Panorama

Intensivarzt Janssens bei ntv "Uns fehlen 3000 bis 4000 Intensivbetten"

Die Kliniken in mehreren Regionen arbeiten am Limit. Die freien Intensivbetten-Kapazitäten liegen teils unter zehn Prozent, wie der Intensivmediziner Uwe Janssens im Interview sagt. Er erklärt zudem das Kleeblatt-System, welche Operation verschiebbar sind - und welche nicht.

ntv: Berliner Intensivärzte warnen vor Versorgungseinbrüchen. Kommen wir bald an den Punkt, an dem wir sagen müssen, dass Unfallopfer nicht mehr richtig versorgt werden können?

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Uwe Janssens ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler.

(Foto: Screenshot / ntv)

Uwe Janssens: Ich denke schon, dass wir in der Lage sein werden, Unfallopfer rechtzeitig zu versorgen. Die Hinweise unserer Kolleginnen und Kollegen, vorsichtig zu sein, sind zwar berechtigt, aber sie gelten ganzjährig, unabhängig von der Corona Pandemie. Gleichzeitig muss klar gesagt werden: Wir sind in der Tat in einigen Bereichen in Deutschland deutlich Land unter, was die Verfügbarkeit von freien Intensivbetten betrifft.

Woran liegt das?

Erstens: Die Politik hat es immer noch nicht geschafft, trotz mehrfacher Hinweise unsererseits, die Krankenhäuser deutschlandweit gezielt aus dem Regelbetrieb rauszuführen, um einzelne Regionen so abzusichern, dass sie sich gegenseitig helfen können. Zweitens: Wir haben im Laufe der letzten Monate Pflegepersonal verloren. Das heißt, Intensivbetten stehen uns nicht mehr zur Verfügung, weil die Personaluntergrenzen zu Recht dafür sorgen, dass nicht mehr so viele Betten betrieben werden können. Uns fehlen 3000 bis 4000 Intensivbetten, die wir nicht mehr zur Verfügung haben. Und Drittens: Wir haben nach wie vor eine mächtige vierte Welle mit entsprechenden Aufnahmeraten. Diese Welle wird uns die nächsten Wochen weiter begleiten, bis die Maßnahmen greifen, die - vorsichtig ausgedrückt - jetzt so langsam in die Gänge kommen.

Wie gut funktioniert das sogenannte Kleeblatt-System denn bisher?

Es hat ein bisschen gedauert, bis es endlich scharf geschaltet wurde, die Gesamtstruktur ist aber gut organisiert. Es gibt in Deutschland fünf Regionen: Süden (Bayern), Südwesten (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland, Hessen), Westen (NRW) Osten (Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen), Norden (Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern). Um die Kommunikation untereinander kümmern sich sogenannte zentrale Leitstellen. Zudem beurteilen täglich Expertenteams, ob Patientinnen und Patienten überhaupt verlegt werden können und welche Patienten verlegt werden können. Das funktioniert auch.

Wie läuft es in den verschiedenen Kleeblatt-Regionen?

Wichtig ist natürlich, dass die Regionen für sich selber sicherstellen, dass sie überhaupt freie Kapazitäten haben. Wir haben mittlerweile in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen freie Intensivbetten-Kapazitäten von unter zehn Prozent. Die Krankenhäuser in diesen Regionen müssen ermächtigt werden, aus dem täglichen Betrieb auszusteigen und planbare Eingriffe zu verschieben. Und eins ist klar: Wenn Operationen verschoben werden müssen, ist das ein Nachteil für die betroffenen Patientinnen und Patienten. Auch das ist ein Ergebnis der untätigen Maßnahmenpolitik.

Um welche Operationen handelt es sich, bei denen sich Patienten noch gedulden müssen?

Diese Verschiebungen machen natürlich nur Sinn bei Operationen, nach denen Patientinnen und Patienten auf einer Intensivstation überwacht werden müssen. Bei Operationen ohne Intensivpflicht macht es wenig Sinn, sie zu verschieben. Zudem müssen die einzelnen Fachgebiete sehr genau klären, ob eine Verschiebung des Eingriffs vertretbar ist. Das heißt, die Patientin oder der Patient darf dadurch keinen Nachteil und keinen Schaden erleiden. Das muss im Einzelfall geprüft werden.

Welche Eingriffe sind denn nicht aufschiebbar?

Werden zum Beispiel Tumor-Operationen zu lange aufgeschoben, dann könnte sich der Krebs weiter ausbreiten oder das Leiden schreitet fort - im schlimmsten Fall ist der Patient am Ende nicht mehr operabel. Das wäre ein Beispiel dafür, dass Operationen nicht verschoben werden sollten. In diesen Fällen muss der Eingriff durchgeführt werden.

Wann werden die Kliniken den Höhepunkt der Corona-Welle erleben?

Wir gehen im Augenblick davon aus, dass der Höhepunkt der Welle auf den Intensivstationen noch nicht erreicht ist. Um Weihnachten herum, vielleicht sogar bis ins neue Jahr rein, rechnen wir dort mit 6000, 7000 Covid-19-Patienten. Derzeit sind es knapp 4700.

Ist eine generelle Impfpflicht der letzte Ausweg, den wir jetzt gehen müssen?

Dass hier von Ausweg geredet wird, kann nicht sein. Wir wissen doch alle sehr genau, dass die Impfungen in der Lage sind, diese Pandemische Lage zumindest in den Griff zu bekommen, und wenn sie konsequent mit Booster-Impfungen durchgeführt werden, uns sogar aus dieser misslichen Lage hinausführen können. Ich gebe zu, am Anfang der Impfkampagne waren wir sehr zurückhaltend mit Forderungen nach einer Impfpflicht. Aber da wir gerade in Deutschland ein großes Durchsetzungsproblem haben, ist die allgemeine Impfpflicht - wohlgemerkt nicht die berufsspezifische, gegen die wir uns klar ausgesprochen haben - unvermeidlich und sollte so rasch wie möglich durchgesetzt werden. Das Virus ist nicht weg, und es wird uns auch im nächsten Jahr beschäftigen. Wenn wir weiter mit diesen knapp 23 Prozent, oder 16,8 Millionen Menschen (ab 12 Jahren), leben, die bisher nicht geimpft wurden, aus welchen Gründen auch immer, werden wir ein großes Problem haben, und wir werden nicht aus dieser Dauerschleife herauskommen.

Mit Uwe Janssens sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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