Panorama

Angriffe auf Menschen Lockdown hat die Bären forsch gemacht

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Bären sind durchaus in Italien heimisch.

(Foto: imago images/Pacific Press Agency)

In der norditalienischen Provinz Trient kommt es neuerdings immer wieder zu Begegnungen zwischen Mensch und Bär. Eine Ursache könnte die Corona-Ausgangssperre sein. Bisher sind die Bärenattacken zum Glück glimpflich ausgegangen, aber die Befürchtungen nehmen zu.

Am Freitag vor mehr als einer Woche griff in der norditalienischen Provinz Trient ein Bär einen Menschen an. Ein 24-jähriger Carabiniere, ein Militärbediensteter, machte gerade mit einer Freundin einen Abendspaziergang um einen kleinen See in der Nähe der Ortschaft Andalo, als plötzlich aus dem Nichts ein über zwei Meter großer Bär keine 20 Meter weit vor ihm stand. Die Freundin reagierte schneller und rannte noch im letzten Moment weg.

Örtliche Medien berichteten, der Mann sei zwar instinktiv zurückgewichen, der Bär habe ihn aber umgestoßen, danach mit einer Tatze nach seinem Bein gegriffen und heftig gekratzt. Der Freundin gelang es währenddessen, Alarm zu schlagen und Hilfe zu holen. Die herbeigeeilten Menschen verscheuchten das Tier, der Mann konnte gerettet und ins Krankenhaus gebracht werden.

Sieht man die Bilder, die den Rücken des Mannes zeigen, kann man von großem Glück sprechen, dass er auf den Bauch fiel und eine Jacke trug. Obwohl es oberflächliche Wunden waren, wie das Krankenhaus wissen ließ, hätten sie im Gesicht weitaus gravierendere Folgen gehabt. Der Bär, mittlerweile weiß man, dass es sich um das Exemplar M57 handelt, wurde schon am nächsten Tag gefangen und ins Tierpflegezentrum Casteller gebracht. Der Carabiniere konnte nach ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Zweiter Angriff in diesem Jahr

Der Bärenangriff war nicht der erste Fall in diesem Jahr in Italien. Mitte Juni wurden, ebenfalls in der Provinz Trient, ein 58-jähriger Mann mit seinem 28-jährigen Sohn von einer Bärenmutter attackiert. Auch damals ging es für die beiden Verletzten glimpflich aus, beide kamen mit Kratzern und einem Schock davon. Doch während Vater und Sohn von der Bärenmutter JJ4 angegriffen wurden, die ihre Jungen bei sich hatte, handelte es sich im Fall vom Carabiniere um ein männliches Exemplar. Dass ein Männchen angreift, sei eher ungewöhnlich, heißt es. Die Frage, die nun gestellt wird, ist, ob sich im Verhalten der Bären in letzter Zeit etwas geändert hat, und ob das 1999 gestartete Wiederansiedlungsprojekt Life Ursus überdacht werden muss.

Gestartet wurde das Projekt im Naturpark Adamello-Brenta, weil dort einst eine Bärenpopulation lebte. Diese war aber Ende der 90er-Jahre auf drei Exemplare geschrumpft. Statt sie aussterben zu lassen, beschloss die Provinz eine Neuansiedlung der Tiere. Es wurden also drei Männchen und sieben Weibchen aus Slowenien im Naturpark freigelassen. Die Männchen wurden mit dem Buchstaben M, die Weibchen mit dem Buchstaben J gekennzeichnet. Man dachte an einen Bärenbestand von etwa 60 Exemplaren, inzwischen sind es 90. Zu viele?

Das könnte in der Tat sein, meint der Schriftsteller Luca D’Andrea aus Bozen im Gespräch mit ntv.de. Das ist aber möglicherweise nicht die einzige Ursache für die Attacken. "Ich denke das hat auch mit dem Lockdown zu tun." Monatelang seien die Menschen wie vom Erdboden verschluckt gewesen, das habe die Tiere dazu gebracht, sich talwärts zu bewegen.

Dann, ganz plötzlich, war der Mensch wieder da. "Was den Unfall des Carabinieres betrifft, denke ich, dass der Bär von der Anwesenheit des Mannes erschreckt wurde." D'Andrea weist auf den Problembär M49 hin. Der richte zwar große Schäden an, reiße Nutz- und Haustiere, habe aber nie Menschen angegriffen.

Polarisierung, die das Problem verkennt

Apropos M49: Für die einen ist er so etwas wie ein Held, der sich seine Freiheit nicht nehmen lässt und auf keinen Fall getötet werden darf. Für die anderen, allen voran Landwirte und Tourismusbranche ist er eine Plage. Zweimal hat es M49 geschafft, aus der Gefangenschaft auszureißen. Das erste Mal wurde er am 14. Juli 2019 gefangen, schon in der Nacht darauf gelang es ihm aber erneut auszubrechen. Am 29. April schnappte man ihn wieder. Diesmal brauchte er etwas mehr Zeit, doch am 27. Juli schaffte er es wieder.

Was aber tun, wenn diese Tiere zunehmend zu einer Gefahr für den Menschen werden? Gleich nach dem Angriff auf den Carabiniere und der Sicherstellung des Bären, sagte der Vorsitzende der autonomen Provinz Trient, Maurizio Fugatti von der rechten Lega, man habe bewiesen, dass man die Sicherheit der Touristen gewährleisten könne, ohne das Tier töten zu müssen. Und das, obwohl dies das Gesetz bei Angriff auf einen Menschen vorsehe. Doch es seien mittlerweile zu viele Bären in der Region, so Fugatti. Wenn aus dem Umweltministerium in Rom die Anordnung käme, die Tiere auf keinen Fall zu töten, dann müsse das Ministerium auch dafür sorgen, dass ein Teil von ihnen umgesiedelt wird, forderte er.

Noch immer streunen zwei Bären in der Nähe der Ortschaften Andalo und Dimaor Folgarida herum. Fugatti hat sich mit Umweltminister Sergio Costa getroffen und vereinbart, dass auch diese zwei nicht erlegt werden dürfen, sondern gefangen und nach Casteller gebracht werden sollen. Im Gegenzug wird sich eine Kommission im Ministerium jetzt intensiv mit dem Problem beschäftigen und Lösungen vorschlagen.

Dieser Beschluss wird von der von der Tierschutzorganisation Oipa kritisiert. Man werde ihn vor Gericht anfechten, ließ die Organisation wissen, die Tiere müssen weiter in Freiheit leben dürfen. "Mir gefällt die Polarisierung dieser Debatte nicht", sagt der Schriftsteller D'Andrea dazu. Denn die einen hätten wirtschaftliche Interessen, siehe die Tourismusbranche, die lieber Skilifte auf den Gletschern baut, als sich um die Umweltschäden zu sorgen, die anderen wiederum würden den Tieren menschliche Fähigkeiten zuschreiben die sie, trotz ihrer bewiesenen Komplexität, nicht haben.

Aber könnte eigentlich M49, wie einst Bär Bruno, der sich von Trient Richtung Österreich und Bayern aufgemacht hatte und im Juni 2006 im bayerischen Ruhpolding erlegt wurde, nicht auch die Grenzen nach Österreich und Bayern überschreiten? "Da möchte ich unsere Nachbarn beruhigen", sagt D'Andrea. "Der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher hat eindeutig wissen lassen, sollte ein Bär auch nur eine Tatze auf Südtiroler Gebiet legen, werde er erlegt." Doch einmal abgesehen von solchen wortgewaltigen Ankündigungen, müsse die richtige Balance zwischen Tier, Natur und Mensch, die sich dasselbe Habitat teilen, gefunden werden.

Quelle: ntv.de