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Epidemiologe Ulrichs bei ntv "Können den Wettlauf mit Delta gewinnen"

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Impfen wirkt - auch gegen Delta.

(Foto: dpa)

Die Delta-Variante gewinnt in Großbritannien die Oberhand, in Deutschland bisher noch nicht. Epidemiologe Ulrichs spricht bei ntv darüber, ob Grund zur Sorge besteht und was getan werden muss, um die Mutation in Schach zu halten.

ntv: Die Delta-Variante macht uns derzeit um die 3 Prozent der Infektionen aus. Warum muss man da besorgt sein?

Timo Ulrichs: Die Delta-Variante könnte sich auf lange Sicht auch in der EU und Deutschland durchsetzen. Wir sehen das ja in Großbritannien, obwohl da schon so viel durchgeimpft ist. Da werden über 90 Prozent aller Neuinfektionen durch die Delta-Variante ausgelöst. Da ist jetzt besonders interessant zu gucken, welche Menschen dort infiziert werden. Wie schützt der eine Impfstoff oder der andere, und wie sind die Verläufe nach der Infektion?

Was weiß man denn über die Delta-Variante?

Jetzt schon sicher ist, dass sie fitter ist als die Alpha-Variante und natürlich auch als die Wildtyp-Variante. Die Alpha-Variante ist quasi ersetzt worden durch die Delta-Variante und was wir auch schon so abschätzen können, ist, dass die klinische Symptomatik etwas anders aussieht als bei den bisher bekannten Varianten. Da findet man weniger diesen Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn und mehr schnupfenähnliche Symptome sowie Kratzen im Hals. Aber wie jetzt die epidemiologischen Daten aussehen, also die Zahl der Krankenhauseinweisungen mit intensivem Behandlungsbedarf, das kann man jetzt noch gar nicht sagen.

Es ist aber jetzt schon die Rede davon, dass es zu doppelt so vielen Krankenhauseinweisungen kommt. Woran kann das liegen?

Die besonders interessante Frage ist natürlich, warum sich das in Großbritannien so stark durchsetzen konnte und in den EU-Ländern und in Deutschland bisher noch nicht. Was wir als Unterschied zu Großbritannien sehen können, ist, dass wir noch im Lockdown waren, als sich die Delta-Variante langsam in Europa ausgebreitet hat. Zugleich wurde in Großbritannien geöffnet. So ähnlich wie das bei der Alpha-Variante ja auch war, die dann in Folge einer Welle sich mit ausbreiten konnte. Wir sehen jetzt Öffnungen natürlich auch in Deutschland, die aber eben mit stark sinkenden Zahlen einhergehen. Wenn es jetzt gut funktioniert mit der weiteren Durchimpfung der Bevölkerung, dann könnte es sein, dass wir diesen Wettlauf mit der Delta-Variante gewinnen.

Die Impfstoffe, die wir in Deutschland haben, schützen auch gegen Delta?

Sie werden wohl etwas weniger schützen als gegen die anderen Varianten, aber das ist nicht so tragisch. Wenn man nämlich eine hohe Abdeckung erzielt, dann reicht das schon aus, um dieser Delta-Variante keine Möglichkeiten mehr zu bieten, sich auszudehnen.

Sollte das über den Sommer mit Reisebeschränkungen ergänzt werden?

Ja, man sollte auf jeden Fall die Virusvariantengebiete besonders im Auge behalten. Natürlich vor allen Dingen Großbritannien, aber auch Indien, denn da sehen wir ja diese große Dynamik, einhergehend mit der Ausbreitung der Delta-Variante. Dann kann man den Einzug der Delta-Variante bei uns in Deutschland und in der EU zumindest verzögern. Das könnte ausreichen, um dann diesen Zeitgewinn zu nutzen und noch mehr zu impfen.

Intensivmediziner sprechen davon, dass die pandemische Phase des Coronavirus zu Ende sei, es sei bald eine chronische Phase. Was bedeutet das für uns?

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Der Epidemiologe Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Weltweit betrachtet kann man noch nicht davon ausgehen, dass die Pandemie zu Ende ist. Im Gegenteil! Es gibt noch viele Ecken auf der Welt, wo das Virus auf dem Vormarsch ist. Das sollte uns in der Tat mit Sorge erfüllen, denn dann könnten noch weitere Varianten kommen, die eine andere Dynamik an den Tag legen. Das ist das eine. In Ländern, die schon durch mindestens zwei Wellen gegangen sind, ist es so, dass wir zusammen mit den Impfungen jetzt allmählich dahin kommen, dass da eine gewisse Grundimmunisierung wenigstens in Aussicht ist. Dann könnte danach in der Tat das Coronavirus in die nachpandemische Phase gehen. Es ist immer noch da, das ist mit chronisch gemeint. Wir werden es nie ganz wegkriegen, und es könnte sich dann anpassen an eingeschränkte Ausbreitungsmöglichkeiten aufgrund von Immunisierung durch Impfung. Dann kann es immer noch einzelne Fälle geben, aber keine schweren Verläufe mehr.

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Glauben Sie, dass das dann so ähnlich ist wie Grippe, oder wie muss man sich das vorstellen?

Wir müssen uns darauf einrichten, dass wir einen neuen Erreger haben, der vorher noch nicht so auf dem Schirm war. Aber wir haben gute Instrumente an der Hand, nämlich die verschiedenen Impfstoffe, die sehr gut wirken, und das ist eigentlich eine gute Bedingung dafür, dass wir auch weltweit mit diesem Coronavirus fertig werden können.

Quelle: ntv.de

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