Panorama

"Täter hat absolute Kontrolle" Verstärkt die Isolation häusliche Gewalt?

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Das Hilfetelefon gegen Gewalt an Frauen ist rund um die Uhr unter der Telefonnummer 08000-116016 erreichbar.

(Foto: imago/Pixsell)

Wenn Menschen viel Zeit auf engem Raum verbringen, schaukeln sich Konflikte hoch und Gewalt eskaliert. Experten befürchten deshalb in der Coronakrise eine Zunahme häuslicher Gewalt. Wie bekommen Betroffene in solch einer Situation Hilfe und was können Nachbarn unternehmen?

Dass wochenlang Millionen Menschen wegen der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ihre Wohnungen nicht verlassen durften, machte sich in China nicht nur durch geschlossene Geschäfte und leere Straßen bemerkbar. Die Pekinger Frauenrechtsorganisation Weiping bemerkte es auch am Klingeln des Telefons - dreimal so viele Beschwerden von Opfern häuslicher Gewalt wie vor der Quarantäne gingen ein. Und im sozialen Netzwerk Weipo wurde der Hashtag #AntiDomesticViolenceDuringEpidemic ("Gegen häusliche Gewalt während der Epidemie") laut BBC tausendfach diskutiert.

Ganz anders in Italien, wo seit Anfang des Monats eine Ausgangssperre herrscht: Das Hilfstelefon Zona Rosa meldete in den ersten zwei Märzwochen 55 Prozent weniger Anrufe als noch im Vorjahreszeitraum. Doch das heißt nicht, dass weniger Menschen Hilfe benötigen, vermutet man dort, im Gegenteil - den Opfern fehle es schlicht an Möglichkeiten, um Hilfe zu bitten. Denn sämtliche Anrufe, die eingehen, werden heimlich flüsternd aus der Dusche oder dem Schlafzimmer getätigt, schreibt "La Repubblica". Musik oder Stimmen aus dem Fernseher sollen den Hilferuf übertönen.

In Deutschland wird trotz der Ausbreitung des Coronavirus bislang auf eine vollständige Ausgangssperre verzichtet. Neben vielen anderen Gründen auch deshalb, weil Politiker, Polizei und Hilfsorganisationen damit rechnen, dass mit zunehmender Isolation ebenso die häusliche Gewalt zunimmt: Wer in den eigenen vier Wänden nicht sicher ist, kann dann nicht mehr entkommen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey rechnet damit, dass es ein "erhöhtes Konfliktpotenzial gibt und dass es auch zu stärkerer häuslicher Auseinandersetzung kommt, auch zu stärkerer häuslicher Gewalt". Die Familien seien viel zu Hause, Kinder könnten nicht länger in die Kita oder Schule gehen, sagte sie RTL/ntv. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul verwies unlängst im "Bericht aus Berlin" darauf, dass bereits in der Vergangenheit häusliche Gewalt dann zugenommen habe, wenn Menschen lange zu Hause auf engem Raum zusammen waren - etwa an Weihnachten.

"Häusliche Gewalt hat nichts mit der Pandemie an sich zu tun, sondern damit, dass wir jetzt mehr Leute über längere Zeit in beengten Räumen zusammen haben", sagt auch Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bunds Deutscher Kriminalbeamter (BDK) im Interview mit RTL/ntv. "Wir wissen aus der Kriminologie und aus anderen Ländern wie China, dass das zu einer Zunahme solcher Gewaltkonflikte führt." Fiedler warnt davor, dass sich ohnehin bestehende Konflikte hochschaukeln, wenn nicht mehr die Möglichkeit besteht, sie zu entzerren - zum Beispiel, indem eine der Konfliktparteien die Wohnung verlässt.

"Gewalt eskaliert schneller"

"Erfahrungsgemäß gibt es in gewalttätigen Beziehungen immer eine Dynamik, einen Anstieg", erläutert Laura Kapp vom Netzwerk Brandenburgischer Frauenhäuser e.V. im Interview mit RTL/ntv. "Wir vermuten, dass dieser Anstieg in häuslicher Isolation schneller passiert und dramatischer ist." In gewalttätigen Beziehungen, sagt sie, wechseln sich Gewalteskalation und schöne, ruhige Phasen ab - etwa wenn sich die Partner zwischendurch nicht sehen und dann wieder annähern. "Jetzt gibt es diese Pausen nicht mehr und die Gewalt eskaliert schneller", so Kapp. "Unsere größte Sorge ist, dass einerseits die Gewalt steigt, der Täter hat absolute Kontrolle. Gleichzeitig kann sich die Frau niemandem mehr anvertrauen." Tatsächlich ist die Mehrheit der Opfer weiblich: Über 80 Prozent der Opfer von Partnerschaftsgewalt sind laut einer Auswertung des Bundeskriminalamts Frauen. 2017 wurde in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet.

Familienministerin Giffey ist deshalb eines besonders wichtig: "Dass jetzt auch die Schutzeinrichtungen weiter aufrechterhalten werden." Der von ihrem Familienministerium unterstützte 24-Stunden-Dienst, der auch Hilfe vor Ort vermittelt, soll deshalb weiterlaufen - auch unter den derzeitigen schwierigen Bedingungen. Die Ministerin verweist zudem auf das Hilfetelefon gegen Gewalt an Frauen, das unter der Telefonnummer 08000-116016 erreichbar ist. Und natürlich kann auch die Polizei zur Hilfe gerufen werden. "Wir verfügen über ein breites Instrumentarium, um gegen Täter oder Täterinnen vorgehen zu können, auch in Zeiten einer Coronakrise", sagt der BDK-Vorsitzende Fiedler. So könnten Täter aus dem Wohnumfeld herausgebracht oder gerichtliche Auflagen angewandt werden.

Auch Nachbarn können helfen

Was aber, wenn der Aggressor immer in unmittelbarer Nähe ist und kaum mehr die Möglichkeit besteht, sich Hilfe zu holen? "Im schlimmsten Fall haben wir mehr Gewalt, aber keine steigenden Fallzahlen, weil alles in der Isolation bleibt", sagt Kapp. Ihre Botschaft an alle Betroffenen: "Sie sind nicht allein und Sie tragen keine Schuld an Ihrer Situation! Vertrauen Sie sich einer anderen Person an, halten Sie Kontakt." Man könne beispielsweise ein Codewort mit einer Freundin vereinbaren, bei dessen Benutzung diese die Polizei ruft. Und neben einem Anruf beim Hilfstelefon lohne es sich auch, sich einen Notfallplan zurechtzulegen und beispielsweise über Fluchtwege aus der Wohnung nachzudenken.

Und was können Nachbarn tun, die etwas bemerken? Kapp empfiehlt etwa die Nummer des Hilfstelefons im Treppenhaus aufzuhängen oder in die Briefkästen zu werfen und Betroffene im Hausflur anzusprechen. Wer sich traut, könne einen Streit auch unterbrechen, indem er nebenan klingelt und sich beispielsweise Mehl borgt. Und wenn es richtig eskaliert, sollte die Polizei gerufen werden, sagt Kapp. "Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig."

Quelle: ntv.de