Panorama

Expertin Fathi im Interview "Jetzt so viele Menschen wie möglich impfen"

Die dritte Welle nimmt an Fahrt auf, aber die Impfungen in Deutschland hinken hinterher. Dabei findet Impfforscherin Anahita Fathi es "sehr wichtig, jetzt so viele Menschen wie möglich zu impfen". Möglicherweise auch mit einer späteren zweiten Dosis. Zudem erwartet sie die Zulassung weiterer Vakzine.

ntv: Die sogenannte dritte Welle nimmt Fahrt auf, wir haben immer mehr Neuinfektionen und es werden Forderungen laut, die Impfstrategie umzustellen und etwa die zweite Impfung erst einmal nach hinten zu schieben, um in die Breite impfen zu können. Wie schätzen Sie das ein?

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Die Infektiologin und Impfforscherin Dr. Anahita Fathi arbeitet am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

(Foto: UKE Hamburg)

Anahita Fathi: Es ist sehr wichtig, jetzt so viele Menschen wie möglich zu impfen. Wir hatten ursprünglich durch die Studien eine gute Datenlage für Impfungen, die in einem festen Intervall gegeben wurden. Jetzt zeigt sich aber, etwa durch die Impfstrategie in England, wo das Intervall zwischen den Dosen verlängert wurde, dass das auch möglich ist und die erste Impfung bereits eine gute Immunität für eine gewisse Zeit bringt. Deswegen denke ich, dass man gut über diese Strategie nachdenken könnte.

Nun gibt es einen Impfstopp bei Astrazeneca. Wie schwerwiegend ist dieser und wie schwerwiegend ist auch der Vertrauensverlust?

Die Nachrichten über den Impfstoff haben zu viel Verunsicherung in der Gesellschaft geführt. Aber es ist ein sehr gutes Zeichen, dass die sehr seltenen Nebenwirkungen, die möglicherweise bei Astrazeneca aufgetreten sind, untersucht werden. Das ist der Sinn dieser Phase-4-Studien, also der Studien nach der Lizenzierung des Impfstoffs. In Phase-3-Studien kann man diese sehr seltenen Nebenwirkungen noch nicht erkennen, dafür reichen mehrere 1000 Probandinnen und Probanden nicht.

Ist diese neue Überprüfung des Impfstoffs mehr oder weniger normal?

Ja, genau. Nach einer Lizenzierung wird ganz genau geschaut, ob jetzt noch seltene Nebenwirkungen auftreten, und ob diese mit dem Stoff zusammenhängen oder nicht. Das ist nach den Phase-3-Studien etwas schwieriger, denn es gibt ja keine Placebo-Gruppe mehr. Da muss man sich mit Statistiken behelfen, deswegen sind diese Zusammenhänge sehr schwer zu erkennen.

Es gibt mittlerweile gesicherte Daten aus Israel und Großbritannien, wo die Impfkampagnen schon sehr weit sind. Dort wird gesagt, dass Biontech ziemlich gut vor Virusübertragungen schützt und Astrazeneca auf jeden Fall schwere Verläufe verhindert. Ist es in einer Impfstrategie denkbar, dass bestimmte Impfstoffe für bestimmte Bevölkerungsgruppen eingesetzt werden?

In Israel wird nur der Impfstoff von Biontech verimpft, deswegen haben wir schon sehr viele Daten für diesen Stoff. Die Daten für Astrazeneca kommen aus England, wo schon sehr viele ältere Menschen - also die erste Priorisierungsgruppe - geimpft wurden. Deswegen kann man die Daten nicht eins zu eins vergleichen. Auch die Impfstrategien sind etwas unterschiedlich. In Zukunft kann man sich aber durchaus überlegen, welcher Impfstoff für welche Personengruppe vielleicht vorteilhafter ist. Derzeit kommt es jedoch wirklich darauf an, so viele Menschen wie möglich mit einem Impfstoff zu versorgen.

Mit welchen Impfstoffen können wir in Deutschland denn noch rechnen?

Der Impfstoff von Johnson & Johnson wurde ja zuletzt zugelassen, das ist ein Adenovirusvektor-Impfstoff, also so ähnlich wie der von Astrazeneca - er wurde aber als Einmal-Impfung zugelassen. Dann stehen noch Impfstoffe in der Pipeline, zum Beispiel von Novavax, der schon relativ weit ist, und der deutsche Impfstoff von Curevac, das ist auch ein mRNA-Impfstoff. Der ist ebenfalls schon relativ weit in der Entwicklung.

Was ist mit dem russischen und dem chinesischen Impfstoff? Sie wurden bereits flächendeckend angewendet. Warum ist das für uns im Moment keine Lösung?

Diese beiden Impfstoffe wurden außerhalb Europas schon sehr weit verimpft. Der russische Impfstoff, Sputnik V ist auch ein Adenovirusvektor-Impfstoff, wie Astrazeneca und Johnson & Johnson. Er hat auch schon gute Ergebnisse gezeigt in den klinischen Studien. Aber die Zulassung ist, soweit ich weiß, noch nicht so weit vorangeschritten, dass wir in den nächsten Tagen eine Zulassung erwarten können.

Die EU hält sehr am herkömmlichen Zulassungsprozess fest. Ist es nicht in einer Situation wie dieser, am Beginn einer dritten Welle, überlegenswert, einen pragmatischen Weg zu gehen?

Ich denke, dass es wichtig ist, die Zulassungs-Standards hochzuhalten und die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe zu zeigen. Dann kann man darauf vertrauen, dass wirklich die gleichen Standards gelten wie bei anderen Impfstoffen. Wenn demnächst neue Impfstoffe gegen Virusvarianten entwickelt werden, die den jetzigen sehr ähnlich sind, denn denke ich aber schon, dass man nicht nochmal alle Schritte gehen muss, sondern auf die Vordaten aufbauen kann.

Experten sind besorgt wegen der brasilianischen Mutante, die nach jetzigem Kenntnisstand sehr viel ansteckender und tödlicher sein soll. Wie wichtig ist es, dass wir so etwas wie eine flächendeckende Impfung haben, bevor solche Virusmutanten zu uns kommen?

Je flächendeckender die Impfung ist, desto schwerer ist eine Infektion mit der Standardvariante. Die Impfungen, die es jetzt gibt, können aber in einer gewissen Art auch gegen andere Varianten helfen. Selbst wenn sie eine Infektion nicht verhindern können, geht man davon aus, dass sie den Krankheitsverlauf wahrscheinlich modifizieren können. Deswegen ist es wichtig, dass flächendeckend geimpft wird.

Glauben Sie, dass wir im Sommer oder am Ende des Sommers durchgeimpft sein werden?

Das kann ich schwer einschätzen. Natürlich muss man im Hinterkopf behalten, dass die Virusvarianten, die wir aktuell haben, ansteckender sind als die vom vergangenen Jahr. Das wird sicherlich auch einen Einfluss auf die Öffnungsstrategie haben und auch auf die Impfstrategie.

Mit Anahita Fathi sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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