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Ansteckungsrate das Problem Berechnung zeigt Risiko von Corona-Mutanten

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In Großbritannien breitet sich B.1.1.7 aus - die Krankenhäuser sind bereits an ihrer Belastungsgrenze.

(Foto: imago images/i Images)

Die in Großbritannien entdeckte neue Virusvariante breitet sich weiter aus. Sie könnte ansteckender sein - auf eine höhere Tödlichkeit gibt es bisher jedoch keine Hinweise. Eine beruhigende Nachricht? Nicht wirklich, rechnet ein Londoner Forscher vor.

In Großbritannien und Irland breitet sich eine mutierte Variante von Sars-CoV-2 weiter aus. Die Vermutung ist, dass die Linie B.1.1.7 um 50 bis 70 Prozent ansteckender sein könnte. Grund könnte eine bestimmte Mutation sein - N501Y - sie verändert die Chemie des Spike-Proteins und könnte dazu beitragen, dass das Virus besser an menschlichen Zellen haften bleibt. Die N501Y-Mutation wurde auch in der Virusvariante aus Südafrika gefunden. Gleichzeitig gibt es noch keine Hinweise, dass die Linie B.1.1.7 aus Großbritannien schwerere Krankheitsverläufe zur Folge hat und tödlicher ist. Das klingt zunächst beruhigend. Aber ist es das auch?

Der Gesundheitsstatistiker Adam Kucharski von der London School of Hygiene & Tropical Medicine demonstrierte jüngst mit einer Rechnung, dass eine um 50 Prozent höhere Übertragbarkeit, wie sie bei B.1.1.7 der Fall sein könnte, deutlich dramatischere Auswirkungen hätte als eine um 50 Prozent höhere Tödlichkeit. Auf Twitter hat Kucharski eine Beispielrechnung veröffentlicht, die diesen Zusammenhang erklärt.

Der Forscher entwirft dabei zunächst ein Szenario, wie es für die bisher bekannte Sars-CoV-2-Version gelten könnte: Die Ansteckungsrate (R-Wert) beträgt 1,1, die Generationszeit sechs Tage. Die Zahl der Infizierten steigt demnach alle sechs Tage um den Faktor 1,1. Sind es zu Anfang 10.000, wird deren Zahl nach einem Monat auf 16.105 angewachsen sein. Wenn man zusätzlich annimmt, dass von allen Infizierten 0,8 Prozent sterben - ein Wert, der in einer Metaanalyse für die USA geschätzt wurde - gibt es in diesem Fall nach einem Monat 129 Todesfälle.

Fast achtmal so viele Tote

Was passiert nun, wenn eine Mutation das Virus um 50 Prozent tödlicher macht? In dem Beispiel von Kucharski gäbe es nach einem Monat statt 129 dann 193 Todesfälle - eben 50 Prozent mehr. Wesentlich dramatischer wären jedoch die Auswirkungen, wenn eine neue Variante um 50 Prozent ansteckender ist - wie es für B.1.1.7 angenommen wird. Denn dann erhöht sich die Zahl der Infizierten deutlich schneller.

Das Beispiel: Bleibt die Sterblichkeit wie beim Vorgänger bei 0,8 Prozent, gibt es aufgrund der hohen Zahl Erkrankter nach einem Monat allerdings wesentlich mehr Tote: 978 statt 129. Also mehr als siebenmal so viele wie bei der ursprünglichen Variante. Warum haben Änderungen bei Übertragbarkeit und Tödlichkeit solch unterschiedliche Auswirkungen? "Eine Zunahme von etwas, das exponentiell wächst (die Übertragung), kann weitaus mehr Auswirkungen haben als die gleiche proportionale Zunahme von etwas, das lediglich ein Ergebnis skaliert (die Schwere der Krankheit)", schreibt Kucharski.

Ein weiteres Problem: Mehr Infizierte und Kranke würden eine höhere Belastung des Gesundheitssystems darstellen, was die Sterblichkeit weiter steigern könnte. Denn neben anderen Faktoren ist die Infektionssterblichkeit auch vom Zustand des Gesundheitssystems abhängig. Doch noch ist unklar, ob und wenn ja wie viel ansteckender das neue Virus tatsächlich ist. Forschern um Erik Volz vom Imperial College London zufolge liegt bei B.1.1.7 der R-Wert unter den Bedingungen vor Ort um 0,4 bis 0,7 höher.

Sollte sich dies bestätigen, hätte es auch Folgen für die Eindämmungsstrategie. Weil sich die Variante schneller ausbreite, müssten Maßnahmen strenger sein, um den gleichen Effekt bei der Eindämmung zu erzielen, erklärt Adam Lauring, Experte für die Evolution von RNA-Viren an der US-amerikanischen Universität Michigan, in einem Podcast. "Wir müssen besser bei den Maßnahmen werden, um das Virus zu kontrollieren. Falls nicht, werden wir mehr Corona-Fälle sehen." Umgekehrt gilt: Wären die in Europa, den USA und anderen Ländern immens hohen Infektionszahlen besser eingedämmt worden, hätte es den neuen Erreger vielleicht nie gegeben.

Auswirkungen auf Impfstrategie

Bei einer höheren In­fek­ti­o­si­tät müssten auch mehr Menschen geimpft werden, um die Pandemie zu stoppen. So erklärt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, dass bei der neuen Virusvariante nach den bisher vorliegenden Daten 80 Prozent der Bevölkerung immun sein müssten, "um die weitere Ausbreitung im Sinne der Herdenimmunität zu verhindern". Bislang hieß es, dass etwa zwei Drittel immunisiert sein müssten. Zum Vergleich: Masern sind deutlich ansteckender als alle bislang bekannten Mutationen des Coronavirus. Hier ist eine Impfrate von über 90 Prozent nötig.

Hoffnung gibt es immerhin, dass die N501Y-Mutation die Linien B.1.1.7 nicht resistent gegen die bisherigen Impfstoffe macht. Laut einem kürzlich erschienenen Preprint zeigte sich, dass Antikörper von mit dem Biontech-Pfizer-Impfstoff Geimpften den neuen Erreger genauso gut neutralisieren können wie den Vorgänger.

B.1.1.7 wurde mittlerweile bereits in Dutzenden anderen Ländern nachgewiesen. In Frankreich macht sie laut einer Studie schon jetzt etwa ein Prozent der positiven Corona-Tests aus. Auch in Deutschland gibt es bereits einzelne Fälle. Zeeb betont jedoch, dass es unklar sei, wie stark die Variante hierzulande bereits verbreitet ist. Der Anteil untersuchter Proben sei viel zu gering, um Rückschlüsse daraus zu ziehen.

Quelle: ntv.de, mit dpa