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Kleine Geste, großes Echo Reisende sammeln für Flüchtling

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(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Flüchtling sitzt im richtigen Zug, hat aber ein falsches Ticket. Ein paar Mitreisende helfen aus. Eine Geschichte, die viel verrät über Deutschland ein Jahr nach Beginn der Flüchtlingskrise.

Ein bisschen unheimlich ist Jens Schacht das alles schon. "Das waren schon krasse Tage", sagt er im Gespräch mit n-tv.de. Seit Mittwochabend ist etwas geschehen, was der 46-Jährige nicht für möglich gehalten hätte. Eigentlich hat er nur einen Beitrag bei Facebook geschrieben. Dieser wurde mehr als 12.000 Mal geteilt, mehr als 50.000 Menschen drückten den "Gefällt-mir"-Button, es gibt fast 3000 Kommentare. Im Mittelpunkt steht die Geschichte, die er in einem Zug erlebt hat.

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Jens Schacht

(Foto: https://www.facebook.com/jens.schacht.5)

Der selbstständige Software-Entwickler fährt die Strecke zwischen Nürnberg und Frankfurt mindestens zweimal in der Woche. Auch am Mittwochabend steigt er in den ICE in Richtung Heimat. Als der Zug kurz vor Würzburg ist, kontrolliert der Schaffner die Fahrausweise. Bei einem Fahrgast, der zwei Reihen entfernt sitzt, gibt es Probleme. Der Schaffner versucht, ihm auf Englisch klar zu machen, dass er das falsche Ticket hat und nachzahlen muss. Der Mann, bei dem es sich offenbar um einen Flüchtling handelt, ist überfordert. Er spricht kein Deutsch und nur schlecht Englisch. Schacht versucht zu vermitteln.

Das Problem: Das Ticket des Mannes gilt nur für den Nahverkehr und nicht für den ICE. Der Fahrgast – ein Araber und etwa Mitte 20, vermutet Schacht – will nach Düsseldorf und hat jetzt die Wahl: sofort aus dem Zug auszusteigen oder 103 Euro nachzuzahlen. Doch er hat kein Geld bei sich. Schacht und der Schaffner versuchen, dem Mann die Situation zu erklären. Der will aussteigen, denn offenbar hat er nicht genug Geld. Über die Bahn-App findet Schacht heraus, dass der Mann an diesem Tag dann nicht mehr nach Düsseldorf, sondern nur noch bis kurz hinter Gießen kommen würde.

Schacht interveniert, denn er will nicht, dass der Mann nachts um drei an einem Bahnhof strandet. Er fürchtet, dass er sich verirrt oder Opfer eines fremdenfeindlichen Übergriffs werden könnte. Er bittet den Schaffner um Nachsicht, bietet an, dem Mann ein Ticket über seine Bahncard zu kaufen und die Hälfte davon zu übernehmen. Der Schaffner ringt mit sich, er weist darauf hin, dass er den Mann nicht über die Bahncard einer anderen Person fahren lassen dürfe. Schließlich bietet er an, ihn bis Frankfurt umsonst fahren zu lassen.

"Dann geschah das Unglaubliche"

Das ICE-Ticket von dort bis Düsseldorf, es kostet 78 Euro, will der Software-Entwickler übernehmen. Er macht sich daran, den Fahrschein online zu kaufen. "Dann geschah das Unglaubliche", wird Schacht später in seinem Facebook-Bericht schreiben. Einige Mitreisende, die die Situation mitbekommen haben, greifen zu ihren Portemonnaies. Wortlos legen sie Geldscheine auf seinen Tisch. Ein Mann im Anzug fasst ihm an die Schulter und gibt 20 Euro. Innerhalb von drei Minuten kommen 70 Euro zusammen. Am Ende muss Schacht nur noch acht Euro selbst beisteuern. Er ist gerührt, als er dem Mann schließlich den Fahrschein in die Hand drückt. "Du kannst im Zug bleiben, wir haben alle zusammengelegt. Gute Reise", sagt er. Sein Gegenüber guckt ungläubig und hat Tränen in den Augen.

Das alles erzählt er kurze später seiner Frau. Sie drängt ihn dazu, die Begebenheit auf Facebook zu erzählen. "Du musst das veröffentlichen", sagt sie. Noch am Mittwochabend stellt er die Geschichte online. Bei Facebook und Twitter verbreitet sich der Text schnell. Das Echo ist überwältigend. 80 Prozent der Reaktionen sind positiv. Die übrigen glauben ihm nicht, werfen Schacht vor, sich profilieren zu wollen oder schreiben hetzerische Kommentare gegen Flüchtlinge. "Hast du wieder einem Vergewaltiger ausgeholfen. Ihr werdet schon sehen, wo Deutschland hinkommt", schreibt einer.

Schacht hat Kontakt zur Bahn aufgenommen, um den Schaffner zu identifizieren. Er will die Zweifler überzeugen, dass die Geschichte echt ist. Als Held will er aber nicht dastehen. "Ich will da eigentlich keine große Sache raus machen. Die Geschichte ist deshalb so schön, weil sie zeigt, wie einfach es ist. Jeder sollte kurz innehalten und sich fragen: Kann ich etwas tun? In Deutschland haben doch viele Menschen 20 oder 30 Euro über, um anderen zu helfen. Wenn ich ein paar Leute dazu bringen kann, etwas Ähnliches zu tun, hat es sein Ziel erreicht."

Auch von Freunden und Bekannten erhält Jens Schacht viel Zuspruch. Viele melden sich, als sie davon erfahren. Für ihn ist das alles fast etwas unwirklich. "Es fühlt sich strange an. Von 0 auf 100 passieren Dinge, die ich nicht gewohnt bin." Er freut sich erst mal, dass er mit seiner Frau und den drei Kindern nun zwei Wochen in den Urlaub fährt. "Die letzten Tage waren intensiv, jetzt bin ich froh, wenn ich mal etwas entspannen kann."

Quelle: n-tv.de

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