Panorama

Virus wütet schlimmer denn je Vierte Corona-Welle überrollt Rumänien

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Eine zum Großteil ungeschützte Bevölkerung trifft in Rumänien auf ein völlig marodes Gesundheitssystem.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Steile Infektionskurven, Hunderte Tote täglich und überlastete Intensivstationen: Rumänien kämpft mit der schwersten Corona-Welle seit Beginn der Pandemie. Das Gesundheitssystem ist längst an seine Grenzen gestoßen. Dennoch wollen sich viele Menschen nicht impfen lassen. Das hat verheerende Folgen.

Die vierte Corona-Welle hat Rumänien mit voller Wucht getroffen. In Bukarest schrillen die Alarmglocken: Präsident Klaus Johannis spricht von einer "Katastrophe". Mit der Situation Italiens im Frühjahr 2020 vergleicht Valeriu Gheorghita, der Chef des nationalen Impfstabs, die Lage, die durch die "sehr aggressive Infektionswelle" kompliziert werde: "Die Kliniken und Notaufnahmen sind völlig überlastet."

Seit August steigen die Infektionszahlen in Rumänien rasant an. Mit rund 15.000 pro Tag hat sich die Zahl der Neuinfizierten in den letzten drei Wochen verfünffacht. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt nach Angaben der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität (JHU) bei über 500. Am Freitag kletterte die tägliche Todeszahl mit 385 auf einen neuen Rekordwert.

Freie Betten gibt es in den mit mehr als 1500 Covid-Patienten belegten Intensivstationen der heimischen Kliniken schon lange nicht mehr: Zur Entlastung des vor dem Kollaps stehenden Gesundheitssystems hat die Regierung vergangene Woche beschlossen, alle "nicht dringend nötigen" Operationen für 30 Tage auszusetzen. Zudem mussten bereits schwer kranke Infizierte ins Nachbarland Ungarn verlegt werden. Während sich also andernorts in Europa die Corona-Stationen leeren oder konstant niedrig belegt sind, ist die Pandemie in Rumänien so schlimm wie nie zuvor. Wie konnte es so weit kommen?

93 Prozent aller Corona-Toten waren ungeimpft

Die Frage ist einfach beantwortet, wenn man einen Blick auf die Impfzahlen des Karpatenlandes wirft: Rumänien gehört im europäischen Vergleich zu den Ländern mit der niedrigsten Impfquote. Nur knapp 30 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft. Dabei hatte die Regierung schon früh alles darangesetzt, das Impftempo zu beschleunigen. Im Januar öffneten zahlreiche Impfzentren, im Frühjahr wurde die Priorisierung aufgehoben, Impfungen ohne vorherige Online-Anmeldung wurden in Großstädten wie Bukarest eingeführt. Den Impfwillen der Bevölkerungen haben die Maßnahmen jedoch nicht steigern können. Stattdessen blieben teuer eingekaufte Impfdosen so lange liegen, bis sich die Regierung gezwungen sah, Kontingente ans Ausland zu verkaufen, da sie nur begrenzt haltbar sind. Seit Juni gingen Millionen Biontech-Dosen nach Dänemark, Irland und Südkorea.

Selbst der heftige Corona-Ausbruch im Sommer kann die Menschen im Land nicht zum Umdenken bewegen. Einer Studie des Max-Planck-Instituts zufolge wollen sich fast 54 Prozent der bislang ungeimpften Rumänen über 50 Jahren nicht immunisieren lassen, ein großer Teil ist zudem weiterhin unentschlossen. Dabei zeigen offizielle Daten, dass mehr als 70 Prozent aller Infizierten und 93 Prozent aller verstorbenen Corona-Patienten ungeimpft waren.

Doch genau diesen offiziellen Daten der Gesundheitsbehörde misstrauen viele Rumänen. "In der rumänischen Gesellschaft herrschte schon vor der Pandemie Impfskepsis", sagte Politikwissenschaftlerin Alina Bârgăoanu von der Nationalen Universität für politische Studien und öffentliche Verwaltung in Bukarest der "Welt". Das habe etwa ein Masernausbruch im Jahr 2016 gezeigt. Auch bei der Grippeimpfung zählt Rumänien zu den Schlusslichtern in Europa. Bârgăoanu begründete die geringe Impfbereitschaft mit mangelnder Gesundheitsvorsorge sowie schlechter Kommunikation der Regierung und einer unzureichenden Aufklärung über die Impfung.

"Sie halten das immer noch für einen Witz"

Zudem wurde die Skepsis durch die Verbreitung von Falschinformationen befeuert. "Der Unterschied zu Ländern wie Deutschland ist, dass diese in Rumänien nicht im digitalen Raum eingedämmt wurden und sich deshalb ihren Weg in die seriösen Medien bahnen konnten", sagt Bârgăoanu. In Adunatii-Copaceni, 20 Kilometer südlich von Bukarest, etwa erzählt der 69-jährige Ion Dinu, er habe im Fernsehen Sendungen gesehen, in denen die Wirksamkeit von Impfungen angezweifelt worden sei. "Ich sage nicht, dass ich dagegen bin. Ich bin nur nicht fest davon überzeugt, dass es so wirksam ist wie der Grippeimpfstoff."

Vor allem in Dörfern wie Adunatii-Copaceni ist die Impfskepsis groß. Dort hat sich lediglich einer von sieben Einwohnern gegen Covid-19 impfen lassen. Das sind nicht mal halb so viele wie im ohnehin geringen Landesdurchschnitt. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge starb in den Dörfern rund um Bukarest in den ersten zehn Tagen im Oktober alle sechs Minuten ein Mensch an oder mit Covid-19. In den Kliniken der Hauptstadt warten derweil Patienten oft tagelang in Korridoren auf freie Plätze in Intensivstationen und werden dort nur notdürftig versorgt. Schon seit Monaten mangelt es an Beatmungsgeräten, Betten und Schutzkleidung.

"Wir befinden uns leider weiterhin auf einem Schlachtfeld", sagt der medizinische Direktor des nationalen Instituts für Infektionskrankheiten Matei Bals in Bukarest, Adrian Marinescu. "Eine Impfung entscheidet oft über Leben und Tod einer gefährdeten Person." Den Leuten sei immer noch nicht klar, was los ist, sagt Lebensmittelhändler Valeriu Neagu in Adunatii-Copaceni. Er ist einer der wenigen Geimpften im Dorf. "Sie halten das immer noch für einen Witz. Das ist das Bildungsniveau, das wir als Nation haben. Wir glauben es nicht, bis wir sterben."

Quelle: ntv.de, mit rts

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