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Urteilsspruch im Fall Höxter Schreckensherrschaft zweier Menschen

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Wilfried und Angelika W. beschuldigten sich im Prozess gegenseitig.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im Prozess beschuldigen sich Wilfried und Angelika W. gegenseitig, die Frauen im Horrorhaus von Höxter misshandelt zu haben. Doch vor dem Urteil wird klar: Die beiden brauchten einander. Zwei Frauen bezahlten dieses perfide System mit ihrem Leben.

Als der Fall des Horrorhauses von Höxter-Bosseborn ans Licht kommt, ist das Entsetzen groß. Über Jahre hinweg locken Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W. immer wieder Frauen in das Haus nach Ostwestfalen. Diese melden sich auf Annoncen, mit denen Wilfried W. eine Partnerin sucht. Die Ex-Frau lernen sie als seine Schwester kennen.

Doch was folgt, ist nicht die große Liebe mit Happy End, sondern schwere Misshandlungen. Anika W., die Wilfried W. sogar heiratete, stirbt in dem Haus, ihre Leiche wird zerstückelt und verbrannt. Die genaue Todesursache bleibt deshalb unbekannt. Ein zweites Opfer, Susanne F., versuchen die Angeklagten noch aus dem Haus zu schaffen. Doch das Auto, in dem sie die Schwerverletzte transportieren, hat eine Panne. Ein Rettungswagen bringt Susanne F. ins Krankenhaus, in dem sie schließlich ihren Verletzungen erliegt. Erst da werden Ermittler auf die über Jahre begangenen Taten aufmerksam und stoßen auf ein Täterpaar, dessen Regeln sie zunächst kaum durchschauen können.

An insgesamt 60 Verhandlungstagen erkundet das Landgericht Paderborn, wie es dazu kommen konnte, dass zwei Menschen eine solche Schreckensherrschaft errichten. Welcher der beiden Angeklagten lud an welcher Stelle individuelle Schuld auf sich, wer schlug das Opfer, wer kettete es an, wer schubste es die Treppe hinunter, verbrühte und misshandelte es? Zunächst herrscht das Bild vor, Wilfried W. sei die treibende Kraft gewesen, seine Ex-Frau habe nur mitgemacht, um selbst nicht weiter gequält zu werden.

Machtwille und Dummheit

Wilfried W.s Verteidiger Detlev Binder hat für diese Sicht im Nachhinein eine Erklärung. Für die meisten Menschen seien mit den Taten in Höxter gleich zwei Tabubrüche verbunden, sagt er n-tv.de. "Das eine Tabu ist, dass Lebenspartner einander körperlich quälen, das zweite, dass die Frau dabei die treibende Kraft ist." Binder vertritt jedoch die Ansicht, dass im Prozess klar geworden ist: Angelika W. trägt die Hauptverantwortung für die Taten.

Vor Gericht sei eine Frau aufgetreten, die selbst in dieser fremden Umgebung versucht habe, die Dinge in die Hand zu nehmen, sagt er. "In ihren Befragungen trat eine eisige Kälte zutage, da ist null Empathie." Angelika W. beschrieb beispielweise, wie sie eine Frau so ankettete, dass diese nicht mal mehr in der Lage war, "Pfötchen zu geben". Auch die Aussagen der meisten Zeugen legten nahe, dass Angelika W. aggressiver auftrat als ihr Ex-Mann.

Seine Verteidiger brauchen mehrere Besuchstermine bei ihrem Mandanten, bis sie verstehen, dass sich hinter dessen schlichten Antworten keine gewiefte Taktik, sondern tatsächlich ein sehr einfach gestrickter Mensch verbirgt. Die forensische Gutachterin spricht von einer erheblichen Intelligenzminderung und empfiehlt die Unterbringung in der Psychiatrie. Verteidiger Binder beschreibt Wilfried W. als jemanden, "der keinen klaren Satz rausbringt, der nicht planen kann, der sich anpasst und unterwürfig ist". Noch erschreckender sei jedoch die fehlende Fähigkeit, "richtig und falsch zu unterscheiden". Sein Mandant sei erstaunt gewesen, "als wir als Verteidiger ihm vermittelt haben, dass man Frauen nicht anketten darf. Das meint die Gutachterin wohl, wenn sie schreibt, er habe das moralische Niveau eines Grundschulkindes." Bis heute habe W. auch nur eine sehr rudimentäre Tateinsicht. Bei den Taten stand Wilfried W. nach Binders Überzeugung meist daneben. "Er hat etwas gemacht, wenn er argumentativ nicht weiterkam, an den Haaren gezogen, geschubst. Das wirklich Böse, Brutale ist von Angelika ausgegangen. Er hat das toleriert, hingenommen."

Perfides System

Das sieht der Anwalt von Angelika W. erwartungsgemäß ganz anders. Im Prozess beschuldigten sich die beiden Angeklagten immer wieder gegenseitig, die Hauptverantwortung für die Taten zu tragen. "Angelika W. war über Jahre hinweg ausschließlich Opfer und den diversen Misshandlungen durch ihren mitangeklagten Ex-Mann ausgesetzt", sagt Peter Wüller im Gespräch mit n-tv.de. "Sie wurde dann später selbst zur Täterin, das heißt, sie hat selbst misshandelt, gequält, Körperverletzungen begangen. Sie hat die Opfer degradiert und entmenschlicht." Für Wüller ist jedoch klar: "Aber sie hat das nicht allein getan, sondern gemeinsam mit ihrem Ex-Mann. Sie ist irgendwann mutiert und es gibt überhaupt keine Anhaltspunkte, dass sie von Anfang an genauso gewalttätig gewesen ist."

Am Bild, das Angelika W. im Prozess abgegeben hat, ist auch für ihren Verteidiger nichts zu deuteln. "Bei der Art und Weise, wie sie Taten detailreich schildert, gefriert jedem normalen Menschen das Blut in den Adern. Sie hat unter anderem ganz ausführlich geschildert, wie sie die Leiche von Anika W. eingefroren, zerstückelt und verbrannt hat. Mit Eiseskälte schrieb sie die praktischen Vorgänge des Zersägens und Verfeuerns, so wie jemand erzählt, dass er sich ein Brötchen geschmiert hat. Völlig ohne Empathie, ohne jede Gefühlsregung."

Die Nebenklage sprach vom "System Bosseborn" und verglich es mit Mechanismen aus der Prostitution, in dem anfängliche Freundlichkeit immer mehr Druck und schließlich Gewalt Platz macht. Den Frauen wurden Geld, Telefon und Führerschein abgenommen, sie wurden von der Außenwelt abgeschnitten und mit Regeln konfrontiert, die niemand einhalten konnte, weil sie willkürlich geändert wurden. Auch Wüller meint: "Das System hatte sich über Jahre eingebürgert und ging immer weiter. Sie hat ihm immer wieder neue Frauen zugeführt, das war ihr Job. Wenn er an dem Spielzeug kein Interesse mehr hatte, dann oblag es ihr, dieses Spielzeug wieder loszuwerden." Ausführende dieses perfiden Plans waren seiner Einschätzung nach Wilfried und Angelika W. gemeinsam "in unterschiedlicher Rollen- und Aufgabenverteilung".

Wohl kaum lebenslang

Die forensische Gutachterin Saimeh zeichnet in ihrer Analyse ein über 16 Jahre lang gewachsenes Beziehungsmuster. Auf der einen Seite Angelika W., mit autistischen Zügen, dabei hochintelligent, machtbewusst und ohne jedes Mitgefühl für ihre Mitmenschen oder Opfer. Auf der anderen Seite der geistig behinderte Wilfried W., der nach der großen Liebe sucht, ohne Gefühl für Schuld und Verantwortung. Ohne den jeweils anderen hätten die Misshandlungen nicht funktioniert, sagt Saimeh.

Die Anklage lautete auf Mord durch Unterlassen. Am Ende sieht die Staatsanwaltschaft diesen Vorwurf gegen beide Angeklagten als erwiesen an und fordert lebenslange Haftstrafen und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Wilfried W. soll in der Psychiatrie untergebracht werden. Seine Verteidiger hoffen, dass am Ende kein Lebenslang im Urteil steht. Wilfried W. soll künftig in einem betreuten Wohnen leben und dort üben, wie Menschen normalerweise miteinander umgehen. Angelika W. hat von Anfang an mit den Ermittlern kooperiert und könnte dafür mit der Kronzeugenregelung belohnt werden, sagt ihr Anwalt Wüller. "Sie hofft, dass sie irgendwann in den nächsten Jahren Mitleid empfinden und ihre Taten bereuen kann."

Quelle: n-tv.de

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