Panorama

Pflegenotstand seit den 1950ern Intensivbetten sind da, Personal aber nicht

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Das modernste medizinische Gerät nützt nichts, wenn niemand da ist, der es benutzen kann.

(Foto: picture alliance/dpa)

Pro Kopf besitzt kein anderes Land mehr Intensivbetten als Deutschland. Trotzdem werden sie mitten in der vierten Welle wieder knapp. Weniger, weil die Betten ausgehen, sondern weil das Personal fehlt, sagt ein Medizinhistoriker. Ein Problem, das es seit Jahrzehnten gibt.

Die vierte Corona-Welle trifft Deutschland mit voller Wucht. Viele Krankenhäuser steuern auf eine absolute Notlage zu. Damit trotzdem möglichst viele Betten für Covid-19-Patienten bereitstehen, verschieben sie wie schon im vergangenen Winter alle planbaren Operationen. In Hotspots werden Patienten bereits in andere Bundesländer oder Nachbarstaaten verlegt, weil keine Intensivbetten mehr frei sind. "Wobei die Betten in der Regel noch da sind", sagt Christian Sammer. "Ganz wörtlich. Auch die Gerätschaften, der Sauerstoff, die Beatmungsgeräte. Aber die Personen, die intubieren, aufpassen und regelmäßig vorbeikommen, um die Maschinen zu checken, die fehlen."

Christian Sammer ist Medizinhistoriker der Universität Heidelberg und er macht im "Wieder was gelernt"-Podcast auf ein Problem aufmerksam, das Deutschland schon seit vielen Jahren begleitet: Wenn das Gesundheitssystem kurz vor der Überlastung steht, hängt das so gut wie nie mit fehlenden Gerätschaften zusammen, uns gehen die Krankenpflegerinnen und Pfleger aus - unabhängig von der Corona-Krise.

"Das medizinische Personal hat auch vor zwei, drei Jahren gesagt, der Winter ist hart. Denn im Winter kommt es zu den Atemwegserkrankungen, der Grippe", erzählt der Historiker. Insofern sei das Gesundheitswesen in bestimmten Zeiten schon immer an der Grenze des Machbaren gewesen. Nun habe sich die Lage aber zwei Winter in Folge nochmals deutlich verschlimmert. "Man geht auf dem Zahnfleisch."

Ein Drittel denkt an Kündigung

Im internationalen Vergleich besitzt pro Kopf kein hoch entwickeltes Land mehr Intensivbetten als Deutschland. Das Statistische Bundesamt weist für 2019 fast 34 Stück pro 100.000 Einwohner aus. Hochgerechnet auf gut 83 Millionen Menschen sollten somit etwas mehr als 28.000 Betten zur Verfügung stehen. Laut DIVI-Notfallregister sind es tatsächlich aber 3000 weniger: Knapp 22.000 Intensivbetten sind derzeit belegt, gut 3000 sind noch frei.

Es handelt sich um einen Trend, auf den Intensivmediziner schon im Oktober mahnend hingewiesen haben: In jedem dritten Bett könne kein Patient mehr behandelt werden, weil Pflegekräfte fehlen, hatte eine Umfrage unter ihnen ergeben. "Die zurückliegenden, zermürbenden Monate haben zu einer Verschlechterung der Stimmung und zu weiteren Kündigungen von Stammpflegekräften geführt", fasst der führende Intensivmediziner Uwe Janssens die Lage zusammen.

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Christian Sammer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Heidelberg.

(Foto: privat)

Auch die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) wies in einem Statement darauf hin, dass die Personaldecke im Vergleich zu 2018 noch einmal deutlich dünner geworden sei und dass mittlerweile ein Drittel der Beschäftigten darüber nachdenke, in den kommenden zwölf Monaten zu kündigen. Bis 2030 werden voraussichtlich 182.000 zusätzliche Arbeitskräfte in der Pflege benötigt, wie es im neuen "Pflegereport" der Barmer Krankenkasse heißt.

"Pflegenotstände gab es schon immer"

Es ist eine Situation, die niemanden überraschen sollte, sagt Christian Sammer. Der Medizinhistoriker weiß aus seiner Forschung, dass das Problem keineswegs neu ist. "Wenn Sie in der Geschichte zurückgehen, gab es schon immer Pflegenotstände. Im Endeffekt, seit es die Bundesrepublik gibt und deshalb gab es schon immer Momente, in denen Krankenhäuser saisonal überlastet waren."

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Erstaunlicherweise sind die Ursachen für den Dauer-Notstand seit Jahrzehnten dieselben. Die unzureichende Bezahlung gehört dazu, "aber nicht nur", wie Sammer bei "Wieder was gelernt" erklärt. Ein anderes Problem sei das Aufgabenspektrum: zu wenig Verantwortung, zu wenig Deutungshoheit, zu wenig Einflussmöglichkeiten. Eine gewichtige Rolle spiele auch die Deutung der Pflege als "Frauenberuf", sagt der Historiker. Erst in den 70er Jahren habe man auf der Suche nach neuem Personal begonnen, den pflegenden Beruf zu "vermännlichen".

Aber im Endeffekt hänge der Pflege bis heute das Image an, kein Beruf, sondern eine Berufung zu sein, kritisiert Sammer. "Und dafür braucht man eigentlich auch kein Geld, sondern das macht man als Dienst am Volk."

Angeworben - und unterfordert

Laut dem Statistischen Bundesamt sind in der Pflege derzeit drei von vier Berufseinsteigern weiblich. Eine positive Entwicklung ist allerdings zu erkennen: Noch vor zehn Jahren war jeder fünfte angehende Pfleger männlich, inzwischen ist es jeder Vierte.

Auch bei der Lohnentwicklung geht der Trend in die richtige Richtung. Der Bruttoverdienst von Pflegefachkräften ist in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Drittel gestiegen, aber gerade in der Altenpflege sind die Löhne noch immer niedrig und die Profitgier groß.

Wo sich aber anscheinend gar nichts tut, sind Aufgaben und Kompetenzen, wie Pflegekräfte aus dem Ausland immer wieder feststellen, wenn sie von der Bundesregierung angeworben werden, um den Fachkräftemangel in Deutschland zu bekämpfen. In vielen Fällen sei das sehr gut ausgebildetes, oft sogar studiertes medizinisches Personal, sagt Christian Sammer. Das komme dann nach Deutschland und müsse Aufgaben übernehmen, für die es überqualifiziert sei. Deshalb würden sich nach seinen Angaben viele Fachkräfte aus dem Ausland schon nach kurzer Zeit beruflich neu orientieren oder das Land sogar wieder verlassen. "Es wäre eine Überlegung wert, die Kompetenzen zwischen Ärztinnen und Pflegenden neu zu verteilen", mahnt der Historiker.

Akademisierung der Pflege

Die Gesundheitsausgaben belaufen sich in Deutschland auf etwa 1,16 Milliarden Euro - pro Tag. Im Jahr macht das etwa 425 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Das Gesundheitswesen ist eine riesige Branche, an der viele Menschen sehr viel Geld verdienen - nur die Pflegerinnen und Pfleger nicht.

Das höchste Beschlussgremium im selbstverwalteten deutschen Gesundheitswesen ist der "Gemeinsame Bundesausschuss". Dort entscheiden Vertreter der niedergelassenen Ärzte und niedergelassenen Zahnärzte, Krankenkassen und Krankenhauskonzerne gemeinsam, wie der milliardenschwere Gesundheitskuchen verteilt wird. Die Pflegebranche ist in dem Gremium nicht vertreten. Ein Zustand, den selbst führende Mediziner kritisieren.

Sie fordern deshalb wie Christian Sammer eine neue Machtverteilung im Gesundheitswesen, unter anderem durch eine Akademisierung der Pflege. Sie plädieren für einen Pflegebachelor, der unter dem Medizinstudium angesiedelt ist, aber über dem Ausbildungsberuf. Der wie im Ausland an der Universität studiert wird, so wie es in Deutschland beispielsweise im Hebammenwesen schon der Fall ist. Damit die Pflegenden mehr Verhandlungskapital im Spiel um die Ressourcen erhalten.

"Man sieht, dass Personal umso länger im Beruf bleibt, je größer die Einflussmöglichkeiten sind und je stärker akademisiert die Pflege ist", beschreibt der Medizinhistoriker die Lage in anderen Ländern. "Wenn man den Beruf attraktiver macht, kommt es seltener dazu, dass relativ viel Personal nur kurz in der Pflegebranche bleibt und dann wieder geht."

"Pflegt euch ins Knie"

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"Pflegt euch ins Knie", hieß es letztens bei einem Streik von Pflegekräften. Die Branche hat die Nase voll. Nicht erst seit der Corona-Krise, nicht nur aus einem Grund. Sie will keinen Applaus, keine Prämien, sondern Anerkennung - und zwar in Form von gerechten Löhnen, zusätzlichen Kompetenzen und anständigen Arbeitsbedingungen. Die hohe Motivation und Einsatzbereitschaft, die am Anfang der ersten Welle gezeigt worden sei, werde sich nicht mehr wiederholen, hat die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin am Anfang der vierten Welle gewarnt. "Wenn jetzt keine Maßnahmen getroffen werden, lässt sich die Abwärtsspirale, in der sich die professionelle Pflege befindet, immer schwerer aufhalten."

Wir sollten hinhören, notfalls aus Egoismus. Denn sonst kommen wir möglicherweise irgendwann auf die Intensivstation und das Bett ist da, aber niemand, der sich kümmert.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Quelle: ntv.de

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