Panorama

Tödlicher Pflegenotstand? Von Charité abgelehntes krankes Kind stirbt

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880 kranke Kinder mussten im vergangenen Jahr in der Charité abgewiesen werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Pflegenotstand ist in aller Munde - wie dramatisch die Situation aber wirklich ist, zeigt nun ein Fall aus Berlin. Dort muss einem Bericht zufolge ein an Leukämie erkranktes Kind zunächst abgewiesen werden. Kurz darauf stirbt es.

Der Pflegenotstand in Deutschland ist offenbar so groß, dass teilweise selbst schwerstkranke Kinder nicht ausreichend versorgt werden können - mitunter mit fatalen Folgen. Das ARD-Magazin "Kontraste" berichtet von einem Kleinkind, bei dem in einem Berliner Krankenhaus Leukämie festgestellt wurde. Weil dieses Krankenhaus nicht über eine Kinderkrebsstation verfügte, wurde es demnach in die Berliner Charité geschickt. Dort konnte es aber offenbar zunächst nicht aufgenommen werden, weil wegen des Personalmangels nicht alle Betten besetzt werden konnten. Über Nacht habe sich der ohnehin kritische Zustand des Kindes dann so verschlechtert, dass es am nächsten Morgen kurz nach der Verlegung in die Charité starb.

"Man kann es nie wissen, aber vielleicht wäre das Kind noch am Leben, wenn wir es rechtzeitig hätten übernehmen können", sagte ein Kinderarzt des Krankenhauses gegenüber "Kontraste". "Das hat uns alle sehr mitgenommen." Man habe die Verlegung zunächst ablehnen müssen, weil es keine freien Betten gegeben habe. Keine der beiden Kliniken äußerte sich bislang zu dem Fall, die Charité verwies auf die ärztliche Schweigepflicht.

Allerdings räumte die Leitung der Charité inzwischen Fehler im Umgang mit dem Pflegepersonal auf der Kinderkrebsstation ein. "Gerade in der Kinderonkologie gerät man sehr leicht in eine Zwickmühle, dass man auch dem Personal gegenüber, sozusagen, mit der Krankheit der Kinder argumentiert", sagte der Vorstand der Krankenversorgung, Ulrich Frei, gegenüber "Kontraste". Dieses Vorgehen übe einen enormen psychischen Druck auf Pflegekräfte aus. "Ich glaube, dieser Druck ist möglicherweise auch zu stark ausgeübt worden." Die Klinik teilte mit, dass im vergangenen Jahr 880 Kinder nicht stationär aufgenommen werden konnten und nach der Erstversorgung in andere Krankenhäuser geschickt werden mussten.

Dabei ist die Berliner Charité offenbar nicht das einzige Krankenhaus, das wegen des Personalmangels Probleme hat. Ein schwerkrankes Münchner Kind etwa musste laut "Kontraste" im 80 Kilometer entfernten Augsburg behandelt werden, weil sich in der Landeshauptstadt kein Krankenhaus fand, das es aufnehmen konnte.

"Die schlimmste Auswirkung und direkteste Auswirkung, die wir von diesem Missstand sehen, ist, dass Kinder, die eigentlich auf eine Intensivstation gehören, dort keine Kapazitäten finden und deswegen auch versterben", sagte Alex Rosen, der deutsche Vorsitzende des Vereins IPPNW, der sich mit der sozialen Verantwortung von Ärzten auseinandersetzt. Eine Studie der Universität Köln zeigte kürzlich, dass inzwischen selbst ursprünglich hoch motivierte Fachkräfte ihren Beruf verlassen, was den ohnehin vorhandenen Personalmangel weiter verstärkt. Die Beschäftigten geraten demnach in "ethische Konflikte", weil sie gute Medizin machen wollten, diesen Anspruch aber nicht mehr umsetzen könnten.

Quelle: ntv.de, ftü

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