Panorama

RKI: "Keinen vollen Überblick" Neue Variante schon in Deutschland verbreitet?

Immer noch werden in Deutschland Neuinfektionen im fünfstelligen Bereich gemeldet - trotz Lockdown. Treibt auch hierzulande eine ansteckendere Virusvariante die Pandemie weiter an? RKI-Chef Wieler sieht dafür keine Anhaltspunkte. Ausgeschlossen sei es jedoch nicht.

In Deutschland folgt ein Lockdown auf den nächsten - der jüngste gilt seit Mitte Dezember 2020. Doch von einer Entspannung der Lage kann noch keine Rede sein. "Der Anstieg ist vermutlich nicht mehr so steil wie im Dezember", sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler bei einer Pressekonferenz. Dennoch werden noch immer täglich Neuinfektionen im fünfstelligen Bereich gemeldet. Zuletzt sind es 25.164 neue Fälle. Doch warum bleibt die Situation so angespannt?

Ein Ansatz: Laut RKI schränkt sich die Bevölkerung aktuell deutlich weniger in ihrer Mobilität ein als im ersten Lockdown im Frühjahr. So habe sich an den Sonntagen im Dezember gezeigt, dass die Menschen viel häufiger unterwegs gewesen seien als im Frühjahr. Doch ein Blick auf Großbritannien und Irland - wo aufgrund einer neuen Virusvariante die Neuinfektionen explodieren - rückt eine andere Möglichkeit in den Fokus: Treibt eine ansteckendere Variante auch in Deutschland die Zahlen weiter an?

Zuletzt hatte Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen gewarnt, dass das langsame Sinken der Neuinfektionszahlen ein Indiz dafür sein könne, dass sich das Virus an manchen Stellen verändert habe. Zugleich sei der Anteil untersuchter Proben viel zu gering, um Rückschlüsse darauf zu ziehen, wie stark die wohl ansteckendere Coronavirus-Variante B.1.1.7 in Deutschland schon verbreitet ist, erklärte Zeeb.

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"Haben keinen vollen Überblick"

Auch RKI-Chef Wieler kann nicht ausschließen, dass die Variante B.1.1.7 in Deutschland bereits weit verbreitet ist: "Es ist möglich, aber die Anhaltspunkte, die wir bisher haben, sprechen nicht dafür." Bisher seien in Deutschland 16 Fälle bekannt, die mit der Variante aus Großbritannien infiziert sind, so Wieler. Bei 15 handele es sich um Menschen, die aus Großbritannien eingereist seien, bei einem Fall sei das noch unklar. Und es gebe vier Fälle, wo die Variante aus Südafrika nach Deutschland gekommen sei - auch hier jedes Mal verbunden mit einer Reise. Wieler sagt aber auch: "Wir haben derzeit keinen vollen Überblick über die Varianten."

Zuletzt war Kritik an der schleppenden Sequenzierung in Deutschland laut geworden, bei der Corona-Testproben systematisch auf Mutationen untersucht werden. Während in Deutschland nur etwa jeder 900. positive Corona-Test so einer Analyse unterzogen wird, geschieht das in Großbritannien mit etwa jedem 20. Test. Deshalb gibt es dort genauere Zahlen zum Ausmaß der Verbreitung von Virusmutationen.

Die Bundesregierung will nun nachbessern - eine neue Verordnung soll Erkenntnisse zur Ausbreitung der Mutanten des Coronavirus erfassen, "um einen besseren Überblick über Virusmutationen zu bekommen", hieß es aus dem Bundesgesundheitsministerium. Laut Wieler müsse in diesem Zusammenhang auch die Zahl der Sequenzierungen - im Dezember waren es 200 bis 250 - hochgefahren werden. Möglich wäre es auch, künftig PCR-Tests so anzupassen, dass sie mutierte Varianten direkt anzeigen, sagte der RKI-Chef. "Dann benötigt man nicht mehr viele dieser Genom-Analysen."

Doch Wieler betont auch: "Es ist ja nicht so, dass wir ganz blind sind." Bisher seien schon viele tausend Genome analysiert worden. Zudem würde es sich im sogenannten Nowcasting des RKI zeigen, wenn sich die neue Variante "flächendeckend ausbreitet", so der RKI-Präsident auf Nachfrage von ntv.de. Mit dem komplizierten Nowcasting-Verfahren wird die Ansteckungsrate (R-Wert) eines Erregers berechnet. Weil etwa für die neue Virusvariante aus Großbritannien eine höhere Infektiosität angenommen wird - sie liegt etwa bei 50 Prozent - würde sich auch der R-Wert verändern. Forschern um Erik Volz vom Imperial College London zufolge liegt bei B.1.1.7 der R-Wert unter den Bedingungen in Großbritannien um 0,4 bis 0,7 höher. In Deutschland schwankt er zuletzt um den Wert 1.

Impfstoffe können nachjustiert werden

Die genaue Situation zu den Virusvarianten ist also unklar. Doch wie mit der Ungewissheit umgehen? RKI-Chef Wieler betonte erneut, wie wichtig es sei, die bereits seit Monaten bekannten Abstandsregeln einzuhalten. "Auch dieses Virus kann mit den Maßnahmen eingegrenzt werden." Zudem fordert er dazu auf, auf nicht erforderliche Reisen zu verzichten. Schließlich seien alle bisher aufgetretenen Fälle der neuen Formen durch Reisende nach Deutschland gebracht worden. Die Ausbreitung dieser Viren müsse verhindert werden, denn: "Es besteht die Möglichkeit, dass sich die Lage noch verschlimmert."

Gleichzeitig gibt es die Befürchtung, dass bereits zugelassene Impfstoffe keinen ausreichenden Schutz mehr vor mutierten Varianten von Sars-CoV-2 bieten. Doch Wieler verbreitet Zuversicht: "Wenn Varianten auftreten sollten, gegen die der Impfstoff von Biontech oder Moderna nicht mehr so gut wirken sollte, dann sind die Firmen in der Lage, in wenigen Wochen angepasste Impfstoffe zu produzieren." Bei diesen mRNA-Impfstoffen könne man den Bauplan recht schnell ändern. "Das ist ein genialer, innovativer Fortschritt." Laut dem für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Institut könne eine Zulassung schnell erfolgen, sollte wegen Mutationen eine Anpassung der Baupläne der Impfstoffe nötig werden.

Trotz aller neuen Herausforderungen zeigte sich Wieler zuversichtlich, dass das Coronavirus im Jahresverlauf in den Griff zu bekommen sei. "Am Ende dieses Jahres werden wir diese Pandemie kontrolliert haben", sagte er.

Quelle: ntv.de, mit dpa/AFP