planungen zufolge beim Ablassen am Stahlseil erst nach Stunden am Boden ankommen.

Offene Wunden in Genua

Für die Anwohner vor Ort ist der Brückenbau sehr viel mehr als nur eine symbolische Aktion: Abgesehen vom menschlichen Leid, das der Einsturz über die italienische Hafenstadt brachte, lähmt die Lücke in der Infrastruktur nicht nur das Leben im Stadtgebiet, sondern auch die Verkehrsströme an der ligurischen Küste. Über die "Ponte Morandi", wie das kühne Polcevera-Viadukt aus den 1960er-Jahren auch genannt wird, führte mit der Autostrada A10 eine wichtige Straßenverbindung von überregionaler Bedeutung.

Die Überführung ist damit nicht nur essenziell für die Infrastruktur der Hafenstadt. Die Brücke, die den Osten mit dem Westen Genuas verband, war Teil der Zufahrtstraße zum Hafen, dem bedeutendsten in ganz Italien. Der Einsturz hat nicht nur die Mobilität der Anwohner und den Warenverkehr empfindlich getroffen. Die Katastrophe machte auf einen Schlag auch Hunderte Menschen obdachlos.

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Seit mittlerweile sechs Monaten lebt Genua mit der gebrochenen Brücke - mit einer "offenen Wunde", die nur schwer wieder vollständig vernäht werden kann, wie Verkehrsminister Danilo Toninelli betonte. Die Brückenreste stünden auch heute noch für den tragischen Tod von Menschen, weshalb sie nun innerhalb weniger Monate abgerissen werden sollen.

Die italienische Regierung ließ den Beginn der Abrissarbeiten regelrecht in Szene setzen. Regierungschef Conte wohnte dem symbolischen Beginn der Arbeiten vor Ort bei. Von einem Ingenieur ließ er sich das Prozedere erklären. Dabei zeigte sich Conte zeitweise auch mit Feuerwehrhelm. Die offenbar beabsichtigte Botschaft: So nah wagen sich Politiker, darunter auch Genuas Bürgermeister Marco Bucci, an die Unglücksbrücke heran. Bucci veröffentlichte auf Twitter ein Erklär-Video zum geplanten Ablauf der Abrissarbeiten.

Neue Brücke soll "tausend Jahre" halten

Für die italienische Politik ist der Wiederaufbau in Genau von enormer symbolischer Bedeutung. Zum feierlichen Start der Abrissarbeiten stieg eine Drohne auf und lieferte Bilder des Premierministers am Ort des Geschehens. Parallel dazu kümmerten sich PR-Mitarbeiter im Auftrag der italienischen Regierung darum, dass die Abrissarbeiten in Genua per Live-Video auch im Internet mitverfolgt werden konnten.

Der Polcevera-Viadukt war am 14. August 2018 eingestürzt. Mehrere Fahrer wurden mitsamt ihrer Autos oder Lastwagen mit in die Tiefe gerissen. Insgesamt 43 Menschen starben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 20 Personen sowie gegen den Autobahnbetreiber Autostrade per l'Italia.

Den Wiederaufbau einer neuen Brücke leitet Stararchitekt Renzo Piano, der ursprünglich aus Genua kommt. Die Arbeiten sollen parallel zum Abriss laufen. Die neue Brücke solle "tausend Jahre halten, sicher sein" und die Bürger verbinden, sagte der 81-Jährige Piano im Interview mit der italienischen Tageszeitung "La Republicca".

Für die Bürger dürfte entscheidend sein, dass die neue Brücke schnell eröffnet werden kann. Minister Toninelli nutzte den Auftakt der Abrissarbeiten, um den Bürgern zu versichern, dass die neue Konstruktion Ende des Jahres fertig sei und Anfang 2020 für den Verkehr öffne. Unabhängige Beobachter halten das für ein sehr ambitioniertes Ziel. Die Bauarbeiten stehen unter großem Zeitdruck: Auch deswegen, so berichtete "La Repubblica", werde der neue Viadukt einer der teuersten Italiens sein.

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Quelle: n-tv.de, mmo/dpa

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