Panorama

Erschütternder Einblick "Team Wallraff" enthüllt würdeloses Geschäft in Pflegeheimen

Schlechte Zustände in Pflegeeinrichtungen macht das Investigativteam um Günter Wallraff seit Jahren immer wieder zum Thema. Diesmal gehen die Reporterinnen und Reporter in Heime, die von sogenannten Private-Equity-Unternehmen betrieben werden. Sind alte Menschen dort wirklich gut aufgehoben?

Für eine neue Investigativ-Reportage war das "Team Wallraff" undercover in vier privatwirtschaftlich geführten Pflegeeinrichtungen und dokumentierte dabei zahlreiche Missstände. Diese erhärten den Verdacht, dass Heime, die von sogenannten Private-Equity-Unternehmen betrieben werden, zum Teil das Wohlergehen der Bewohnerinnen und Bewohner aus den Augen zu verlieren scheinen.

Die erschreckenden Zustände in einem Schlierseer Pflegeheim der Betreiberkette Sereni Orizzonti waren bereits nach einem Corona-Ausbruch im Mai 2020 öffentlich geworden. Die Staatsanwaltschaft München ermittelte hier wegen 17-facher Tötung und 88-facher Körperverletzung. Inzwischen ist das Heim geschlossen. In dem zweiten deutschen Heim der italienischen Kette in Augsburg macht eine RTL-Reporterin im August 2021 ein neuntägiges Praktikum und erlebt zahlreiche besorgniserregende Missstände wie vermutliche Pflegefehler und Personalmangel.

An ihrem ersten Arbeitstag wird in dem Heim der Besuch der Heimaufsicht vorbereitet, es wird viel geputzt. Eine Bewohnerin, die unter einem schlimmen Dekubitus leidet, wird unmittelbar vor dem Besuch der Heimaufsicht in ein Krankenhaus verlegt. Über diesen Besuch der FQA, also der Fachstelle und Aufsicht für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, die die Qualität der Einrichtungen nach dem Bayerischen Pflege- und Wohnqualitätsgesetz überprüft, weiß das Personal der Augsburger Einrichtung vorab offenbar Bescheid.

Der Betreiber leugnet einen Bezug der Krankenhausverlegung zum Besuch der Heimaufsicht. "Die Bewohnerin wurde (…) aufgrund einer von der Pflegesoftware (…) korrekt angezeigten Verschlechterung des Dekubitus und auf Anordnung des behandelnden Arztes in ein Krankenhaus verlegt", heißt es in einer Stellungnahme des Betreibers. "Jegliche Verzögerung hätte ihr geschadet. Die von Ihnen angegebenen Gründe entsprechen nicht den Tatsachen."

Spürbarer Kostendruck

Das "Team Wallraff" begegnet während seiner Investigativ-Recherche auch anderswo verängstigten, einsamen und vernachlässigten Senioren, die unter teils fragwürdigen Hygienebedingungen zu leiden haben. Die Reporterinnen und Reporter erleben überlastetes Pflegepersonal, Personalmangel und Führungskräfte, die aus dem Kostendruck der Konzerne keinen Hehl machen.

Das Alloheim in Herzberg am Harz hatte im Februar 2021 Schlagzeilen gemacht, als dort eine ältere Dame erfroren ist, nachdem sie das Heim durch einen Notausgang verließ und nicht mehr zurückfand. Als sich ein RTL-Reporter undercover als Praktikant im Spätsommer 2021 ein eigenes Bild von den Zuständen in der Einrichtung macht, ist der Alarm an einem Notausgang defekt. Es dauert mehrere Tage, bis die Tür repariert wird. Ein Sprecher der Alloheim Senioren-Residenzen erklärt das später so: "Leider hat die Bearbeitung des Vorgangs bis zur Reparatur der Tür (…) länger als üblich gedauert. Dies entsprach nicht unserem Anspruch. Wir haben den Vorgang bereits seinerzeit direkt geprüft und in Herzberg Maßnahmen eingeleitet, die künftig eine umgehende Reparatur in einem derartigen Fall sicherstellt."

Bereits an seinem vierten Praktikumstag soll der RTL-Reporter allein für 15 Bewohnerinnen und Bewohner auf der Demenzstation arbeiten. Als aus einem Katheter immer mehr Flüssigkeit austritt, ist er gänzlich überfordert. Der Alloheim-Sprecher erklärt die Situation auf Nachfrage so: "Aufgrund eines vorübergehend außergewöhnlich hohen Krankenstands zum Höhepunkt der Urlaubssaison kam es im August zu unserem Bedauern kurzzeitig zu vorübergehenden Engpässen. Alloheim hat sofort gehandelt und durch die ergriffenen Maßnahmen hatte sich die Personalsituation bereits im September spürbar verbessert." Und: "Nach einer entsprechenden Einweisung durch unsere Pflegekräfte (…) ist ein begleitender Einsatz von Praktikanten auf den Wohnbereichen möglich. Dies umfasst grundsätzlich in gleicher Form auch den Demenzbereich."

"Alte werden Opfer des Systems"

800.000 Menschen leben heutzutage in deutschen Pflegeheimen, bis 2030 wird diese Zahl voraussichtlich auf eine Million ansteigen. Rund 43 Prozent der deutschen Pflegeheime sind heute in privatwirtschaftlicher Hand, Tendenz steigend.

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Günter Wallraff kritisiert allgemein den privatwirtschaftlichen Gedanken in der Pflege. "Spekulationsinteressen und Profitgier von Pflegekonzernen, der Kostendruck in rein renditeorientierten Unternehmen und der dramatische Personalmangel in der Pflege verschärfen sich zunehmend", sagt der Investigativjournalist zu den neuen Recherchen. "Die Leidtragenden dieses Systems sind neben den Pflegebeschäftigten alte und hilflose Menschen, die regelmäßig zu Opfern eines Systems werden, das sich niemand für seine Angehörigen oder sich selbst wünscht." Alle genannten Betreiber bestreiten die Vorwürfe, zur Gewinnmaximierung an Qualitätsaspekten und Fachpersonal zu sparen.

"Abgeschoben und vergessen: Das würdelose Geschäft mit alten Menschen in unseren Pflegeheimen" können Sie sich über unseren Streaming-Dienst RTL+ anschauen.

Quelle: ntv.de, sba

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